Montag, 25. Mai 2020

Endgültig (Band 1)

Diese Rezension entstand im Rahmen unserer aktuellen Leserunde im Buchclub. Obwohl wir im Buchclub inhaltlich über die Titel diskutieren bleibt diese Rezension spoilerfrei. 

Bild von RandomHouse Audio
Steckbrief 
Name: Endgültig (Band 1 der Jenny Aaron-Reihe)
Autor: Andreas Pflüger 
Verlag: RandomHouse Audio 
Geeignet für: Thriller Fans und Menschen, die sich für das Thema Blindheit interessieren, aber noch einen anderen Handlungsstrang brauchen. 
Gelesen oder gehört: gehört als ungekürztes Hörbuch 
Sprecher: Nina Kunzendorf 
Bewertung: 5 von 5 Punkten 

Klappentext 

"[...] In ihrem ersten Leben war Jenny Aaron eine Elitepolizistin mit überragenden Fähigkeiten. In ihrem zweiten ist sie Verhörspezialistin und Fallanalytikerin beim BKA. Sie spürt das Verborgene und versteht es, zwischen den Worten zu tasten. Denn seit einem missglückten Einsatz in Barcelona vor fünf Jahren ist Jenny Aaron blind und traumatisiert. Doch "Barcelona" war nicht der schlimmste Tag ihres Lebens. Sie hat sich geirrt - der schlimmste Tag ihres Lebens ist heute." 

Meine Meinung 
Von Andreas Pflüger und seiner Jenny-Aaron-Reihe habe ich schon ziemlich viel gehört. Was mich bisher davon abhielt, zur Reihe zu greifen, war die Tatsache, dass hier eine blinde Protagonistin im Mittelpunkt steht. Ich befürchtete, dass es ziemlich viele Klischees gibt. Dennoch siegte die Neugier und ich nominierte den ersten Band der Reihe als aktuelle Buchclub-Lektüre. 

Der Inhalt ist rasant. Andreas Pflüger erzählt die Handlung in mehreren Zeitsträngen. Im Prolog erleben wir Jenny Aaron und ihren Kollegen Niko bei einem riskanten Einsatz in Barcelona, der für beide schlimme Folgen haben wird. Dann baut der Autor den ersten Zeitsprung ein. 

Fünf Jahre später: Jenny Aaron hat ihre Abteilung verlassen und sich ein neues Leben als Fallanalytikerin in Wiesbaden aufgebaut. Doch ein neuer Fall führt sie zurück nach Berlin zu den alten Kollegen. Es gibt nämlich einen Mörder, der nur mit ihr sprechen möchte. Schnell wird klar, dass der aktuelle Fall etwas mit dem vergangenen Einsatz in Barcelona zu tun hat. Jenny Aaron erblindete bei diesem Einsatz nämlich nicht nur, sondern kann sich auch nicht daran erinnern, was wirklich in Spanien passiert ist. 

Was mich in der Handlung etwas verwirrte, waren die häufigen Zeitsprünge: Im Mittelpunkt stehen natürlich der aktuelle Fall und die Ereignisse in Barcelona. Allerdings erinnert sich Jenny Aaron immer wieder an andere Einsätze. Ich war mir manchmal also unsicher, ob wir uns in der Gegenwart oder in der Vergangenheit befanden (und wenn ja, in welcher). Dennoch sorgte dieses Stilmittel für Spannung, da die Details an die sich Aaron von früheren Fällen erinnert zum einen mit dem aktuellen Fall oder zum anderen mit ihr als Person zu tun haben. Es handelt sich also nicht um eine Abschweifung, sondern um wichtigen Inhalt. 

Was mir an diesem Reihenauftakt besonders gut gefallen hat waren die Haupt- und Nebencharaktere, allen voran Jenny Aaron, ihr bester Freund Pavlik und die Vorgesetzte der beiden. 
Jenny Aaron hadert nicht nur mit ihrer Erblindung, sondern muss sich in diesem Reihenauftakt auch die Frage stellen, ob sie ihre Liebe zugunsten der Ehre verraten und somit Schuld auf sich genommen hat. Die Angst, falsch gehandelt zu haben, verfolgt sie und lässt sie nicht mehr los und das obwohl sie keinesfalls verletzlich wirken möchte. 

