Montag, 3. Dezember 2018

Türchen 3: Gerda


Schneeflocke 
Foto: A. Mack
 
Allerliebste Gerda, 

wahrscheinlich verfluchst Du mich, wenn Du diese Zeilen hier liest. Du wirst denken, dass wir eindeutig zu alt für Rätsel sind. Aber ich weiß genau, dass Du Dir kein Abenteuer entgehen lässt.

Es tut mir wirklich leid, dass wir die Vorweihnachtszeit in diesem Jahr nicht gemeinsam verbringen können. In unserem Alter weiß man ja nie, wann uns das letzte Weihnachtsfest bevorsteht. Und warum also nicht so tun, als wäre es das letzte Weihnachtsfest?

Nicht nur für uns, nein vielleicht ja sogar für die ganze Menschheit. Wer weiß schon, ob unser Planet nächstes Jahr um diese Zeit noch steht.
Warum also das mögliche letzte Weihnachtsfest nicht auf eine besondere Weise zelebrieren?
Aber genug der wilden Fantasien.
Ich möchte Dich um einen Gefallen bitten: Besuche unseren Weihnachtsmarkt und trinke ein Gläschen Glühwein für mich mit. Du weißt schon. An unserem Stand. Sonntags um 15:00 Uhr.
Und ich sage Dir, Du wirst eine Antwort auf die Frage nach meinem Aufenthaltsort bekommen.


Allerliebst, 



Marlene!


Dritter Dezember
»Diese dumme, dumme Gans! Was denkt sie sich eigentlich? Einfach so zu verschwinden und mir dann noch einen Auftrag zu hinterlassen? Die hat sie doch nicht mehr alle!« Gerda zerknüllte das Blatt Papier und ließ die Kugel auf den Tisch fallen, an dem sie saß.
Wäre die gelbe Drohne mit dem Horn der Deutschen Post noch anwesend gewesen, hätte ihr Gerda das Papier wohl an das Bestandteil geworfen, welches sie für den Kopf der Drohne gehalten hätte.
»Wer glaubst du, bin ich eigentlich? Deine Dienstmagd?«, entfuhr es ihr. Dabei wusste sie genau, dass Marlene sie hier nicht hören konnte.

Der zweite Advent im Jahre 2090
»Wieso kann es Glühwein nicht auch im Sommer geben? Ich habe es satt, diesen Stand immer bei dieser Eiseskälte aufsuchen zu müssen«, knurrte Marlene.
»Jetzt maul nicht so rum. Trinkst du denn im Sommer Tee?«, fragte Gerda belustigt.
»Tee? Wo denkst du hin?! Da ist es doch viel zu heiß!«, entgegnete Marlene.
»Da siehst du’s! Als ob jemand im Sommer Glühwein trinken würde. Da müssen wir uns schon einen Bierstand suchen gehen, wenn du eine sommerliche Tradition möchtest. Oder vielleicht eine Cocktailbar.«
»Einen Bierstand!« Marlene lachte auf und schlug mit einer ihrer behandschuhten Hände leicht auf den Griff ihres Rollators.
Obwohl Gerda nur zwei Jahre jünger war, als ihre beste Freundin, konnte sie noch ohne die Gehhilfe herumlaufen.
Beide Frauen schoben sich mehr oder weniger schnell durch die Menschenmenge, die am Sonntag den Weihnachtsmarkt besuchte.
Das Gute war, dass ihnen einige der Besucher nicht vor die Füße liefen, aus Angst, den Rollator berühren oder Marlene zu nahe kommen zu müssen und zu merken, dass das Alter unaufhaltsam näherkam. Näher und näher.
»Aus dem Weg! Sonst rolle ich euch über den Haufen!«, fuhr Marlene eine Gruppe Jugendlicher an.
Die eine Hälfte starrte auf etwas kleines Rundes, vermutlich ein »Appgate«, die andere Hälfte blickte wartend in der Gegend herum. Bei Marlenes Worten sprang die Gruppe auseinander und Gerda warf ihnen einen entschuldigenden Blick zu.
»Sie ist alt!«, erklärte sie lächelnd an zwei Gruppenmitglieder gewandt, die Gerdas Blick zufällig aufgefangen hatten. Diese starrten sie verständnislos an.
Doch bis die beiden ihre Sprache wiedergefunden hatten, waren Marlene und Gerda schon an ihnen vorbeigeeilt und an ihrem Glühweinstand angekommen.

