Sonntag, 16. Dezember 2018

Türchen 16: Annika

Schneeflocke
Foto: A. Mack

20. Dezember 
»Ernst hat mir immer noch nicht Bescheid gegeben, ob Annika ihren Weihnachtsbaum abgeholt hat.«
»Der Baum steht noch an Ort und Stelle. Ich habe ihn erst heute Morgen wiedergesehen. Ich dachte, Sie hätten miteinkalkuliert, dass Annika vermutlich kurz vor knapp kommen wird«, meinte Lisa und räumte den Frischkäse, Wurst und Käse zurück in den Kühlschrank.
»Ja, natürlich. Aber so langsam wird es doch etwas knapp. Findest du nicht auch? Vielleicht hat sie meinen Hinweis auch einfach nicht verstanden. Wenn sie nicht bald vorbeikommt, könnte sie es vielleicht nicht mehr rechtzeitig schaffen«, meinte ich aufgeregt.

»Marlene, es sind noch vier Tage bis Weihnachten. In dieser Zeit kann noch so viel passieren. Möchten Sie Jürgen lieber noch ein Zeichen schicken? Annika kann gar nicht anders als mit ihm zu fahren, wenn er einfach vor ihrer Tür steht«, schlug Lisa vor.
Himmel, da kannte sie meine Kinder aber schlecht, dachte ich.
»Nein, doch nicht Jürgen. Der wird sich nie im Leben bei ihr melden. Ich weiß auch nicht. Ich will ihnen nicht zu sehr unter die Arme greifen. Sie müssen mich ja aus einem eigenen Antrieb heraus finden«, meinte ich zweifelnd.
»Ach, Marlene. Das Leben läuft nicht immer so, wie Sie es gerne hätten. Wenn die beiden bis morgen keine erkennbare Fährte aufgenommen haben, würde ich Ihnen raten, noch eine Drohne zu verschicken. Vergessen Sie nicht, Jürgen wird trotz neuster Winterreifen immer noch zwei Tage brauchen, um mit Annika und Lilly anzureisen«, erklärte Lisa schließlich.
Wahrscheinlich hatte diese Frau Recht. Eine menschliche Schnitzeljagd. Diese Idee war einfach zu verrückt. Selbst für mich.


21. Dezember: in Annikas Wohnung: viel zu spät am Abend 
Annika hielt ihre Handfläche auf das Touchpad an der Haustür, klopfte im Takt der »Indiana-Jones«-Melodie und stellte erstaunt fest, dass Lilly noch nicht zu Hause war.
Vielleicht hat sie auch einfach vergessen, mir Bescheid zu geben, dass sie wo anders übernachtet, überlegte Annika.
Es war mal wieder spät geworden. Ihr Smartphone piepte. Das war der Wecker, der sie daran erinnern sollte, eigentlich im Bett zu liegen. Zumindest einmal die Woche, wollte sie vor 23:00 Uhr zur Ruhe kommen. Das Licht in der Wohnung war ausgeschaltet.
»Lilly? Bist du da?« Doch im selben Moment wusste Annika, wie idiotisch es war, ihre Tochter zu rufen.
Die Stromrechnung war bezahlt und es gab keinen Grund für Lilly im Dunkeln zu sitzen. Wie erwartet, antwortete die Wohnung mit einem lauten Schweigen.
Annika schaltete das Licht im Wohnzimmer an und entdeckte Lillys Adventskalender auf dem Küchentisch. Der Adventskalender blinkte.
Was soll das denn?, dachte Annika erstaunt. Sie hatte eigentlich damit gerechnet, dass es sich bei dem Kalender um ein normales, nicht technisches Geschenk von Marlene handelte.
Beide waren sich einig gewesen, dass Lilly noch früh genug mit den technischen Gegebenheiten der Welt konfrontiert werden würde. Da mussten sie den Prozess nicht noch beschleunigen.
Annika zog ihr »Appgate« aus der Hosentasche.

Marlene hatte ihr vor einer Weile eines die Geräte geschenkt. »Du weißt doch, dass diese neumodischen Dinger nicht mehr abwärtskompatibel sind. Ich kann dich also nicht mehr erreichen, wenn du das >Appgate< nicht annimmst. Keine Sorge, das Ding kann praktisch nichts außer telefonieren und Nachrichten schreiben. Also kein Suchtpotenzial. Wehe, du zeigst es Lilly!«
Natürlich hatte es nicht funktioniert, das Gerät vor ihrer Tochter geheim zu halten. Aber Lilly schien sich nicht groß für das »Appgate« zu interessieren.
Vor ein paar Wochen hatte Olli eine neue Funktion auf dem Gerät installiert: »Jetzt können Sie auch Dinge abscannen. Momentan werden immer mehr Produktinformationen auf Geräten gespeichert. Das ist also nur zu Ihrem Besten«, hatte der Junge erklärt und Annika hatte ihm vertraut.
Nun näherte sie sich dem blinkenden Adventskalender. Alle Türchen waren geöffnet worden.
Also wirklich, Lilly! Normalerweise kannst du dich doch beherrschen, seufzte Annika in Gedanken.
Sie nahm das »Appgate« in die Hand, drückte zweimal hintereinander auf den unteren linken Bildschirmrand und murmelte: »Scannen!«
Dann machte sie mit dem Gerät in ihrer Hand eine Wischbewegung. Schön von oben nach unten. Als würde sie eine Tischplatte abwischen. Dabei erklang das Intro von »Final Countdown«.
»Wenn ich Ihnen ein Lied einbaue, erkennen Sie, dass das Gerät auch wirklich arbeitet«, hatte Olli erklärt. 

