Dienstag, 1. Dezember 2020

Rentierfieber XXL Leseprobe - Kapitel 1

Eine Schneelandschaft. 
Ein Rentier, das freundlich 
aussehend auf uns zu läuft. 
Im Geweih hängt eine 
Weihnachtsmannmütze
Foto: A. Mack 
Hierbei handelt es sich um eine XXL Leseprobe meines weihnachtlichen Kinderbuches Rentierfieber
Mehr Infos zu meinem Debüt gibt es auf dieser Seite
Die Leserunde findet in dieser Gruppe statt. 
Eine Übersicht aller Kapitel findet ihr hier
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Rentierfieber als 
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Zur Hörprobe von Kapitel 1 geht es hier entlang

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Kapitel 1 
1. Dezember: in der Hütte des Weihnachtsmannes
Christstollen bestand aus zwei Stadtteilen. Das Christkind lebte im Stadtteil »Christ«, der ausschließlich über der Erde lag. Der Großteil von »Stollen« hingegen lag in einer Höhle unter der Erde.
Nur das Dorflokal »Zum hungrigen Elfen«, das Postamt, die Weide mit den Rentieren und deren Ställen lagen im überirdische Teil von »Stollen«.

Die Hütte des Weihnachtsmannes stand zwischen den beiden Stadtteilen über der Erde. Nur wenige Elfen leisteten ihm hier Gesellschaft, denn die meisten von ihnen lebten in der Höhle, kamen aber täglich nach draußen, um im »Hungrigen Elfen« essen zu gehen, nach getaner Arbeit im Schnee zu spielen oder auf Rentieren zu reiten.
Der Weihnachtsmann saß im Wohnzimmer seiner Hütte, blickte nach draußen und wartete auf Freddy und Rubina.
Die Sonne brachte den Schnee zum Leuchten. Ein Anblick, den der Weihnachtsmann eigentlich gern sah. Doch heute war ihm schwer ums Herz. Eigentlich schon eine Weile. Und ganz besonders nach seinem Besuch beim Christkind.
»Ja, es gibt keinen anderen Ausweg«, hatte es erklärt, und der Weihnachtsmann wusste, dass das Christkind recht behalten würde. Vielleicht ist ein kleiner Ausflug ja gar keine so
schlechte Idee.

Dem Christkind hatte er nicht erzählen können, dass es ihm in letzter Zeit nicht gut ging. Schließlich mussten sie sich erst einmal um den roten, immer größer werdenden Bollen auf seiner Nase kümmern.
In wenigen Minuten würden seine beiden treuesten Mitarbeiter vorbeikommen. So wie jedes Jahr. Gemeinsam mussten sie die Bescherung organisieren. Ja, der Mythos besagte, dass sich der Weihnachtsmann am Tag der Bescherung einfach auf seinen Schlitten setzte und bis in die Morgenstunden unterwegs war und sich vom Wind treiben ließ.
Doch in Wahrheit war es ganz anders. Die ersten Vorbereitungen waren bereits getroffen worden.
Die Elfen hörten sich schon seit Mitte November heimlich bei den Menschenkindern um, damit ihre Wünsche ab Dezember schneller bearbeitet werden konnten und die Elfen nicht erst auf die Wunschzettel warten mussten.
Einige Kinder wussten schon genau, was sie wollten. Ihre Wünsche waren so stark, dass sie von den Elfen einfach notiert und an die Produktion weitergegeben werden konnten.
Diese Kinder waren meist voller Vorfreude auf Weihnachten, und das Leuchten in ihren Augen war an Weihnachten immer da. Selbst wenn sie sich etwas wünschten, das noch erfunden werden musste und die Elfen nur eine Alternative verschenken konnten.
Nur selten waren Kinder unzufrieden mit dem, was der Weihnachtsmann und die Elfen für sie aussuchten.
Aber vielleicht hatte das Glücksgefühl auch etwas mit der Elfenmagie zu tun, die die Elfen in kleinen Portionen in jedem Geschenk versteckten. Die Körper der Kinder konnten die Elfenmagie meist aufnehmen und verwerten. Bei den Erwachsenen hingegen konnte es oft ein paar Tage dauern, bis die Elfenmagie verdaut war. 

