Dienstag, 4. Dezember 2018

Türchen 4: Christian

Schneeflocke 
Foto: A. Mack
Lieber Christian, 

nun wohne ich schon seit zwei Monaten in meiner neuen Wohnung und folglich sehen wir uns ja nicht mehr ganz so oft, wie früher. 
Da ist mir noch einmal bewusst geworden, dass ich mich nie richtig für Deine Unterstützung bedankt habe, als ich noch in meinen eigenen vier Wänden lebte. Wo sind nur meine Manieren geblieben? 
Du hast mir in meinem eigenen Heim viel Arbeit abgenommen. Du hast nicht nur meine Einkäufe erledigt, sondern auch im Winter den Weg vor meinem Haus von Schnee befreit und im Sommer im Garten für Ordnung gesorgt. 

So etwas machen nur sehr wenige Jungen in Deinem Alter. Und es tut mir unglaublich leid, dass ich Dir diese Zeilen noch nicht persönlich überreichen konnte. Du hast ja mit Sicherheit von meiner recht überstürzten Abreise gehört. 
Um mich bei Dir für all Deine Mühe erkenntlich zu zeigen, bekommst Du nicht nur einen, sondern gleich zwei Hinweise, auf meinen aktuellen Aufenthaltsort. 
Bitte gehe dafür in meine neue Wohnung. Du weißt ja, wo der Ersatzschlüssel zu finden ist. 
Das Personal wird keinen Verdacht schöpfen. Sie wissen, dass ich häufiger Besuch bekomme, und nehmen an, dass Du ein Freund von Lilly oder Oliver bist, was ja noch nicht einmal gelogen ist, oder? 
Den ersten Hinweis findest Du in dem kleinen Abstellraum. Den zweiten Hinweis findest Du in dem alten Einkaufstrolli. 

Viel Glück, 

Marlene


Vierter Dezember 
»Wer um Himmels willen schreibt heutzutage denn noch Briefe auf Papier? Ich bekomme ja nur noch diese Drohnen mit den persönlichen Sprachnachrichten. Und es sieht so süß aus, wenn sie an Weihnachten Elfenkostüme oder Engelsflügel tragen, findest du nicht auch, Marie?«
»Chris, du hast doch nicht etwa irgendeinen Vertrag abgeschlossen?«
Nicht einmal in Ruhe frühstücken konnte er heute Morgen. Christian faltete den Brief hektisch zusammen und steckte ihn in seine Hosentasche.
Wenn seine Tante zu Besuch war, stellte seine Mutter nach einer Zeit merkwürdige Fragen. So wie heute Morgen zum Beispiel.
Christian verbrachte nicht viel Zeit im Internet. Und er hatte schon gar kein Geld für Verträge übrig. Außerdem musste man inzwischen das achtzehnte Lebensjahr erreicht haben, um Verträge abschließen zu dürfen.
Und das Alter wurde nicht etwa an dem Geburtsdatum im Personalausweis ermittelt, sondern an dem eigenen Fingerabdruck. Hier konnte die DNA bis ins kleinste Detail ausgelesen und das Alter haargenau berechnet werden.
»Ich verfluche Steve Horvath. Er macht Hackern das Leben unnötig schwer«, hatte sich Christians bester Freund Olli wütend über das neue System ausgelassen.
»Und? Jetzt sag schon! Was stand drin?«, fragte Marie interessiert und holte ihren Sohn damit wieder in die Gegenwart zurück.
Seine Tante warf ihm einen ebenso neugierigen Blick zu. Christian war nicht blöd. Er wusste genau, wenn er jetzt die Wahrheit sagte, wusste nachher der halbe Stadtteil Bescheid. Und das war das Letzte, was Marlene wollte. Da war er sich sicher.
»Ich muss dann los«, nuschelte er und sprang auf. Dabei stieß er an seine Tasse, die noch zur Hälfte mit heißer Schokolade gefüllt war.
Wer brauchte schon Kaffee, wenn er auch heiße Schokolade haben konnte?
Die Tasse wackelte und die heiße Schokolade hätte beinahe Bekanntschaft mit der Tischdecke gemacht, wenn Christian das Gefäß nicht genauso schnell wieder zum Stillstand gebracht hätte.
»Aber du hast doch noch zwei Stunden Zeit!«, riefen ihm die beiden Frauen nach.
Doch Christian hatte noch etwas vor. Sein Tag sollte nicht mit der Frustration im Mathematikunterricht beginnen.

