Montag, 13. April 2020

Die wilden Hühner (Bände 1 - 5)

Neben der Harry Potter Reihe gehören auch Cornelia Funkes Die wilden Hühner zu den Geschichten, mit denen ich aufgewachsen bin. Anfang des Jahres wollte ich die Reihe nochmal hören, da mich interessierte, wie ich die Handlung und die Charaktere heute wahrnehme. Da ich die Bände schon vor einer Weile beendet habe und ich nicht genug Material für einzelne Rezensionen habe, schreibe ich nun ein gesamtes Fazit zur Reihe und stelle euch die einzelnen Bände gesammelt vor.

Bild von Jumbo - Neue Medien

Die wilden Hühner (Band 1)
Charlotte "Sprotte", ihre beste Freundin Frieda, die schöne Melanie und ihre Freundin Trude gründen eine Mädchenbande. Sie nennen sich Die wilden Hühner. Ihr Erkennungsmerkmal: Eine Halskette mit einer echten Hühnerfeder.
Vier Jungen aus ihrer Klasse, nämlich Fred, Steve, Torsten "Torte" und Willy sind auch als Bande unterwegs und nennen sich Die Pygmäen. Ihre Lieblingsbeschäftigung besteht darin, den Hühnern Streiche zu spielen. Als eines Tages die Hühner von Sprottes Oma verschwunden sind, droht Ärger. Ob sich die Hühner rächen werden? Das müsst ihr selbst herausfinden.

Der Inhalt wird in kleinen Episoden erzählt, die sich langsam aber sicher steigern und auf einen Höhepunkt zulaufen. Die einzelnen Szenen sind für die Geschichte wichtig, aber dennoch ist die Handlung vergleichsweise einfach gehalten. Es geht also nicht darum, Fährten zu legen und Handlungsstränge zu verstricken.
Die Handlung wird aus der Perspektive von Sprotte erzählt. Wir lernen auch Sprottes Familie kennen, die aus ihrer Oma und ihrer Mutter besteht. Wir erfahren in diesem Band noch wenig über Sprottes Gefühlsleben, was aber vermutlich daran liegt, dass der erste Band für eine jüngere Zielgruppe geschrieben ist. 
Die Charaktere lernen wir vor allem durch die Dialoge kennen. Hier erfahren wir wie sie ticken und lernen, die verschiedenen Charaktere voneinander zu unterscheiden. Spannend fand ich, dass mir als Kind gar nicht aufgefallen ist, dass wir kaum etwas über die Gedanken und Gefühle der einzelnen Charaktere erfahren. 

An Cornelia Funkes Schreibstil sind mir hier zuerst die Wortwitze aufgefallen, die je nach Altersgruppe lustig sind. So wird diese Reihe zu einer Familienreihe, weil Groß und Klein etwas von der Geschichte haben. 
Im ersten Band begegnet uns eine Mischung aus dem neutralen und dem allwissenden Erzähler. Neutral deswegen, weil Cornelia Funke viel beschreibt, was die Charaktere tun, aber die Handlungen nicht begründet, was auch nicht notwendig ist. Allwissender Erzähler deswegen, weil nur an zwei Stellen beschrieben wird, wie sich einzelne Charaktere fühlen oder beschrieben wird, wie jemand schaut und Erzählerin Sprotte das ja nicht wissen kann.

Bild von Jumbo Verlag
Die wilden Hühner auf Klassenfahrt (Band 2)
Wie der Titel schon sagt, fährt die Schulklasse in der Hühner und Pygmäen sind, für eine Woche weg. Die Hühner müssen sich ein 6er Zimmer mit zwei anderen Mädchen teilen. Während Nora nichts mit ihnen zu tun haben will, wünscht sich Wilma nichts sehnlicher, als endlich ein Mitglied der Mädchenbande zu werden. Als die Pygmäen ankündigen, dass der Bandenfrieden auf Klassenfahrt außer Kraft tritt, bekommt Wilma ihren ersten Auftrag als Spionin. Und als wäre das nicht genug, erfahren Hühner und Pygmäen auch noch das ein merkwürdiger Geist im Landschulheim spuken soll.

