Donnerstag, 20. Dezember 2018

Türchen 20: Marianne

Schneeflocke 
Foto: A. Mack

23. Dezember 10:00 Uhr 
Heute war also endlich der Tag der Wahrheit. Ollis Signal war verstummt. Vielleicht habe ich es mir doch nur eingebildet?, fragte ich mich.
Aber das Programm hatte mir bestätigt, dass der Junge ganz in der Nähe sein musste. Zumindest war er das gestern Abend gewesen.
»Ich bringe Papa morgen mit. Er hat sicher noch einen Weihnachtsbaum für uns übrig. Und dann werden wir Weihnachten gemeinsam mit Ihnen feiern«, meinte Lisa lächelnd.
Ich sah ihr an, dass sie nicht mehr damit rechnete, dass meine Gäste ihr Ziel noch rechtzeitig erreichen würden. Sie hielt nicht viel von der neumodischen Technik geschweige denn von meiner schrägen Schnitzeljagd.
»Das wäre eine wunderbare Idee. Hast du die Einkäufe trotzdem erledigt?«, fragte ich vorsichtig.

»Natürlich. Es wäre doch ärgerlich, wenn wir nicht genügend Essen im Haus hätten. Wir sehen uns heute Abend.« Lisa winkte zum Abschied und ging hinaus.
Ich hing meinen Gedanken nach. Mein Plan war perfekt. Die Bedeutung der Hinweise war nicht einfach zu durchschauen gewesen. Und ganz bestimmt nicht eindeutig. Aber genau das sollte den Reiz an der ganzen Sache ausmachen.
Lilly hatte den wichtigsten Tipp von allen bekommen.
Gerda wollte ich mit dem Glühwein-Tipp schon mal in den richtigen Ort locken.
Marianne war für unseren Nachtisch zuständig und sollte Lilly, Annika und Jürgen mit viel Glück dabei helfen, die Symbole in eine richtige Reihenfolge zu bringen.
Jürgen sollte Annika und Lilly mit ins Dorf bringen.
Christians Hinweise verrieten ihnen, an welchen Ort sie mussten und das sie mit Schnee rechnen konnten. Und so weiter und so fort.

Doch anscheinend wollte keiner von ihnen mich finden. Oder sie waren einfach zu langsam.
Kleinlaut musste ich mir eingestehen, dass meine Rätsel auch schon mal besser waren.
Was habe ich mir nur dabei gedacht? Wahrscheinlich halten sie mich einfach nur für eine verrückte, alte Frau und hoffen, dass ich nach Weihnachten wieder auftauche, schoss es mir durch den Kopf.
Hatten ihnen die Hinweise überhaupt irgendwie geholfen? Sprachen Jürgen und Annika miteinander? Und hatten die anderen Teams auch zusammengefunden?
War Lilly darauf gekommen, dass nur Mariannes Assoziationen bei der Entschlüsselung des Rätsels helfen konnten?
Und was war mit den Mitarbeitern der Residenz? Neulich konnte ich sie noch bei ihrer Krisensitzung beobachten. Aber wo waren sie jetzt?

Meine Hoffnung war noch nicht ganz verloren. Olli musste ganz in der Nähe sein. Christian war so eine treue Seele. Er hätte seinen Freund sicher nicht alleine ins Unbekannte reisen lassen. Und immerhin hatte ich dem Jungen ja eine Fahrkarte gekauft. Und vielleicht konnten mir die beiden verraten, wie es mit den anderen Gästen aussah, falls mich Olli und Christian rechtzeitig erreichen sollten.
»… sie nicht hier ist … dann weiß…« Ich zuckte zusammen und blickte mich verwirrt um.
Das Gesagte war von einem lauten Rauschen begleitet worden.
»Lisa?« Meine Ohren pfiffen. Nein, meine Hörgeräte. Dieses Geräusch hatten sie schon seit sehr langer Zeit nicht mehr von sich gegeben.
»Quatsch, meine Schwester…« Marianne? Ja, das war meine Schwester. War sie also doch gekommen? Doch warum konnte ich sie auf so eine weite Entfernung hören?
Ganz ruhig, Marlene! Diese Hütte macht dich noch verrückt, versuchte ich mich zu beruhigen. Ich atmete tief ein und aus.
Alles wird gut! Erstmal solltest du an die frische Luft!


23. Dezember: Im Wohnzimmer von Ernsts Haus 
»… bestellt uns ganz bestimmt nicht an diesen gottverlassenen Ort, um uns dann uns selbst zu überlassen. Sie muss hier irgendwo sein. Das sagt mir mein Gefühl«, entgegnete Marianne.
»Aber wo?«, fragte Lilly.
»Lass mich nachdenken. Ich gehe zu Ernst«, beendete Marianne das Gespräch, stand auf und schnappte ihren Wintermantel. Frische Luft würde ihr bestimmt guttun. 

