Samstag, 28. April 2018

Ge(h)dacht - Macht uns Bildung zu besseren Menschen?

Hallo Buchlinge,

Ende Februar habe ich Elena Ferrantes neapolitanische Saga beendet. Ein zentrales Thema dieser Reihe ist die Bildung: Wie wichtig ist Bildung wirklich? Wie viel kann man durch Bildung bewegen? Macht uns die klassische Bildung wirklich zu besseren Menschen?

In Elena Ferrantes Buchreihe wurde das Thema Bildung anhand verschiedener Aspekte beleuchtet und ziemlich ausführlich dargestellt. Einige dieser Aspekte werde ich in meinem Artikel aufgreifen.

Immer wieder sind mir Menschen begegnet, die Ungebildete belächelten, also Leute, die nicht den klassischen Bildungsweg gewählt und konsequent mit einem Studium beendet haben.
Sie hätten ja keine Ahnung von der Welt und vom Leben, weil sie ja nichts im klassischen Sinne gelernt haben. Und genau solche Ansichten nerven mich tierisch. Als ich dann auf Elena Ferrantes neapolitanische Saga stieß und mitbekam, dass auch ihr die ein oder anderen Aspekte nicht entgangen sind, war die Idee für diesen Artikel geboren.

Hinweis: Um meine Meinung besser belegen zu können, werde ich einige Szenen aus den Büchern beschreiben müssen. Wer die Reihe also noch nicht gelesen hat und die Aspekte lieber selbst entdecken möchte, sollte sicherheitshalber die Finger von meinem Artikel lassen.

Wer sich aber für meine Thesen interessiert und gespannt ist, welche Belege ich hierfür in der Reihe gefunden habe, ist herzlich eingeladen, weiterzulesen.

Einige der Überschriften sind eher plakativ und wahrscheinlich weniger ernstzunehmend anzusehen. Ich wünsche dennoch gute Unterhaltung :)


Zur Buchreihe 

Die Freundinnen Elena und Lila wachsen in ärmlichen Verhältnissen in einem Randbezirk von Neapel auf. Beide Freundinnen besuchen die Grundschule und haben gute, bis sehr gute Leistungen. Sie sind ehrgeizig und wissbegierig. Doch Lilas Eltern halten es nicht für notwendig, dass ihre Tochter eine weiterführende Schule besucht. Elenas Eltern können gerade so von einer Lehrerin überzeugt werden, Elena auf eine weiterführende Schule zu schicken.

Elena arbeitet sich von der Realschule bis hin zum Abitur und einem Studium hoch, während sich Lilas Welt hauptsächlich in ihrer Heimat, dem Rione, abspielt. Doch beide Freundinnen verlieren sich nicht aus den Augen.


Bildung als Wettbewerb? 

Schon im ersten Band der neapolitanischen Saga wird deutlich, dass sich Elena und Lila ständig miteinander vergleichen. Wenn es ein Gebiet gibt, auf dem die eine punkten kann, braucht die andere ein neues Territorium. Die Idee nur etwas wert zu sein, wenn man auch etwas oder am besten viel weiß, wird hier geboren. Und gerade Elena findet sich hier sehr wieder.

Immer wenn Elena glaubt, endlich etwas wert zu sein, bringt Lila etwas hervor, dass Elena klein aussehen lässt. Warum? Darüber können wir nur spekulieren. Als der Machtkampf in der Schule von Lilas Eltern gebremst wird, sucht sich Lila andere Statussymbole aus, um zu beweisen, dass sie es zu etwas gebracht hat. Welche das sind, das müsst ihr selbst herausfinden.

Doch wer glaubt, dass sich Lila in ihrem Leben innerhalb des Riones wohlfühlt, täuscht sich. Während sie nach außen hin stark wirkt und deutlich macht, was sie will, gibt es immer wieder Momente, in denen deutlich wird, an wem sie sich wirklich orientiert.

"Wer bin ich, wenn du nicht gut bist? Wer bin ich dann?"
Die Geschichte der getrennten Wege von Elena Ferrante 

Während ich lange Zeit dachte, dass Elena ihren Selbstwert an Lila misst, wurde mir nach diesem Zitat klar, dass es auch genauso gut anders herum sein könnte. Lila ist eine starke Persönlichkeit. Man meint, sie hat ihr Leben im Griff. Deswegen hat es mich als Leserin manchmal wahnsinnig gemacht, mitansehen zu müssen, wie sehr sich Elena an Lila orientiert. Als ich dann bemerkte, dass diese Orientierung auf Gegenseitigkeit beruht, stellte mich das auch minimal zufrieden.