Glückliche Kinder machten auch die Elfen fröhlich und gaben ihnen das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. Und bis vor Kurzem hatte das auch beim Weihnachtsmann funktioniert.
Doch seit einer Weile war alles etwas anders. Er mochte Christstollen, das leckere Essen, die Elfen und deren gute Laune, die bei der jährlichen Bescherung ihren Höhepunkt fand.
Meist ließ er sich davon anstecken. Doch in letzter Zeit wollte das nicht mehr so recht funktionieren.
Es berührte ihn nicht mehr, wenn ihm ein aufgeregter Elf von einer neuen weihnachtlichen Idee berichtete. Kleinlaut musste er sich eingestehen, dass es ihn an manchen Tagen sogar nervte, wenn die Elfen tagein, tagaus Weihnachtslieder vor sich hin summten oder – wenn sie genügend Milch getrunken hatten – sogar lautstark grölten. Ihm war diese Freudlosigkeit so unangenehm, dass er sich nicht einmal dem Christkind anvertrauen wollte.
Zum Glück war es von dem roten Bollen auf meiner Nase abgelenkt, dachte der Weihnachtsmann dankbar.

Obwohl das Christkind nichts von seiner misslichen Lage wusste, hatte es einen Vorschlag gemacht, der ihn vielleicht auf andere Gedanken bringen konnte. Nun musste er nur noch Rubina und Freddy davon überzeugen.
Der Weihnachtsmann musterte den Seesack, der gepackt vor ihm auf dem Küchentisch lag. Darin befand sich alles, was er für seine Mission brauchte. Daneben standen eine Kanne Kakao, drei Tassen und ein Teller mit warmen Plätzchen. 
Gemischte Gefühle durchströmten den Weihnachtsmann. 
Einerseits machte es ihn traurig, seinen Freunden seine Entscheidung mitzuteilen. Er ahnte, dass es nicht so leicht für sie werden würde, und er wollte sie ungern verletzen.
Andererseits weckte die Aussicht auf das Unbekannte Neugier in ihm. Ein kribbelndes Gefühl, das er schon sehr lange nicht mehr verspürt hatte. Es juckte. Aber kein unangenehmes Jucken. Sondern diese Art von Jucken, die einen kaum stillsitzen ließ und den Drang mit sich brachte, dem Abenteuer entgegenzugehen.
Da ertönte das Klingeln seiner Haustür.
Er drehte sich in Richtung des schmalen Flurs, nickte und wusste, dass es reichte. Die Tür schwang auf.
»Es ist so kalt draußen. Das ist unfassbar. Perfekte Bedingungen, wenn ihr mich fragt.« Freddy betrat den Raum als Erster. Er trug seine rote Weihnachtsmütze mit der weißen Bommel, eine weiße Jacke mit rotem Kragen und goldenen Knöpfen und eine rote Hose – die Uniform, die ihn als Mitarbeiter des Weihnachtsmannes auszeichnete.
Eigentlich waren alle Elfen in Christstollen mehr oder weniger Mitarbeiter des Weihnachtsmannes. Schließlich war jedes noch so kleine Puzzleteil wichtig, damit alles von der Planung bis zur Durchführung der Bescherung funktionierte. Dennoch trugen die Elfen, die im Planungs-, und Durchführungsteam des Weihnachtsmannes waren, besondere Kleidung. So wussten die Elfen, an wen sie sich wenden konnten, wenn sie Ideen für die Bescherung hatten.

»Dich hat aber keiner gefragt.« Rubina, launisch wie immer, betrat, in ihren dunkelblauen Mantel gehüllt, ebenfalls den Raum. Sie trug ihre Uniform nur selten.
Hinter den beiden flog die Tür zu. Ein Vorteil der magischen Türen war: Sie erkannten, wie viele Ankömmlinge davorstanden, und konnten auch zuordnen, wer erwartet wurde und wer unerwünscht war.
Als die Türen noch nicht ganz ausgetüftelt gewesen waren, war das ein oder andere Exemplar schon mal einem Elfen gegen den Kopf geschlagen.
Inzwischen stimmten die Türen ein nervtötendes Lied an, wenn ein Elf unbefugt ein Heim betreten wollte. Über der Schwelle leuchtete dann ein weißes, blinkendes Licht auf, das den Eindringling so lange beleuchtete, bis er von selbst aufgab und umkehrte.
»Schön, dass ihr da seid!«, begrüßte der Weihnachtsmann seine beiden Gäste. Freddy und Rubina waren wie Speiseeis und Schokolade.
Es war möglich, das eine ohne das andere zu haben, aber das war nur halb so gut.
Die Elfen maßen lediglich einen Meter und waren somit nicht einmal halb so groß wie der Weihnachtsmann.
Sie nahmen ihm gegenüber am Tisch Platz. Der Weihnachtsmann schenkte den beiden jeweils eine Tasse Kakao ein und schob einen Teller Kekse zwischen sie. Von Keksen konnten die Elfen nie genug bekommen. Pure Milch hingegen durften sie nur zum Feierabend und während der Bescherung in der Arbeitszeit trinken. Wenn sie betrunken waren, konnte das nämlich schlimme Folgen haben.
Der Kakao neutralisierte allerdings die Wirkung. Sie hätten Unmengen davon trinken müssen, um danach betrunken zu sein. Aber das ist eine andere Geschichte.