Er parkte sein Fahrrad vor der Seniorenresidenz. Er mochte den Begriff.
Schade nur, dass das Gebäude überhaupt nichts mit einem alten Herrenhaus gemeinsam hat, dachte Christian.
Nur wenige Senioren lebten im Hauptgebäude, das man durchqueren musste, um zu Marlenes Wohnung zu gelangen. »Ich hoffe, es dauert noch ein Weilchen bis ich in den Trakt umziehen muss. Mir gefällt meine Position eigentlich ganz gut. Die da drüben werden überwacht. Da können sie mir erzählen, was sie wollen«, hatte ihm Marlene eines Nachmittages erklärt.
Kaum hatte Christian den Eingangsbereich betreten, nahm er den überdeutlichen Plätzchenduft wahr. Sein Magen begann zu knurren.
Ich hätte mir doch noch etwas zum Essen einpacken sollen, dachte der Junge seufzend.
»Ha! Schach matt.« Ein bestätigendes Tischklopfen folgte und Christian blickte in die Richtung aus der das Geräusch, inklusive freudigem Ausruf, gekommen waren.
Ein älterer Herr saß dem Pförtner gegenüber. Beide hatten ihre Blicke auf den Tresen gerichtet. Wahrscheinlich war dort gerade ein Schachbrett zu sehen.
»Christian! Das wurde aber auch Zeit!« Dieser Ruf kam aus einer anderen Richtung.
Der Junge fuhr zusammen und blickte in die Richtung der Sitzecke. »Harald!«, entfuhr es ihm.
Christian ging auf den älteren Herrn zu und setzte sich neben ihn. Normalerweise nahm Harald seinen Stammplatz nicht so früh unter Beschlag. Doch er schien offenbar auf Christian gewartet zu haben.
»Du hast doch auch Post von Marlene bekommen, oder?«, flüsterte er fragend.
Was soll ich nur tun? Ach, mit Harald darf ich sicher darüber reden. Nur weil Marlene die Adressen ihrer ersten Rundmail versteckt hat, heißt das sicher nicht, dass ihr Rätsel ein größeres Geheimnis ist.
»Jepp, habe ich. Sie hat mir einen Tipp gegeben, wo ich einen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort finden kann«, bestätigte er.
Christian war insgeheim ganz froh, sich Harald anvertrauen zu können und zu wissen, dass er die Informationen höchstwahrscheinlich für sich behielt.
Irgendwas hielt ihn davon ab, Harald zu verraten, dass er zwei Hinweise bekommen hatte. Er ahnte, dass das eine Ausnahme darstellte.

»Ach, was für ein Spaß. Das ist ja ein richtiger Kriminalfall. Mir hat sie noch nicht geschrieben. Bisher habe ich nur die Rundmail erhalten. Ich hoffe, sie hat mich nicht vergessen. Nicht, dass sie doch noch an Demenz leidet und vielleicht ganz vergessen hat, wo sie sich jetzt befindet, oder wem sie schreiben wollte. Das wäre ja ein Drama…«
»Tut mir leid, ich muss los«, unterbrach Christian sein Gegenüber murmelnd und stand auf.
»Kein Problem. Du hast sicher noch viel zu tun. Als ich jung war…« Christian wandte sich ab, hob zum Abschied die Hand und ging schnellen Schrittes in die Richtung der Tür, die in den Hinterhof führte.

