Donnerstag, 7. Dezember 2017

4. Türchen - Die Frau


Es war mitten in der Nacht. Die Uhr zeigte zwar erst sechs Uhr an, aber es fühlte sich an, als würde die Welt schon längst schlafen. Gedankenverloren strich sie umher. Heute war Weihnachten, das Fest der Liebe.
Liebe... Ja, wenn das mit dem Glücksgefühl und der rosaroten Brille nur so einfach wäre. Vor einem Jahr leuchtete das Rosa noch etwas blass. Aber es war da. Inzwischen war sie von Wolke sieben wieder auf den Boden der Tatsachen angekommen. Er war mittlerweile ausgezogen und hatte eine neue Freundin. Sie hingegen war mit den beiden Kindern zurückgeblieben.

«Lass uns bitte nicht streiten. Der Kinder wegen», hatte er gefordert, als er ihr verkündete, dass ein neuer Nachwuchs anstehen würde.
Natürlich war es kein Befehl im typischen Sinne. Kein ernster Blick, keine harten Worte. Warum musste sie sich ihm anpassen? Durfte sie sich denn nicht so fühlen, wie sie wollte? Ihr war nun mal nicht nach Patchworkfamilie und Friede-Freude-Eierkuchen. Ihre Ehe war in die Brüche gegangen.
Dennoch war es ihr so vorgekommen, als zerlegte er mit einem Messer ihr schlagendes... Nein, keine Horrorbilder an Weihnachten, dachte sie. Das konnte sie sich vielleicht an Halloween in allen Einzelteilen ausmalen. Stattdessen machte sich ein Gitarren Intro in ihrem Kopf breit und das Lied einer bekannten deutschsprachigen Gruppe sollte also nun ihr neuer Ohrwurm werden.

«Wenn das mit dir so weitergeht, wäre es wirklich besser, wenn die Kinder erstmal bei mir wohnen. Bis du dein Leben wieder im Griff hast und es dir besser geht», hatte er vor zwei Wochen angemerkt.
Sie war noch im Schlafanzug gewesen und hatte sich notdürftig einen Morgenmantel übergestreift, als es an der Haustür geklingelt hatte. 
Während sie unter der Woche ihr Zimmer kaum verließ, versuchte sie sich zumindest am Wochenende dazu durchzuringen, das eigene Bett gegen das Sofa im Wohnzimmer einzutauschen. Damit die Kinder wenigstens am Wochenende etwas von ihr mitbekamen.
Sie hatte ihn wütend angestarrt. Die Kinder waren bereits am Ende des Treppenhauses angelangt und hatten so ihre zischenden Worte nicht gehört: «Wenn du das machst, dann bringe ich mich um.»

Und nun war Weihnachten, das Fest der Liebe. Die Kinder feierten bei der neuen Familie. Sie hatte es nicht mehr ausgehalten und war spazieren gegangen. An diesen Ort, an dem sie so viele Sommer- und auch schon manche Winternachmittage verbracht hatten.
Heute Abend war niemand da. Sie seufzte. Was hatte sie auch erwartet? Es war Weihnachten. Und dazu noch Winter. Da verbrachte keine normale Familie ihren Abend an einem einsamen, kalten See. Normale Familien saßen jetzt in heimischen Wohnzimmern. Die Kinder spielten mit den neuen Geschenken, die Eltern und andere Verwandten lehnten sich müde aber hoffentlich glücklich zurück und freuten sich, dass alles nach Plan gelaufen war.

Das letzte Mal, als sie mit ihren Kindern hier her gekommen war, hatte man auf dem See laufen können.
«Das macht Spaß, komm rauf!», rief die Älteste.
Und tatsächlich! So waren sie über den See geschlittert, hatten sich gejagt und ausgelassen gespielt. Damals war es lang genug kalt gewesen. Das Eis war bereits ausreichend gefroren und somit ging von dem See keine Gefahr aus.
Und heute? Ein «Betreten verboten»- Schild war nicht zu sehen. Verstohlen blickte sie sich noch einmal um. Nein, sie war tatsächlich alleine. Sollte sie es wirklich wagen? Was wäre, wenn ihr etwas passieren würde? Niemand wusste, wo sie war. Keiner konnte sie retten. Doch gab es überhaupt jemanden, der das wollte? Sie glaubte, allen nur noch eine Last zu sein. Ihr Mann, Verzeihung Ex-Mann, musterte sie traurig, wenn er regelmäßig vorbeikam, um nach den Kindern zu sehen. Und auch ihre Mädchen warfen ihr aus den Augenwinkeln ängstlich, besorgte Blicke zu. Die Mädchen dachten vermutlich, sie könne die Blicke nicht sehen. Aber sie spürte sie. Stärker als alles andere.

Und das tat weh. Fast noch mehr als die Zerteilung ihres Herzens.
Ihr Blick war wieder auf den See gerichtet und sie fasste einen Entschluss: Sie wollte noch einmal dieses Glücksgefühl spüren, das sie mit ihren Kindern hier erlebt hatte.
Also setzte sie vorsichtig einen Fuß auf den zugefrorenen See. Als nichts passierte, legte sie nach und tastete sich langsam vor. Sie war noch nicht weit gekommen, als das Eis zu knacken begann.
«HEY, WAS MACHEN SIE DA?», drang ein lauter, schriller Ruf in ihre Richtung.
Und das Eis knackte und knackte.

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Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wie kannst Du mich als Leser so im Regen, bzw. auf dem Eis stehen lassen? Weiter so! Ist spannend!

Die Grafikerin

Emma hat gesagt…

Hihi es ist so witzig, dass sich die Grafikerin nachher von dem weiteren bloggenden Familienmitglied erklären lassen kann, wie sie aus der Anonymität heraustritt :-)

Freut mich, dass dir das Türchen gefällt!

emion hat gesagt…

Boah. Das ist bestimmt Norbert.

Emma hat gesagt…

Lass mich überlegen...

Isona hat gesagt…

Hmmm ...

Wieso knackt das Eis so lange?
Warum sind das alles so Idioten?

Emma hat gesagt…

Du gehörst doch auch zu den Schnellrednern? Wer schnell reden kann, der denkt auch schnell und kann ziemlich viel denken, während so ein Eis so vor sich hin knackt (oder im Sommer auch mal schmilzt :-) ). Und Idioten? Sie sind einfach nicht verkopft :)