Bildung und Autorität 

Buchlinge, ihr kennt es vielleicht: Je weiter man im klassischen Bildungsweg gekommen ist, desto mehr Ansehen genießt man. Doktoren werden beispielsweise ganz anders behandelt, als ein Sozialarbeiter, der zwar einen Bachelorabschluss, aber eben keinen Doktortitel hat.

Als Elena die weiterführende Schule besucht, lernt sie Leute aus anderen Kreisen Neapels kennen. Gleichaltrige, die sich bisher keine Sorgen um Bildung oder Geld machen mussten. Und so wird sie eines Tages auf eine Party bei ihrer Leherin eingeladen. Unsicherheit macht sich breit: Was ist, wenn sie der Gruppe nicht genügt?

"Er war der Erste, der mir zeigte, wie angenehm es ist, in eine fremde und womöglich feindliche Umgebung zu kommen und festzustellen, dass dein guter Ruf dir voraus geeilt ist."
Die Geschichte eines neuen Namens von Elena Ferrante 

Hier lernt Elena einen großen Vorteil der Bildung kennen: Viele Menschen interessiert nur das, was du weißt, aber nicht, was für ein Mensch du bist.
Elena ist nicht ohne Grund auf die Party eingeladen worden: Ihre Lehrerin schwärmt für Elenas Aufsätze und macht kein Geheimnis daraus. Hier wird Elena also das erste Mal eine Autorität zugeschrieben. Sie als Mensch scheint sekundär zu sein, was ihr in diesem Moment noch nicht bewusst ist. Erst einmal genießt sie es nur, sich nicht beweisen zu müssen, sondern zu wissen, dass man sie mit offenen Armen empfängt. 

Autorität kann aber auch dazu führen, dass man sich hinter ihr oder dem gelernten Wissen versteckt.

"Dieser Mann strahlte Autorität aus, auch wenn Autorität eine Fassade ist und es manchmal nicht viel braucht, um sie, und sei es nur für Minuten, bröckeln zu lassen, sodass dahinter ein anderer, weniger erfreulicher Mensch zum Vorschein kommt."
Die Geschichte des verlorenen Kindes von Elena Ferrante 

Hier wird deutlich, dass Elena mittlerweile zwischen dem Menschen an sich und der Autoritätsperson unterscheidet. Nebenbei erwähnt: Nur weil jemand Autorität ausstrahlt, muss das nicht heißen, dass er wirklich vom Fach ist.

Und das sagt mir: Nur weil jemand Experte für sein Fachgebiet ist, heißt das nicht, dass ihm eine allumfassende Autorität zusteht. Dass seine Meinung in jedem Bereich mehr zählt, als die Ansicht eines Menschen, der, von seinem Bildungsweg betrachtet, vielleicht ein paar Stufen tiefer zu finden ist.

Jahre später genießt Elena auch in ihrer Heimat, dem Rione, hohes Ansehen. Sie hat es zu etwas gebracht. Sie kennt wichtige Menschen und weiß viel. Als sie eines Tages wieder von einer Bewohnerin in den Himmel gelobt wird, stellt sie sich folgende Frage:  

"Wie kann ich dieser Frau nur erklären, überlegte ich, dass ich seit meinem siebten Lebensjahr eine Sklavin von Buchstaben und Zahlen bin."
Die Geschichte der getrennten Wege von Elena Ferrante

Selbst zu denken ist anstrengend 

"Die große Masse der Gebildeten kommentiert Zeit ihres Lebens nur faul die Ideen anderer."
Die Geschichte des verlorenen Kindes von Elena Ferrante 

Ich kann mich noch gut an die ersten Wochen meines Studiums erinnern. Hier und da hatte ich das Gefühl, mir eröffnen sich neue Welten. Ich entdeckte Ansichten, Methoden, Philosophien über die man wunderbar diskutieren konnte. Ich habe das neue Wissen aufgesogen und versucht mit meinen Ansichten zu vergleichen.

