Montag, 9. Juli 2018

Nicht weg und nicht da

Bild von Heyne
Steckbrief 

Autor: Anne Freytag 
Verlag: Heyne fliegt 
Geeignet für: Menschen, die gerne Jugendbücher lesen, oder jemanden durch Suizid verloren haben 
Gelesen oder gehört: gelesen, als Hardcover 
Bewertung: 4,5 von 5 Punkten 


Klappentext 

(von Heyne fliegt

"Den Anfang kannst du nicht ändern, das Ende schon

Nach dem Tod ihres Bruders macht Luise einen radikalen Schnitt: Sie trennt sich von ihrem mausgrauen Ich und ihren Haaren. Übrig bleiben drei Millimeter und eine Mauer, hinter die niemand zu blicken vermag. Als Jacob und sie sich begegnen, ist er sofort fasziniert von ihr. Doch Luise hält Abstand. Bis sie an ihrem sechzehnten Geburtstag aus heiterem Himmel eine E-Mail von ihrem toten Bruder bekommt – es ist die erste von vielen. Mit diesen Nachrichten aus der Zwischenwelt und dem verschlossenen Jacob an ihrer Seite gelingt es Luise, inmitten dieser so aufwühlenden wie traurigen Zeit das Glitzern ihres Lebens zu entdecken ..."


Meine Meinung 

Gestaltung
Ich habe das Buch in der gebundenen Ausgabe gelesen. Daher beziehe ich ein paar Merkmale mit ein, die in der Taschenbuchausgabe wahrscheinlich anders dargestellt werden. Das Cover ist schlicht gehalten. Hier sehen wir zwei Silhouetten, die durchsichtig oder silbern aussehen. Sie blicken in einen Sternenhimmel und in den Buchtitel, der am oberen Rand des Covers zu sehen ist. Der Hintergrund des Covers ist in dunkelblau gehalten und das Cover wird durch leuchtende Sterne geschmückt, die man in der gebundenen Ausgabe auch fühlen kann. Der Titel des Buches wird in einer recht dünnen, aber gut lesbaren Schrift dargestellt. Der Klappentext ist ebenfalls gut zu lesen.

Das Buch enthält zudem kleine Illustrationen. So ist zu Beginn jeden neuen Kapitels auch ein kleines Symbol wie beispielsweise ein Kugelschreiber oder ein Sofa zu finden. Das Symbol lässt ungefähr erahnen, um was es thematisch in dem Kapitel gehen könnte. Dieses Element fand ich sehr gelungen. Im Roman bekommen wir immer wieder E-Mails zu lesen. Und ihr glaubt nicht, wie froh ich war, dass sich diese von der Schriftart nicht groß von der eigentlichen Schriftart des Romanes unterschieden. So konnte ich die Mails auch mühelos lesen. Für die Gestaltung gibt es also die volle Punktzahl.

Inhalt 
Bevor ich genauer auf die Charaktere eingehe, werde ich erst einmal den Inhalt des Romanes genauer unter die Lupe nehmen. Luise muss den plötzlichen Tod ihres Bruders verarbeiten. Und das ganz allein. Ihre Mutter flüchtet sich in die Arbeit und Luises beste Freundin lebt nun in Berlin. Luise kapselt sich ab und lässt niemanden an sich heran. Bis ihr Jacob begegnet. Als Luise zu ihrem sechzehnten Geburtstag eine E-Mail von ihrem toten Bruder bekommt, beginnt eine spannende Reise.

Zuerst war ich ziemlich skeptisch, weil ich kurz befürchtete, dass Nicht weg und nicht da einen leicht phantastischen Touch bekommt. Wie sollte es sonst möglich sein, Mails aus einer Zwischenwelt zu senden? Doch schnell stellte sich heraus, dass die Mails zwar einen zentralen Raum in der Geschichte einnehmen, es aber nicht darum geht, dass die beiden Geschwister wieder Kontakt zueinander aufnehmen. Anne Freytag widmet sich in Nicht weg und nicht da dem schwierigen Thema psychische Erkrankungen und schildert deren Folgen, besonders für die Angehörigen. In Nicht weg und nicht da steht Luise eine schwierige Aufgabe bevor: Sie muss lernen ohne ihren Bruder, weiterzuleben. Und das ist alles andere als einfach.

Mit der ersten E-Mail von Luises Bruder bekommt die Geschichte einen Handlungsbogen: Denn Kristopher - Luises Bruder - meldet sich nicht einfach so. In seiner ersten E-Mail erfährt Luise nicht nur, wo sich das letzte Geburtstagsgeschenk ihres Bruders befindet, sondern bekommt auch die erste einer Reihe von Aufgaben gestellt. Aufgaben, die ihr den Schritt zurück ins Leben erleichtern sollen.
Und an dieser Stelle bekam das Buch einen klitzekleinen Touch von PS Ich liebe dich, nur dass Kristophers Todesursache eine andere war.

Damit ihr einen meiner Kritikpunkte nachvollziehen könnt, werde ich seine Todesursache hier vorwegnehmen. Im Buch wird es relativ schnell klar, woran er gestorben ist. Da ich aber nicht unabsichtlich spoilern will, wird der folgende Satz gekennzeichnet:



ACHTUNG SPOILER 

Kristopher hat Suizid begangen.