Freddy und Rubina nahmen einen Schluck aus ihren Tassen, schnappten sich die ersten Kekse und bissen so herzhaft ab, als hätte man sie vorher auf Diät gesetzt.
Der Weihnachtsmann beobachtete die beiden. Sie würden ihm fehlen. Aber er musste es tun. Und er wusste, dass die beiden ohne ihn zurechtkommen würden. Zumindest fürs Erste.
Misstrauisch blickte Rubina zwischen dem Seesack und dem Weihnachtsmann hin und her. »Was ist los?«, fragte sie.
»Es gibt etwas, das ich mit euch besprechen muss …«, begann er.
»Ja, die Tagesordnung ist ziemlich lang. Wie jedes Jahr. Aber bisher sind wir immer fertig geworden. Und meistens ist es gar nicht so viel, wie man denkt«, redete Freddy munter
drauflos.
»Du alter Elf! Siehst du denn nicht, was hier vor uns liegt?«, fuhr Rubina ihren Freund an.
»Kakao, Kekse …« Freddy war die Ratlosigkeit deutlich anzumerken.
»Der Weihnachtsmann hat gepackt.« Mit ausgestrecktem Zeigefinger deutete sie auf den Seesack.
»Ach, das! Du kennst ihn doch. Er ist immer etwas … unordentlich. So kurz vor dem Finale. Vielleicht trennt er sich auch einfach nur von ein paar Habseligkeiten.« Freddy lachte.
»Hallo? Ich sitze euch gegenüber. Ihr müsst noch nicht so tun, als ob ich nicht da wäre«, ergriff der Weihnachtsmann wieder das Wort.
»Noch?« Rubinas Augen wurden groß.
»Du hast es erfasst. Ich werde euch verlassen.« Der Weihnachtsmann atmete erleichtert aus. Endlich waren die Worte heraus.

Rubinas Augen wurden noch größer, falls das überhaupt möglich war. Freddy ließ den angebissenen Keks fallen.
Der Weihnachtsmann ließ die eben ausgesprochenen Worte erst einmal wirken. Vielleicht hatte Rubina ja weitere Fragen parat. Du Idiot! Natürlich wird sie weitere Fragen stellen, schallt er sich.
»Das kannst du doch nicht machen!« Seltsamerweise hatte Freddy als Erster die Sprache wiedergefunden. Er griff nach dem Keks und biss ein weiteres Stück ab.
»Ich muss. Ihr wisst, ich werde nicht jünger. Und irgendwann muss ich auch einen Nachfolger für mich suchen.« Nun kam der Teil, den er mit dem Christkind besprochen hatte.
»Papperlapapp! Das kannst du auch in den Sommermonaten machen. Wenn wir nicht alle Hände voll zu tun haben. Ich verstehe ja, dass du dich vor der Arbeit drücken willst. Aber so leicht kommst du mir nicht davon.« Rubina stupste mit dem Zeigefinger gegen seinen runden Bauch und war ganz in ihrem Element.
»Im Sommer? Wenn alle nur von Urlaub, Strand und Wasser träumen? Wenn in dieser Zeit nur noch Eis in den hungrigen Mägen landet? Rubina, machen wir uns doch nichts vor.
Wir brauchen einen Weihnachtsmann, der für diese Arbeit friert. Und den kann ich ganz bestimmt nicht im Sommer finden, wenn von Weihnachten weit und breit keine Spur zu sehen ist.« Der Weihnachtsmann hatte alles durchdacht. Sie muss mir einfach zustimmen.
»Aber vielleicht findest du ja genau dann den richtigen Mann. Jemanden, der das ganze Jahr über anderen eine Freude machen möchte. Der das Schenken nicht von einer Jahreszeit abhängig macht«, meinte Freddy kleinlaut.