Nachdem der erste Teil des Intros verklungen war, wurde ein Zahlencountdown auf dem Display eingeblendet: »3…, 2…, 1…, Los«. Dann tauchte das Gesicht ihrer Tochter auf dem Bildschirm auf. Das Bild war ziemlich verwackelt.
»Hallo Mama«, begann das Mädchen. In Annikas Magen breitete sich ein ungutes Gefühl aus.
Im Hintergrund hörte sie eine mechanische Stimme: »In wenigen Minuten erreichen wir…« Die restlichen Worte konnte Annika nicht verstehen.
Sie ist in einem Zug, dachte sie sofort. Doch wie ist sie an die Fahrkarte gekommen?
»Wenn du das hier siehst, dann haben wir Oma fast gefunden. Leider darf ich dir nicht viel verraten, weil sie es mir verboten hat. Aber Marianne meint, ich darf dir einen Tipp geben. Na ja, wir sind jetzt mit Marianne und Gerda auf dem Weg nach… «, Lilly wurde unterbrochen, doch Annika konnte nicht verstehen, wer da sprach.
»Ist ja schon gut. Ich verrate schon nichts. Mama, schau dir bitte den Adventskalender an. Und lese deine E-Mails. Marlene hat dir sicher auch einen Hinweis geschrieben. Und dann schau, dass du ihren Plan in die Tat umsetzt. Ich muss Schluss machen. Wir sehen uns dann.«
Das Bild wurde schwarz und Annika blieb ratlos zurück. Ihre Tochter war weg.
Verschwunden an einen Ort, den sie nicht kannte.

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Übersicht über die technischen Neuerungen im 22. Jahrhundert

8 Kommentare:

  1. Guten morgen, Emma,
    ohje, was nimmt die Geschichte für eine Richtung? Die Tochter verschwunden!?. wird ja fast wie ein Krimi :-) und somit echt spannend.
    Na, ich bin gespannt, aber ich denke, es gibt ein gutes Ende
    Ganz liebe Grüße
    Anja

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  2. Liebe Anja,

    das einzig beruhigende ist, dass Lilly in Gesellschaft unterwegs ist. Und über das Ende wird natürlich nichts verraten. Aber ich hoffe natürlich, es wird euch gefallen.

    viele Grüße

    Emma

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  3. Tja, die Erste der Jürgen-Annika-Lilly Truppe ist wohl schon unterwegs... das wird für Annika und Jürgen wohl eine ätzend lange Reise zu zweit. Da sage ich nur "Frohe Weihnachten"! Weshalb scannt Annika den Kalender? Ist es 2099 üblich versteckte Botschaften in Adventskalender zu plazieren?

    Die Grafikerin

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  4. Liebe Grafikerin,

    der Kalender hat geblinkt. (Oh Gott, ich hoffe, das steht wirklich im Türchen und nicht nur in meinem Kopf :D ). Und das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass dort Nachrichten hinterlegt sind. Und da ist Annikas Neugier halt schon sehr groß.
    Für Marlene ist es schon etwas frustrierend. Anscheinend macht nur ein Team das, was es soll.

    viele Grüße

    Emma

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  5. Am 16.12. Türchen 16 ... okok ...
    aber mit einer Geschichte vom 20.12. / 21. 12. ??
    ich komm da gar nicht mehr mit ..?!

    Verlängerung ?
    Frühzeitzig abgepfiffen ?
    Was ist da los ?!

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  6. Ach Bomba,
    is doch egal, is doch so funny, nice ..

    Also Dieta hat mich draufgelupft,
    der liest die Emma-Geschichte seinen kids vor, die finde es wahnsinnig, wahnsinnig gut.

    Dieter meint, ich soll mich bei Elwood und Jake melde,
    und dann bei Marlene Weihnachte auftreten als Band,
    als

    The Bruce Brothers Band

    Bohlen Bells, Christmas Sucht De Superstar, Oh Holy Bruce,
    Kling Sylvie Klingelingeling, Das Superweihnachten ...

    Das wird uns sehr berührend !
    Das wird soe great !

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  7. Lieber Bomber,
    herzlichen Glückwunsch!
    Du hast die letzten Türchen erfolgreich GELÖSCHT!
    Nein, Spaß beiseite: Ich dachte, wir wagen einen Blick in die Zukunft. Dann müssen zumindest unsere Charaktere nicht mehr so lange auf das Weihnachtsfest warten.

    viele Grüße

    Emma

    PS: Nicht während der Übergabe lesen ;-)

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  8. Lieber Bruce,

    als ich einen Blick in mein Postfach warf, dachte ich im ersten Moment: "Die Absender dieser Spam-Mails bekommen immer kreativere Namen!"
    Na, bei aller Liebe, aber ich weiß nicht, ob das so ein rauschendes Fest für Marlene und ihre Gäste wäre, wenn ihr da einfach so auftretet. Das könnte für musikalische Verstörungen sorgen...

    Gut, dass es da noch ein paar Tage Bedenkzeit gibt.

    viele Grüße

    Emma

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Den Textbaustein habe ich von Pergamentfalter übernommen.