Dienstag, 18. Dezember 2018

Türchen 18: Gerda

Schneeflocke 
Foto: A. Mack

22. Dezember morgens
Ich saß auf der Veranda meines vorübergehenden Heimes. Über der Haustür standen die Worte »Das ist das Haus vom Nikolaus« geschrieben.
Diese Hütte war die Attraktion meines Heimatortes und niemals hätte ich es mir träumen lassen, sie für mein Weihnachtsfest mieten zu können.
Was viele Bürgerinnen und Bürger für ein harmloses Strichmännchen Spiel gehalten hatten, welches sich über die Jahrhunderte bewährte, war für die Dorfbewohner Realität.
In dieser Hütte hatte tatsächlich einmal ein Mann gelebt, der die Tradition des Schenkens in das Dorf gebracht hatte. Es ist an dieser Stelle wohl überflüssig zu erwähnen, dass sein Erkennungsmerkmal eine rote Mütze mit einer weißen Umrandung war. Immer, wenn der Herr zu Hause war, hing seine Mütze am Geländer der Veranda.

Im Winter war es auf der Veranda bei weitem nicht so angenehm, wie im Sommer. Doch ich genoss die Aussicht.
Ich hatte einen perfekten Blick auf das verschlafene Dorf und konnte erahnen, an welcher Stelle unser Glühweinstand stehen musste.
Der Weihnachtsmarkt öffnete erst am Mittag. Ob ich wohl hinunter gehen sollte? Ein kleiner Spaziergang über dem Weihnachtsmarkt würde mir ganz bestimmt nicht schaden.
Und Lisa könnte mich mit in den Ort nehmen. Meine Gäste würden frühestens morgen bei mir eintreffen. Also lief ich keine Gefahr von ihnen entdeckt zu werden. 
Im Dorf kannte ich die meisten Bewohner. Sie würden mich nicht verraten.
Und ich kann herausfinden, ob Gerda ohne mich Glühwein getrunken hat. Hoffentlich mit Marianne, überlegte ich.
»Huch, Marlene, was machen Sie denn hier draußen?« Lisa zog die Haustür hinter sich ins Schloss und trat neben mich.
»Sag mal, hast du noch ein Plätzchen in deinem Auto für mich frei?«


22. Dezember im Zug kurz vor dem Zielbahnhof: Abends: »Liebe Reisende, Ihr nächstes Ziel ist in Kürze die Nummer 32 69 78. Wir bedanken uns bei Ihnen für die Reise mit der Oldtime Bahn. Wir wünschen Ihnen einen frohen Aufenthalt. Bitte beachten Sie, dass der letzte Zug in Richtung 32 68 60 den Ort Morgen Abend verlässt. In diesem Sonderzug erwartet Sie ein weihnachtliches…«
»Kann man diese nervige Ansage nicht abstellen?«, fragte ich meine Reisegefährten.
»Rein theoretisch könnte ich das schon. Aber ich glaube, dann bekämen wir ziemlichen Ärger. Außerdem ist der Zug sehr alt. Im schlimmsten Fall würde ich also für eine technische Störung sorgen«, erzählte Olli munter drauf los.
Ich mochte diesen Jungen. Bisher hatte ich nur selten die Gelegenheit gehabt, mich länger mit diesem pfiffigen Kerlchen zu unterhalten. Aber nachdem wir gestern Nachmittag unsere Reise angetreten hatten, hatte ich sehr viel von ihm gelernt.
»Habt ihr eure Sachen zusammengepackt? Vergesst bloß nichts. Die Sachen seht ihr nie wieder«, meinte Marianne an uns gewandt.
Lilly und Christian nickten. Olli hatte schon vor einer halben Stunde damit begonnen, seine technische Ausstattung sicher zu verstauen.
Nachdem die Kinder vor ein paar Tagen nahezu verzweifelt bei Marianne aufgetaucht waren, blieb uns gar nichts anderes übrig, als sie mit zu unserem Ausflug zu nehmen.
Natürlich hatten wir unseren Ausflug aufgeschoben. Das Wetter war schlecht und unsere Motivation gering. Aber nachdem wir die Kinder getroffen hatten, beschlich uns das sichere Gefühl, dass unser Fernbleiben auch gar nicht so schlimm gewesen war.
»Und wie sollen wir Marlene finden?«, fragte Lilly ratlos.
»Lass uns erst einmal aussteigen. Ich habe da schon so eine Idee«, erklärte ich zuversichtlich.
Marlene und ich waren nicht umsonst jedes Jahr aufs Neue in unseren Heimatort gekommen. Ich hatte Kontakte. Und diese wollte ich auch gleich nutzen.