»Den hier hat sie für Annika zurückbehalten.« Ernst deutete auf einen kleinen Weihnachtsbaum, der ihnen bis zum Knie reichte.
Der Weihnachtsbaum stand in einem größeren Blumentopf und konnte gut auf einem Tisch platziert werden.
»Wirklich schön. Meinst du sie kommt noch?«, fragte Marianne.
Lilly hatte ihnen erzählt, dass auch ihre Mutter eine Botschaft von Marlene bekommen haben musste. Und nun kannten sie auch Annikas Hinweis.
Ernst wich ihrem Blick aus. Marianne sah sich weiter um.
In diesem kleinen eingezäunten Gebiet auf dem örtlichen Weihnachtsmarkt gab es Weihnachtsbäume in verschiedenen Größen.
Die großen Bäume waren bereits an ihre Besitzer übergegangen.
Ernst hatte aber auch viele kleine Bäume, in der Größe von Annikas Exemplar, welche ebenfalls in Pflanzentöpfen standen. So konnte man die Bäume nach dem Fest wieder in der Natur aussetzen.
Mariannes Blick fiel auf das Schild am Eingang des provisorischen Ladens:


Lieber Kunde, 
schön, dass Du hier her gefunden hast. Ich bin Ernst und mit mir ist nicht zu spaßen. Zumindest nicht, wenn es um den Missbrauch meiner Weihnachtsbäume geht. Also, behandle sie bitte mit Sorgfalt. 
Du kannst Bäume mieten oder sie direkt bei mir kaufen. Aber egal für welche Variante Du Dich entscheidest, ehre die Natur. 
Hochachtungsvoll, 
Dein Ernst!

Marianne lachte herzhaft: »Dein Ernst? Seit wann wirst du so persönlich?«
»Lisa hat im Studium gelernt, dass Personalisierung das A und O ist«, murmelte der Mann.
»Ähm… entschuldigen Sie…«
Marianne wandte sich in die Richtung aus der die Stimme gekommen war.
Sie blickte in das Gesicht einer Frau, die tiefe Ringe unter den Augen hatte. Ihre Haare standen in alle Richtungen ab.
Hinter ihr war ein Mann, der sein herzhaftes Gähnen hinter einer großen Hand versteckte.
Erleichterung breitete sich bei Marianne aus. Ihr Gesicht hellte sich auf: »Annika! Jürgen!«

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Übersicht über die technischen Neuerungen im 22. Jahrhundert

10 Kommentare:

  1. Guten morgen, Eamma,
    mir persönich ist Lisa am liebsten. Auch ich bin nicht so ein Fan von dem ganzen total neumodischen Technikkram :-D
    So lansam geht es hier mit großen Schritten auf Weihnachten zu :-)
    Ich wünschte, es wäre schon der 23. denn dann hätte ich meine sgreßige Arbeitswoche schon hinter mir :-)
    Ganz liebe Grüße
    Anja vom kleinen Bücherzimmer

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  2. Liebe Anja,

    je nachdem, um was es technisch geht, finde ich die Entwicklung auch eher etwas gruselig und wundere mich, das viele Leute Gefallen daran finden.
    Hey, immerhin hast Du die Arbeitswoche fast geschafft! Ich drücke Dir die Daumen, dass eher positiver Stress als negativer Stress dabei ist und bei Dir auf der Arbeit die meisten Leute in Weihnachtsstimmung sind.

    viele Grüße

    Emma

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  3. "Ich bin Ernst und mit mir ist nicht zu spaßen". Im Ernst? Herrliches Wortspiel Emma! Schön wie Du unsere Gegenwart "Personalisierung ist das A und O" in die Welt von 2099 integrierst. Ja, wir laufen straight auf das Finale zu!

    Die Grafikerin

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  4. Ok, also die Familie ist inzwischen versammelt (ja, ich zähle Oli und Chris mit zur Familie ��) ! Dann fehlt noch das Team Residenz!
    LG Skyara

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  5. Liebe Grafikerin,

    super, dass die beiden Wortwitze bei Dir gut ankamen. Ich habe sie beim Schreiben auch sehr gefeiert.
    Und tatsächlich gibt es Marketingmenschen, denen die Sache mit der Personalisierung jetzt schon sehr wichtig ist. Teilweise finde ich es etwas übertrieben, aber jeder soll das machen, was er möchte.

    viele Grüße

    Emma

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  6. Liebe Skyara,

    yeah! Ein Teil des Ge(h)folges ist in den Kommentaren vertreten :-). Ja, Chris und Olli dürfen zur Familie gezählt werden. Das ist absolut kein Problem. Ich hab sie ja indirekt auch dazu gezählt. Sonst müssten sie das Weihnachtsfest mit ihren Familien feiern.
    Und gut kombiniert. Du kannst also auf das morgige Türchen gespannt sein.

    viele Grüße

    Emma

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  7. Ach quatsch, ich kombiniere doch nicht.... Ich lese zwischen den Zeilen! ;-)aber mit dem Gewinnspiel hältst du es hoffentlich wie üblich, oder? Mitarbeiter etc. Sind von Gewinnspiel ausgeschlossen....? Außerdem hab ich schon früher nen Kommentar dazu abgegeben! LG Sky

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  8. Tja, der count-down läuft. So nach und nach trudeln sie ein.
    Marlene, zwischen nachvollziehbarer Anspannung, selbst Zweifel, und dem Drang nach Frischluft.
    Der Proviant ist gebunkert. Man kann das Tafelsilber anfangen putzen.

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  9. Hey Skyara,

    ja, Mitarbeiter sind vom Gewinnspiel ausgeschlossen. Vielleicht halten sich die anderen Mitglieder des Ge(h)folges ja deswegen auch zurück :D.
    Tatsächlich war ich mir nicht sicher, ob alle Kommentatoren das Gewinnspiel noch auf dem Schirm haben.

    viele Grüße

    Emma

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  10. Exakt, Bomber.
    Aber zu weiteren Äußerungen lasse ich mich dann lieber doch nicht hinreißen. Ich will ja nicht zu viel verraten. (Und wehe, Du wirfst einen Blick in das Buch, das im Wohnzimmer liegt :-) ).

    viele Grüße

    Emma

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Den Textbaustein habe ich von Pergamentfalter übernommen.