Montag, 10. Mai 2021

Jaffa Road

Bei diesem Hörbuch handelt es sich um den zweiten Band von Piccola Sicilia. Für meine Rezension setze ich das Wissen aus dem ersten Band voraus. Ich werde aber nicht inhaltlich zu Jaffa Road spoilern. 

Bild von Argon Verlag

Steckbrief 
Name: Jaffa Road 
Autor:in: Daniel Speck 
Verlag: Argon Verlag 
Geeignet für: Menschen, die Familiengeschichten, mögen in denen gesellschaftliche Konflikte eine Rolle spielen.
Triggerwarnung: Krieg, Flucht und der Konflikt zwischen Jüd:innen und Araber:innen gehören zu den zentralen Themen in diesem Hörbuch. 
Gelesen oder gehört: gehört als gekürztes Hörbuch 
Sprecher:innen: Luise Helm, Michael Rotschopf 
Bewertung: 5 von 5 Punkten 

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Klappentext 
(von Argon Verlag

"[...] Die Berliner Archäologin Nina reist nach Palermo, um das Erbe ihres verschollenen Großvaters Moritz anzutreten. Dort begegnet sie ihrer jüdischen Tante Joëlle und einem mysteriösen Mann, der behauptet, Moritz’ Sohn zu sein: Elias, ein Palästinenser aus Jaffa. Drei fremde Verwandte am Grab eines rätselhaften Mannes – gemeinsam rekonstruieren sie Moritz’ schillerndes Leben, um ihre eigene Familiengeschichte zu verstehen.
Haifa, 1948: Unter den Bäumen der Jaffa Road findet das jüdische Mädchen Joëlle ein neues Zuhause. Für das palästinensische Mädchen Amal werden die Orangenhaine ihres Vaters zur Erinnerung an eine verlorene Heimat. Beide ahnen noch nichts von dem Geheimnis, das sie verbindet." 

Meine Meinung 
Buchlinge, dieses Hörbuch hat mir einiges abverlangt. Es handelt sich hier um keinen Titel, den man einfach so nebenbei hören kann, sondern um eine bewegende Geschichte, die mich gerade in der ersten Hälfte und gegen Schluss nochmal ordentlich verzweifeln ließ. Das lag aber nicht etwa daran, dass Daniel Speck eine merkwürdige Geschichte konstruiert hat. Es ging vor allem um Konflikte, die heute immer noch präsent sind. Aber beginnen wir von vorne. 

Der Inhalt von Jaffa Road wird, wie der Klappentext schon andeutet, aus zwei Perspektiven erzählt. In der Gegenwart befinden wir uns mit Nina, Joelle und Elias in Palermo. Alle kennen eine Version von Moritz und versuchen gemeinsam, diese Puzzleteile zu einem Bild zusammenzufügen, in der Hoffnung, Frieden zu finden. Ob es ihnen gelingt? Das können sie nur herausfinden, wenn sie die Geschichten ihres Lebens erzählen. 

Vielleicht erinnert ihr euch noch an meine Rezension von Piccola Sicilia und dem Ende, das mich überraschte und auch etwas verwirrt zurückließ. Der Inhalt von Jaffa Road setzt da ein, wo Piccola Sicilia endete. Moritz, Yasmina und Joelle finden in Israel eine neue Heimat. 
Doch für Amal, Elias Mutter, die noch Kind war, als der Krieg in Israel ausbrach, bedeutet es, die Heimat für immer verlassen zu müssen. 

Und schon sind wir beim ersten äußeren, gesellschaftlichen Konflikt. Hier habe ich mich lange gefragt, wie ich dieses Hörbuch am besten besprechen soll. Der Krieg in Israel wird nämlich nicht aus der Perspektive der jüdischen Menschen, sondern aus der Sicht von Araber:innen erzählt. 
Während ein Volk eine neue Heimat findet, wird ein anderes Volk vertrieben. Ich konnte diesen Inhalt nur schwer ertragen, weil es mich unglaublich frustriert hat und diese Ungerechtigkeit für mich nur schwer auszuhalten war. 
Wenn in fiktiven Romanen, die in fiktiven Ländern spielen, Krieg beschrieben wird, kann ich mich immer noch mit dem Gedanken retten, dass das alles ja nicht real ist. Der Konflikt in Israel hingegen ist real. Was mich daher beeindruckte war, dass sich Daniel Speck in seinem Roman diesem schwierigen Thema gewidmet hat. 