Hier gibt es eine kleine Steigerung in der Handlung. Wir haben verschiedene Handlungsstränge, die sich aufeinander beziehen: An erster Stelle steht die Klassenfahrt und damit verbundene neue Abenteuer. Danach kommt die Ankündigung der Jungen, dass der Bandenfrieden aussetzt, was jede Menge Ärger verspricht. Und zu guter Letzt gibt es noch den Geist. Am Inhalt hat mir hier gut gefallen, dass sich die Handlungsstränge mehr aufeinander beziehen und es sich nicht ausschließlich um einzelne, für sich stehende, Episoden handelt.

Durch die Interaktion der einzelnen Charaktere erfahren wir mehr über die Mädchenbande. So stellt sich schnell heraus, dass Melanie bereits in der Pubertät ist und sich schon für Jungs, schöne Kleidung und Schminke interessiert, während Sprotte damit (noch) gar nichts anfangen kann. Da die einzelnen Mädchen von ihrem Familienleben erzählen, merken wir, was sie beschäftigt. Sie bekommen so also unmerklich mehr Tiefe.

In diesem Band war ich davon überrascht, dass Cornelia Funke so schnell von dem Gefühlsleben unserer Charaktere erzählt und es im Vergleich zum vorherigen Band keine Überbrückung gibt. Mir hat diese Weiterentwicklung im Schreibstil sehr gut gefallen.

Bild von Jumbo Verlag
Die wilden Hühner Fuchsalarm (Band 3)
Fuchsalarm ist das Codewort der Hühner, wenn es um Leben und Tod geht. Sprotte muss nicht lange überlegen, als sie erfährt, dass ihre Oma alle (!) Hühner schlachten möchte. Die Mädchen beschließen kurzerhand den Hühnern ein neues Zuhause zu geben. Doch dabei sind sie auf die Hilfe der Pygmäen angewiesen. Ob das gut gehen kann?

Beim Inhalt ist mir sofort aufgefallen, dass Cornelia Funke diesmal mit einer zweiten Perspektive in die Geschichte startet. Und zwar sind wir dabei, wie Frieda vom Fuchsalarm erfährt. Leider handelt es sich hierbei nur um einen Ausflug. Die restlichen Bände werden wieder aus der Perspektive von Sprotte erzählt. Schlimm ist es nicht, aber ich hätte es auch spannend gefunden, Teile der Geschichte aus der Sicht der anderen Hühner zu erleben.
Schön finde ich, dass ab diesem Band nicht mehr die Feindschaft zwischen Jungen und Mädchen thematisiert wird, sondern herausgearbeitet wird, dass sich beide Gruppen gegenseitig helfen, wenn jemand in Not ist.

Ab diesem Band steht fest, dass die Zielgruppe ab sofort nicht mehr jüngere Kinder sind. Hier geht es zum ersten Mal auch um körperliche Gewalt, die aber nicht detailliert beschrieben wird. Dennoch wird die Bedrohung, die dadurch entsteht sehr deutlich. Schön ist, dass Cornelia Funke die Kinder eine Lösung finden lässt, um der Gewalt ein Ende zu setzen. Dennoch entwickelt sich aus der Idee der Hühner keine künstlich harmonische Stimmung. So bleibt die Handlung trotzdem realistisch. 

Bild von Jumbo Verlag
Die wilden Hühner und das Glück der Erde (Band 4)
Wie man auf dem Cover unschwer erkennen kann, spielen Pferde in diesem Band eine große Rolle. Sprotte muss die Herbstferien auf einem Reiterhof verbringen und hat überhaupt keine Lust darauf. Schließlich sind Pferde überhaupt nicht ihr Ding. Klar, dass die anderen Hühner sie unmöglich alleine lassen können. Sie begeben sich also gemeinsam in ein neues Abenteuer

Hier wird deutlich, dass die Hühner keine Kinder mehr sind, da auf dem Reiterhof von den Kleinen gesprochen wird und die Mädchen oft dabei helfen, sich um die jüngeren Kinder zu kümmern. Außerdem haben die ersten beiden Hühner Schmetterlinge im Bauch und sind also das erste Mal verliebt. Cornelia Funke bereitet das Thema Liebe gut auf. Sie beschreibt zwar, wie es sich anfühlt verliebt zu sein, geht hier aber noch nicht zu sehr ins Detail, sondern sorgt auch durch andere Themen für eine spannende Geschichte.