Nach und nach stellte ich aber fest, dass uns zwar viele Philosophien vorgestellt wurden, es aber nichts gab, was daran anknüpfte. Es ging nicht darum, die vorgestellten Ansichten infrage zu stellen oder weiterzuentwickeln, sondern einzig und allein darum, diese zu begreifen und nachvollziehen zu können.

Auch in den meisten Fachbüchern ist es nicht anders. Autoren fassen die Ansichten von anderen, vielleicht angeseheneren, Wissenschaftlern zusammen. Im besten Fall kommentieren sie diese Zitate und schmücken das eben gesagte noch einmal besser oder verständlicher aus. In vielen Büchern habe ich aber den Eindruck, dass es sich nicht um ein Fachbuch, sondern mehr um eine Ansammlung an Zitaten handelt. (Dennoch ist auch das ein ziemlicher Arbeitsaufwand, der nicht abgewertet werden soll).

Einerseits konnte ich diese Art des (wissenschaftlichen) Vorgehens nachvollziehen. Warum muss man das Rad neu erfinden, wenn es bisher doch super funktioniert hat? Andererseits stellte ich fest, dass es mir zu wenig war und ich mich beispielsweise in den Vorlesungen darauf freute, wenn Dozenten Beispiele aus der Praxis einfließen lassen konnten. Dann kamen sie nämlich auf Inhalte zu sprechen, deren Theorie zwar vorgegeben war, aber deren Praxis von ihren eigenen Erfahrungen geprägt war.

Nun spannen wir aber den Bogen zum obigen Zitat: Dieses Zitat ist eines meiner Lieblingszitate aus der neapolitanischen Saga. Zum einen, weil ich merkte, dass es noch jemandem so erging, wie mir und zum anderen, weil unsere Protagonistin Elena diesen Gedanken auch noch ausspricht und sich nicht davor fürchtet, man würde sie danach weniger ernst nehmen. 

Auch ihre Freundin Lila kommt zu einer ähnlichen Erkenntnis. Allerdings stellt diese fest, dass das Nicht-selbst-Denken wollen, nicht etwa aus Faulheit passiert, sondern, weil man es nicht anders gelernt hat.

"Sie tun das, weil sie da geboren sind. Aber in ihrem Kopf haben sie nicht einen eigenen Gedanken. Nicht einen, den sie sich erarbeitet haben. Sie wissen alles und wissen nichts."
Die Geschichte eines neuen Namens von Elena Ferrante 

Wenn du nichts weißt, bist du auch nichts wert 

Wie im ersten Abschnitt bereits angedeutet, ist Bildung auch eng mit dem Selbstwert eines Menschen verknüpft. Man wird anders angeschaut, wenn man einen Doktortitel im Ausweis vorzeigen kann.

Wir reisen zurück zu der oben beschriebenen Party. Elena durfte eine Freundin mitbringen. Und natürlich hat sie sich für Lila entschieden. Während sich Lila im Rione selbstbewusst bewegt, hatte Elena Angst, dass sie auch auf der Party schnell alle Blicke auf sich ziehen und alle Gäste um sich scharen würde. Doch da hat sie sich getäuscht:

"Sie wurde behandelt, als könnte sie so etwas nicht begreifen. Sie wollten sie nicht, wollten überhaupt nicht wissen, was für ein Mensch sie war."
Die Geschichte eines neuen Namens von Elena Ferrante 

Während schnell philosophisch, politische Diskussionen in Gang kommen, steht Lila unsicher daneben. Schließlich verfügt sie nicht über Fachwissen, um sich an den Gesprächen beteiligen zu können. 
Dieses Zitat zeigt deutlich, dass man sich nicht für Lilas Meinung interessiert. Elena ist im Fokus, weil sie diejenige, mit den guten Aufsätzen ist. Elena wird bewusst - wobei hier nicht ganz klar ist, ob es schon im Moment, oder erst im Nachhinein war - dass das Mensch sein hier nichts wert war. 


Bildung schützt nicht vor Dummheit 

Nun kommen wir zu einem der Dialoge, die der Grund für diesen Artikel sind. Erst einmal muss ich hierfür auf die gesellschaftlichen Unterschiede eingehen: Elena kommt aus einer Gegend, in der Streitigkeiten lautstark und emotional ausgetragen werden. Man hielt seine Emotionen nicht zurück, brüllte und schlug auch schon mal, wenn es eben sein musste. Mit Argumenten kam man hier nicht weit. Meist behielten diejenigen Recht, welche die höhere Autorität hatten. Bezogen auf Elenas Familie waren das ganz klar ihre Eltern.

