Samstag, 31. Oktober 2020

[Halloween Special] Eine Kurzgeschichte


Ein ausgehöhlter leuchtender 
Kürbis, der uns freundlich anlächelt. 
Der Kürbis steht in einer dunklen 
Umgebung. 
Foto: pixabay
 

Hallo Buchlinge, 

einige von euch haben es vielleicht mitbekommen: Sebastian Fitzek veranstaltete während des Lockdowns unter dem Motto #wirschreibenzuhause einen Schreibwettbewerb. Gemeinsam mit seinen Instagram Follower*innen erarbeitete er einige Parameter, die in einer Kurzgeschichte vorkommen sollen. Die Siegertitel wurden von einer Jury bestimmt und im Printbuch Identität 1142 veröffentlicht. Der Erlös des Buches soll dem stationären Buchhandel zugute kommen. Die 100 Kurzgeschichten mit den meisten Stimmen kommen in ein eBook, das, soweit ich weiß, noch nicht erschienen ist. 

Ich habe am Wettbewerb teilgenommen. Meine Kurzgeschichte hat es nicht ins Printbuch und auch nicht ins eBook geschafft. 
Das Gute an der Sache: Ich zeige euch jetzt im Rahmen meines Halloweenspecials meine Kurzgeschichte Die Stimme
Ich wünsche euch gute Unterhaltung und bin sehr gespannt auf eure Meinung 

Die Stimme 

Maya
Die Nacht war schwarz. Das einzige Licht, das die leere Straße beleuchtete kam von den Scheinwerfern des Autos. Der Wagen raste den Weg entlang. 
»Wir sind zu spät!« Wie um seine Aussage zu bekräftigen, gab Tim noch ein bisschen mehr Gas. 
Als ob das jetzt noch etwas bringt, dachte ich. Wir werden schon noch ankommen
»Jetzt beruhig dich mal. Sie werden nicht ohne uns anfangen. Wir haben den Kuchen«, lächelte ich und umklammerte die Platte auf meinem Schoß noch ein bisschen fester. 
Ja, ich war nervös. Und dass wir zu spät dran waren, machte es nicht unbedingt besser. Das war nicht nur ein einfacher Geburtstag. An diesem Abend könnte sich so viel für mich entscheiden. Und das alles nur dank Tim. 
»Sie suchen eine Elternzeitvertretung. Der Sendeplatz ist zwar nicht der Hit, aber immer noch besser als gar nichts.« 
Als Tim mir von diesem Angebot erzählte, war ich der glücklichste Mensch auf Erden. Und seine einzige Bitte war: »Mach den Kirschkuchen. Danach liegen sie dir zu Füßen.« 
»Freitag der 13. Gehört ihr zu abergläubischen Fraktion oder sucht ihr nach der richtigen Party? Vielleicht haben wir was für euch …« Die Veranstaltungstipps von denen im Radio gesprochen wurde, zogen an mir vorbei. Ich sah mich schon vor einem Mikrofon in einem abgedunkelten Studio stehen. On Air. 
»Du musst den Leuten eine Geschichte erzählen. Wenn sie gut ist, hören sie nur dir zu. Dann wird die Musik zur Nebensache.« 
Seit langer Zeit sehnte ich diesen Moment herbei. Bald könnte es soweit sein. 
Dann passierte alles ganz schnell und ich wurde gewaltsam zurück in die Realität gerissen. 
»Scheiße! Weg da!«, fluchte Tim und riss das Lenkrad herum. 
Ich schleuderte nach links und wieder nach vorne, weil der Idiot natürlich nicht im Traum daran dachte zu bremsen. 
Aus den Augenwinkeln heraus, sah ich gerade noch das Reh, dem Tim ausgewichen war. Unsere Blicke kreuzten sich und ich fuhr zusammen, als ich die Panik im Blick des Tieres sah. Ein Gefühl, das sich vermutlich in meinem Blick spiegelte. 
Dank Tims Ausweichmanöver wäre mir die Kuchenplatte beinahe aus der Hand und ihm direkt auf dem Schoß geflogen. 
»Geht’s noch?«, fauchte ich ihn wütend an. 
Tim schrie mich an, doch ich hörte ihm nicht zu. Stattdessen sah ich entsetzt auf was wir zurasten. Scheinwerfer. 
Tim drückte auf die Bremse. 
Mein Körper schoss nach vorne. Die Kuchenplatte flog mir aus der Hand. Reifen quietschten. Glas splitterte. Dann wurde alles schwarz. 

