Freitag, 7. Dezember 2018

Türchen 7: Marianne

Liebe Marianne,
ja, auch Du stehst auf meiner Liste. Du hast doch wirklich nicht geglaubt, dass Du das Weihnachtsfest ohne mich verbringen wirst, oder? Wobei … An dieser Stelle weiß ich ja immer noch nicht, ob mein Plan wirklich funktioniert.
Du hast mich immer für etwas verrückt gehalten. Und wer weiß, vielleicht stimmt das ja auch.
Aber ich bin einfach daran interessiert, ob ein Puzzle im echten Leben auch funktioniert. Ob sich alle Teile zusammenfügen lassen und jeder seinen Platz erkennt. Gut, vielleicht klingt das in Deinen Ohren doch um einiges verrückter, als es eigentlich soll.
Wenn wir uns an Weihnachten sehen, würde ich mich unglaublich freuen, wenn Du Deine Haselnuss-makronen mitbringst. Vielleicht hast Du ja Zeit und Lust auch Lilly und Annika welche vorbeizubringen. Oder Jürgen.
Aber wahrscheinlich bist Du der Meinung, dass mein missratener Sohn keine Kekse verdient hat. Du kennst meine Meinung. Er ist nun mal eigen, aber eben immer noch mein Sohn.

Na ja, spätestens an Weihnachten wird er dann ja hoffentlich welche bekommen, was?

Es grüßt,

Marlene!


Der siebte Dezember: 
Himmel, Herrgott! Früher hast Du mir wenigstens einen richtigen Tipp gegeben und nicht nur Arbeitsaufträge verteilt, Schwesterherz!
»Alpha, diese Nachricht bitte speichern«, fügte sie laut hinzu, damit ihr »Appgate« reagieren konnte.
Während die Menschheit nicht genug von den »Schrunks« bekommen konnte, erkannten nur die Jugend und eben Marianne das Potenzial der »Appgates«. Ein einfacher Aufbau und wenige Funktionen. Genau das, was der Mensch brauchte, um nicht ständig von seinem eigenen Leben abgelenkt zu werden.
Das »Appgate« diente einzig und allein dazu, Nachrichten empfangen und schreiben zu können und Anrufe entgegenzunehmen, sofern es sich nicht um Videoanrufe handelte.
Außerdem konnte das Internet mit merkwürdigen Fragen in Verlegenheit gebracht werden, vorausgesetzt, man wollte auch hier keine Videos mit dem Ding anschauen. Denn dafür war der Bildschirm wirklich zu klein und die Technik nicht gut genug gerüstet.
»Das ist ja fast wie mit diesen Seniorenhandys!«, hatte Marianne begeistert ausgerufen, als ihr Marlene so ein »Appgate« geschenkt hatte. Seniorenhandys, diese Dinger, die sie nur von ihren Eltern kannten.
Glücklicherweise war Alpha sehr gesprächig und las ihr die meisten Texte vor. So musste sie noch nicht einmal ihre Brille suchen gehen, wenn sie ihre Post lesen wollte.
Marianne wusste sofort, dass ihr Gerät nur Alpha heißen konnte. Was waren denn Siri und Alexa bitteschön für Namen? Diese Titel sagten überhaupt nichts aus. Alpha hingegen hatte etwas Glanzvolles.
»Bitte sprechen Sie in grammatikalisch korrekten Sätzen mit mir«, reagierte das Gerät.
»Alpha, bitte schalte deine Autokorrektur ab«, kommentierte Marianne mit einem ironischen Lächeln.
»Autokorrektur inklusive akademischen Mentor sind deaktiviert. Der vorangegangene Befehl wurde zu Ihrer Zufriedenheit ausgeführt. Die Nachricht wurde gespeichert. Sprechen Sie, wie es Ihnen beliebt, Marianne.«
»Danke, Alpha, das wollte ich hören!«
»Gern geschehen. Benötigen Sie meine Hilfe für weitere Aktivitäten?«
»Nein.«
»Vielen Dank! Ich schalte mich nun in den Ruhezustand, um etwas Energie zu sparen.«
Was für ein intelligentes, kleines Ding du doch bist, dachte Marianne, stand auf und begann damit, ihr Geschirr abzuräumen.
Das Frühstück war beendet. Der Appetit war ihr nach Marlenes Botschaft vergangen. Sie hätte Beta, ihren Hilfsroboter befehlen können, die Küche aufzuräumen. Aber Marianne war genervt. Von der Technik, ihrer Schwester und der ganzen Welt. Zumindest in meinen eigenen vier Wänden möchte ich die Oberhand behalten, grummelte sie in Gedanken.
Was sollte sie nun tun? Normalerweise machte Marlene ziemlich genaue Andeutungen, wo Marianne nach einem Tipp für des Rätsels Lösung suchen konnte. Aber diesmal war wirklich nichts dabei.
Nicht mal ein eingebautes Wortspiel, das man anhand von ungewöhnlichen Rechtschreibfehlern erkennen konnte.
Vielleicht hat die alte Schachtel ja auch einfach vergessen, mir einen Tipp mit auf den Weg zu geben. Bei diesem Gedanken verzogen sich Mariannes Mundwinkel tatsächlich zu einem kleinen Lächeln.
Obwohl Marianne eigentlich die Ältere der beiden war, zog sie Marlene regelmäßig mit den Themen Alter und drohende Demenz auf. Die Sticheleien bezogen sich aber auch auf andere Themen. Das hatte einen einfachen Grund: Marlene war bequem. Sie mochte es, in ihrem Sessel zu sitzen und die Fäden in der Hand zu behalten, anstatt selbst mit anzupacken. Das war schon immer so gewesen.