Nachdem wir den eingleisigen Bahnhof verlassen hatten, übernahm ich die Führung unserer Reisegruppe. Olli trug seine schicke, orangenfarbene Brille. Lilly und Christian trugen unser Gepäck.
»Ich glaube, Marlene hat mir Müll gekauft«, gestand uns Olli, während er sich umblickte.
»Warum das denn?«, fragte ich erstaunt. Normalerweise achtete Marlene darauf, dass sie ihr Geld gut investierte.
»Die Brille stellt einfach nicht scharf… Moment!« Auf dem Gesicht des Jungen breitete sich ein Grinsen aus.
»Ich glaube, wir müssen in diese Richtung«, meinte er und zeigte in Richtung einer Nebenstraße.
»Ja, ich weiß«, entgegnete ich verwundert.
Aber woher wusste der Junge das nur? War er etwa doch schon einmal hier gewesen?

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Übersicht über die technischen Neuerungen im 22. Jahrhundert

6 Kommentare:

  1. Guten morgen,
    Haha, die Nummer 32 69 78. erinnert mich an ein Lied. Nein, ich weiß, es ist nicht die gleiche Nummer, aber trotzdem finde ich es witzig :-D.
    und ich würde auch gerne mal in dem Haus vom Nikolaus übernachten :-)
    Liebe Grüße
    Anja

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  2. Da haben Wir's! Die nächste brilliante technische Erfindung unserer Autorin: eine schicke Brille mit Navigationssystem, die sogenannte Olibril! Unfassbar dieser Erfindergeist von Emma!

    "Wo's Mützerl siegst, dort in dem Haus, do wohnt der oalte Nikolaus.
    Doch dies Johr hot er andre Pläne, denn zum B'such kimmt die Marlene!"

    Die Grafikerin



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  3. Liebe Anja,

    jetzt sag nicht, dass du das Lied meinst, dass einer gewissen Rosie gewidmet ist. Das Lied mag ich nämlich recht gerne, habe beim Schreiben aber tatsächlich überhaupt nicht an die mögliche Parallele gedacht.
    Ich stelle mir das Haus vom Nikolaus auch sehr gemütlich vor, befürchte aber, dass man einen guten fahrbaren Untersatz braucht, um es zu erreichen.

    viele Grüße

    Emma

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  4. Liebe Grafikerin,

    wahre Worte schreibst Du da. Und weißt Du, wie der Verwandte des Ollibrit heißt? (Ich überlege wirklich, ob ich euch jetzt alle etwas zappeln lasse. Aber ich befürchte, ich habe die Antwort schon wieder vergessen, wenn ich hier das nächste Mal kommentiere). Also ... es ist der ...

    *trommelwirbel*

    OTTIFANT

    Man könnte aber auch auf die Idee kommen, dass der Ottifant das Haustier eines Ollibrit-Besitzers ist. Denn, wenn man einen Ollibrit besitzt, muss man ja in die Natur und der Ottifant sollte höchstwahrscheinlich regelmäßig ausgeführt werden.

    viele Grüße

    Emma

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  5. Emma, jetzt mal im Ernst,
    das Kapitel ist überschrieben mit „Gerda“.
    Ich nehme an die Ich-Erzählerin im zweiten Teil, Zugfahrt.
    Mir scheint, Marlene wird nervös, warum will sie Glühwein trinken gehen und schauen, ob Gerda schon da war,
    Glühwein trinken, wo sie davon ausgeht, dass Gerda erst morgen kommt.
    Hat Marlene schon paar Gläser intus ?
    (-hicks-)

    Übrigens , Herrschaften, Rosis Nummer ist „zwounddreißig sechzehn acht“ !

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  6. "... herrscht Konjunktur die ganze Nacht!"
    Bomber, die Nummer hast Du Dir sicher vom Jazzer geben lassen.
    Je näher der Heilige Abend rückt, desto mehr Zweifel hat Marlene. Schließlich ist ihr Plan mehr als verrückt. Und letztendlich weiß sie ja nicht, wann Gerda Glühwein trinkt. Am Sonntag, wie bereits die Jahre zuvor? Der wäre nämlich bereits vergangen. Oder rechnet Marlene vielleicht auch damit, dass sich ihre beste Freundin rächt und an einem ganz anderen Tag kommen wird. Wer weiß das schon. Da muss wohl Deine Kreativität her halten, Bomber. Es läuft im Leben leider nicht immer alles mit Taktik. Das muss Marlene früher oder später eben auch erkennen.

    viele Grüße

    Emma

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Den Textbaustein habe ich von Pergamentfalter übernommen.