Sonntag, 4. März 2018

Hilfe anbieten aber wie? Vom richtigen ansprechen und weiteren Do's und Don'ts

Hallo Buchlinge,

vor ein paar Wochen habe ich euch gefragt, über welche Themen ich im März schreiben soll. Und einige von euch haben sich einen weiteren Beitrag aus der Rubrik Ge(h)brechen gewünscht. Diesmal richtet sich der Beitrag vor allem an Menschen ohne Behinderung. Und zwar geht es um das Thema: Hilfe anbieten, aber wie?

Vielen von euch ist diese Frage vielleicht schon im Alltag begegnet: Ihr seht einen Menschen mit Behinderung im Straßenverkehr, habt aufgrund eurer Ausbildung oder Arbeitsstelle mehr mit Menschen mit Behinderung zu tun oder seid allgemein im Umgang verunsichert, traut euch aber auch nicht zu fragen, weil ihr keine Lust habt hochkant, laut platschend im Fettnäpfchen zu landen. Deswegen dachte ich mir, ich versuche mal ein paar wesentliche Fragen zum Thema Hilfe anbieten zu beantworten.

Zuerst ist es aber wichtig zu betonen, dass es sich hierbei um ein Thema handelt, bei dem es nicht die allumfassende Antwort gibt.
Hilfe anbieten hängt vor allem mit der Behinderung und der gegebenen Situation zusammen. Um welche Art von Hilfe handelt es sich? Welche Erfahrungen haben Menschen mit Behinderung mit der Kann-ich-helfen?-Frage bereits gemacht? Hören sie die Frage alle fünf Minuten, rollen genervt mit den Augen oder sind sie dankbar für Unterstützung?

Würdet ihr zehn Menschen mit Behinderungen fragen, wie sie zu dem Thema stehen, hättet ihr danach wahrscheinlich zehn unterschiedliche Antworten. Dennoch finde ich, dass es ein paar Dinge gibt, die sich die Mehrzahl der Menschen wünschen. Und diese versuche ich hier vorzustellen:

Ich beziehe mich zuerst auf einmalige Hilfsangebote und schreibe später noch ein paar Zeilen über das regelmäßige Hilfe anbieten.
In meinen Beispielen konzentriere ich mich hauptsächlich auf Sehbehinderung oder Blindheit, weil ich mich hier aufgrund meiner eigenen Sehbehinderung (siehe am Ende des Artikels) einfach am besten auskenne.


Situatives Hilfsangebot

Ich, Du, er/sie/es - Die Sache mit dem richtigen Ansprechen 
Wenn ihr euch nicht sicher seid, wie alt euer Gegenüber ist, siezt es. Schließlich wollt ihr ja auch nicht von aller Welt geduzt werden, oder?

Mir passiert es häufiger, dass ich in Läden automatisch geduzt werde. Dort lasse ich es meistens über mich ergehen, da es nicht immer primär etwas mit meiner Behinderung zu tun haben muss. Dennoch ist für mich die richtige Anrede auch eine Sache von Respekt. Das Du benutze ich bei Menschen, die ich gut kenne, bei Freunden oder bei Kindern. Diese Anrede bedeutet für mich also Nähe oder Beziehung: Und diese möchte ich nicht zu jedem Menschen haben.

Ungefragt berühren oder mitschleifen! Ein No Go! 
Viele blinde Freunde von mir, erzählen mir immer wieder, dass sie im Straßenverkehr am Arm berührt oder zum Teil auch ungefragt ein Stück mitgezerrt werden, weil die Menschen glauben zu wissen, wohin die Person möchte.
Überwiegend liegt das eben daran, dass der Blickkontakt zum Gegenüber fehlt und einem potentiellen Helfer oft die Worte fehlen, um zu beschreiben, was er wissen oder erklären möchte.

Wenn die Wörter flüchten: Nehmt euch die Zeit, die Worte zu finden oder kommuniziert, dass ihr helfen wollt, aber noch nicht wisst, wie ihr die Situation am besten beschreiben könnt. Vielleicht kann euch ja euer Gegenüber helfen, die flüchtenden Wörter zu behalten.

Die Steigerung: Ihr seht, jemand irrt scheinbar orientierungslos in der Gegend herum. Also packt ihr seinen Arm - oder den Langstock - und nehmt ihn ein Stück mit, mit der Idee ihn sicher an sein Ziel zu bringen.
Wenn ihr ehrlich mit euch seid, wird euch irgendwann auffallen, dass ihr ja gar nicht wissen könnt, wohin die scheinbar hilflose Person eigentlich möchte. Wenn ihr sie dann urplötzlich wieder loslasst, euch schnell verkrümelt, ist das Problem aber bereits geschaffen: Dann kann es euch nämlich blühen, dass die Person die Orientierung erst Recht verloren hat und jetzt wirklich auf Hilfe angewiesen ist.
Auch hier gilt: Ansprechen hilft! Hilfsmittel sind übrigens auch tabu. Sie helfen nämlich im Idealfall bei der Orientierung oder bei der Fortbewegung. Der Besitzer weiß, wie er sein Hilfsmittel am besten nutzen kann (auch wenn es manchmal sehr abenteuerlich aussieht).