Da ertönten die ersten Takte von »This is a message to you, Rudy«.
Marianne horchte auf. Das war der Klingelton, den sie Gerda zugeordnet hatte.
Gerda kannte weder einen Rudy, noch hatten die beiden eine gemeinsame Geschichte, die sie mit diesem Lied verbanden.
Marianne neigte nur dazu, wichtigen Kontakten in der Weihnachtszeit weihnachtliche Klingeltöne zu geben. Dabei hatte sie keine Ahnung, ob es dieses Lied wirklich von dem besagten Rentierrudy handelte.
»Marianne, im Ernst! Da kommt nie jemand drauf, dass sich hinter diesem grässlichen Lied meine beste Freundin verbirgt«, hatte Marlene einmal bemerkt.
»Na, zum Glück bist du in unserer Familie für die Rätsel zuständig. Da kann ich ja die merkwürdigen Assoziationsketten übernehmen«, erwiderte Marianne geknickt. Warum konnte ihre Schwester diese Reihenfolge von aneinandergereihten Gedanken nicht nachvollziehen? Das war doch alles so offensichtlich.
Marianne war schon auf dem Weg zu ihrem schnurlosen Telefon – ja, ja eine wahre Antiquität, – als sie bemerkte, dass der Bildschirm ihres Fernsehers aufleuchtete. Gerda wollte eine Videokonferenz.
»ANRUF ANNEHMEN!« Marianne brüllte vor lauter Aufregung.
Sie stürmte auf ihren Ohrensessel zu und ließ sich gerade noch rechtzeitig darauf fallen. Der Klingelton verschwand und Gerda war auf dem großen Flachbildschirm zu erkennen.
»Marianne, wir müssen reden!« Gerda fiel sonst nie sofort mit der Tür ins Haus.
»Was ist denn los?«, fragte Marianne besorgt, ahnte aber, um was es ging.
»Deine blöde Schwester treibt mich in den Wahnsinn! Es ist jetzt drei Tage her, seit ich ihre Nachricht erhalten habe. Und sie geht mir einfach nicht aus dem Kopf.« Während Gerda redete, bekam ihr Gesicht eine leicht rötliche Farbe.
Marianne lachte auf: »Das heißt, du bist auch in ihrem mysteriösen Verteiler?«
»Was denkst du denn? Ich bin ihre beste und vermutlich auch älteste Freundin!« Doch auch auf Gerdas Gesicht breitete sich ein kleines Lächeln aus.
Dann herrschte Stille zwischen den beiden Frauen. Sie kannten sich schon fast ein ganzes Leben lang und hatten wohl schon genauso lange unter Marlenes Rätseln zu leiden. Dieses Rätsel hingegen unterschied sich aber deutlich von den bisherigen Exemplaren.
»Meinst du, sie hat sich etwas angetan?«, fragte Gerda unvermittelt.
»Ach, Quatsch!« Marianne schlug mit der Hand aus, als wollte sie eine nervige Fliege verscheuchen. »Wie kommst du denn darauf?«, fügte sie schnell hinzu, da Gerda kein bisschen beruhigt aussah.
»Na ja, wir werden nicht älter. Äh ich meine jünger. Du weißt schon, herrje. Und sie hat in meinem Brief davon geredet, dass es das letzte Weihnachtsfest sein könnte…« Gerda ließ ihren Satz unbeendet im Raum stehen.
»Magst du mir ihren Brief zeigen?«, fragte Marianne.
Vielleicht konnte man ja zumindest in diesen Zeilen einen Hinweis erkennen. Und zwei Gehirne sind immer noch besser als eines, dachte sie.
