Dienstag, 3. August 2021

Ein einfaches Leben

Bild von der Hörverlag

Steckbrief 
Name: Ein einfaches Leben 
Autor:in: Min Jin Lee 
Verlag: der Hörverlag 
Geeignet für: Menschen, die etwas über andere Kulturen erfahren wollen, Familiengeschichten suchen, oder sich mit dem Thema Diskriminierung beschäftigen wollen  
Triggerwarnung: Rassismus, Diskriminierung 
Gelesen oder gehört: gehört als ungekürztes Hörbuch 
Sprecher:in: Gabriele Blum 
Bewertung: 5 von 5 Punkten 

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Klappentext 

"Anfang des 20. Jahrhunderts erliegt die jugendliche Sunja, geliebte Tochter eines koreanischen Fischers, dem Charme eines reichen Fremden. Er verspricht ihr die Welt, aber sie lässt sich nicht kaufen; als sie schwanger wird, erfährt sie, dass er verheiratet ist. Wenn das Herz bricht, muss der Kopf die Entscheidungen treffen, und so weist sie den Vater ihres Sohnes zurück und nimmt das Heiratsangebot eines sanften, kränklichen Pfarrers an, der auf dem Weg nach Japan ist. Sunja weiß nicht, dass sie mit dieser Entscheidung eine dramatische Geschichte lostritt, die Folgen hat für alle weiteren Generationen ..." 

Meine Meinung 
Von diesem Hörbuch erfuhr ich das erste Mal im Herbst 2018 auf der Frankfurter Buchmesse bei einem Pressetermin. Obwohl die Kollegin von einem anderen Verlag kam, empfahl sie mir das Hörbuch. Dann zog das Hörbuch ein Jahr später im Rahmen eines Gewinnspiels bei mir ein und es ist wirklich peinlich, dass es so lange ungehört bei mir herumlag. Warum ich euch dieses Hörbuch unbedingt empfehlen kann, verrate ich euch jetzt: 

Der Inhalt ist sehr bewegend. Wir lernen Sunja kennen, deren Leben sich von heute auf morgen ändert. Sie muss ihre Heimat verlassen. Denn dort müsste sie den Rest ihres Lebens in Schande leben. Ihr bleibt also nichts anderes übrig nach Japan zu gehen. 
Ein einfaches Leben erzählt die Geschichte von Sunjas Familie, die ihr Glück in Japan versucht. Und dort werden sie nicht von allen Menschen mit offenen Armen empfangen. Für viele Japaner:innen ist es nämlich ein Problem, dass Sunjas Familie aus Korea stammt. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie wütend mich das gemacht hat. 

Natürlich kann man jetzt behaupten, dass es sich hier um einen fiktiven Roman handelt. Wer kann schon sagen, wie es sich zwischen Japaner:innen und Koreaner:innen in der Realität wirklich verhält. Aber ich glaube nicht, dass dieses Thema ohne Grund gewählt wurde. Ich gehe davon aus, das durchaus etwas Wahrheit in der Geschichte steckt. Was dieser Roman zeigt ist, dass so viele Leute sich an den äußeren Merkmalen eines Menschen aufhalten. Der Charakter eines Menschen scheint hier nicht zu zählen. Wenn die äußeren Merkmale nicht passen, haben sie keine Chance. 
Dieses Hörbuch zeigt auch, dass es nicht so einfach geht, die alte Heimat zu verlassen und einfach so in ein fremdes Land zu gehen. Und das fand ich besonders tragisch und sehr frustrierend, weil es gerade am Ende des Hörbuches nochmal deutlich wird. 

Die Charaktere in diesem Hörbuch haben mir sehr gut gefallen. Allen voran natürlich Sunja, die nicht nur innerhalb kurzer Zeit erwachsen werden muss, sondern auch zu einer starken Frau wird, die für ihre Familie sorgt und diese verteidigt. 
Im Laufe des Hörbuches lernen wir auch Sunjas Söhne kennen und erleben, wie sie ihren Weg gehen, an Grenzen stoßen oder lernen mit diesen Grenzen umzugehen. Leider gibt es nicht immer einen Weg, der für ein leichteres Leben sorgt. 

Was ich ebenfalls spannend fand war die zeitliche Entwicklung. Die Handlung beginnt in den 1930er Jahren. Ich hatte das Gefühl, dass die Koreaner:innen in Japan noch stärker der Willkür der Japaner:innen ausgesetzt waren. Im Laufe der Handlung wurde die Diskriminierung stattdessen subtiler. Von außen betrachtet schien man die Koreaner:innen zu akzeptieren. Stattdessen gab es aber jede Menge Gerüchte, Wertungen und Vorurteile, die ihnen immer wieder zeigten, dass sie nie zur Gruppe gehören würden. 
Gerade gegen Ende wird nochmal deutlich, wie schwierig die Situation immer noch ist, da es kaum eine Möglichkeit gibt, dem Kreislauf zwischen Ausgrenzung, daraus resultierender Abgrenzung, die dann aber wieder in Misstrauen wächst, zu entkommen. 

Was mich an der Hörbuchgestaltung besonders freut ist, dass das Hörbuch ungekürzt produziert wurde. Um das Ausmaß des Konfliktes zu begreifen, braucht es alle Generationen in ungekürzter Form. Es wäre nicht stimmig gewesen, einige Generationen nur kurz zusammenzufassen. 
Ein Grund, warum das Hörbuch so lange ungehört bei mir herumlag war leider Gabriele Blum. Mir liegt ihre Stimmfarbe leider nicht, weswegen ich immer etwas länger brauche, um in die Hörbücher reinzukommen, die von ihr gelesen werden. Allerdings ziehe ich dafür in der Bewertung keinen Punkt ab, weil es einfach ein subjektives Empfinden ist und ihr das wahrscheinlich völlig anders hören werdet. 
Ihre Interpretation ist schlicht, was sehr gut zur Handlung passt, weil die Handlung dadurch im Vordergrund steht und für sich spricht. 

Min Jin Lee hat einen leisen Schreibstil, der die Konflikte aber sehr gut herausarbeitet. In Ein einfaches Leben sind die Dialoge überschaubar. Es wird viel erzählt und beschrieben, was aber sehr eindrücklich ist. Was Min Jin Lee sehr gut gelungen ist, ist den Wechsel zwischen den einzelnen Generationen zu gestalten, ohne die vorherige Generation aus den Augen zu verlieren. Das war toll gelöst. 

Gesamteindruck 
Dieses Hörbuch hat mich positiv überrascht. Nie hätte ich damit gerechnet, dass sich hinter Ein einfaches Leben eine so bewegende Geschichte verbirgt. Der Roman hat mir eine neue Perspektive auf das Thema Diskriminierung ermöglicht und mir gezeigt, dass es leider immer noch genug Leute gibt, die den Charakter eines Menschen nicht sehen können oder wollen und sich stattdessen an banalen Äußerlichkeiten stören. 
Ich kann euch dieses Hörbuch also wärmstens empfehlen. 

Weitere Rezensionen: 

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