Pavlik versucht Aaron so gut es geht bei der Lösung des Falls zu helfen. Dennoch ahnt er, dass es einen Feind in den eigenen Reihen geben könnte. Wir finden heraus, dass ihm nicht nur die Freundschaft gegenüber Jenny wichtig ist, sondern die Kameradschaft innerhalb der Abteilung einen sehr hohen und wichtigen Stellenwert für ihn haben. 
Aaron und Pavliks Vorgesetzte sieht sich mit ihrem ersten kniffligen Fall konfrontiert. Hier geht es nämlich um ein Ereignis aus der Vergangenheit, das sie nur aus den Akten kennt. Wie kann sie ihre Kollegen dabei unterstützen den Fall zu lösen, ohne dabei alte Wunden aufzureißen? 

In Endgültig spielt natürlich auch die Hierarchie in der Abteilung, in der Aaron und Pavlik arbeiten, eine Rolle. Die Kollegen halten zusammen, egal was kommt. Aber wenn einer von ihnen zum Verräter wird, muss er nicht nur mit der Schuld klarkommen, sondern hat eine ganze Abteilung gegen sich. Seinen Platz in den Reihen muss man sich erst einmal verdienen. Aber wenn man sein Talent und die Treue gegenüber den Kollegen bewiesen hat, hält man zusammen. 
Man mag die Regeln der Abteilung kritisieren können, aber ich fand es zur Abwechslung mal ganz angenehm auf eine Ermittler*innengruppe zu treffen, bei der es nicht um interne Machtkämpfe geht. Man weiß, was man an den Kolleg*innen hat. Innerhalb der Abteilung fühlt man sich einander verbunden und hat so seine eigene Familie. 

Was mir an der Handlung ebenfalls sehr gut gefällt ist, dass Andreas Pflüger den Reihenauftakt nicht mit einem Cliffhanger enden lässt. Natürlich werden Fährten für Fortsetzungen gelegt. Aber der Kriminalfall an sich scheint hier abgeschlossen. Das Tolle daran ist, dass wir hier nicht den Auftakt einer Rache-Reihe vor uns haben. 

Auch was das Thema Blindheit betrifft, beweist Pflüger, dass Endgültig keine stereotypische blinde Superheldin braucht. Der Roman ist gut recherchiert, was Pflüger immer wieder in Nebensätzen unter Beweis stellt. So beschreibt er, was Aaron kann und liefert hierfür eine Begründung, oder stellt sie vor alltägliche Herausforderungen, wie beispielsweise das Überqueren einer Straße mit Verfolger*innen im Rücken, das sich alles andere als leicht gestaltet. 
Gut herausgearbeitet hat Pflüger hier den Zwiespalt: Auf der einen Seite den Wunsch, ein normales Leben führen zu wollen und nicht ständig von er Gesellschaft als Blinde gesehen zu werden. Aber auf der anderen Seite die kleinen Herausforderungen im Alltag, die Blinde von Sehenden eben unterscheiden und von Blinden fordern, kreative Lösungen für Herausforderungen zu finden. 

Andreas Pflüger hat mit Endgültig einen Spannungsbogen geschaffen, der ziemlich weit oben anzusetzen ist. Es gibt kaum Ruhephasen, was dafür sorgt, dass ich das Hörbuch kaum von den Ohren nehmen konnte, weil mich brennend interessierte, wie die Handlung weitergeht. Außerdem hat er die Handlungsstränge gut aufgebaut und die Fragen um Barcelona Stück für Stück aufgearbeitet, ohne, dass wir zu viele Informationen auf einmal bekamen. 

Was die Hörbuchgestaltung betrifft, bekommt RandomHouse Audio schon den ersten sehr großen Pluspunkt bei der Herstellung des Hörbuches. Das Hörbuch ist nämlich nicht nur in einer Digifile Hülle untergebracht, sondern man hat auch das Wort Endgültig, das auf dem Printbuch Cover in Punktschrift dargestellt ist, taktil umgesetzt. Ich hatte insgeheim gehofft, dass der Verlag dieses Stilmittel einsetzt, hatte aber nicht damit gerechnet und mich umso mehr gefreut, als ich die Buchstaben auf dem Cover entdeckte. 