Durch Elenas Schulbildung lernte sie, auch andere Arten der Diskussion kennen. So heiratete sie einen Mann, in dessen Familie auch diskutiert und gestritten wurde. Allerdings nicht laut und ausfallend, sondern ruhig und sachlich.
Elena fühlte sich bei ihren Schwiegereltern anerkannt. Ihre Schwiegermutter öffnete ihr beruflich wichtige Türen. Doch als der Bruch mit ihrem Ehemann droht, zeigt sich deutlich, dass Bildung nicht vor Dummheit schützt. Dieser Dialog spielte sich zwischen Elena und ihrer Schwiegermutter ab:

"Nein, ich bin wirklich auf deiner Seite gewesen. Aber im Rahmen einer Abmachung, die du hättest einhalten müssen."
"Was denn für eine Abmachung?"
"Die bei deinem Mann und den Kindern zu bleiben."
[...]
"Ich werde dir alles wegnehmen, was ich dir gegeben habe."
Die Geschichte des verlorenen Kindes von Elena Ferrante

Neben dem ganzen Wissen was einem durch die Bildung vermittelt wird, lernen wir auch, zu reflektieren. Und zwar nicht nur, Philosophien und Ansichten verschiedener Wissenschaftler, sondern im besten Falle auch die Einstellungen bezogen auf das eigene Leben. 

Hier müssen wir feststellen, dass Elenas Schwiegermutter in ihrer Vorstellung von Richtig und Falsch gefangen ist. Wer sich nicht an ihre Vorstellung von einem korrekten Leben hält, hat es auch nicht mehr verdient, unterstützt und gefördert zu werden. Dass sich Gefühle, oder Dinge auch ändern können und man sich neu sortieren muss, scheint für Elenas Schwiegermutter nicht zu zählen. Wenn wir uns ihre gesellschaftliche Position anschauen: Sie hat studiert und einen einflussreichen Job in einem Verlag.

Und dennoch schützen all ihr Wissen und ihre berufliche Erfahrung sie nicht davor, im eigenen Weltbild gefangen zu sein. Ziel der Bildung sollte es doch eigentlich sein, die eigene Position stehen lassen zu können und sich den Standpunkt von jemand anderem anschauen und kritisch hinterfragen zu können. Leider scheint das bei der guten Frau nicht funktioniert zu haben. 


Bildung vs. nicht Bildung? Was denn nun? 

Bisher habe ich versucht, die Vor- und Nachteile von Bildung zu beleuchten. An welcher Stelle nützt uns Bildung und wo beginnt der Mensch, sich hinter seinem Wissen zu verstecken? Im zweiten Teil des Artikels soll es um die Frage gehen, welche Vorteile Menschen haben, die noch nicht von Bergen von Wissen beeinflusst sind.


Den Menschen so nehmen, wie er ist 

Elena hat es gewagt. Sie hat ihren Mann verlassen und ist mit ihrer Jugendliebe zusammengekommen. Doch ihr neuer Partner hat auch im Rione keinen guten Ruf. Als sie eines Tages mit ihm im Rione auftaucht, inszeniert Lila ein Zusammentreffen mit alten Freunden. Doch dort macht Elena eine ungewöhnliche Feststellung. 

"Keiner der Anwesenden, obwohl sie nicht die geringste Sympathie für Nino bekundeten, deutete eine Kritik an der Kehrtwende in meinem Gefühlsleben an. Nicht einmal mit einem Blick oder einem Grinsen."
Die Geschichte des verlorenen Kindes von Elena Ferrante 

Elena hat etwas geschafft, wovon viele Menschen im Rione träumen. Sie hat einen Weg heraus aus der Armut gefunden und einen Mann mit einer guten Position geheiratet. Da wäre es doch also logisch gewesen, wenn man ihr es dann vorhält, den Mann zu verlassen. Doch im Rione empfing man sie und Nino mit offenen Armen und freute sich, dass sie wieder einmal vorbeischaute. Im Gegensatz zu Elenas Schwiegereltern konnten die Bewohner des Rione ihre eigene Abneigung gegenüber Nino hinten anstellen und sich für Elena freuen.