Was mich faszinierte war, wie es Daniel Speck gelungen ist die Geschichte der drei Familien zu erzählen, ohne, dass es unübersichtlich wird. Stück für Stück lernen wir die drei Familien kennen, ohne, dass zu viel von einer Familie am Stück erzählt wird. Interessant fand ich vor allem, wie sich die Handlung von dem großen gesellschaftlichen Konflikt hin zu den vergleichsweise kleinen familiären Konflikten bewegt. Dennoch wird klar, dass das eine nicht ohne das andere funktionieren kann. 
Hinzu kommt auch, dass Daniel Speck die Schicksale der Familien erzählt und zwar ohne zu werten. Natürlich erleben wir die Emotionen der einzelnen Figuren. Aber der Inhalt spricht immer für sich und es wird kein Urteil darüber gefällt, was richtig und was falsch ist. 

In Jaffa Road gab es einen unmerklichen Wechsel unserer Hauptfiguren. Während in Piccola Sicilia der Großteil der Geschichte aus der Perspektive von Yasmina erzählt wurde, spielte sie in Jaffa Road irgendwann nur noch eine Nebenrolle, was hauptsächlich daran lag, dass ihre Geschichte erzählt war und es Zeit für ein neues Kapitel war. 
Moritz als zweiten Protagonisten fand ich sehr interessant, weil in allen drei Leben, die er führte, deutlich wurde, wie viel er von seinem Gegenüber wahrnimmt. Er hat es geschafft, seine eigenen Interessen zum Wohle anderer Figuren hinten anzustellen. Menschen, die ihn brauchten und die ohne ihn wahrscheinlich nicht ins Leben gefunden hätten. In Jaffa Road werden aber zum ersten Mal auch Moritz Schwächen herausgearbeitet. Die Vergangenheit lässt ihn einfach nicht los, was ihm keine Ruhe lässt. 

Nina, Joelle und Elias, die Hauptfiguren in der Gegenwart bleiben vergleichsweise oberflächlich was aber kein Nachteil ist, da es in Jaffa Road vor allem um die Geschichten ihrer Vorfahren ging. Was mir gut gefallen hat war, wie die Vergangenheit und Gegenwart gegen Ende miteinander verbunden wurden. (Das klingt verrückt, oder?). 

Die Hörbuchgestaltung hat mir sehr gut gefallen. Der Titel wurde wieder im Argon Verlag als gekürztes Hörbuch sowohl als Download als auch als physische CD produziert. Obwohl es sich hier um einen gekürzten Titel handelt, haben wir immer noch eine Laufzeit von ca. 19 Stunden. Deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass wirklich viel von der Handlung weggelassen wurde. Das Hörbuch ist in einem Digifile produziert und passt auch gut zu Piccola Sicilia und macht sich im Hörbuchregal somit sehr gut. 
Der Titel wurde ebenfalls von Luise Helm und Michael Rotschopf gesprochen, die hier wieder ein gutes Team gebildet haben. Es mag ein subjektiver Eindruck sein, aber ich hatte das Gefühl, dass Michael Rotschopf diesmal etwas weniger Text gelesen hat. 
Die Stimmfarben der beiden Sprecher:innen passen sehr gut zusammen, was dafür sorgte, dass ich keine Mühe hatte, mich bei den Perspektivwechseln zurechtzufinden. 
Besonders gut gefallen hat mir Luise Helms Interpretation der Streitgespräche zwischen Joelle und Elias. Gerade die Interpretation von Joelle als Erwachsene fand ich sehr gelungen. Ich konnte mir die temperamentvolle Frau lebhaft vorstellen und hätte sie gerne kennengelernt. 
Michael Rotschopf hat es geschafft, Moritz Gefühlschaos in Worte zu fassen und das obwohl Moritz die Worte fehlten, um seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Besonders bewegend fand ich Rotschopfs Interpretation einer Szene, in der sich Moritz Leben wieder mit einem Mal ändert und er lernen muss, mit einer Schuld zu leben. 

Daniel Specks Schreibstil hat mir wieder sehr gut gefallen und mich erreicht. Ihm ist es gelungen, den schwierigen Konflikt zwischen Jüd:innen und Araber:innen aus zwei Perspektiven zu beleuchten, ohne eine der beiden Parteien zu verurteilen. Faszinierend fand ich, wie er es geschafft hat, innere und äußere Konflikte miteinander zu verbinden und die Entwicklung unserer Figuren Stück für Stück voranzubringen. 

Gesamteindruck 
Buchlinge, dieses Hörbuch erzählt eine Geschichte, die trotz der schweren Themen gehört werden muss. Mir hat die Familiengeschichte, die wir über mehrere Generationen hinweg erleben, sehr gut gefallen und ich kann sie euch nur weiterempfehlen. 

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Weitere Bände: 

Dieses Hörbuch wurde mir als Rezensionsexemplar kostenlos vom Argon Verlag zur Verfügung gestellt. 

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