Was ich etwas kritisch finde ist, dass Sprotte ihre Abneigung gegenüber Pferden ziemlich schnell fallen lässt und das somit kein Thema mehr zu sein scheint. Als Kind hat mich das nicht groß gestört. Aber aus heutiger Sicht denke ich, dass hier eher ein Klischee bedient wird, das besagt, dass alle Mädchen Pferde gut finden, spätestens dann, wenn sie ihnen gegenüber stehen. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass das nicht bewusst erzeugt wurde.

Mich haben Pferde nie groß interessiert. Deswegen finde ich es schön, dass bei diesem Band auch anderweitig für Spannung gesorgt wird und sich die Reitstunden eher zu einer Nebenhandlung entwickeln. Hier gibt es ebenfalls keine verstrickten Handlungsstränge, sondern die Handlung wird in einzelnen Episoden erzählt.

Bild von Jumbo Verlag
Die wilden Hühner und die Liebe (Band 5)
Hier wird das Thema Liebe aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Zum einen sind inzwischen alle Mädchen in einer Beziehung. Allerdings wird hier die Frage aufgeworfen, ob es denn immer die klassischen Mädchen-Jungen Beziehungen sein müssen. Außerdem muss sich Sprotte auch mit dem Klugscheißer, dem neuen Partner ihrer Mutter anfreunden. Doch eines Tages steht ihr leiblicher Vater vor der Tür und in Sprottes Leben bricht Chaos aus...

Besonders schön finde ich hier, dass Cornelia Funke herausarbeitet, dass es völlig in Ordnung ist, homosexuell zu sein. Gerade für Jugendliche, die das erste Mal verliebt sind, ist es wichtig, dass Homosexualität in Geschichten thematisiert wird und man nicht immer automatisch von einer heterosexuellen Beziehung erzählt.

Inhaltlich merken wir hier auch, dass die Hühner und Pygmäen inzwischen älter geworden sind. Es geht nicht mehr darum, sich gegenseitig Streiche zu spielen, oder sonst das Leben schwer zu machen. Mädchen und Jungen verbringen ihre Freizeit inzwischen gerne miteinander.
Obwohl es in diesem Band viel um alltägliche Themen geht, hätte ich der Geschichte gefühlt noch zwei weiteren Stunden, oder vielleicht auch weiteren Bänden lauschen können. Die vertrauten Charaktere und das Setting wecken ein Gefühl von Heimat und es fällt mir schwer, die Hühner und Pygmäen nach diesem Band ziehen zu lassen.

Hörbuchgestaltung 
Die einzelnen Bände haben alle eine Laufzeit von ca. 2 1/2 - 3 1/2 Stunden. Zwischen den einzelnen Szenen gibt es immer wieder eine Melodie, die zugleich auch als Intro der Hörbuchreihe dient. Zwischen den einzelnen Szenen werden dann immer wieder Ausschnitte dieser Melodie eingebaut. Die Ausschnitte gehen meist nur ein paar Sekunden oder auch schon mal eine halbe Minute.

Interessant finde ich, dass die Länge der Szenen an das Alter der favorisierten Zielgruppe angepasst ist. Bei den ersten Bänden gehen die einzelnen Szenen 2-5 Minuten, während gerade bei den letzten beiden Bänden auch schon mal Tracks von 10 - 15 Minuten vorkommen können. Allerdings wirken diese längeren Tracks keinesfalls zäh, weil Cornelia Funke ihren Schreibstil auch weiter ausbaut und es mehr spannende Konflikte gibt.

