Montag, 29. Oktober 2018

* Neujahr

Bild von der Hörverlag
Steckbrief 

Name: Neujahr (auch als Buch erhältlich)
Autor: Juli Zeh
Verlag: der Hörverlag
Geeignet für: Thriller Fans, oder Menschen, die sich für tiefgründige Geschichten interessieren
Gelesen oder gehört: gehört in ungekürzter Fassung
Sprecher: Florian Lukas
Bewertung: 4 von 5 Punkten



Klappentext

(von der Hörverlag)

"Nach Unterleuten und Leere Herzen der neue Bestseller von Juli Zeh

Lanzarote am Neujahrsmorgen: Henning will mit dem Fahrrad den Steilaufstieg zum Pass von Fermés bezwingen. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, denkt er über sein Leben nach. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er liebt seine Frau, hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Aber Henning geht es schlecht. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder. Er leidet unter Angstzuständen und Panikattacken, die ihn regelmäßig heimsuchen. Als Henning schließlich den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal hier. Damals hat sich etwas Schreckliches zugetragen, das er bis heute verdrängt hat ..."


Meine Meinung 

Kommen wir zuerst zum Inhalt: Juli Zeh erzählt Hennings Geschichte in Neujahr aus zwei Perspektiven:
Wir lernen Henning im ersten Teil der Geschichte als Erwachsenen kennen. Er ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder. Im Familienleben läuft es nicht immer rund. Aber die Probleme möchte die Familie im Urlaub auf Lanzarote hinter sich lassen und die gemeinsame Zeit genießen. Und wie das nun mal an Neujahr so ist, setzt sich Henning ein Ziel: Er möchte regelmäßig Sport treiben und beginnt den Vorsatz mit einer Radtour auf einen Berg. Und als er an seinem Ziel angekommen ist, sieht er eine Hütte und stellt fest, dass er hier schon einmal war. 
Da setzt die zweite Perspektive ein: Henning erinnert sich, dass er als Kind gemeinsam mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester seine Ferien in der Hütte verbracht hat. Doch an den gemeinsamen Urlaub mit seiner Familie verbindet er keine guten Erinnerungen. 

Beide Perspektiven dienen dazu, Henning als Protagonisten besser verstehen zu können: Als Kind erlebt er mit seiner Schwester eine Situation, die niemand erleben möchte. Er muss früh lernen, Verantwortung zu übernehmen und versucht Antworten auf das Unerklärliche zu finden. Und diese Antworten folgen einer Logik, die für Kinder ziemlich einleuchtend klingt.
Der erwachsene Henning schlägt sich mit Sorgen herum, die zu Beginn der Geschichte völlig unbegründet zu sein scheinen. Doch als wir mit ihm in seine Vergangenheit reisen, wird uns bewusst, was womöglich für seine Ängste gesorgt hat. Juli Zeh schafft es, Henning als Protagonisten vielschichtig darzustellen und nicht nur an der Oberfläche hängen zu bleiben.

An der Gestaltung des Hörbuchs ist mir sofort positiv aufgefallen, dass das Hörbuch wieder ungekürzt produziert wurde. Und ich hätte bei dieser Geschichte wirklich nicht gewusst, welche Stellen gestrichen werden könnten. Man braucht hier das Ganze um Henning als Charakter vollständig erfassen zu können.
Das Hörbuch befindet sich in einer Schachtel, die aufgeklappt werden muss, um an die CDs zu kommen. Nach dem Aufklappen steht der Deckel aber nicht ab, sodass sich die Schachtel wieder gut verschließen lässt.
In die Rolle des Henning schlüpft Florian Lukas. Er muss hier zwei Perspektiven meistern: Zum einen Henning als Erwachsenen darstellen und sich dann zum anderen mit ihm auf eine Reise zurück in seine Kindheit begeben. Hier muss Florian Lukas dem Hörer die Erwachsenen- und die Kindheitslogik näherbringen. Und beides ist ihm sehr gut gelungen. Er zeigt uns auf der einen Seite Hennings Härte, aber auch die Verzweiflung, die gerade in der Kindheitsperspektive, die durch Florian Lukas Interpretation deutlich spürbar wird.
Besonders gut gefallen haben mir die Interpretationen von den Gedankenkreisläufen in denen sich Henning befindet.

Juli Zehs Schreibstil hat mich in Neujahr wieder sehr beeindruckt. Sie schafft es, eine Geschichte spannend zu erzählen, ohne dafür viele Schauplätze zu benötigen. Sie arbeitet die Gefühlswelt von Henning so gut heraus, dass allein das Bröckeln seiner Fassade ausreicht, um den Spannungsbogen oben zu halten. Und als wir dann in Hennings Kindheit reisen, bringt sie uns die Logik eines Kindes nahe, ohne, dass wir augenrollend da sitzen und denken, dass dieser Abschnitt wohl ziemlich unrealistisch und unlogisch sein könnte.
Juli Zeh erzeugte bei mir immer wieder das Gefühl der Fassungslosigkeit gefolgt von der Frage, wie Henning aus diesem Drama wohl wieder herauskommt.

Gesamteindruck
In Neujahr zeigt Juli Zeh, was verdrängte Situationen bei einem Menschen auslösen können. Während die Handlung noch harmlos beginnt, spitzt sich die Geschichte nach und nach zu. Als wir aber am Höhepunkt angekommen sind und es wieder etwas ruhiger wird, hätte ich mir tatsächlich noch etwas mehr an Auflösung gewünscht. Für Henning gibt es zwar einen Weg, aber wir erfahren nicht, ob dieser Weg auch wirklich der Richtige für ihn ist.

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* Dieses Hörbuch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt. 

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