»Horst! Öffne bitte meine E-Mails!«, befahl Gerda.
»Wirklich? Du nennst deinen Fernseher Horst?«, fragte Marianne belustigt.
»Das Ding heißt schon lange nicht mehr Fernseher, sondern Schrink«, bemerkte Gerda abwesend, weil sie Horst genau dabei beobachtete, wie er Ordner öffnete und sich schließlich zu ihren E-Mails vorarbeitete.
Neben Gerdas Gesicht war ein zweiter Bildschirm aufgetaucht, der den Teil zeigte, den Marianne sonst nicht zu Gesicht bekam.
»Du verwirrst mich. Was zur Hölle ist ein >Schrink<? Das klingt wie ein ziemlich schräges Spiel, wenn du mich fragst.«
»Das war es tatsächlich auch. Die Erfinder erwähnten, dass es sich um ein Trinkspiel handelte. Sie nannten es >Schrink, Schrank, Schrunk<. Als sie die >Schrinks< dann fertig hatten, benannten sie die verschiedenen Größen nach dem Spiel. Die >Schrinks< stellen hierbei das größte Modell dar. >Schranks< sind mit den früheren Tablets zu vergleichen und >Schrunks<… hach, ich glaube, das sind die >Appgates< für Süchtige. Mit mehr Funktionen und Ablenkung. Ziemlich dämlich, aber die Jugend versteht sich eben nicht mehr darauf pfiffige Namen zu erfinden. Und jetzt lies!«, befahl Gerda.
Mittlerweile war Horst stehen geblieben und die E-Mail war auf den Bildschirmen der beiden Frauen zu erkennen.
»Allerliebste Gerda,…«, vernahmen beide Freundinnen eine piepsige, elektronische Stimme. Sie hatte überhaupt nichts Männliches, sondern klang eher nach einem Kind.
»Verdammt! Du Horst! Doch nicht du! Sprache deaktivieren!«, funkte Gerda prompt dazwischen.
Marianne lachte, hatte sich aber schnell wieder beruhigt und begann mit dem Lesen der Nachricht.
»Okay, sie will also, dass du zu diesem Weihnachtsmarkt fährst«, fasste Marianne zusammen.
»Und von dir möchte sie diese leckeren Haselnussmakronen. Da hätte ich übrigens auch nichts einzuwenden, wenn du mich fragst.«
Marianne hatte ihre Nachricht ebenfalls mit Gerda geteilt.
»Was hältst du davon, wenn wir beide zu diesem Weihnachtsmarkt fahren? Vielleicht finden wir ja dort irgendeinen Hinweis, der uns weiterbringt«, schlug Marianne vor.
»Aber nur unter der Bedingung, dass du die Haselnussmakronen mitbringst!«, forderte Gerda.
Marianne seufzte. Sie kam wohl nicht darum herum, in diesem Jahr wieder Plätzchen zu backen.
»Abgemacht. Aber lass uns unter der Woche hinfahren. Am Sonntag kommen doch tausend Touristen in den Ort. Du weißt schon, alles nur wegen dieser Attraktion«, erwiderte Marianne.
Gerda nickte: »Marlene hat immer darauf bestanden, am Sonntag zu fahren. Aber irgendwie muss ich mich ja an ihr rächen.«
»Also…«, Marianne hob die Hand und wartete auf Gerdas Erwiderung. Diese tat es ihr gleich. Und wären die beiden Freundinnen nicht durch zwei Bildschirme getrennt worden, hätten sie sich abgeklatscht. 
Immerhin versteht sie meine Assoziationsketten und hat unser Kindheitsritual nicht vergessen, dachte Marianne zufrieden, weil Gerda auf den Handschlag reagiert hatte.

