Freitag, 8. März 2019

Was ist eine BtG und wozu brauche ich das? - Fragen und Antworten

Zwei Personen besteigen einen Berg und helfen sich dabei gegenseitig.
Foto: Emma Zecka

Aktualisiert am: 26.02.2021

Hallo Buchlinge, 

seit einer Weile berichte ich in manchen Beiträgen auf diesem Blog immer wieder von einer Maßnahme, die ich seit Anfang Januar mache. 
Da es im Internet sehr wenig Material zu dieser Maßnahme gibt, möchte ich in diesem Beitrag mal ein paar wichtige Fragen klären und die Informationen mit euch teilen, die ich zu dieser Maßnahme gefunden habe. 

Dieser Artikel richtet sich hauptsächlich an Menschen, die vor kurzem erblindet sind, oder Menschen, die eine degenerative Augenerkrankung haben, also früher oder später blind werden. 
Aber natürlich könnt ihr diesen Artikel auch lesen, wenn ihr euch für das Thema interessiert. 

Bevor ich inhaltlich einsteige gilt wie immer: 
  • Wenn ihr Fragen oder Ideen habt, über welche Themen ich in Bezug auf Sehbehinderung oder Blindheit unbedingt schreiben sollte: Lasst mir eure Ideen sehr gerne in den Kommentaren da oder schreibt mir eine Mail mit dem Betreff Ge(h)brechen an EmmaZecka(at)gmx.de.
  • Am Ende des Beitrages findet ihr die altbekannte Info, wie sich meine Sehbehinderung im Alltag bemerkbar macht

BtG - Was ist das? 
Die blindentechnische Grundausbildung oder auch Grundrehabilitation oder Grundqualifizierung genannt, ist eine Maßnahme für Menschen, die plötzlich erblindet sind, oder denen eine Erblindung droht. 

In dieser Maßnahme lernt ihr wie ihr euren Alltag blind organisiert. Ihr werdet in folgenden Bereichen geschult: 

  • Punktschrift (Blindenschrift): deutsch und ggf. andere Sprachen sowohl auf Papier als auch auf elektronischen Geräten. 
  • EDV Schulung: z.B. Bedienung von Office Programmen, Navigation im Internet mithilfe von Vorleseprogrammen und Tastenkombinationen), den individuellen Umgang mit Programmen, die ihr benötigt (in meinem Fall z.B. Adobe Digital Editions). 
  • Orientierung und Mobilität: z.B. wie bewege ich mich als blinde Person im Straßenverkehr? Mit welchen Hilfsmitteln kann ich mich orientieren?
  • Lebenspraktische Fähigkeiten: Haushaltsführung also z.B. Wäsche waschen, kochen, putzen. 

Die BtG findet als Voll- oder bei Bedarf auch als Teilzeitmaßnahme statt. Je nachdem, ob ihr die Maßnahme stationär oder ambulant macht, wird bei so genannten Orientierungstagen euer Bedarf ermittelt, also herausgearbeitet, wie lang eure BtG dauern soll. Die Maßnahme kann von drei Monaten bis zu einem Jahr dauern, je nachdem ob ihr in manchen Bereichen schon Vorkenntnisse mitbringt. 

Wer finanziert die BtG? 
Wer für die Kosten aufkommt, hängt davon ab, warum ihr die BtG beantragt, oder in welchem Kontext ihr erblindet seid. Hierzu können keine einheitlichen Angaben gemacht werden, da es unterschiedliche Kostenträger gibt. 
Wenn ihr beispielsweise durch einen Betriebsunfall erblindet seid, werden andere Kostenträger für euch zuständig sein, als bei einer Erblindung während der Schulzeit oder des Studiums. 

Kostenträger können Agenturen für Arbeit oder die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung sein. 

Ambulant oder stationär? 
Nun stellt sich noch die Frage, wo ihr die Maßnahme machen könnt. Und hier gibt es sowohl stationäre als auch wenige ambulante Möglichkeiten. 

In diesen Abschnitten werde ich die Vor- und Nachteile einer stationären oder ambulanten Maßnahme herausarbeiten, in der Hoffnung, dass die Auflistung angehenden Teilnehmenden bei der Entscheidungsfindung helfen kann. 
Ich selbst mache aktuell eine ambulante BtG, habe mich aber für diesen Beitrag auch mit Menschen unterhalten, die eine stationäre BtG absolviert haben. 