Der Hinterhof lag verlassen da. Die Seniorenresidenz war bekannt dafür, dass sie in einer verkehrsberuhigten Straße lag.
Dennoch musterte Christian seine Umgebung gründlich, bevor er sich dem Haus näherte, indem Marlene lebte.
Schließlich war die ältere Dame nun schon ein paar Tage verschwunden und es fiel mit Sicherheit auf, wenn sich ein Junge früh morgens an ihrer Haustür zu schaffen machte.
Die Eingangstür des Hauses war angelehnt und im Treppenhaus war es recht frisch. Christian wunderte es, dass sich keiner der Bewohner darüber beschwerte.
Der Schlüssel war schnell gefunden und die Haustür geöffnet. Als er die Wohnung betrat, stellte er fest, dass es ebenfalls erstaunlich kühl war.
Dabei mag sie es doch warm, wunderte sich der Junge.
Rechts neben der Eingangstür war die kleine Abstellkammer, in der Christian seinen ersten Hinweis bekommen sollte. Ohne zuvor das Licht einzuschalten, öffnete der Junge die Tür. Er wusste auch so, dass der Raum fast leer war.
»In meinem Alter braucht man nicht viele Sachen, Junge«, hatte Marlene die Leere einmal kommentiert.
Christian betrat den Raum schnellen Schrittes. Er vermutete, dass das Licht aus dem Wohnbereich schon ausreichen würde, um sich in der kleinen Kammer zu orientieren.
Doch da hatte er die Rechnung ohne Marlene gemacht. Nach nicht einmal zwei Schritten stolperte er über einen Gegenstand, geriet ins Straucheln, verlor das Gleichgewicht und landete auf dem Boden.
So ein Mist! Hoffentlich ist nichts kaputt gegangen, dachte der Junge.
Er rappelte sich auf, suchte nach dem Lichtschalter, um den Gegenstand, über den er gestolpert war, zu begutachten.
Und direkt vor ihm lag die altbekannte Schneeschaufel. Mit diesem Werkzeug hatte er noch im letzten Jahr den Weg vor Marlenes Haus frei geräumt.
Dass Marlene die Schaufel noch behalten hat, dachte Christian irritiert. Die Residenz liegt doch im schneefreien Stadtteil.
Christian hob die Schaufel auf, drehte und wendete sie, um mögliche Schäden ausfindig zu machen.
Und da fiel ihm etwas auf. Auf der Außenseite der Schaufel war ein großer roter Kreis geklebt. Und in der Mitte des Kreises prangte eine goldene Eins. Der erste Hinweis!, schoss es Christian sofort durch den Kopf.
Er schaltete das Licht in der Kammer ab und ging mit der Schaufel in den Wohnbereich.

Dort legte er die Schaufel auf Marlenes Esstisch, um sie genauer zu betrachten.
Vielleicht ist auf der Schaufel noch irgendwo ein Hinweis auf Nummer zwei, überlegte der Junge.
Wäre er nicht so mit der Schaufel beschäftigt, hätte er an den Brief in seiner Hosentasche gedacht.
Was soll ich tun?, fragte er sich. Anscheinend war kein weiterer optischer Hinweis an der Schaufel angebracht. Aber wo hatte Marlene den zweiten Hinweis doch gleich versteckt?
»Das Auge nimmt nicht alles wahr, Junge. Vergiss nicht, dass du auch andere Sinne zur Verfügung hast!«, fiel Christian eine von Marlenes Weisheiten wieder ein.
Er beugte sich über die Schaufel und strich mit seinen Händen über die raue Oberfläche. Man merkte der Schaufel an, dass sie schon häufiger in Gebrauch gewesen war.
Christian konnte viele Kratzer ertasten. Während er die Oberfläche auf der Suche nach einem taktilen Hinweis abtastete, hörte er ein Geräusch.
Das klang wie … ein Schlüssel. Ein Schlüssel, der gerade im Schloss von Marlenes Wohnungstür umgedreht wurde.
Zerstreut griff Christian nach der Schaufel, wollte schon losrennen, als ihm bewusst wurde, dass ihm die Schaufel nicht weiterhelfen würde.
Also ließ er sie fallen, stolperte beinahe ein zweites Mal darüber, während er zu Marlenes Schlafzimmer rannte.
Zum Glück ist ihre Wohnung im Erdgeschoss! Obwohl er so vieles hätte denken können, war das die erste Erkenntnis, die ihn überkam.
Er öffnete Marlenes Terrassentür und hastete hinaus.
»Hallo? Ist da jemand?«, hörte er eine unbekannte Frauenstimme fragen.
Nichts wie weg hier!, dachte er und rannte davon.