Beispiel: Früher war ich noch ziemlich oft mit der Bahn unterwegs. Und Bahnfahrer ahnen jetzt wahrscheinlich was kommt: Züge fahren auf einem anderen Gleis ein oder es gibt den Albtraum eines jeden Menschen: Der Schienenersatzverkehr. Um diesen zu erreichen, findet oft erst einmal eine unfreiwillige Erkundung des Bahnhofes statt. Viele Menschen irren orientierungslos durch die Gegend. Und in solchen Fällen bin ich immer sehr dankbar für Hilfe. Normalerweise handhabe ich es gerne so, dass ich Menschen, die mir Wege zeigen, vorlaufen lasse. Bei größeren Menschenmengen ist das aber eine denkbar schlechte Idee, weil ich meinen Helfer nämlich nicht wiederfinden werde. Deswegen lasse ich mich in solchen Fällen gerne von ihnen führen. (Allerdings nicht am Langstock :) ). Hier wird das aber entweder von meinem Gegenüber vorgeschlagen oder ich erfrage, ob das in Ordnung ist. Ich glaube, ich habe bisher keinen Fall erlebt, in dem es fremden Personen unangenehm war.

Nein heißt nein 
Wie in vielen Bereichen gilt auch hier: Nein, heißt nein. Wenn ihr jemandem eure Hilfe anbietet und er - hoffentlich - dankend ablehnt, belasst es dabei.
Was aber tun, wenn euer Gegenüber zwar Nein sagt, aber trotzdem nicht den Eindruck vermittelt, mit einer Situation zurechtzukommen? Sprecht es aktiv an:

Beispiel: Ihr seht, dass ein Blinder zielsicher auf eine gut befahrene Kreuzung zumarschiert.
Wenn ihr hier eure Unsicherheit benennt im Sinne von: "Hey, da vorne ist eine Kreuzung mit jeder Menge Autos. Außerdem stelle ich mir die Frage, wie Sie die Kreuzung überqueren, ohne dabei auf der Straße zu landen oder auf der falschen Seite anzukommen", versteht euer Gegenüber worin eure Unsicherheit besteht und kann auch erklären wie er sich zurechtfindet (oder sich auch denken: Es geht Sie nichts an, wie ich mich im Straßenverkehr zurechtfinde. Schau zu und lerne!).

Oft kommt es hier zu Konflikten, weil Menschen mit Behinderung das Gefühl bekommen, nicht ernst genommen zu werden. Glaubt denn niemand, dass ich auch alleine zurechtkommen? Dabei liegt es oft einfach daran, dass das Wesentliche nicht kommuniziert wird aus Angst vor dem unbeliebten Fettnäpfchen. Oder eben auch daran, dass sich Menschen mit zwei Augen nicht vorstellen können, wie man sich im Straßenverkehr bewegt, wenn man nichts sieht.

"Nein bloß nicht!", hat nicht immer etwas mit euch als Person zu tun 
Wenn ihr jemandem eure Hilfe anbietet und eine wortkarge Antwort zurückbekommt, muss das nicht zwingend etwas damit zu tun haben, dass ihr gerade in sein Fettnäpfchen gesprungen seid. Das kann so viele verschiedene Gründe haben. Der banalste Grund ist, dass die angesprochene Person einfach einen schlechten Tag hat.

Dann kommt es aber auch häufiger vor, dass manche Menschen mit Behinderung gefühlt alle fünf Minuten gefragt werden, ob sie Hilfe benötigen. Bei den ersten zwei Personen bleibt man dann noch freundlich. Bei Person drei beginnt man wahrscheinlich mit den Augen zu rollen und so weiter. Je mehr Personen fragen, desto voller wird das innere Fass und desto lauter wird die Frage: Wirke ich so hilflos?

Dazu erlebe ich auch immer wieder Menschen, die Dinge bezüglich der Behinderung negativ deuten. Also im Sinne von: Ich bin behindert und weil DU mir jetzt Hilfe anbietest, sprichst du mir das Recht ab, das auch irgendwie alleine hinzubekommen. Meinst du denn nicht, dass ich das auch ALLEINE kann?

Vorausgesetzt ihr habt euer Gegenüber nicht von oben herab behandelt und seid freundlich geblieben, dann könnt ihr wirklich nichts für negative Situationen und solltet euch von schlecht gelaunten Menschen auch nicht entmutigen lassen.