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Kommentare:

Anja Bauer hat gesagt…

Guten morgen,
ah langsam begegnen wir bekannte Gesichter. Jedenfalls merke ich es jetz. Auf der Schnitzeljagd bin ich zwar auch schon, aber im augenblick lasse ich mich noch von den einzelnen Türchen ablenken.
Jedenfalls macht es Spaß, jeden Tag neue Hinweise zu bekommen und mal sehen, was da raus kommt :-)
Beste Grüße
Anja

Anonym hat gesagt…

"Horst, sag mir wo Marlene sich versteckt!" Wer braucht denn keinen Horst - gerade so kurz vor Weihnachten!
Endlich tut sich ein Konsortium zusammen um der Sache näher zu kommen! Gerda und Marianne, das Sherlock Holmes und Dr. Watson Team. Werden Sie, wie Marlene es plant am Sonntag auftauchen (wo vielleicht noch andere Protagonisten anwesend sind?), oder Wochentags übelst auf dem Weihnachtsmarkt am Glühweinstand abhängen? Der Rätsel sind viele....

Die Grafikerin

Emma hat gesagt…

Liebe Anja,

momentan besteht die Geschichte auch hauptsächlich noch darin, die wichtigen Charaktere kennenzulernen. Von daher ist es völlig in Ordnung, wenn Du das Schnitzel erstmal Schnitzel sein lässt :-).

Super, dass Dich auch dieses Türchen wieder überzeugen konnte und Du Dich über ein Wiedersehen mit Gerda gefreut hast.

viele Grüße

Emma

Emma hat gesagt…

Liebe Grafikerin,

keine Ahnung, was die beiden älteren Damen wohl machen werden, ich schwör! :)
Glühwein oder kein Glühwein, das scheint hier die Frage.
Aber ich seh schon, meine Fährten könnten gut gelegt sein.
Oder auch nicht.
Wir werden sehen bzw. lesen.

viele Grüße

Emma

Jazzer hat gesagt…

Hi Emma,

neulich hat „Jogis 12. Mann“ Deine Story als Art Fußballspiel interpretiert ...
(Voll vergeben, Fehlschuß, glatt versemmelt, zu früh geschossen, Hüftschuß der in die Hose ging - würd ich sagen.)

Aber ICH hab jetzt spontan erkannt, was hier los ist. Assoziative Vibrations Analyse - so nennen sie es in Musikerkreisen.

Beim Name „Marianne“ kam es wie eine Eingebung. Na klar, die one and only :
MARIANNE ROSENBERG !
OK, nicht gerade eine Jazzsängerin, aber sie sang
„IHR GEHÖRT ZU MIR“ !
Das sagt alles ! Außerdem kann sie etwas Klavier und Gitarre !

Und dann der Klingelton : „This is a message to you, Rudy“
Netter cooler song mit Reggea-Ska-touch...Hinweis auf Worldmusic und Offenheit, Integrierendes ..

Und, jetzt kommts, wir alle wissen, wenn der gute alte Nerv-MILES jemanden in seine Band wollte,
rief er ihn an und sagte „Hey, here‘ s Miles. I want you in my band. Come tomorrow in the studio and bring a composition,bye !“

Diese Musik, die hier in der Luft liegt, sagt mir :
Marlene, nicht gerade everybodys darling, vermutlich eine begnadete drummerin, trommelt eine BigBand zusammen. !!!!
Unterschiedlichste und virtuoseste Charaktere werden in ein Studio gelockt und sie kreieren einen innovativen new-free-peace-big-band-sound.

Es gab
The Thad Jones - Mel Lewis Big Band
The Toshiko Akiyoshi – Lew Tabackin Big Band

Vielleicht erlebt 2099 die Geburt des :

MARLENE & MARIANNES SCHNUCKIE ORCHESTRA

Ich freu mich auf die Session am 24-ten !

Emma hat gesagt…

Nah dran, nah dran, lieber Jazzer.
Doch muss ich leider verkünden, dass du dir diesen Namen für einen anderen Kommentar hättest aufsparen sollen.
Achte auf das 11. Türchen.

Und ich hätte statt "Offenheit" fast "Ofenheit" gelesen und mich gefragt, ob Du die Köstlichkeiten im Ofen bereits unter die Lupe oder in den Magen genommen hast. Wo wir gerade bei Assoziationen wären...

Bis vielleicht morgen... :)

Daniela von Buchvogel hat gesagt…

So langsam brauch ich dann eine Namensübersicht. Aber noch geht es. Marianne und Marlene = Schwestern. Gerda = Freundin von beiden. Das finde ich übrigens nett :)
Auch, dass sie ihren "Fernseher" Horst nennt.
Ich wünsch dann mal beiden viel Spaß auf dem Weihnachtsmarkt, vielleicht hat sich ja Marlene in dem nämlichen Ort "verschanzt"? Ich bin schlecht im Rätsel lösen...

Emma hat gesagt…

Liebe Daniela,

ich hab tatsächlich schon überlegt, ob ich nicht irgendwo eine Art Stammbaum einfügen soll. Es gibt im Grunde drei Lager: Die Familie (Marianne, Lilly, Anika, Jürgen), Freunde der Familie (Gerda, Christian, Olli) und die Mitarbeiter bzw. Mitbewohner der Residenz (Renate, Marina, Harald und Daniel Pelzer). Und jetzt hoffe ich wirklich, dass ich niemanden vergessen habe :-)

viele Grüße

Emma

Anonym hat gesagt…

Hach wie herrlich:

»Autokorrektur inklusive akademischen Mentor sind deaktiviert.«

LG Skyara

Emma hat gesagt…

Hey ho Skyara,
da legst Du ja einen kleinen Lesemarathon hin, wenn Du jetzt alle Türchen aufholst. (Wie war das doch gleich mit der Lese-Challenge?) :)

viele Grüße

Emma