Ein Jahr später 

Er stand vor der Haustür, die zu ihrer Wohnung führte. Im Treppenhaus war es still und er wusste, dass sie nicht zu Hause war. Noch war er so weit gekommen. Meist waren Mut und Zuversicht schon früher verschwunden. Aber er wusste, dass es heute geschehen musste. 
Viel hatte sich verändert seit dem Unfall vor einem Jahr. Nicht nur für Maya, sondern vor allem für ihn. Aber darum sollte es nicht gehen. Er warf einen Blick auf den Umschlag, den er in den Händen hielt. Unschlüssig stand er da. Soll ich es wirklich wagen? Es handelte sich schließlich um Beweismaterial. 
Er ließ das letzte Jahr Revue passieren. Der Unfall machte ihnen schwer zu schaffen. Anstatt sie einander näherzubringen, war alles anders gekommen. 
Seine Hand zitterte. Es ist an der Zeit, aufzuräumen. Er steckte den Umschlag in die Jackentasche und packte sein Werkzeug aus. Sie soll wissen, warum…

Maya 

Ich nahm einen Schluck aus dem Kaffeebecher. Zwei Lieder Ruhepause. Danach sollte der nächste Gast zugeschalten werden. Ich musste ihn live und vor den Ohren vieler Zuhörer beraten. So wie immer, montags bis donnerstags. 
Doch heute war nicht mein Tag. Heute vor einem Jahr hatte sich mein Leben verändert. Wie ich es mir damals erträumt habe. Bitterkeit überkam mich und ich musste Tims Gesicht beiseiteschieben, das sich vor meinen geistigen Augen breit machte. Wie schon so oft in letzter Zeit. Nicht jetzt!, dachte ich energisch. Sonst würde ich diese Sendung nicht überstehen. 
»Maya?« 
Ich zuckte zusammen. Warum zum Henker schleicht sie sich immer so an? Sie weiß doch genau, dass sie anklopfen soll. 
»Frank, 35 Jahre alt. Er möchte über seine gescheiterte Beziehung sprechen.« 
Ich stöhnte. 
Ja, meine Sendung hieß nun mal »Motivation Maya«. Aber mussten sich nur diese Menschen mit einem gebrochenen Herzen angesprochen fühlen? Oder glaubte die Redaktion wirklich, dass nur diese Protagonisten interessant genug fürs Radio waren? 
Das Lied war zu Ende und ich machte mich bereit. Nur noch ein Gespräch. Danach habe ich es endlich geschafft. 
»Hallo Frank, was kann ich für Sie tun?« Die Bitterkeit war Fröhlichkeit gewichen. 
»Hallo.« 
Franks Stimme klang kräftig. Hörte ich da etwa auch einen Hauch von Unsicherheit heraus? Wahrscheinlich ist er einfach nur aufgeregt. Ich sehnte den Feierabend herbei. Er braucht vermutlich nur ein paar nette Worte. 
»Vor einem Jahr habe ich meine Freundin verloren. Also sie ist nicht …« Er ließ seinen Satz unbeendet. 
Verwundert registrierte ich diese Gemeinsamkeit. Anscheinend verbinde nicht nur ich etwas Schreckliches mit diesem Tag. Irgendetwas an Frank kam mir bekannt vor. So als wären wir uns schon einmal begegnet. Vor langer Zeit. Hätte ich doch früher mehr auf Stimmen geachtet, ärgerte ich mich. 
»Meine Freundin hatte einen Autounfall.« 
Ich schluckte. Das kann nicht sein! Ich hatte alles über diesen Abend gelesen, was ich unter die Finger bekommen konnte. Hätte es noch einen anderen Unfall gegeben, wäre mir das aufgefallen. 
Stirnrunzelnd überlegte ich: Wie wahrscheinlich ist es, dass ich ihm schon mal begegnet bin? In unseren Radiosendungen durften nur Leute aus der Region anrufen. 
»Sie wollte zu einem Geburtstag. Aber alle wussten, dass es dort ums Geschäft ging.«
Für einen kurzen Moment hielt ich die Luft an. Woher weiß er das? War es etwa jemand aus dem Sender? Oder spielte mir das Schicksal einen Streich und es gab zufällig auch einen anderen … Zwischenfall vor einem Jahr? 
Doch die Wahrscheinlichkeit war gering. Es musste also jemand aus dem Sender sein. 
Ich seufzte. 
Hier gingen tagtäglich so viele Leute ein und aus. Innerhalb des letzten Jahres waren einige neue Mitarbeiter dazu gekommen. Früher hätte ich die meisten von ihnen zumindest flüchtig gekannt. Früher… 
»Oh, das tut mir natürlich leid. Waren Sie bei ihr als … es passierte?« Dieses Wort kam einfach nicht über meine Lippen. 
»Nicht direkt. Ich habe sie an dem Abend gesehen …« 
»Der macht‘s aber spannend«, flüsterte meine Assistentin. 
Tim und ich waren alleine im Auto. Und wir kamen nie bei diesem verfluchten Geburtstag an! Wut überkam mich. Wo sollte er mich also gesehen haben? Doch dann kam mir ein anderer Gedanke. Ich dachte an die Scheinwerfer und mir wurde schlecht. 