Der Stundenplan 
Stationäre Maßnahme: Hier gibt es sowohl Gruppen- als auch Einzelunterricht. Die EDV- und Punktschriftschulungen finden meist im Gruppenunterricht statt. Wenn es hingegen um die lebenspraktischen Fähigkeiten geht, wie z.B. Kochen gibt es Einzelunterricht, da die Teilnehmenden hier unterschiedliche Lernziele haben. Auch der Mobilitätsunterricht findet im Einzelunterricht statt. 
Der Unterricht ist wie ein klassischer Stundenplan aufgebaut und jedes der oben aufgeführten Module wird an einem anderen Tag unterrichtet. 

Ambulante Maßnahme: Ich habe ausschließlich Einzelunterricht bekommen, der modular gestaltet war. Das heißt, die verschiedenen Module verteilten sich nicht auf die fünf Wochentage, sondern wurden mir in einer Art Blockunterricht beigebracht. Die Module hatten eine unterschiedliche Gewichtung, was die Dauer betraf. Einige Module dauerten nur 2-3 Wochen, während andere 4-5 oder 5-6 Monate dauerten. Je nach Modul konnte der Unterricht entweder nur zwei Stunden oder 4-6 Stunden dauern.  
Zwei Module fanden in Präsenz bei mir zu Hause statt. Für ein Modul musste ich in Büroräume meines Anbieters fahren, was aber kein Problem darstellte, da die Räumlichkeiten zentral gelegen waren. Die anderen Module wurden über Onlineschulungen unterrichtet. 

Mein Stundenplan begann mit dem EDV- und dem ersten Teil des Punktschriftmoduls: Ich bekam in den ersten Monaten das Arbeiten mit der Sprachausgabe JAWS beigebracht. Der Schwerpunkt lag hier vor allem in der Anwendung der Office Programme. Außerdem wurde mir die deutsche Vollschrift (die ausführliche Form der Punktschrift) beigebracht. Mehr Infos zu den Unterschieden gibt es in diesem Beitrag
Anschließend gab es eine sehr kurze Einheit in Mobilitätstraining und lebenspraktischen Fähigkeiten, die ein bis zweimal die Woche stattfand und insgesamt ca. 4-5 Wochen dauerte. 
Im Zeitraum von ca. 5-6 Monaten bekam ich das zweite Punktschriftmodul beigebracht. Nämlich die deutsche Kurzschrift. 
Außerdem gab es einen kleinen Anteil an Coaching: Hier ging es bei mir darum, berufliche Perspektiven zu entwickeln und meine Bewerbungsunterlagen zu optimieren. (Ich gehe aber stark davon aus,d ass dieses Modul davon abhängt, in welchem Rahmen die BtG beantragt wird und dieses Modul nicht standardmäßig enthalten ist). 

Austausch mit Betroffenen 
Stationäre Maßnahme: Dadurch, dass man in der stationären Einrichtung in Gruppen unterrichtet wird, hat man mit Menschen zu tun, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Teilnehmende der stationären BtG haben mir erzählt, dass sie den Austausch mit anderen Betroffenen sehr genossen haben. Und ich kann mir auch gut vorstellen, dass es Menschen, die zuvor noch nichts mit Blinden und Sehbehinderten zu tun hatten, helfen kann, nach einer Erblindung oder vor einer drohenden Erblindung auf Menschen zu treffen, die ähnliche Fragestellungen beschäftigen. 

Ambulante Maßnahme: Dadurch, dass ich einzeln beschult werde, habe ich bis auf die selbst sehbehinderten oder blinden Mitarbeitenden, die mir die Inhalte vermitteln, keinen Austausch mit Menschen, die plötzlich erblindet sind oder kurz vor einer Erblindung stehen. 
Allerdings empfinde ich es keinesfalls als Nachteil, da ich bereits ein Gymnasium für Blinde und Sehbehinderte besucht habe und ich daher viele blinde Freunde habe und so weiß, dass man auch, wenn man blind ist oder wird, ein glückliches Leben führen kann. 
Da die Mitarbeitenden, die mich schulen, selbst blind oder sehbehindert sind, fühle ich mich inhaltlich in einigen Modulen gut aufgehoben, da sie die Sachen, die sie mir beigebracht haben größtenteils selbst im Alltag nutzen und mich so bei Problemen beraten konnten. 

Die technische Ausstattung 
Da in den Schulungsinhalten auch der Umgang mit wichtigen Hilfsmitteln erlernt werden soll, ist eine technische Ausstattung notwendig. 

Stationäre Maßnahme: Der große Vorteil einer stationären Maßnahme ist, dass alle benötigten Hilfsmittel vor Ort sind und man vor Ort auch ggf. unterschiedliche Hilfsmittel testen und einen Eindruck davon bekommen kann, welche Hilfsmittel man im Alltag wirklich benötigt. 

