Montag, 14. September 2020

Der große Gatsby

Der große Gatsby ist eines von zwei Büchern, die wir gemeinsam im Buchclub gelesen haben. Der erste Teil meiner Rezension wird spoilerfrei bleiben. Im zweiten Teil gehe ich auf die buchbezogenenen Fragen ein, die wir uns überlegt haben. Das heißt, es wäre gut, wenn ihr diesen Abschnitt nur lest, wenn ihr das Buch bereits kennt. 

Bild von Diogenes Verlag

Steckbrief
Name: Der große Gatsby 
Autor*in: F. Scott Fitzgerald 
Verlag: Diogenes Verlag 
Geeignet für: Menschen, die Hörbücher mit einem anspruchsvollen Schreibstil mögen, oder Romane mit einer tragischen Handlung mögen 
Gelesen oder gehört: gehört als ungekürztes Hörbuch 
Sprecher*in: Gert Heidenreich 
Bewertung: 4 von 5 Punkten 

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Klappentext 

"New York 1922. Auf seinem Anwesen in Long Island gibt Jay Gatsby sagenhafte Feste. Er hofft, mit seinem neuerworbenen Reichtum, mit Swing und Champagner seine verlorene Liebe zurückzugewinnen. Zu spät merkt er, dass er sich von einer romantischen Illusion hat verführen lassen. Gatsby wurde zum Sinnbild des amerikanischen Traums und dessen Scheiterns, zum Inbegriff von Aufstieg und Fall. [...]"

Meine Meinung 
Der große Gatsby ist eines dieser Titel, die ich bisher vom Hören Sagen kannte. Deswegen habe ich mich tierisch gefreut, dass dieser Roman unsere neue Buchclub Lektüre wurde. Ich war gespannt, was mich erwartete. 

Ich rechnete eigentlich damit, dass der Inhalt aus der Perspektive des großen Gatsbys erzählt wird. Doch ich habe mich getäuscht. Wir lernen Nick kennen, der von seinem turbulenten Start in einer neuen Heimat erzählt und uns seinen beliebten Nachbar den großen Gatsby vorstellt. Gantsby ist ein geselliger Mann. Ständig steigt irgendeine Party in seinem großen Haus. Doch die wenigsten Gäste kennen den Gastgeber. An dieser Stelle habe ich mich kurz gefragt, ob Gatsby eine Art Gordot ist. Jeder weiß, dass es ihn gibt, aber niemand hat ihn wirklich gesehen. 
Gatsby tritt schließlich aus der Deckung. Denn er ist an einer Freundschaft zu Nick interessiert. Und nicht nur das: Er vertraut seinem Freund auch ein Geheimnis an. Ein Geheimnis, das schwere Folgen haben wird. 

Ich war fasziniert davon, wie F. Scott Fitzgerald die Entwicklung unserer Figuren herausgearbeitet hat. Nick lernen wir vor allem als Beobachter kennen. Er ist ein angenehmer Zeitgenosse, ist aber vor allem unauffällig und bemüht, sich keine Feinde zu machen. Der Gatsby wirkt gesellig, doch steckt hinter dieser Fassade etwas ganz anderes. 
Die Veränderungen der Charaktere werden leise erzählt. Genau dieses Stilmittel hat mir sehr gut gefallen. 

Auch der Aufbau des Spannungsbogens war interessant. Während ich zu Beginn den Eindruck hatte, dass es vor allem darum geht uns die 1920 Jahre näherzubringen, entwickelte sich diese lebendige, euphorische Stimmung Stück für Stück zu einem kleinen Thriller. Es war klar, dass bald noch etwas passierte. Die Frage war nur was bzw. wer daran beteiligt sein wird. 

Was die Hörbuchgestaltung betrifft, gab es für mich diesmal eine Premiere. Aber kommen wir erstmal zu den Fakten: Das Hörbuch wurde ungekürzt im Diogenes Verlag produziert. Ich habe bisher schon einige Titel aus dem Diogenes Verlag gelesen und bin froh, dass der Verlag auch Hörbücher produziert. Gehört habe ich den Titel aber über Audible. 
Die Premiere kommt folgendermaßen zustande: Wenn mir auf Buchmessen Hörbücher vorgestellt werden, ist eine meiner ersten Fragen, wer das Hörbuch liest. Gert Heidenreich ist ein Name, der mir schon sehr häufig begegnet ist. Bisher habe ich aber keinen Titel gehört, der ausschließlich von ihm gelesen wurde. Ich habe ihn vor allem in Anthologien erlebt und konnte ihn meist nicht zuordnen. Er gehört für mich aber zu der Stammbesetzung der Hörbuchsprecher. 
Gert Heidenreich hat eine tiefe, angenehme Stimmfarbe, die mir auf Anhieb gefallen hat. Ich war fasziniert davon, wie er es geschafft hat, den teils recht anspruchsvollen Schreibstil so zu interpretieren, dass ich nicht über Sätze gestolpert bin, oder manche Stellen nochmal hören musste. Er hat es geschafft, die leisen Töne des Hörbuches herauszuarbeiten, aber ohne, dass seine Interpretation an Dynamik verloren hätte. 