»Jetzt würdigt sie mich keines Blickes mehr. Sie tut so, als wäre ich nicht da. Genau wie alle Anderen.« 
Was für ein Witzbold! Vielleicht macht sie das, weil… Ich unterbrach die wütenden Gedanken, die sich ausbreiten wollten und fragte mich, ob es hier wirklich um mich ging. Okay, Maya, ganz ruhig. Für wie wichtig hältst du dich eigentlich? Vielleicht gab es auch eine ganz einfache, logische Erklärung. 
»Wie kommen Sie darauf?« Meine Stimme klang belegt und ich nahm schnell einen Schluck aus meinem Kaffeebecher. 
Um was geht es hier wirklich? Wollen sie mich verarschen? Sie wissen doch genau, was heute für ein Tag ist! Oder warten sie nur darauf, mich endlich auszutauschen? 
Es war ein offenes Geheimnis, dass ich die Stelle nach dem Unfall hauptsächlich aus Mitleid bekommen hatte. Aber ich hatte meine Chance genutzt und es ihnen gezeigt. In einem Jahr zur Late Night Moderatorin schafften eben nur die guten Leute. Und ich war – nein ich bin gut. 
»Sie läuft wortlos an mir vorbei. Früher hat sie mich angelächelt und manchmal ein paar Worte mit mir gewechselt. Jetzt ignoriert sie mich, genau wie der Rest der Welt. Dabei habe ich ihr gar nichts getan!« 
Ich hörte Frank nicht mehr richtig zu. Meine Konzentration ließ langsam aber sicher nach. 
»Vielleicht ignoriert sie ihn auch einfach, damit er sie in Ruhe lässt«, überlegte meine Assistentin leise murmelnd. 
Ich grinste. Manche Leute wollten es einfach nicht verstehen. 
»Und jetzt sitze ich in ihrer Wohnung und warte, bis sie nach Hause kommt.« 
Ich hätte am liebsten erleichtert aufgelacht. Es kann nicht um mich gehen. 
Es war lange her, dass mich jemand besucht hatte. 
»Jetzt wird es gruselig«, meinte meine Assistentin. 
Wahrscheinlich haben sie sich nur gestritten. 
»Dabei wünsche ich mir doch einfach nur, dass es ist, wie früher. Bevor ich …« Frank sprach Sätze offenbar ungern zu Ende. 
Bevor du was? Früher… 
Das Leben vor dem Unfall fühlte sich so verdammt weit weg an. 
»Wo ist denn Ihre Freundin im Moment?«, fragte ich und wollte die Antwort eigentlich gar nicht wissen. 
»Bei der Arbeit natürlich. Sie moderiert eine Radiosendung«, antwortete Frank mit einer Selbstverständlichkeit, so als hätte ich gerade die dümmste Frage meiner Karriere gestellt. 
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Es gab in der Umgebung nur eine Late Night Show mit einer Moderatorin. 
»Möchten Sie uns erzählen, was Sie mit früher meinen?« Es ist gleich geschafft! 
»Na, bevor wir uns aus den Augen verloren haben. Wir haben uns immer über Musik und das Radio unterhalten.« 
Eine Szene blitzte vor meinem geistigen Augen auf. Ich war in der Kantine und schwärmte von einer neuen Idee. Mir gegenüber stand… Die Gestalt blieb unscharf und sein Name wollte mir auch nicht einfallen. Mir wurde kalt. 
»Ist er etwa bei ihr eingebrochen? Das wäre schon echt krank.« Meine Assistentin sprach das aus, was ich dachte. 
Ich hasse komplizierte Geschichten so kurz vor Sendeschluss, dachte ich augenrollend, schaute auf die Uhr und stellte fest, dass uns noch fünf Minuten bis zum Ende der Sendung blieben. 
»Frank, ich verstehe gut, dass Sie das alles sehr mitnehmen muss. Womöglich hilft Ihnen ein positiver Blick in die Zukunft. Vielleicht sollten Sie Ihre Freundin …« 
Doch Frank unterbrach mich und ich unterdrückte ein genervtes Seufzen. Meine Chancen den Hörern noch einen Song schenken zu können, waren soeben zunichte gemacht worden. Vielen Dank auch, Frank. 
»Nein! Ich habe alles kaputt gemacht und ich werde es heute Nacht korrigieren. Ich muss nur noch warten, bis sie nach Hause kommt. Es gibt nur eine Sache, die sie wissen sollte: Es tut mir leid.« 
Das anschließende Piepen ließ mich für ein paar Sekunden verwirrt zurück. Er hatte einfach aufgelegt. 
»Nicht sein Ernst.« Meiner Assistentin war das Erstaunen anzuhören. 
»Also, liebe Freundin von Frank. Ich hoffe, du hast seine Botschaft gehört. Und nun beenden wir diese Sendung mit …« 
Noch nie war ich so froh, mich in den Feierabend verabschieden zu können. Er redet nicht von dir, jagte das Mantra durch meinen Kopf, obwohl so vieles dagegensprach. 

