Montag, 17. Dezember 2018

Türchen 17: Jürgen

Schneeflocke
Foto: A- Mack


21. Dezember 23:45 Uhr: in Jürgens Wohnung Das Weihnachtsfest rückte unaufhaltsam näher. Und ich liege hier auf meinem Sofa und starre an die Decke. In dieser ach so romantischen Zeit, dachte ich seufzend.

Die Wohnung war ruhig. Nein, das ganze Haus schwieg mich geradezu lautstark an. Das Schweigen war so penetrant, man konnte es kaum ignorieren.
Ein Schweigen, das brüllte: »Ja, Jürgen, das hast du jetzt davon. Kein Mensch hält es mit dir aus. Deine Mutter hat sich abgeseilt, Marina hat dich verlassen und deine Schwester interessiert sich nicht für dich und kommt auch ohne deine Hilfe aus. Nicht einmal die Hausbewohner können es ertragen in deiner Nähe zu sein. Du bist also ganz allein. Marina wird nie wieder…«
Doch genau an dieser Stelle würgte ich diesen, bösen Monolog meiner Gedanken ab. Das hält ja kein Mensch aus.

Eigentlich sollte dieses Jahr endlich alles anders werden. Doch nun war wieder alles beim Alten. Ich war allein. Vor Weihnachten. An Weihnachten und an den Weihnachtsfeiertagen.
Mir ging diese Nachricht meiner Mutter nicht aus dem Kopf. Lange hatte ich sie erfolgreich verdrängen können. Doch in den letzten Tagen ließen mir ihre Worte keine Ruhe.
Nein, ich würde mich ganz bestimmt nicht mit Annika in Verbindung setzen. Sie hat ein Geschenk bekommen, also muss sie sich auch melden, wenn ich es transportieren soll, schoss es mir durch den Kopf.
»Achtung, eine wichtige Nachricht ist eingegangen!«
Ich zuckte zusammen, weil mein »Schrink« das dunkle Wohnzimmer erhellte und das Ding plötzlich mit mir sprach. Ich richtete mich auf und wandte meinen Blick in Richtung des Bildschirms.
»Waas…?«, fragte ich etwas orientierungslos.
»Ich habe Sie nicht verstanden. Bitte sprechen Sie in vollständigen…«
»Nachricht wiedergeben«, unterbrach ich die Maschine genervt. Immer diese Roboter, die meinten, sie könnten unsere Sprache erhalten, in dem sie uns ständig und überall daran erinnerten, wie unschön es war, nicht in vollständigen Sätzen zu sprechen.
»Ihr Urlaub wurde erfolgreich storniert. Der Gutschein ist gestern Abend abgelaufen. Sie hätten die Reise am 24. Dezember antreten sollen. Für zwei Personen in eines der folgenden vorausgewählten Urlaubsziele Ihrer Wahl. Der Gutschein war ausgestellt auf Marina…«
»ABBRECHEN!«, brüllte ich den »Schrink« an.
Während das Programm seine Nachricht heruntergelesen hatte, waren wunderschöne Bilder eingeblendet worden.
Ein leerer Strand, an einem blauen Meer gelegen, ein kleines Ferienhaus mit einem eigenen Pool, oder – das pure Kontrastprogramm – eine Schneelandschaft. Die Kamera zoomte ran, sodass man eine Hütte erkennen konnte, die einsam und verlassen da lag. Direkt auf einem Berg. Vor einem Wald.

Alles Urlaubsziele, die ich Marina gerne vorgeschlagen hätte. Sie hätte die Reise bestimmt und ich hätte bezahlt. Ein Geschenk, das ich einer Frau noch nie zuvor gemacht hatte. Doch an eine Urlaubsreise war schon lange nicht mehr zu denken gewesen.
»Jürgen, wenn du so weitermachst, wird das nie etwas mit dir und den Frauen«, tauchte die Stimme meiner verehrten Mutter in meinem Kopf auf.
Ich stöhnte auf. Wie Recht sie doch hatte. Ich war ein hoffnungsloser, einsamer Mensch. Und das so kurz vor Weihnachten.
»Sie haben eine Nachricht erhalten! Im Eilverfahren. Diese Nachricht öffnet sich in 3…, 2…«, redete mein »Schrink« wieder auf mich ein.
Was zum Henker ist jetzt schon wieder los? 
»Jürgen? Bist du da?« Ich wurde blass.
Das war die Stimme meiner Schwester. Und sie klang gar nicht gut. Kein harter Unterton, sondern Verzweiflung schlug mir entgegen.
Etwas, das ich zuletzt bei Marina gehört hatte.