F. Scott Fitzgerald hat einen recht anspruchsvollen Schreibstil. Mir begegneten nicht nur einige Schachtelsätze, sondern ich musste auch darauf achten, den Inhalt zwischen den Zeilen zu erkennen und begreifen zu können. Was mir sehr gut gefallen hat war, wie er die 1920er Jahre und deren Oberflächlichkeit in Worte fassen konnte. 

Gesamteindruck
Als ich das Hörbuch beendet habe, war ich sehr unzufrieden mit dem Ende, weil es einfach ein tragisches Ende hat. Warum begründe ich im nächsten Abschnitt. Doch jetzt, nachdem ein paar Tage vergangen sind, fand ich den Titel ziemlich genial und kann sagen, dass es wirklich einer meiner Monatshighlights war. 

Zum Film 
Meine Kritik bezieht sich auf die Neuverfilmung aus dem Jahr 2013 mit Leonardo di Caprio in der Rolle des Gatsbys. Leider hat mir die Verfilmung überhaupt nicht gefallen. Der 20er Jahre Flair kam überhaupt nicht bei mir an, was zum einen viel mit der Filmmusik und den eingespielten Beats zu tun hatte, aber zum anderen auch mit der Geschwindigkeit des Filmes. Das Tempo war mir zu schnell. Dadurch gingen die leisen Töne und das was zwischen den Zeilen passiert verloren. 
Außerdem hat Gatsby zwei Wutausbrüche bekommen, die überhaupt nicht zu ihm als Charakter passen und ihn eher verfremden. 


Frau, die uns über 
ein Buch hinweg anschaut. 
Um sieh erum ein Kreis in dem 
Buchclub steht.  
steht. Fot: A. Mack 

Fragen aus dem Buchclub 
Hier gebe ich euch einen kleinen Einblick über die Fragen, die wir im Buchclub diskutieren werden. Ich lasse die Fragen weg, de ich bereits in meiner Rezension aufgegriffen habe. Ab hier wird gespoilert

In der ersten, für diesen Beitrag relevanten, Frage geht es um den Lieblingscharakter: Mein Lieblingscharakter ist eindeutig Nick. Er entwickelt sich von einem angepassten Menschen, zu jemandem, der zu seinen Freunden hält, auch wenn das gesellschaftliche Ausgrenzung mit sich bringt. Dass er den Gatsby nicht verrät, nur um seine gesellschaftliche Position zu sichern, hat mir sehr, sehr gut gefallen, weil das eine Treue ist, die man sich von jede*r*m Freund*in wünschen kann. 

Außerdem wollen wir wissen, wie euch das Ende gefallen hat. Das Ende hat mich wahnsinnig gemacht. Ich fand den Thriller Effekt natürlich spannend. Als die Gruppe in die Stadt aufgebrochen ist, wusste ich, dass jemand sterben wird. Ich war mir nur nicht sicher, ob Tom Daisy und den Gatsby umbringen wird, oder im schlimmsten Fall vielleicht alle drei sterben. 
Aber das Daisy dazu übergeht, den Gatsby zu verraten und Tom dann noch für dessen Tod sorgt, hat mich wirklich sehr wütend gemacht, weil es einfach zeigt, dass manche Leute buchstäblich über Leichen gehen, nur um ihre eigene Haut zu retten. 
Besonders schade fand ich auch, dass niemand (!) von den Leuten, die an Gatsbys Partys teilgenommen haben, für ihn da war, als es ihm schlecht ging. Das hat gezeigt, wie oberflächlich die gesellschaftliche Oberschicht ist und das man eben nur aneinander interessiert ist, wenn man sich Vorteile von einem Kontakt erhofft. Das fand ich schon sehr traurig. 

Außerdem interessiert uns, wie euch die Umsetzung des Themas unglückliche Liebe gefallen hat. Der Gatsby war aus meiner Sicht wirklich glaubhaft dargestellt. F. Scott Fitzgerald hat den Schmerz des Gatsbys gut herausgearbeitet, was bei mir dafür gesorgt hat, dass ich wirklich mitgelitten habe und mir gewünscht hätte, dass es irgendwelche sichtbaren Konsequenzen für Daisy und Tom gibt. 

Da wir gerade in den 2020er Jahren sind, liegt es natürlich nahe nach den Parallelen zwischen den 1820ern und den 2020ern zu fragen. Was die Gesellschaft betrifft, sehe ich schon starke Parallelen, wobei ich nicht weiß, ob meine Beobachtung wirklich an eine Zeit gebunden ist. Ich habe den Eindruck, dass viele Leute in meinem Alter gerne unterwegs sind, oder zum Teil auch Party machen, tanzen gehen, manchmal Alkohol trinken und das Leben eben genießen wollen. Grundsätzlich spricht auch nichts dagegen. Ich für meinen Teil merke aber, dass es mir zu oberflächlich ist. 
Bezogen auf den Roman zeigt es auch Folgendes: Viele von Gatsbys Gästen mochten die oberflächliche Beziehung zum Gastgeber, aber haben sich nicht wirklich für ihn als Menschen interessiert. Gerade das ist der Aspekt, den ich interessanter finde. Mich interessiert wer mein Gegenüber ist, was es denkt und was mein Gegenüber bewegt. 


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