Frank 

Er atmete erleichtert auf. 
Nie hätte Frank damit gerechnet, wirklich ins Studio durchgestellt zu werden und so lange mit Maya reden zu können. Waren seine Anspielungen erfolgreich gewesen? Hatte sie ihn endlich erkannt? 
Aber selbst wenn nicht, nach dieser Nacht ist es sowieso egal. Trauer mischte sich unter die Anspannung. 
Heute Nacht nimmt also alles sein Ende. Er legte den Umschlag auf den Küchentisch und betrachtete ihn. Von Frank an Maya – Das Geständnis stand darauf. Er wusste, dass sie Geheimnisse mochte. Schon immer. 
Erst vor ein paar Tagen waren sie sich wieder über den Weg gelaufen. Er war bei ihrem Anblick erschrocken. Ihr sonst so fröhliches Lächeln war einer düsteren Miene gewichen. Sein schlechtes Gewissen und die Schuldgefühle drohten ihn zu erdrücken. Auch ihn verfolgte diese Nacht. 
Seither fragte er sich oft, wie es ihr wohl ging. Viel hatte er damals nicht herausfinden können. Frank wollte diese Nacht ungeschehen machen. 
Natürlich hasste er Tim, weil Frank das Leuchten in Mayas Augen genau sah, wenn sie von Tim sprach. Aber das, was in der Nacht passiert war, hatte er nicht gewollt. Schon seit Monaten reifte ein Plan in ihm heran. Ein Plan, wie er das, was er ihr angetan hatte, wieder geraderücken konnte. Er wollte die beiden wieder vereinen. 
Doch als Maya ihn an diesem Tag ignorierte, fühlte er sich auch ertappt. 
Weiß sie etwas?, fragte er sich. 
Er konnte nicht anders. Er musste sie einfach anstarren. Doch ihre Miene veränderte sich nicht. 
Da wurde er wütend. Hat sie etwa alles vergessen? Alles, was uns verband?, schoss es ihm durch den Kopf. 
Frank war ihr gefolgt. Immer in der Hoffnung, dass sie sich plötzlich umdrehen und ihn endlich erkennen würde. 
Doch es passierte nicht. Da hatte sich ganz leise, beinahe unmerklich, ein Fünkchen Wut neben das schlechte Gewissen gesellt. 
Frank beobachtete Maya schon den ganzen Tag. Heute Morgen hatte er sich in die Bäckerei gesetzt, die gegenüber der Wohnung lag. Eine Sache war ihm sofort aufgefallen. Licht! Unglaublich viel davon war in der Wohnung zu finden. Sogar jetzt im Sommer war ihre Wohnung perfekt ausgeleuchtet. So als wäre das Licht, das von außen herein kam nicht genug. 
Nichts war ihr jemals genug gewesen, dachte er. Sie wollte hoch hinaus und sie hatte es auch geschafft. Doch eines war ihr unterwegs verloren gegangen. 
Tim. 
Und das alles nur, weil Frank es verbockt hatte. Und in diesem Brief würde er ihr alles erklären, bevor er sie endgültig zu Tim schickte. 