Die Menschen auf das Wesentliche reduzieren 

Buchlinge, vielleicht kommt euch das folgende Beispiel etwas bekannt vor: Ihr sitzt in einer Lehrveranstaltung oder einem Vortrag. Der Referent spricht über ein Thema und ihr merkt, dass ihr nicht den Hauch einer Idee habt, worum es eigentlich geht. Dann beginnt ihr langsam abzuschweifen und andere Dinge wahrzunehmen: Seine Sprache, die Gestik. Oder ihr achtet vielleicht darauf, wie der Referent seine Thesen begründet.
Und genau das macht Lila in der neapolitanischen Saga. Sie gibt sich nicht mit ausgeschmückten Formulierungen zufrieden. Es interessiert sie nur, was Menschen tun und nicht das, was sie sagen.

Lila war eine Zeit lang in einer schwierigen Situation. Sie arbeitete in einer Fabrik und musste sich und ihren Sohn über die Runden bringen. In den 70er Jahren gab es in vielen Ländern Bewegungen, die sich gegen die schlechten Arbeitsbedingungen auflehnten. So geriet auch Lila in so eine Bewegung. Diese wurde allerdings nicht von den Arbeitern angeführt, sondern von den Akademikern. Als Lila in eine Aktion mit hineingezogen wurde, machte man ihr in der Fabrik unmissverständlich klar, dass man sie unter diesen Umständen nicht länger dulden könnte. Da ging sie in die Vollen und suchte diejenigen auf, die sie in diese Lage gebracht hatten:

"Und wenn ich meine Arbeit verliere, komme ich her und wohne hier. Ihr gebt mir was zu essen und die Verantwortung für mein Leben übernehmt dann ihr?"
Die Geschichte des verlorenen Kindes von Elena Ferrante 

Dieses Zitat zeigt mir, dass sich Lila sehr wohl über ihre Position bewusst ist. Sie weiß, dass sie sich um sich selbst kümmern muss und sich nicht auf Andere verlassen kann. Außerdem klagt sie diejenigen an, die nicht weitergedacht haben. Revolutionen sind ja schön und gut, aber nicht, wenn die Drahtzieher ungeschoren davonkommen.
Immer wieder heißt es, dass Ungebildete keinen Schritt weiterdenken. Lila beweist hier etwas anderes.

Ich habe bereits schon mehrfach von der Party erzählt, auf die Elena und Lila eingeladen wurden Hier kam Lila zu folgender Erkenntnis:

"Kein einziges Wort von dem was sie gesagt haben, war zu verstehen. Sie haben sich nicht einmal untereinander verstanden."
Die Geschichte eines neuen Namens von Elena Ferrante

Und Elena erkannte, dass ihre Freundin die wesentlichen Dinge erfasste, ohne jemals ein Gymnasium oder eine Universität von innen gesehen zu haben. 

"Ich wollte anerkennen, dass sie schon von klein auf alles begriffen hatte, ohne Neapel je zu verlassen."
Die Geschichte der getrennten Wege von Elena Ferrante

Mein Fazit 

Buchlinge, im schlimmsten Fall seid ihr nun hier unten angekommen und fragt euch wutentbrannt, was ich eigentlich von euch will. Schließlich kritisiere ich Bildung, gehe in diesem Artikel aber genauso vor, wie es uns beigebracht wurde:

Ich brauche eine Buchreihe, die mir Zitate liefert, damit ich meine eigene Meinung belegen kann. Und das nur, weil ich bei der Vorbereitung des Artikels gemerkt habe, dass mich wahrscheinlich kein Mensch ernst nimmt, wenn ich meine Meinung einfach so niederschreibe, ohne irgendwelche Belege für meine Thesen zu liefern. Selbst, wenn es sich hierbei nur um eine fiktive Geschichte handelt.

Mir war und ist es wichtig zu betonen, dass Bildung im Prinzip nicht schlimm ist, sie uns aber nicht etwa zu besseren Menschen macht. Durch Bildung erlangen wir vielleicht mehr theoretisches Wissen als andere Menschen. Dennoch schützt uns Bildung nicht davor, Fehler zu machen oder Menschen zu verletzen.

Ich möchte Studenten oder Akademiker keinesfalls abwerten. Schließlich bin ich auch kurz davor, mein Studium erfolgreich zu beenden. Es hat mich viel Arbeit gekostet, hebt mich aber dennoch nicht von anderen Menschen ab, die kein Studium absolviert haben.

