Freitag, 16. März 2018

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken

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HörbuchHamburg
Steckbrief

Name: Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken (auch als Buch erhältlich)
Autor: John Green
Verlag: HörbuchHamburg
Geeignet für: Leute, die gerne Jugendbücher lesen oder sich für das Thema Zwangserkrankung interessieren
Gelesen oder gehört: gehört als ungekürztes Hörbuch
Sprecher: Birte Schnöink
Bewertung: 3,5 von 5 Punkten


Klappentext 

(von HörbuchHamburg

"Die 16-jährige Aza Holmes hatte ganz sicher nicht vor, sich an der Suche nach dem verschwundenen Milliardär Russell Pickett zu beteiligen. Sie hat genug mit den unkontrollierbaren Gedankenspiralen in ihrem Kopf zu tun. Doch als eine Hunderttausend-Dollar-Belohnung auf dem Spiel steht und ihre furchtlose beste Freundin Daisy es kaum erwarten kann, das Geheimnis um Pickett aufzuklären, macht Aza mit. Ihre Recherchen führen die beiden zu unerwarteten Erkenntnissen und Begegnungen, die bisher Gefühltes und Gedachtes gänzlich auf den Kopf stellen. Und dann schlägt auch noch die Liebe ein, irgendwo zwischen Shakespeare und Star Wars und einem vielleicht doch wunderbaren Jetzt.

Einfühlsam gelesen von Birte Schnöink."


Meine Meinung

Gestaltung
Ich finde es immer wieder spannend, wenn ich dieselben Sprecher in unterschiedlichen Rollen erlebe. In der ersten Lesung, die ich von Birte Schnöink hörte, verlieh sie einer Jugendlichen eine Stimme, die sehr wachsam sein musste. Ein Hörbuch später, passte sie sich einer verträumten Protagonistin an. Und diesmal? Ich spürte förmlich, wie zurückgezogen Protagonistin Aza war. Eine Gefangene im eigenen Körper. Oder sollte ich eher sagen ihrer Gedanken? Dieses Hin und Her - Azas Wunsch die Spirale durchbrechen zu können, aber andererseits auch in ihr gefangen zu sein - hat Birte Schnöink sehr gut transportiert. Zudem schaffte sie es, die Ohnmacht und Hilflosigkeit von Azas Familie und Freunden, einen Ausdruck zu verleihen. Es brauchte hier nicht viele Worte. Es war einfach so vieles klar.
Und das Verblüffende - um den Bogen zum Anfang zu bekommen - ist, dass es sich zwar immer um dieselbe Stimme handelt, Birte Schnöink es aber immer wieder schafft, die Charaktere nicht gleich klingen zu lassen.

Inhalt / Spannung 
John Green baut hier zwei Spannungsbögen auf: Zum einen lernen wir Protagonistin Aza kennen. Sie ist gefangen in Gedankenspiralen und schaft es nicht, diese zu unterbrechen. Das macht sie einsam. Schließlich weiß sie genau, wie verrückt ihre Ängste sind. Und genau deshalb versucht sie diese lieber mit sich selbst auszumachen, als ihrer besten Freundin Daisy davon zu erzählen oder sich ihrer Mutter anzuvertrauen. Aza glaubt, dass beide schon genug unter ihr leiden müssen.

Gerade diese zwei Stimmen in Azas Kopf - die eine, die so gern normal sein möchte und das Chaos für einen Moment abdrehen will, die andere, die der festen Überzeugung ist, sterben zu müssen, wenn nicht alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen wurden - hat John Green wirklich gut transportiert.

Auch die Fragen, die mit einer psychischen Erkrankung verbunden sind, wurden hier glaubhaft dargestellt: Wie kann Aza wieder Frau über ihren Körper werden? Warum schlagen die Therapien bei ihr nicht an? Und braucht sie wirklich Medikamente um sie selbst sein zu können? Das sind nur einige Fragen, die sich auch viele Menschen mit einer psychischen Erkrankung tagtäglich stellen. Und es gefällt mir sehr gut, dass John Grenn ihnen mit Aza eine Stimme gegeben hat und so darauf aufmerksam macht, was im Inneren eines Menschen vor sich geht, von dem man glauben könnte, es ginge ihm einigermaßen gut.