Regelmäßige Hilfsangebote 

In diesem Kapitel geht es um regelmäßige Hilfsangebote: Menschen mit Behinderung sind Teil eures Alltags. Ihr begegnet ihnen beispielsweise in der Schule, Ausbildung, dem Studium oder eurem Arbeitsplatz. Auch hier gibt es ein paar Kleinigkeiten, die wichtig sind:

Verwechslung zwischen Hilfsangebot und Interesse an einer Freundschaft
Es mag sein, dass ihr einfach sozial kompetent seid, helft, weil ihr helfen möchtet, euch euer Gegenüber aber nicht als Mensch interessiert. An sich ist das auch überhaupt kein Problem. Schließlich kenne ich auch Menschen von denen mich die einen mehr und die anderen weniger interessieren. Da müsst ihr euch also nichts vorwerfen. Dennoch ist es schwierig hier die Grenze zu ziehen.

Beispiel: Im Studium bin ich immer wieder hilfsbereiten Kommilitonen begegnet. Wir sind nach dem Seminar gemeinsam zur Straßenbahn gelaufen oder sie haben mir geholfen, mich im Freiburger Baustellenwirrwarr zurechtzufinden. Hier liefen wir nicht etwa schweigend nebeneinander her, sondern unterhielten uns über das, was wir gerade gemeinsam erlebt hatten.
Zu Beginn des Studiums fiel es mir hier aber schwer, zwischen Freundschaft und Hilfsangebot zu unterscheiden.
Mit der Zeit habe ich aber gelernt, die Situation zu nehmen, wie sie ist. Einen Weg mit einem interessanten Menschen zu gehen, sich über den Moment zu freuen und es dann auch dabei zu belassen und das Ganze nicht schon wieder mit Erwartungen zu verbinden.
Deswegen: Bleibt euch an dieser Stelle treu. Hilfsangebote sind super, keine Frage. Aber ihr müsst damit keinen Vertrag für den Rest eures Lebens unterschreiben.

"Das ist doch ein Thema für dich!" - Die Behinderungsschublade 
Dieses Kapitel ist ein kleiner Exkurs. Ich bin durch einen Twitter Kommentar auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht worden und hätte selbst gar nicht so weit gedacht. Deswegen hoffe ich jetzt einfach mal, dass trotzdem deutlich wird, was ich meine:
Hier geht es um die Frage inwiefern die Behinderung meine Persönlichkeit ausmacht. Kommen wir zum Twitter Beispiel, damit klarer wird, was ich meine:

In dem Tweet ging es um die Frage, ob man nur, weil man homosexuell sei, ausschließlich Interesse an Medien über Homosexualität hat.

Und diese Fragestellung lässt sich auch auf Menschen mit Behinderung übertragen: Natürlich ist meine Behinderung ein Teil von mir. Dennoch habe ich Hobbys oder andere Dinge, die mich als Menschen ausmachen.
Es kann euch auch passieren, dass ihr einen Artikel entdeckt, indem es in irgendeiner Form um Menschen mit Behinderung geht. Nun seid ihr euch unsicher: Ihr mögt nämlich keine Fettnäpfchen.
Auch hier hilft: Die Unsicherheit kommunizieren und auch hervorheben, warum ihr eurem Gegenüber diesen Artikel (oder was auch immer) empfehlen möchtet. Dann weiß euer Gegenüber, dass ihr ihn nicht auf seine Behinderung reduziert, sondern euch etwas bei der Empfehlung gedacht habt.


Und Du? 

Was denkst Du über diesen Artikel oder allgemein über das Thema Hilfe anbieten?

Sind Dir noch weitere Aspekte eingefallen, die ich in diesem Beitrag nicht beachtet habe? Schreibe sie mir gerne in die Kommentare.

Über welche Themen sollte ich in der Rubrik Ge(h)brechen schreiben?

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Zu meiner Person und der Sache mit der Sehbehinderung: Ich bin von Geburt an auf dem linken Auge blind und auf dem rechten Auge hochgradig sehbehindert. Seit 2017 beträgt mein Sehrest 2%, was bedeutet, dass ich nach dem Gesetz als blind gelte. In der Praxis heißt dass: Ich...

  • Habe Mühe mich in unbekannten oder schlecht beleuchteten Räumen zu orientieren
  • Erkenne mir bekannte Personen nicht im Vorbeigehen 
  • Laufe mit einem Blindenlangstock (von mir als Elderstab betitelt) pendelnd durch die Weltgeschichte 
  • Kann keinen Blickkontakt aufnehmen und mit der Mimik meines Gegenübers nichts anfangen 
  • Kann Personen, die in unmittelbarer Nähe (linker, rechter Sitznachbar je nach Entfernung auch mein Gegenüber) erkennen, alle was darüber hinaus geht aber nicht 

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Vier Tipps für ein erfolgreiches Studium mit Behinderung: Tipp 2: Organisation ist alles HIER KLICKEN 
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