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Zum vorherigen Türchen
Übersicht zu den technischen Neuerungen im 22. Jahrhundert

8 Kommentare:

  1. Guten morgen,
    hach machst Du das diesmal spannend in Deinen Adventskalender.
    Wieder ein tolles Türchen, das ich sehr gerne gelesen habe :-)
    Ganz liebe Grüße
    Anja vom kleinen Bücherzimmer

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  2. Ach, ich ahne es schon. Bevor wir Marlene zu Gesicht bekommen, werden wir Sie schon in und auswendig kennen! Warum, stellt sich die Frage, verhält sich ihr Neffe Christian wie ein Einbrecher? Fragen über Fragen. Und... ja ich gebe es zu, ich möchte auch so eine Drohne im Engelskostüm!!!

    Schönen Tach noch!
    Die Grafikerin

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  3. Guten Morgen Anja,

    es freut mich, dass Dir das Türchen gefällt und Du den Kalender spannend findest. Das Schreiben von diesem Türchen hat mir sehr viel Spaß gemacht. (Vor allem, der Moment, in dem klar wird, dass er seinen zweiten Hinweis wohl vorerst nicht bekommen wird :D ).

    Vielen Dank fürs vorbeischauen und kommentieren!

    Emma

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  4. Liebe Grafikerin,

    Christian ist nicht Marlenes Neffe. (Verdammt, ich hätte noch einen Familienstammbaum einbauen sollen...).
    Ich rolle das mal folgendermaßen auf:

    Lilly ist Marlenes Enkelin.
    Lilly hat zwei Freunde, nämlich Olli und Chris. (Nicht Trick und Track :D).
    Wieso Marlene Olli kennt, werdet ihr noch erfahren.
    Und da Chris Marlene früher viel geholfen hat, will sie ihn zu ihrem Weihnachtsfest einladen. weil er ja quasi ein Freund der Familie ist. Ihre Gästeliste ist breit gefächert. Da zählen nicht nur Verwandte dazu.

    Mit dem Wörtchen "Tach" hast Du hiermit alle Sprachwissenschaftler erfolgreich verwirrt, die jetzt nämlich vermuten, dass Du aus dem hohen Norden stammen könntest. Mysteriös. Das wird aber auch Deinem Doppelnamen Anonym-Grafikerin vollkommen gerecht.

    Jetzt muss ich wieder einen Tag warten, bis ihr beiden das nächste Türchen lesen werdet...
    Ach, Mann...

    Auch Dir vielen Dank fürs vorbeischauen und kommentieren.

    viele Grüße

    Emma

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  5. Ich glaube ich weiß was der zweite Hinweis ist, im Einkaufstrolli.
    Ich bin mir da zu 99% sicher,
    Weil, nach Weihnachten kommt ja Silvester,
    Also, das heißt, es sind Raketen und Knaller drin !!

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  6. Bomber, ich muss Dich enttäuschen.
    Aber: COMPUTER SAGT NEIN!
    Es wird definitiv eine Auflösung geben, was der zweite Hinweis ist.
    viele Grüße und vielen Dank fürs vorbeischauen!

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  7. Schneeschaufel, das bestätigt meine Meinung, dass Marlene irgendwo ist, wo es Schnee hat. In den Bergen vielleicht? Für einen Moment hatte ich Angst, Christian könnte der Frau die Schaufel über den Kopf ziehen aus lauter Panik.

    Zu dumm, dass Christian den zweiten Hinweis vergessen hat und einfach so geflüchtet ist. Die Frauenstimme gehört vielleicht zu jemand, der auch einen Hinweis von Marlene erhalten hat.

    Ich find es übrigens immer schön, wenn sich jung und alt anfreunden :)

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  8. Liebe Daniela,

    ich merke, meine eingestreuten Fährten scheinen langsam aber sicher aufzugehen. Und die Idee, dass Christian, die Schaufel unabsichtlich als Waffe gebrauchen könnte, gefällt mir wirklich gut. Das merke ich mir für den nächsten Adventskalender :-).

    viele Grüße

    Emma

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Den Textbaustein habe ich von Pergamentfalter übernommen.