Dennoch fehlte mir die Entwicklung dieses Handlungsstranges. Allerdings liegt das zum einen wahrscheinlich an der Übersetzung es Titels: Ich rechnete nämlich damit, dass wir auch Antworten auf einige Fragen bekommen würden. Die wichtigste Antwort blieb uns John Green allerdings schuldig. Und das fand ich sehr schade, weil es im Buch genügend Ansätze gab. Aber andererseits ist es wahrscheinlich genauso, wie im echten Leben: Außenstehende können Dinge klarer erfassen, aber derjenige muss den Schritt alleine gehen können.

Der englische Titel Turtles, all the way down lässt den zweiten Handlungsstrang erahnen: Hier haben wir nämlich einen kleinen Spannungsbogen. Und zwar verschwindet der Vater von Davis Pickett, einem Jungen, den Aza seit ihrer Kindheit kennt. Wer Pickett findet, bekommt ein Preisgeld. Und das lässt sich Azas beste Freundin Daisy natürlich nicht zweimal sagen. Ihr fragt euch jetzt, was das mit Turtles zu tun hat? Familie Pickett hat ein merkwürdiges Haustier. Ein Tier, das Russell wohl wichtiger zu sein scheint, als seine eigenen Söhne.

Immer wieder wurde der Spannungsbogen erwähnt. Ich hätte mir hier aber gewünscht, dass beide Handlungsstränge fließend ineinander übergehen. Natürlich trafen Aza und Davis öfter aufeinander. Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken enthält aber keine großen Krimielemente, wenn ihr versteht, was ich meine. Auch als es auf den Höhepunkt der Geschichte zu ging, kamen ein paar Konflikte zwischen den Charakteren heraus, die zwar gut dargestellt, für mich aber nicht wirklich vorhersehbar waren. Auch hier fehlte mir etwas die Steigerung.
Dennoch ist das, was uns John Green inhaltlich hier bietet, definitiv schon genug Stoff, über den man nachdenken kann.

Schreibstil
John Greens Schreibstil sorgte dafür, dass ich schnell in die Geschichte einsteigen konnte. Uns erwarten lebendige Dialoge und ziemlich viele tiefgründige Zitate. Hier merkte ich einen kleinen Nachteil des Hörbuchs: Beim Hörbuch kann man nicht so einfach zurückspulen und das Zitat einfach nochmal hören. An manchen Stellen dachte ich mir wirklich, dass ich am liebsten das halbe Buch zitieren würde. Zudem fand er tolle sprachliche Bilder für Azas Gedankenspiralen, was dafür sorgte, dass wir Aza als Protagonistin etwas besser verstehen konnten.

Gesamteindruck
Ich war sehr gespannt, was mich in Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken erwartete, da mir die beiden vorherigen Jugendbücher von John Green bereits sehr gut gefallen haben. Ich hatte gehofft, zu erfahren, wie Aza ihre Gedankenspiralen durchbrechen kann.

Wer absolut keine Ahnung von psychischen Erkrankungen hat, sich aber für das Thema interessiert, kann von Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken sicher eine Menge mitnehmen. Gerade deswegen finde ich die Geschichte sehr wichtig. Dennoch fehlten mir die Antworten auf wichtige Fragen: Gerade gegen Ende hatte ich das Gefühl, dass keine Zeit mehr blieb.

Ich bin mir nicht sicher, ob Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken für Leute geeignet ist, die selbst in Gedankenspiralen festhängen. Einerseits könnte Azas Geschichte für Frustration sorgen. Andererseits könnten sich potentielle Leser vielleicht auch verstanden fühlen, oder neue Ansätze daraus mitnehmen können.

Zusammenfassend kann ich sagen: John Green hat hier ein spannendes Jugendbuch geschaffen, welches viel Diskussionspotential bietet. Ich habe mich hier - trotz einiger Kritikpunkte - gut unterhalten gefühlt.

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