Mist!, dachte der Weihnachtsmann. So weit hatte er nun wirklich nicht gedacht. Und das Christkind wohl auch nicht.
»Freddy, bist du wahnsinnig? Wir brauchen doch jemanden, der die Kälte gewohnt ist. Der so viel Wärme in sich trägt, dass ihm die kalten Temperaturen gar nichts ausmachen. Und wie soll der Weihnachtsmann so jemanden im Sommer finden? Wenn sich alle über eine Klimaanlage freuen, aber überhaupt nicht wissen, dass es hier viel extremer ist als in einem klimatisierten Raum!«
Der Weihnachtsmann unterdrückte ein Lächeln. Er hätte nicht gedacht, dass sich Rubina so schnell selbst widersprechen und ihm damit indirekt helfen würde. Dass es ihr inzwischen schon zur Gewohnheit geworden war, Freddy immer zu widersprechen, war diesmal ein Vorteil.
»Genau«, bestätigte der Weihnachtsmann Rubinas Einwand, war sich aber nicht sicher, worauf er sich mit diesem Wort wirklich bezog. Er kannte die beiden jedoch gut genug, um zu wissen, dass sie nicht weiter nachfragen würden.
»Wie hast du dir das Ganze vorgestellt?«, fragte Rubina. Der Weihnachtsmann kramte in der Jackentasche und legte ihnen ein sich selbst auseinanderfaltendes Blatt Papier vor. Er tunkte einen Keks in den Kakao und hielt den tropfenden Keks über das Papier. Sofort wurde der Geheimplan mit den Anweisungen zur Bescherung sichtbar. Freddy und Rubina staunten nicht schlecht.
»Und du glaubst wirklich, dass wir das schaffen?«, fragte Freddy ängstlich.
»Und du glaubst wirklich, du bist rechtzeitig mit deinem Nachfolger zurück?« Rubinas Worte verrieten Misstrauen.
»Natürlich. Sonst hätte ich euch diesen Plan nicht aufgeschrieben. Ich bin rechtzeitig wieder da. Macht euch um mich keine Sorgen. Ihr müsst nur alles vorbereiten, damit die Bescherung wie gewohnt stattfinden kann.«
Für einen Moment war es still. Der Weihnachtsmann musterte seine Elfen genau. Freddy blickte unsicher drein, und Rubinas Miene war skeptisch. Er sah, wie sich ihre Lippen ganz leicht bewegten, und glaubte, ein gemurmeltes »Na dann frohe Weihnachten« zu vernehmen. Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet, überlegte er.
»War ja klar. Hauptsache, wir haben die Arbeit«, grummelte die Elfe nach einer Weile lauter.
»Begleitet ihr mich noch zum Abflussrohr?«, fragte der Weihnachtsmann nach einer Weile des Schweigens.
Es wäre schön, seine beiden besten Freunde beim Abschied um sich zu haben.
Die beiden nickten, ohne zu zögern.