Für mich geht es im Leben nicht darum, was Menschen wissen, sondern was sie tun und wie sie ihrem Gegenüber begegnen. Sind sie in ihren eigenen Wertevorstellungen gefangen und können daher gar keine neuen Sichtweisen annehmen? Schaffen sie es über ihren eigenen Tellerrand hinauszublicken? Und das sind Fähigkeiten, die unabhängig von einem klassischen Bildungsweg erreicht werden können.

Ich hoffe, ihr versteht nun ein bisschen besser, was ich zu Beginn des Artikels meinte. Ich möchte diesen Beitrag mit einem letzten Zitat beenden:

"Ihr Lehrer gebt so viel aufs Lernen, weil ihr damit euer Brot verdient. Aber lernen nützt gar nichts. Es macht einen auch nicht zu einem besseren Menschen."
Die Geschichte der getrennten Wege von Elena Ferrante


Und Du? 

Was denkst Du über diesen Artikel?

Kommentare:

Daniela von Buchvogel hat gesagt…

Hallo Emma,
ein sehr gelungener Artikel. Ich zweifel auch immer mehr an der Bildung. An dem Aspekt der Bildung, wie du ihn auch beschreibst: Etwas zu verstehen und zu lernen. Aber das ist nur der erste Schritt, man muss die Bildung immer nutzen, um weiterzudenken. Nur zu rezipieren ohne jemals selbst zu denken, das ist nicht der Weg!
Aber andersrum - jemand ohne Bildung, der aber viel denkt und hinterfragt. Er oder sie wird irgendwann damit nicht weiterkommen, weil ihm/ihr Anknüpfungspunkte fehlen. Je mehr Bildung ich habe, umso mehr kann ich auch die Welt verstehen.
Bestes Beispiel ist das Buch "die Macht der Geographie", das ich gelesen habe. Ich hab dadurch Hintergrundwissen erlangt und verstehe seitdem die Tagesschau viel besser. Mehr noch - die Bedeutung der Geographie für Politik ist mir bewusst geworden und es gibt interessante neue Einblicke, politische Gegebenheiten, auch auf Lokalebene, auf diese Weise neu zu bewerten.
Der dritte Punkt, der sich daraus ergeben kann, ist dann das Handeln! Soziales Handeln ist von Bildung wahrscheinlich unberührt, während ein moralisches/ethisches Handeln das durchaus ist!
Bestimmt Bildung nun aber unserern Wert als Mensch? Nein.

Liebe Grüße
Daniela

Emma hat gesagt…

Hallo Daniela,

es freut mich sehr, dass Dir der Artikel gefallen hat. Ich habe heute Morgen kurz vor der Veröffentlichung noch ein paar mini Kleinigkeiten verändert und war mir echt unsicher, ob es eine gute Idee ist, den Beitrag zu veröffentlichen.

Deinen Gedanken - je mehr Bildung desto bessere Möglichkeiten, die Welt zu verstehen - finde ich interessant und Dein Beispiel ist auch sehr treffend. Es ist schön zu lesen, dass sich für Dich durch das Buch neue Türen geöffnet haben und Du einige Dinge "begreifen" konntest. Durch Sachbücher bekommt man oft nochmal einen anderen Blickwinkel auf verschiedene Themen über die man sich vorher überhaupt keine Gedanken gemacht hat.

Ich hoffe sehr, dass viele Menschen es ähnlich sehen und ihr Gegenüber nicht nach Erfolg und Schulabschluss beurteilen.