Ambulante Maßnahme: Bevor meine Maßnahme begann, habe ich eine Empfehlung mit einer technischen Ausstattung bekommen, die ich mir zulegen sollte. Spoiler: Die Ausstattung kann entweder ganz, oder anteilig von dem Kostenträger übernommen werden, der eure BtG finanziert. 
Nachdem ich die Empfehlung bekommen habe, recherchierte ich um welche Hilfsmittel es sich handelt und versuchte für mich herauszufinden, ob ich mir vorstellen konnte, diese Hilfsmittel im Alltag wirklich zu benutzen. 
Folgende Hilfsmittel habe ich mir für die BtG besorgt: 

  • Punktschriftmaschine: Eine Maschine, mit der ich Blindenschrift auf Papier o. Ä. schreiben kann. 
  • Braillezeile: Eine Gerät, das mir bestimmte Bildschirminhalte in Punktschrift darstellt. 
  • ScreenReader JAWS: Eine Sprachausgabe, die mir den Bildschirminhalt vorliest. 

Weitere Hilfsmittel, die für Blinde wichtig sind und die ich bereits benutze, sind: 

  • OpenBook: Hierbei handelt es sich um eine OCR Scansoftware mit einer integrierten Sprachausgabe, damit sie von Blinden bedient werden kann. Eingescannte Texte können hier beispielsweise als Word, PDF oder auch Audiodatei abgespeichert werden. Vorsicht: Wer sich jetzt fragt, warum es eine eigene Scansoftware braucht: Normalerweise werden Texte nach dem Scanvorgang als Bilddateien (jpg-Format abgespeichert. Diese Formate können von Blinden aber nicht gelesen werden. Außerdem ist OpenBook barrierefrei und somit für Blinde definitiv bedienbar. 
  • iPhone: Ja, man kann es kaum glauben, aber tatsächlich kann das iPhone dank zahlreicher Apps auch als Hilfsmittel dienen. Apple installiert auf seinen Produkten standardmäßig die Sprachausgabe VoiceOver, die den Nutzenden den Bildschirminhalt vorliest. Samsung hat hier in den letzten Jahren zwar aufgeholt, dennoch habe ich von Nutzer*innen gehört, die beide Betriebssysteme kennen, dass sich das iPhone immer noch einfacher bedienen lässt.  

Die Unterbringung 
Stationär: Hier hängt die Unterbringung von der Einrichtung ab, für die ihr euch entscheidet. Es gibt Einrichtungen, in denen die Teilnehmenden auf dem Gelände der Einrichtung untergebracht sind und von der Stadt, in der sie leben, nicht viel mitbekommen. 
Allerdings gibt es auch Einrichtungen, in denen die Teilnehmenden einrichtungsnah untergebracht sind, aber sich selbst versorgen können. 

Ambulante Maßnahme: Dieser Punkt erklärt sich eigentlich von selbst, oder? Da die Schulungen bei mir zu Hause stattfinden, wohne ich auch in meinen eigenen vier Wänden. Je nachdem solltet ihr euch aber vorher die Frage stellen, ob ihr wollt, dass für euch fremde Personen mehrere Stunden am Tag in euren vier Wänden verbringen werden. 

Ambulant oder stationär? Das Fazit 
An sich ist es wirklich eine sehr schwierige Frage, die wahrscheinlich doch nicht so einfach zu beantworten ist, wie ich gedacht habe. Letztendlich müsst ihr euch die Frage stellen, was ihr braucht. Wollt ihr lieber bei eurer Familie bzw. eurem sozialen Umfeld bleiben? Oder glaubt ihr, dass euch ein Tapetenwechsel guttun könnte? Welche Erwartungen habt ihr an die BtG? Und welche Einrichtung kann eure Erwartungen erfüllen? 

Viele Personen verbinden eine stationäre Unterbringung mit einem Klinikcharakter. Dieses Argument kann ich sehr gut nachvollziehen, da schnell der Eindruck entstehen kann, in einer stationären Einrichtung isoliert zu sein. 
Falls ihr euch dennoch für eine stationäre Einrichtung entscheidet, empfehle ich euch eine Einrichtung, in der ihr nicht direkt auf dem Einrichtungsgelände lebt, sondern auch etwas von der Stadt mitbekommt, so wie es beispielsweise bei der blista in Marburg der Fall ist.