Alle Bände werden von Cornelia Funke gelesen. Sie hat eine recht tiefe, aber angenehme Stimmfarbe und eine tolle Lesegeschwindigkeit. Sie verleiht den einzelnen Charakteren keine eigenen Stimmen, spricht aber die Dialoge gut und schafft es, die Stimmung der Handlung gekonnt zu transportieren. Ich hätte mir keine andere Sprecherin für diese Reihe vorstellen können.

Man merkt, dass die Hörbücher bereits etwas älter sind. Sie haben nämlich, bis auf die Erkennungsmelodie, keine einheitlichen Intros oder vorhandene Outros. Schlimm ist das nicht. Hin und wieder war ich nur verwundert über das abrupte Ende einer CD oder eines Bandes. 

Mein Fazit 
Obwohl deise Reihe zu einer meiner Lieblingskinderbuchreihen gehört, bin ich mir nicht sicher, ob die Geschichte der wilden Hühner heute noch zeitgemäß ist. Natürlich spielen Themen wie die erste Liebe, Streiche zwischen Mädchen und Jungen heute womöglich auch noch eine große Rolle. 
Allerdings gibt es inzwischen einen technischen Fortschritt, den wir hier in der Geschichte natürlich nicht haben. Die Kinder verfügen nicht über Smartphones, sondern verständigen sich noch über Walkie Talkies, moderne Funkgeräte. Handys und Computer scheinen ihnen auch nicht so wichtig zu sein. 

Gerade Sprotte und Frieda verbringen gerne Zeit in der Natur oder im Garten. Ich bin mir nicht sicher, ob das bei Kindern oder Jugendlichen heutzutage auch noch so ist. Allerdings war ich auch kein Kind, das viel draußen war und ich konnte mit den Abenteuern der Hühner etwas anfangen. 
Ihr merkt: Ich bin etwas unschlüssig. Ich empfehle aber, im lter von ca. 9 Jahren mit der Reihe zu beginnen. Wenn eure Kinder, oder die Kinder, denen ihr die Reihe schenken wollt, zweisprachig aufwachsen, könnte es aber von der Sprache her etwas schwierig werden, weil z.B. der Name Hühner für eine Mädchenbande nicht mehr modern genug wirken könnte. 
Zum Vergleich: Ich habe den ersten Band mal einem Mädchen geschenkt, das auf eine englischsprachige Schule ging. Sie hat das Buch nie in die Hand genommen. 

Und Du? 
Welche Geschichten haben Dich in Deiner Kindheit begleitet? 

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Band 1 wurde mir als Rezensionsexemplar kostenlos vom Verlag zur Verfügung gestellt. 

Kommentare:

  1. Hallo Emma

    Ohh, die wilden Hühner habe ich als Kind auch geliebt :D Da werden Erinnerungen wach, wenn ich die Cover sehe ♥ Dein Fazit finde ich sehr interessant, ich hatte gar nicht daran gedacht, dass einige Themen heute nicht mehr zeitgemäss sein könnten. Jetzt fühle ich mich alt :D

    Schön, dass du dich an das Experiment herangewagt hast. Ich glaube, ich könnte das bei dieser Reihe nicht mehr, weil ich sie als Erwachsene vermutlich zu kindisch finden würde :D

    Liebe Grüsse
    Mel

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    1. Liebe Mel,

      vielen Dank für Deinen Besuch.
      Hehe, was das mit dem alt fühlen betrifft, da weiß ich, was Du meinst. Als sie in der Reihe ganz stolz auf ihre Walkie-Talkies waren habe ich in mich hinein gegrinst und mich daran erinnert, dass ich früher auch unbedingt welche haben wollte und dann etwas enttäuscht war, als sie nicht so gut funktioniert haben, wie ich dachte.

      Da ich zu der Zeit an meinem Weihnachtsbuch geschrieben habe, fand ich es interessant herauszufinden, wie Cornelia Funke die Geschichte kindgerecht erzählt, in der Hoffnung etwas davon mit in das Schreiben für das Weihnachtsbuch nehmen zu können.

      viele Grüße

      Emma

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