Das Abflussrohr war eine große Rutsche, die in der Mitte der beiden Stadtteile »Christ« und »Stollen« lag. Die Rutsche lag zwar am Höhleneingang von »Stollen«, führte aber nicht dort hinein, sondern überirdisch den Berg hinab. Niemand wusste, wo das Abflussrohr endete.
Man wusste nur eines: Das Abflussrohr führte weg von Christstollen, nach unten zu den Menschen. Irgendwann verlor man die Rutsche aus den Augen, so lang war das Rohr nun einmal. Daher hatte es auch seinen Namen. Kein Elf wusste, woher diese Rutsche kam und wer sie gebaut hatte. Denn irgendwer musste Christstollen verlassen haben, um das Ende des Abflussrohrs zu bestimmen.
Die Elfen mieden das Rohr. Sie glaubten, wer es einmal bestieg, würde vermutlich nie wieder zurückkommen. Und das, obwohl der Weihnachtsmann ihnen häufig das Gegenteil bewies. Regelmäßig bestieg er die Rutsche, um das Christkind oder den Nikolaus zu besuchen. Beide wohnten am anderen Ende Christstollens. Am Rand des Stadtteils »Christ«. Nicht einmal die Elfen wussten, wie groß Christstollen wirklich war.
Sie blieben meist nur in »Stollen«. Die einzigen Orte, die sie in »Christ« kannten, waren das Baumhaus des Christkindes und die Hütte des Nikolaus.
Das Abflussrohr bestand aus Blech und etwas Elfenmagie. Es passte sich dem Körperumfang desjenigen an, der es nutzen wollte, bot aber noch genug Freiraum, sodass man nicht unter Platzangst leiden musste.
Um sich in das Abflussrohr setzen zu können, musste der Weihnachtsmann erst eine massive Leiter nach oben steigen.
Zehn Stufen würden ihn von Christstollen und dem Abflussrohr trennen. Freddy, Rubina und er standen vor der massiven Leiter.
»Und du bist dir sicher, dass du das wirklich tun möchtest?«, fragte Rubina.
Der Weihnachtsmann lächelte. Manchmal verhielt sie sich wirklich wie seine Mutter.
Er erinnerte sich kaum an eine Zeit vor Christstollen. Bisher hatte ihm das auch nicht viel ausgemacht. Schließlich ging es ihm in seiner Wahlheimat eigentlich gut.
Aber an eines konnte er sich sehr gut erinnern. Nämlichdaran, dass es jemanden gab, der sich um ihn sorgte, der ihn liebte, egal, was er anstellte. Dieses Gefühl der Geborgenheit war tief in ihm verankert und gab ihm Sicherheit.
Er wusste, dass diese Geborgenheit wohl etwas mit seiner Mutter zu tun haben musste. Aber hätte ihn jemand nach so etwas Banalem wie dem Aussehen seiner Mutter gefragt, hätte er vermutlich lächelnd mit einer Gegenfrage geantwortet: »Ist das denn so wichtig?« Insgeheim aber war der Wunsch nach mehr Erinnerungen an eine Zeit außerhalb des magischen Gebiets gerade in den letzten Wochen immer lauter geworden.
»Natürlich. Ich will ja, dass die Kinder auch in den nächsten Jahren beschenkt werden.« Und ich brauche dringend eine Auszeit, fügte er in Gedanken hinzu.
»Wir werden dich vermissen.« Während er sprach, blickte Freddy auf den schneebedeckten Boden.
»Ich euch auch. Aber ich werde ja wiederkommen. Und zwar am dreiundzwanzigsten Dezember.« Hoffentlich! Er umarmte Rubina und flüsterte: »Sei nicht so streng mit ihm. Du hast jetzt die Verantwortung.« Er nahm die Mütze ab und setzte sie Rubina auf.
Innerhalb weniger Sekunden passte sich die Mütze ihrer Kopfform an, und der Weihnachtsmann musste sich eingestehen, dass sie Rubina gar nicht mal so schlecht stand. Das Rot leuchtete wunderschön zu Rubinas blauem Mantel.
»Ich bin mir sicher, du wirst es großartig machen.« Er ließ sie los, blickte ihr in die Augen und konnte sogar ein paar Tränen glitzern sehen. Etwas für Rubina sehr Ungewöhnliches. 
Dann breitete er die Arme aus und umschlang Freddys dünnen Körper. »Behalt deine Fantasie und lass dich von Rubina nicht zu sehr ärgern«, flüsterte er ihm ins Ohr. Schließlich ließ er auch ihn los und erkannte in Freddys Augen das vorweihnachtliche Leuchten, das es brauchte, um ein wunderbares Weihnachtsfest zu planen. »Wir sehen uns«, verkündete er und wusste, dass es nicht gelogen war. Er wusste nur noch nicht, wann.
Dann stieg er die Stufen hinauf. Oben angekommen, trennte ihn eine Holzplatte von dem großen Schlund des Abflussrohrs.
»Weihnachtsmann, geht es dir gut?«, rief Rubina besorgt.
»Alles in Ordnung. Macht euch keine Sorgen. Konzentriert euch auf das Weihnachtsfest«, rief er keuchend.
»Er klingt nicht gut«, hörte er Rubina sagen.
»Er macht zu wenig Sport«, antwortete Freddy selbstsicher. 
Sie erwiderte wieder etwas, doch der Weihnachtsmann hörte nicht mehr richtig zu.
Er näherte sich dem Abflussrohr und nahm auf einer gepolsterten Matte Platz, die bereits im Rohr lag. Er holte tief Luft und hielt kurz inne, bevor er das tat, was getan werden musste.
Links und rechts neben der Matte waren zwei Griffe angebracht, die er nun, ohne zu zögern, fest nach unten drückte.
Dieses Mal musste er bis zum Schluss im Abflussrohr bleiben, um zu den Menschen zu kommen.
Die Matte wackelte und begann zu zischen. Eine Sekunde später schoss sie nach unten.
Auf in eine neue, unbestimmte Zukunft, war sein letzter Gedanke in der alten Heimat.

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Und Du? 
Wie gefällt es Dir in Christstollen? 
Würdest Du hier gerne leben? 

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Den Textbaustein habe ich von Pergamentfalter übernommen.