22. Dezember: 05:00 Uhr: in Jürgens Auto 
»Ich hätte nie gedacht, dass sie so etwas fertigbringt. Das kann sie mir doch nicht antun. Jetzt so kurz vor Weihnachten. Mensch, Jürgen, was soll ich denn nur machen? Und dann dieser komische Adventskalender. Da war gar nichts versteckt, außer ihrer Botschaft.«
Himmel, hat sie schon immer so viel geredet? Sonst hat sie mich immer nur mit bösen Blicken bestraft, dachte ich, während ich mich auf die Straße konzentrierte.
Die Straßen waren noch leer. Und genau das war unser Vorteil.
»Erstmal holen wir diesen Weihnachtsbaum. Vielleicht hat Lilly ja Recht und dort versteckt sich wirklich ein Hinweis. Mutter weiß doch, dass wir beide nicht viel von Rätseln verstehen. Also kann es nicht so schwierig sein«, meinte ich vorsichtig.
Hoffentlich fängt sie nicht wieder an zu weinen.
»Dieser blöde Weihnachtsbaum. Was will ich denn mit einem Baum, wenn ich Weihnachten alleine feiern muss?«, fragte Annika.
Ich schwieg.
»Ach, entschuldige bitte. Ich muss dir ja wie eine hysterische Mutter vorkommen«, meinte meine Schwester nach einer Weile.
»Du bist eine hysterische Mutter. Aber hey, wahrscheinlich würde es mir nicht anders gehen, wenn mein Kind von heute auf morgen verschwunden wäre und mir auch noch einen Auftrag hinterlässt«, kamen die Worte einfach so aus meinem Mund herausgepurzelt.
Ganz großes Kino, Jürgen. Genau das, möchte eine aufgelöste Mutter hören!
»Achtung, Achtung. Sie verlassen nun die sichere Großstadt: Machen Sie sich also auf nicht geräumte Straßen, wilde Tiere und ungeahnte Gefahren gefasst. Im Sommer können Sie von freilaufenden Melonen erschlagen, im Winter von Tannenzapfen getroffen werden. Machen Sie nur in äußersten Notfällen von dem Sicherheitspaket in Ihrem Kofferraum Gebrauch«, riet uns eine freundliche Frauenstimme.
Wir zuckten zusammen.
Freilaufende Melonen?, fragte ich mich irritiert in Gedanken.

»Ich dachte, dein Auto wäre alt und hat diese Frühwarnsysteme noch nicht«, fragte Annika unsicher.
Zum Glück will sie nicht wissen, warum das Sicherheitspaket nicht in meinem Kofferraum ist. Zu blöd auch, dass es das nur für die neueren Modelle gibt.
»Ja, das dachte ich auch. Da muss bei der Werkstatt wohl etwas schief gegangen sein. Dabei habe ich nur die Winterreifen einbauen lassen«, meinte ich und räumte damit zum allerersten Mal ein, das etwas nicht nach Plan lief.
»Wie weit ist es denn zu diesem Dorf?«, fragte Annika.
»Ach, es hängt immer davon ab, wie gut die Straßen geräumt sind. Du weißt schon, je abgelegener, desto unordentlicher. Meine Mutter liebt halt ihre Heimat. Aber keine Angst, Bären halten Winterschlaf und Marlene wird mir ja nicht umsonst Winterreifen spendiert haben«, überlegte ich.
»Haha!«, meinte Annika trocken.
Einen kurzen Moment herrschte Stille und dann sahen wir beide lachend ein, wie absurd diese Szene eigentlich war.