viele Grüße und ein schönes restliches Wochenende wüncht

Emma

Silvia hat gesagt…

Hallo,
sehr interessanter Artikel. Ich habe diese Reihe auch gelesen und kann bestätigen, dass bildung ein sehr zentrales Thema im Buch ist. Und natürlich stimme ich deinem Fazit zu, dass Bildung einen Menschen nicht zu einem Besseren macht. Aber zu einem Schlaueren und manche auch zu Glücklicheren. Mich befriedigt es etwas gelernt zu haben. Ich habe nicht studiert, häufe aber gerne Wissen an. Meine Töchter sind beide auf dem Gymnasium und mir schwillt der Hals, wenn sie erzählen wieviele unentschuldigte Fehlstunden manche ihrer Mitschüler haben (das ist gerne im 3stelligen Bereich, in einem Halbjahr.). Ich wäre froh, wenn diese Jugendlichen von ihrem Recht auf Bildung Abstand nähmen und nur noch die im jetzt zu vollen Klassenzimmer sitzen würden, die auch ihr Abi schaffen möchten. Und wir leben jetzt in einem Land, in dem jeder, der genügend Energie aufbringt zur Schule gehen kann, studieren kann und lernen darf.
Das war Anfang der 1960iger auch hier nicht so. Nur wenige Mädchen gingen aufs Gymnasium. Viele hatten noch nicht mal eine Ausbildung, weil es hiess: Wozu? Ich freue mich einfach über das Recht auf Bildung und die Möglichkeiten dazu. Jeder kann selbst sehen, was er daraus macht.
Ich finde es super, dass du das Buch zum Anlass zu einem besonderen Artikel genommen hast!
Viele Grüße
Silvia #litnetzwerk

Emma hat gesagt…

Hallo Silvia,

es freut mich, dass Du im Rahmen des Litnetzwerks vorbeigeschaut hast und Dir der Artikel gefallen hat. Deine Gedanken sind ebenfalls sehr spannend: Mir war gar nicht so bewusst, dass es bei uns auch bis zu den 60er Jahen gedauert hat, bis möglichst viele von Bildung profitieren konnten.
Ich habe den Eindruck, dass mittlerweile in Schulen ein hoher Druck herrscht und viele Kinder auf Wunsch der Eltern im Gymnasium landen, dort aber überfordert sind. Als es damals bei meinem Bruder um den Schulwechsel ging, wollte er unbedingt auf dasselbe Gymnasium wie seine Freunde. Letztendlich war es dann so, dass seine Freunde im Laufe der Schulzeit abgegangen sind - zum größten Teil in Ausbildungen untergekommen sind, in denen sie sehr gute Noten haben und deshalb auch motiviert sind etwas zu lernen - aber er war dann quasi der "einzige Verbliebene", der es auch bis zum Abi durchgezogen hat.

Und da finde ich, dass es - an wem auch immer :-) - liegt, Ausbildungen auch etwas attraktiver zu machen und eben zu zeigen, dass man teilweise mit einer Ausbildung besser dran ist, wie mit einem abgeschlossenen Studium. (Ich habe z.B. einen Bekannten, der Germanistik studiert hat, momentan im Master ist, aber keine Arbeit gefunden hat und jetzt eine Ausbildung beim Finanzamt beginnt, um endlich beruflich Fuß fassen zu können).

Du liest, ich könnte ewig über dieses Thema schreiben :)

Ich wünsche Dir noch einen schönen Sonntag!

viele Grüße

Emma

Michael Kleu hat gesagt…

Man müsste vielleicht noch Allgemeinbildung, Schulbildung, natürliche oder praktische Intelligenz, soziale Kompetenz etc. in die Überlegungen miteinfließen lassen. Bildung oder der Anschein von Bildung und möglicherweise damit verbundene Autorität oder Reputation misst sich ja nicht zwingend am Bildungsabschluss.

Aus meiner eigenen Erfahrung heraus habe ich nicht den Eindruck, dass mein Bildungsgrad mir sonderlich viel Ansehen verschafft. Ich denke, mit Geld, einer Firma, einem dicken Auto etc. kann man gesellschaftlich wesentlich besser punkten als mit einer Doktorarbeit. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich Geisteswissenschaftler bin, was ja eher nicht so ernstgenommen wird ;-)

Schöner Artikel!

Emma hat gesagt…

Hallo Michael,

vielen Dank für Deine Anregungen. Bei diesem Artikel ging es mir hauptsächlich um den klassischen Bildungsweg, der im "besten" Falle mit einem Studium endet. Vielleicht hätte ich das noch klarer herausarbeiten sollen. In dem Artikel ging es mir vor allem darum, zu zeigen, dass man eben auch ohne Abi "etwas wert" ist und ein fehlendes Abitur z.B. nicht heißen muss, dass man keine Lebenserfahrung haben kann (was viele Akademiker manchmal vergessen oder wohl nicht so wichtig nehmen...)

Ob ich eine Reihe daraus machen werde, weiß ich noch nicht genau. Aber vielleicht greife ich den ein oder anderen Punkt in späteren Artikeln nochmal auf.

viele Grüße

Emma