Maya 

Das Licht im Treppenhaus funktionierte für gewöhnlich nicht. Ich hatte aufgehört mich darüber aufzuregen und inzwischen brauchte ich es auch nicht mehr, um meine Wohnungstür zu finden. Ich steckte den Schlüssel ins Schloss und stutzte. Die Tür war nicht abgeschlossen. 
Wie bescheuert muss ich eigentlich sein? Ja, ich war froh, wenn ich mich gleich ins Bett legen konnte und der Tag endlich vorbei war. Aber es war mir noch nie passiert, dass ich vergessen hatte, meine Haustür abzuschließen. 
Und warte bis sie nach Hause kommt… Franks Worte wurden plötzlich sehr real. 
Ach, was! Du kennst keinen Frank. Und wenn er jetzt wirklich in meinem Wohnzimmer sitzt, habe ich endlich wieder Besuch. 
Doch ich konnte die Leichtigkeit meiner Gedanken nicht spüren. Meine Knie wurden weich. Ein kleiner ängstlicher Gedanke in mir, merkte an, dass er es nicht darauf anlegen wollte, Frank zu begegnen. Aber dann siegte die Müdigkeit. Ich ließ den Schlüssel zurück in die Hosentasche fallen und betrat meine Wohnung. 
Als ich in den Flur trat, verstärkte sich das mulmige Gefühl in meinem Magen. Mein Puls beschleunigte. 
Am liebsten hätte ich auf dem Absatz kehrt gemacht und wäre einfach gerannt. Aber wohin? Mir entfuhr ein leises »Oh«. Das Licht im Flur leuchtete. Das hatte ich ganz bestimmt nicht vergessen. 
Hinter meinem Rücken fragten sie sich oft, warum ich überhaupt noch Wert auf Licht legte. Sie konnten sich einfach nicht vorstellen, dass es mir noch etwas nützte. 
Weil ich es brauche, ihr Idioten, hätte ich ihnen dann am liebsten entgegengeschrien. Nur, weil ich eure Gesichter vielleicht nicht mehr erkenne… Genug! Ich unterbrach die Gedankenspirale, die sich breit machen wollte. 
»Hallo?« Meine Stimme zitterte. 
Du hättest dir erstmal eine Waffe besorgen sollen. Wie in den Filmen. Ich griff in meine Hosentasche und umklammerte den Schlüsselbund. 
Nichts. 
Stille erfüllte meine Wohnung. Die Geräusche von draußen drangen herein. Eine Straßenbahn quetschte. Ein Auto hupte. Ein neuer Tag begann und ich war immer noch allein. 
Ich ging in die Küche, zog den Stuhl zurück und setzte mich mit dem Rücken zur Tür, aber mit dem Blick aus dem Fenster gähnend an den Tisch. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Ich muss nur noch warten, bis sie nach Hause kommt. 
Ich stützte die Ellenbogen auf dem Tisch ab und zuckte zurück. Ich werde es korrigieren… Meine Hände zitterten, als ich die Tischplatte entlang tastete. Da war ein Umschlag. Er war so weiß, wie die Tischplatte. Natürlich konnte ich den Absender nicht lesen. 
Wie war er hier her gekommen? Hatte ich ihn neulich übersehen, als ich meine Post einscannte? Oder war er … Nein! Das konnte nicht sein. Frank war nicht hier. 
Ich schob den Umschlag beiseite und holte tief Luft. Der musste bis morgen warten. Die letzten Minuten gehörten Tim und mir. 

Frank 

Er tobte innerlich vor Wut. 
Sie hat ihn sich noch nicht einmal angeschaut! Was fällt ihr eigentlich ein? Ich habe Stunden damit verbracht, ihn zu schreiben. 
Frank wollte sie eigentlich von ihrem Leid erlösen. Doch nun reichte es ihm. 
Soll sie doch verrecken. Sie ist kein Stück besser als diese ganzen arroganten, selbstverliebten Menschen! 
Das Messer in seiner Hand zitterte. 