SPOILER ENDE 



Mein Kritikpunkt gilt nicht etwa seinem Tod an sich oder der Begründung für seinen Tod. Diese war sehr gut herausgearbeitet und für mich vollkommen nachvollziehbar. Allerdings war es für mich nur schwer zu glauben, dass sich ein Mensch, dem es nicht gut geht, Zeit für Andere nehmen kann. Natürlich kann es auch gut sein, dass ich mich täusche. Bisher habe ich aber eher die Erfahrung gemacht, dass Menschen in einer Krisensituation eher mit sich selbst beschäftigt sind und keine Kraft haben, zu schauen, wie es ihrem Umfeld geht. Oder sie machen sich Vorwürfe, weil sie sehen, was sie ihrem Umfeld zumuten. Aber, dass sie die Kraft aufbringen und sich etwas für ihr Umfeld ausdenken, habe ich bisher noch nie erlebt.

Und an dieser Stelle merkte ich, wie mir Kopf und Gefühl einen gehörigen Strich durch die Rechnung machten: Der Kopf sagte, dass diese E-Mails ziemlich unrealistisch seien. Allerdings dienten sie dazu, die Geschichte voranzubringen.
Das Gefühl hingegen, regte sich über den Kopf auf und fand die E-Mails ein tolles Stilmittel. Zum einen lernten wir Kristopher so außerhalb von Luises Erzählungen kennen. Zum anderen sorgten die E-Mails dafür, dass sich Luise veränderte. In welche Richtung diese Veränderung stattfindet, dürft ihr selbst herausfinden.

Und dann gibt es ja noch den zweiten Handlungsstrang: Jacob, der auf Luise aufmerksam wird. Auch er lässt nur sehr wenige Menschen an sich heran. Doch zu Luise fühlt er sich sofort hingezogen. Sein Misstrauen gegenüber den Menschen scheint berechtigt. Schafft er es, sich Luise anzuvertrauen?

Kommen wir nun zu den beiden Protagonisten der Geschichte: Luise und Jacob sind sich beide sehr ähnlich. Sie gehören beide nicht zu den extrovertierten Menschen dieser Welt, kamen aber bisher mehr oder weniger gut zurecht.
Interessant ist hier, dass Jacob Luise unbewusst Orientierung gibt, was hauptsächlich daran liegt, dass Luise gefangen in ihrer Wut und ihrem Schmerz ist. Nach und nach wird aber deutlich, dass sie sich gegenseitig brauchen, um ihren Platz in der Welt zu finden.

Durch die beiden Hauptcharaktere sorgte Anne Freytag dafür, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema Tod zwar den Großteil der Geschichte einnimmt, es aber durch Jacob auch kurze Auszeiten von dem traurigen Handlungsstrang gibt, aber ohne, dass dieser an Bedeutung verliert.

Spannung 
Nicht weg und nicht da hat mehrere Spannungselemente. Zum einen stellt sich die Frage, wie Luise wieder Freude am Leben empfinden kann, ohne das Gefühl zu haben, ihren Bruder dadurch zu verraten.
Zum anderen erfahren wir durch die E-Mails Kristophers Geschichte. Welche Botschaften möchte er Luise noch mit auf den Weg geben? Wie viele E-Mails wird er seiner Schwester schreiben, bis der endgültige Abschied kommt?
Und dann wäre da noch die Beziehung zwischen Jakob und Luise. Was hat es mit Jacobs Geheimnis auf sich? Warum kann er über manche Dinge nicht sprechen?

Schreibstil
Anne Freytag beschreibt die Einsamkeit und die Wut, die Luise zu Beginn der Geschichte umgibt, unglaublich gut. Beide Gefühle sind sehr deutlich spürbar und haben mich sofort erreicht. Die Autorin bedient sich diesmal dem Stilmittel der Musik. So verbindet Jacob und Luise eine Playlist. Anne Freytag bezieht sich immer wieder auf einige Lieder der Playlist und beschreibt, was die Musik in den Protagonisten auslöst.
Was mir besonders aufgefallen ist: Anne Freytag ist die erste Autorin, die die verschiedenen Facetten von Stille und Sprachlosigkeit erkennen und beschreiben kann. Sie baut verschiedene sprachliche Bilder ein, die nachvollziehbar erscheinen und uns die Angst vor der Stille nehmen.

Gesamteindruck 
Ich gebe zu, ich hatte Angst, dass mir Nicht weg und nicht da nicht gefallen könnte. Das liegt aber nicht an dem schwierigen zentralen Thema der Geschichte.Ich befürchtete eher, dass es nicht glaubhaft dargestellt ist oder eher oberflächlich behandelt wird.

Stattdessen greift die Autorin zentrale Fragen auf und gibt dem Thema dadurch sehr viel Raum. Daher kann ich mir gut vorstellen, dass Nicht weg und nicht da vielen Menschen Kraft gibt, die Freunde oder Verwandte früh verloren haben.

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