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7 Kommentare:

  1. Guten morgen,

    »Achtung, Achtung. Sie verlassen nun die sichere Großstadt: Machen Sie sich also auf nicht geräumte Straßen, wilde Tiere und ungeahnte Gefahren gefasst. Im Sommer können Sie von freilaufenden Melonen erschlagen, im Winter von Tannenzapfen getroffen werden. Machen Sie nur in äußersten Notfällen von dem Sicherheitspaket in Ihrem Kofferraum Gebrauch«,

    Haha, so ein Frühwarnsystem möchte ich auch mal haben. Das wärs doch. Wo gibt es das zu kaufen :-D
    Beste Grüße
    Anja

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  2. Ohne Witz, vor allem Honigmelonen mit ihrer sommerlich gelben Tarnfarbe sind für etliche Zwischenfälle mit Teils hanebüchenem Ausgang verantwortlich. Mit Melonen ist nicht zu spaßen! So hieß eine Krimiserie der 70iger nicht umsonst: Mit Schirm, Charme und Melone!

    Die Grafikerin

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  3. Guten Morgen Anja,

    hm, von so einer freilaufenden Melone getroffen zu werden, stelle ich mir sehr matschig vor :-). Da wäre so ein Frühwarnsystem schon praktisch. Wenn die Autofirmen ihre Abgasskandale im Griff haben, können sie sich ja mal damit befassen.

    viele Grüße

    Emma

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  4. Liebe Grafikerin,

    wenn man einmal mit einer Honigmelone kollidiert ist, kann die Säuberung des Körpers mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Du hast vollkommen Recht, das muss unbedingt beachtet werden.
    Und ich habe sogar mal ein paar Folgen der Krimiserie gesehen. Sie war ganz witzig.

    viele Grüße

    Emma

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  5. Hallo Emma,
    ich wurde von Marcel Reich-Ranicki darauf hingewiesen, Deinen Kalender zu lesen. Er ist schwer begeistert. Ich musste aber noch den Schweizer Literaturclub vorbereiten. Damit man mir nicht wieder falsches Zitieren unterstellt.
    Jetzt hab ich aber alles nachgelesen, in einem Rutsch, prima Emma, eine tolle Geschichte.
    Vielleicht war es etwas viel für mich, aber jetzt, bei Türchen 17 : Jürgen, hatte ich den Eindruck, jetzt ist alles schnell friedlich vorübner, und sie fahren zur Schneehütte (das Prospekt von Jürgen) und sie feiern ein paar Tage. Auch diese Stille am Anfang, so leise laut aufdringlich. Ein starker Moment.

    Dann fiel mir zum Glück auf, dass es ja noch weitere Kapitel gibt, die Hochspaqnnung versprechen, zum Glück :
    Gerda , Dieser Verräter Spoiler, Marianne , Geheim/Immer noch geheim/Geheimer als geheim, Weihnachten.

    Kurz und gut, ich hatte vergessen, dass Annika und Jürgen, glaub ich, noch den Weihnachtsbaum holen müssen.
    Naja, so bleibt die Geschichte lebendig und ich bleibe lebendig!

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  6. Sie sagen es, Frau Heidenreich, sie sagen es.
    Dem ist nichts hinzuzufügen.
    Schon jetzt kann ich sagen, ich habe micht nicht gelangweilt !

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  7. An Frau Heidenreich und Herrn Reich-Ranicki,
    na, dass beruhigt mich, dass Sie sich gut unterhalten fühlen und nach wie vor keinen Plan haben, wo das Weihnachtsfest stattfinden könnte. Jedenfalls scheint es so, als wüsste Jürgen genau, wo die Reise hingeht. Annika stattdessen hat wohl auch keine Ahnung und vertraut da ganz auf Jürgens Navigationssystem. (Na, wenn das mal nicht von irgendwelchen eingefrorenen Melonen überrollt wird...).
    Wir werden sehen!

    viele Grüße

    Emma

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Den Textbaustein habe ich von Pergamentfalter übernommen.