Das Hörbuch wurde als ungekürzter Titel produziert. Ich hätte mir beim besten Willen auch nicht vorstellen können, wo und wie man diese spannende Handlung zusammenkürzen könnte. 
Nina Kunzendorf führt durch das Hörbuch. Schon nach wenigen Minuten war ich Fan ihrer Stimmfarbe und ihrer Art, Endgültig zu interpretieren. Sie schafft es, die angespannte Atmosphäre der Handlung zu transportieren. Das gelingt ihr vor allem durch ihre Lesegeschwindigkeit. Sie liest schnell, aber nicht so, dass uns Inhalt verloren geht, sondern so, dass die Spannung gehalten wird und es keine Zeit zum Luft holen gibt. 
Außerdem arbeitet Nina Kunzendorf die zwei Seiten der Jenny Aaron gut heraus: Auf der einen Seite die taffe Frau, die sich nicht anmerken lassen will, wie es ihr geht und beweisen möchte, wie stark sie ist. Aber auf der anderen Seite ihre Zerbrechlichkeit. 
Nina Kunzendorf verleiht nicht jedem Charakter eine eigene Stimme. Aber das ist für dieses Hörbuch auch nicht notwendig, da für mich der Fokus auf der Interpretation der Handlung und der Aufrechterhaltung des Spannungsbogens liegt. Ich freue mich sehr, dass sie auch die Folgebände der Jenny-Aaron-Reihe liest. 

Andreas Pflüger hat mich mit seinem Schreibstil überrascht. Ich hätte nicht gedacht, dass Thriller in so einer Geschwindigkeit erzählt werden können. Zudem bin ich mir nicht sicher, ob ich seinen Schreibstil wirklich in Worte fassen kann. Was mich etwas verwirrte, war die Erzählperspektive von Endgültig: Eigentlich dachte ich, dass die Handlung aus Aarons Perspektive und somit in der dritten Person erzählt wird. 
Allerdings gab es einige Szenen, in denen beschrieben wird, was mehrere Personen denken. Hier war mir nicht bewusst, ob Aaron glaubt zu wissen, was ihr Gegenüber denkt, oder ob es sich hier schon um einen allwissenden Erzähler handelt. 

Außerdem beschreibt Pflüger die Gefühle und Gedanken seiner Figuren nicht direkt, sondern zeigt sie indirekt durch deren Handlung oder deren Interaktion. Dieses Stilmittel fand ich spannend, weil ich das Gefühl hatte, dass mir das Wesentliche der Figuren noch verborgen bleibt und ich nicht alle Aspekte ihrer Kommunikation verstanden habe. Und genau das macht mich neugierig auf weitere Bände, weil ich gespannt bin, wie sich die Beziehung der Figuren weiterhin gestaltet. 

Gesamteindruck 
Endgültig hat mich positiv überrascht. Andreas Pflüger erzählt nicht nur eine spannende Handlung, sondern stellt uns auch vielschichtige Charaktere vor, über die ich gerne mehr erfahren möchte. 
Allerdings ist es mir wichtig an dieser Stelle auch darauf hinzuweisen, dass der Inhalt hier und da auch etwas brutal ist. Es bleibt nicht nur bei Verfolgungsjagden, sondern es werden auch Kampfszenen beschrieben. Dennoch haben sie bei mir nicht für innere Bilder gesorgt, die ich nicht mehr loswerde. 

Ich empfehle diesen Titel allen Thriller Fans, die auf eine Reihe mit einer außergewöhnlichen Protagonistin gewartet haben. Außerdem lernt man hier nebenbei etwas über das Thema Blindheit ohne, dass es die ganze Zeit negativ im Vordergrund steht. 

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Weitere Bände
Niemals (Band 2
Geblendet (Band 3)

Dieses Hörbuch wurde mir als Rezensionsexemplar von RandomHouse Audio kostenlos zur Verfügung gestellt. 

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Den Textbaustein habe ich von Pergamentfalter übernommen.