Natürlich gehörte der Stand nicht den beiden Damen. Dennoch taten sie gerne so, als öffnete dieser Stand nur allein für sie jedes Jahr aufs Neue seine Pforten. Glücklicherweise waren zwei Plätze an der Theke des Standes frei. Ihre Plätze.
»Schön, Sie wiederzusehen«, wurden sie von dem Standbetreiber begrüßt.
»Grüß Gott!«, erwiderten die beiden Frauen.
»Wenn ich ihn sehe, mit Sicherheit«, lächelte er und machte sich an die Arbeit. Er kannte die beiden Damen gut genug, um zu wissen, was sie bestellen wollten.
Marlene nahm auf ihrem Rollator Platz, während sich Gerda einen Hocker organisierte.
Ein freundliches Lächeln hier, ein nettes Wort da. Und schon hatte sie drei mögliche Exemplare zur Auswahl. Manchmal waren die jungen Leute eben doch noch zu etwas zu gebrauchen.
Nachdem der Standbesitzer beiden Frauen die warmen Becher überreicht hatte, wandten sie der Theke den Rücken zu und blickten auf die Landschaft, die vor ihnen lag.
»Ach, es wäre ein Traum einmal weiße Weihnachten zu feiern«, kommentierte Gerda das Bild, das vor den beiden Frauen lag.
»Dem stimme ich vollkommen zu. Weißt du eigentlich, dass dieser Ort hier für eine besondere Attraktion bekannt ist?«, fragte Marlene.

Dritter Dezember
»Als ob ich mir die Mühe mache und alleine in dieses Kaff fahre!«, murrte Gerda.
Normalerweise war sie diejenige der beiden, die positiv dachte. Das war schon immer so gewesen.
Und bis zu diesem Tag war Gerda auch der Meinung, dass es immer so bleiben würde. Bis sie eben Marlenes Brief bekommen hatte. Die Worte einer Freundin, die glaubte, sie auch noch aus der Ferne herumkommandieren zu können.
Aber damit war jetzt Schluss. Wenn Marlene die Vorweihnachtszeit schon ohne sie verbringen wollte, dann würde Gerda die Zeit auch so gestalten, wie sie wollte.
Wenn sie Lust auf ein Glas Glühwein hatte, würde sie sich ein Gläschen gönnen und wenn ihr lieber nach Kinderpunsch war, würde sie eben ihren Enkeln einen Besuch abstatten und das Rezept ihrer Tochter genießen.
So sollte es sein!

-------------------------------------------------

Zum nächsten Türchen
Zum vorherigen Türchen
Zurück zur Übersicht
Übersicht der technischen Neuerungen im 22. Jahrhundert

2 Kommentare:

  1. Ach, ist Gerda denn gar nicht neugierig!! Ich bin es und ich möchte gerne wissen, was Gerda herausgefunden hätte!
    Marlene scheint jedenfalls irgendwo zu sein, wo es schneit.

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Daniela,

    Gerdas Hinweis wird im Laufe der Geschichte definitiv noch gelüftet, keine Sorge. Und ich muss kleinlaut gestehen, dass ich mich bei dem Türchen etwas von Elena Ferrante habe inspirieren lassen. Sie erzählt nämlich in einer Buchreihe von zwei Freundinnen. Und die eine neigt dazu, die andere die ganze Zeit herumzukommandieren und in der Reihe geht es quasi darum, dass sich die Freundin unabhängig von der anderen macht. (Ich hätte Namen einbauen sollen, dann wäre die Beschreibung jetzt nicht so kompliziert geworden).

    viele Grüße und vielen Dank fürs vorbeischauen und kommentieren!

    Emma

    AntwortenLöschen

Hinweis: Mit dem Abschicken Deines Kommentars akzeptierst Du, dass der von Dir geschriebene Kommentar und die personenbezogenen Daten, die damit verbunden sind (z.B. Username, E-Mailadresse, verknüpftes Profil auf Google/ Wordpress) an Google-Server übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhältst Du in der Datenschutzerklärung
Den Textbaustein habe ich von Pergamentfalter übernommen.