Mittwoch, 6. März 2019

Gargoyle

Bild von der Hörverlag
Steckbrief
Name: Gargoyle (auch als Buch erhältlich)
Autor: Andrew Davidson
Verlag: der Hörverlag
Geeignet für: Menschen, die ungewöhnliche Liebesgeschichten mit einer gut verstrickten Handlung mögen
Gelesen oder gehört: gehört, als ungekürztes Hörbuch
Sprecher: Stefan Kaminski und Sascha Maria Icks
Bewertung: 5 von 5 Punkten


Klappentext 

"Ein Mann überlebt einen Unfall mit schwersten Verbrennungen. Entstellt und voller Schmerzen hat er danach nur einen Gedanken: Wie kann er seinem elenden Zustand ein Ende bereiten? Da taucht eine mysteriöse Frau an seinem Krankenbett auf: die schöne Marianne Engel, exzentrische Bildhauerin beeindruckender Fabelwesen. Sie behauptet, sie seien einst Liebende gewesen – vor siebenhundert Jahren in Deutschland, als sie eine Nonne war und er ein Söldner auf der Flucht. Ist diese Frau einfach verrückt? Oder ist sie der rettende Engel, der ihn erlösen wird?
Die Lesung von Stefan Kaminski und Sascha Icks ist so spannend, so beflügelnd,
so packend, dass sie die volle Aufmerksamkeit verlangt – und verdient.
Die einzige Tragödie ist, dass sie trotzdem einmal endet ..."


Meine Meinung 
Kennt ihr diese Geschichten, mit denen man eine richtige Reise erlebt? Mit Höhen und Tiefen, Orientierungslosigkeit und aufgeregtem Kribbeln, weil man es kaum erwarten kann, weiterzuhören? Genauso ging es mit mir Gargoyle

Die Handlung beginnt mit einem Mann, der einen Autounfall überlebt. Allerdings trägt er schlimme Verbrennungen davon und muss daher mehrere Monate in einer Rehabilitationseinrichtung behandelt werden. Dort lernt er Marianne Engel kennen, die eine blühende Fantasie hat. Und so stellt sich die Frage: Ist sie einvach nur verträumt oder vielleicht sogar weise?

Die Geschichte besteht aus drei Handlungssträngen: Zu Beginn erzählt uns der Verbrennungspatient erst einmal wer er ist und wie sein Leben bisher aussah. Seine Perspektive bewegt sich, nach dem Unfall, immer in der Gegenwart.
Als er Marianne Engel kennenlernt, setzt der zweite Handlungsstrang ein. Sie verbindet nämlich eine ganz eigene Geschichte mit dem Verbrennungspatienten. Und diese erzählt sie uns in ihrem Handlungsstrang.
Außerdem baut Marianne Engel immer wieder kleine Geschichten ein, die von Liebenden handeln. Menschen, die vor Entscheidungen gestellt werden. Wie viel wollen sie für ihre große, vielleicht sogar die einzige Liebe tun?
Und da bleibt natürlich die Frage, ob all diese Handlungsstränge wirklich zueinander führen.

Anfangs war ich etwas orientierungslos, weil ich nicht verstanden habe, in welche Richtung die Geschichte geht. Geht es um reine Krankheitsbewältigung? Hört die Geschichte an der Stelle auf an der unser Verbrennungspatient entlassen wird? Und was hat es mit Mariannes merkwürdigen, aber auch interessanten Geschichten auf sich?
Ich habe etwa das erste Drittel des Hörbuchs gebraucht, um zu verstehen, dass es sich hier um drei Handlungsstränge dreht, die früher oder später wahrscheinlich zusammenlaufen. Und als ich dann begriffen habe, wie jeder Handlungsstrang aufgebaut ist, wollte ich unbedingt wissen, wie die Geschichte weitergeht. 

Diese Idee mit jedem der drei Handlungsstränge eine andere Perspektive von Liebe zu beleuchten, fand ich ziemlich genial. Gerade, weil es sich hier eben um einen Reise handelt: Liebe mit Höhen und Tiefen. Und gegen Schluss kristallisiert sich eine klare Frage heraus, die Andrew Davidson in seiner Geschichte beantwortet.