Maya 

Ein Jahr war es nun schon her, seit Tim… Ich schluckte, doch es gelang mir nicht mehr, die Tränen zurückzuhalten. Er war der Einzige in der Redaktion, der an mich geglaubt hatte. Und was hat es ihm geholfen? Gar nichts! 
Das grelle Licht der Scheinwerfer hatte sich in mein Gehirn gebrannt. Das Auto, das sich nicht von der Stelle bewegte. So als ob es absichtlich dort abgestellt worden war. Um auf uns zu warten. Doch der Fahrer war nie gefunden worden. 
Meine Hände griffen nach dem Umschlag. Meine Neugier war groß. Dieser Moment machte mir wieder einmal bewusst, wie viel sich in diesem Jahr verändert hatte. 
Früher wäre ich in die Küche gekommen, hätte den Brief von weitem gesehen und anhand der Handschrift erkannt, von wem er war. Heute konnte ich ohne Hilfsmittel nicht einmal den Unterschied zwischen Handschrift und elektronischen Buchstaben erkennen. 
Meine Hand verschwand in der anderen Hosentasche, auf der Suche nach meinem Smartphone. Dann lasse ich es mir halt vorlesen. 
Doch ich erstarrte mitten in der Bewegung. Da war etwas. Ich sprang auf und wandte mich zur Tür. 

Frank 

Er stürmte in die Küche, das Messer zum ersten Hieb ausgeholt. Doch er erstarrte mitten in der Bewegung. 
Maya stand ihm gegenüber. Der Mund offenstehend, zu einem stummen »Oh« geformt. Die Augen wild umherkreisend. So als wären sie auf der Suche nach jemandem. 
Nach ihm. 
Er wollte schreien. »Hier bin ich! Siehst du mich denn immer noch nicht?!« 
So oft hatte er es sich ausgemalt, wie es sein würde, wenn sie sich endlich gegenüberstanden. 
Doch jetzt da der Augenblick endlich gekommen war, fehlten ihm die Worte. Wie so oft in seinem Leben. Er brauchte Menschen, wie Maya, die ihn sahen und mit ihm sprachen. 
Er trat zögernd einen Schritt auf Maya zu. Sie wich zurück und umklammerte den Stuhl auf dem sie eben noch gesessen hatte. 
Er suchte ihren Blick, in der Hoffnung endlich das zu sehen, worauf er schon so lange wartete. Erkennen. Freude darüber, ihn wiederzusehen. 
Ihre Augen glitten immer noch suchend umher. 
Doch mit einem Mal wurde ihre Miene eisig und sie hob den Stuhl an und schleuderte ihn in Franks Richtung. Sie verfehlte ihn. Maya schlug ihm den Stuhl in die Seite. 
Das kann doch unmöglich ihr Ziel gewesen sein, oder? 
In dieser einen Sekunde begann er zu begreifen. 
Sie hatte ihn verfehlt, weil sie ihn nicht treffen konnte. Sie hatte ihn nicht ignoriert, sondern einfach nicht bemerkt. 
Nicht etwa, weil er Frank war, den Typen, den man für gewöhnlich nicht beachtete. Sie konnte ihn nicht sehen. 
Nicht mehr. 
Und der Brief? Völlig nutzlos. 
Die Rache und Wut, die ihn bis gerade eben zu überrollen drohten, waren mit einem Mal verpufft. 
Frank fühlte sich leer. Er wich zurück. Er kam hier nicht weiter. Es hatte alles keinen Sinn mehr. Frank stolperte den Flur entlang in Richtung Wohnungstür. Weg hier!, war sein letzter Gedanke. 

2 Kommentare:

  1. Mähäm !.. Hallo..Miss Zec ka ! Hallo..Ich bin´s, Inspektor Columbo !
    Habe langwe gebraucht, Ihre Geschichte "Die Stimme" zu finden. Haben Sie gut versteckt auf Ihrem Blog.
    "Die Stimme" hat auch Kommentare verdient. Wenn der link noch funktioniert, erstmal die Kommentare vom Fitzek-Wettbewerb.
    Auf Wiedersehen, Mähäm, ich bleib am Ball.
    ...
    Äh, Mähäm, da fällt mir nochwas ein: Ihre Geschichte "Die Stimme" ist wirklich außergewöhnlich.
    Das hat meine Frau auch gesagt.

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    Antworten
    1. Willkommen zurück, Inspector! Ich kann ja fast sagen "Alle Jahre wieder" aber wir haben ja noch gar nicht Dezember.
      Der Link funktioniert. Sehr gut!
      Es freut mich, dass Ihnen die Geschichte gefallen hat.

      Und bald müssen Sie wohl oder übel Weihnachtsmänner oder Rentiere jagen... Es könnte ungemütlich werden. Ziehen Sie sich lieber warm an.

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Den Textbaustein habe ich von Pergamentfalter übernommen.