Obwohl es wahrscheinlich Menschen gibt, die mir vehement widersprechen, glaube ich, dass eine stationäre Maßnahme für manche Teilnehmenden eine gute Lösung sein kann: Gerade, wenn man vor der (drohenden) Erblindung noch nie mit Blinden oder Sehbehinderten zu tun hat, lernt man in der Einrichtung nicht nur Menschen kennen, denen es ähnlich ergeht, sondern trifft auf Menschen, die trotz Erblindung ein selbstständiges Leben führen. Und ich kann mir gut vorstellen, dass es Teilnehmer*innen helfen kann, mit der eigenen Erblindung umzugehen. 

Dennoch finde ich es schwierig, einige Inhalte in einem geschützten Umfeld zu lernen, da man in seinem eigenen Wohnort beispielsweise vor ganz andere Herausforderungen gestellt wird, die man in einer stationären Einrichtung wahrscheinlich nur schwer trainieren kann. 

So bietet beispielsweise die blista in Marburg eine BtG an. In Marburg leben aber sehr viele Blinde, das heißt dass es dort einige Sachen gibt, die in anderen Städten noch nicht vorhanden sind: 
Es gibt jede Menge akustische Ampeln, also Ampeln, die ticken, wenn es rot ist und piepen, wenn es grün geworden ist. Die Busfahrenden sagen den blinden Fahrgästen vor dem Einsteigen, vor welcher Buslinie sie stehen. Es gibt bei bestimmten Einkaufsläden Mitarbeitende, die Blinden beim einkaufen helfen. 
Das sind alles Kriterien, die einem den Alltag ungemein erleichtern. Allerdings ist es leider auch ein Luxus, der in anderen Städten noch nicht angekommen ist. (Ich hoffe ja immer noch, dass sich zumindest die Sache mit den akustischen Ampeln in meiner Heimatstadt bald ändern wird). 
Und da finde ich es schwierig, beispielsweise das Überqueren einer Straße zu erlernen, wenn es in Marburg einfach Ampeln gibt, auf die man sich verlassen kann. Viele Blinde bleiben daher nach Abschluss der BtG oder einer (Schul)-Ausbildung in Marburg. 

Anbieter einer stationären BtG
Ich habe inzwischen gehört, dass auch die stationären Einrichtungen viel Wert auf eine individuelle Schulung legen und kein standardisiertes Programm anbieten, welches sich nicht an den Teilnehmenden orientiert.
Auch, wenn es auf der Homepage heißt, dass die Maßnahme nur in Vollzeit absolviert werden kann, gibt es vielleicht die Option, bei einem persönlichen Kontakt individuelle Lösungen zu erarbeiten. Schließlich haben stationäre Einrichtungen ein Interesse daran, Teilnehmer*innen für ihr Angebot zu finden. 

Einrichtungen, die eine stationäre BtG anbieten: 

Da ich den Anbieter meiner BtG leider nicht weiterempfehlen kann, wird er hier nicht aufgeführt. 

Und Du? 
Hast Du eine BtG durchlaufen oder kennst Du Menschen, die vor die Entscheidung gestellt sind, eine BtG zu beantragen? 
Wie sind Deine Erfahrungen? 

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Die fünf Artikel, die in dieser Rubrik zuletzt online gegangen sind: 
1. 5 Dinge, die ich gerne vor meinem Studium gewusst hätte: Part 5 - Dass vieles heißer gekocht, als gegessen wird
2. Barrierefreiheit auf der Frankfurter Buchmesse 
3. 5 Dinge, die mich an meiner Sehbehinderung stören
5. Hilfe anbieten, aber wie? 

Zu meiner Person und der Sache mit der Sehbehinderung: 
Ich bin von Geburt an auf dem linken Auge blind und auf dem rechten Auge hochgradig sehbehindert. Seit 2017 beträgt mein Sehrest 2%, was bedeutet, dass ich nach dem Gesetz als blind gelte. In der Praxis heißt dass: Ich...
  • Habe Mühe mich in unbekannten oder schlecht beleuchteten Räumen zu orientieren. 
  • Erkenne mir bekannte Personen nicht im Vorbeigehen. 
  • Laufe mit einem Blindenlangstock (von mir als Elderstab betitelt) pendelnd durch die Weltgeschichte. 
  • Kann keinen Blickkontakt mit meinem Gegenüber aufnehmen und mit der Mimik meines Gegenübers nichts anfangen. 
  • Kann Personen, die in unmittelbarer Nähe (linker, rechter Sitznachbar je nach Entfernung auch mein Gegenüber) erkennen, alle was darüber hinaus geht aber nicht.
Achtung: Mit den Prozenten und dem Sehrest verhält es sich sehr subjektiv. Nicht alle Menschen, die 2% sehen müssen beispielsweise einen Langstock zur Orientierung nutzen.

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