Die beiden Protagonisten von Gargoyle sind sehr interessant, weil sie beide Mühe haben, Beziehungen zuzulassen oder aufrechtzuerhalten.
Der Verbrennungspatient hatte bisher nie die Möglichkeit, eine tragfähige Beziehung aufzubauen. Die Erkenntnis seines bisherigen Lebens bestand darin, sich auf sich selbst zu verlassen und sich nicht von anderen Menschen abhängig zu machen. Und da taucht plötzlich Marianne Engel auf, die einfach so beschließt sich um ihn kümmern zu wollen. Dabei kennt er sie doch gar nicht. Wie soll das also funktionieren?

Marianne Engel hingegen scheint hin- und her gerissen zwischen dem Wunsch nach einer Beziehung und dem Bedürfnis für sich zu sein und sich nur um sich selbst kümmern zu müssen.  Einige Personen stempeln Mariannes Verhalten als krankhaft ab. Und durch ihren Handlungsstrang lernen wir ihre Sicht auf die Welt kennen und finden heraus, dass ihre Gedanken durchaus Sinn ergeben.

Kommen wir nun zur Gestaltung des Hörbuches: Das Hörbuch wurde ungekürzt von der Hörverlag produziert und ich kann kaum glauben, dass die Geschichte schon zehn Jahre alt ist. Gefühlt hat das Hörbuch erst in den letzten fünf bis sechs Jahren zugelegt. Titel auf meinem Stapel ungehörter Hörbücher, die Anfang der 2000er Jahre produziert wurden, sind heute nicht mal mehr als Download erhältlich und das, obwohl es sich keinesfalls um schlechte Produktionen handelt. Deswegen freut es mich umso mehr, dass Gargoyle immer noch im Handel erhältlich ist.

Da wir hier zwei Protagonisten haben, kommen hier auch zwei Interpreten zum Einsatz und zwar Stefan Kaminski und Sascha Maria Icks. Beide Sprecher haben gut miteinander harmoniert.
Stefan Kaminski interpretiert hier einen Protagonisten der abgehärtet und bemüht ist, niemanden an sich heranzulassen. Doch nach seinem Unfall fällt er in ein tiefes Loch und Dämonen zeigen sich, die ihm das Leben schwer machen. Und gerade diesen Zwiespalt zwischen Stärke zeigen und kurz davor sein, zu zerbrechen, konnte Stefan Kaminski gut in Worte fassen.
Sascha Maria Icks kannte ich bisher nur aus der Lesung von Natascha Kampuschs 10 Jahre Freiheit. Und hier klang sie sehr hart und unterkühlt, was aber viel mit dem Inhalt zusammenhängt. Doch in Gargoyle interpretiert sie Marianne Engel, die sehr zerbrechlich wirkt. Und ich fand es sehr spannend, die Sprecherin in diesem anderen Stilmittel erleben zu dürfen. Sie hat es geschafft, mir Mariannes Gefühlswelt näherzubringen.

Das Spannende an Andrew Davidsons Schreibstil finde ich ist, dass er in der Perspektive des Verbrennungspatienten in der Gegenwart schreibt und für den Handlungsstrang der Marianne in die Vergangenheit schlüpft und das es sich überhaupt nicht schwierig liest, sondern mir der Wechsel zwischen den Zeiten erst nach einer Weile aufgefallen ist. Und dabei habe ich den Eindruck, dass dieser Wechsel häufig als Stilbruch ausgelegt wird.
Besonders beeindruckend fand ich, dass er das Thema Liebe mit bildhafter Sprache beleuchtet, ohne, dass es kitschig wird, aber so, dass alle wesentlichen Informationen enthalten sind.

Gesamteindruck: Als ich mit Gargoyle begann, hatte ich keine Ahnung, was mich erwartete. Und nach der ersten halben Stunde spielte ich dann mit dem Gedanken, die Geschichte sogar abzubrechen. Zum Glück habe ich durchgehalten, die Orientierungslosigkeit überwunden und danach diesen Schatz gefunden. 
Gargoyle ist für mich ein kleiner Geheimtipp bei dem man erst einmal genauer hinhören muss, um zu erkennen, welche Geschichte man hier vor sich hat. Ich kann das Hörbuch allen empfehlen, die eine besondere Liebesgeschichte suchen. 

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