Sonntag, 3. Dezember 2017

2. Türchen - Das Mädchen

«Komm, wir fahren heute in die Stadt», verkündete ihre Mutter beim Frühstück. 
Sie war irritiert.
Ihre Mutter fuhr nie einfach so mit ihr in die Stadt. Da war irgendetwas faul.
«Du musst doch noch etwas finden, was dir der Weihnachtsmann schenken kann», flötete sie.
Der Weihnachtsmann...
Dabei sagten alle in der Schule, dass es den Mann überhaupt nicht gab. Warum sollte er ausgerechnet ihr etwas schenken wollen? Aber bisher hatte es ja auch immer geklappt.
Meist war nie an ihrer Haustür geklingt worden, sodass sie den Teller voller Kekse selbst essen und die Milch alleine trinken musste. Aber Geschenke hatte es immer gegeben. Dabei hatte das mit der Milch und den Keksen in diesen Filmen immer funktioniert. 

«Kann ich ihm nicht einen Brief schreiben? Timmy, der Junge in meinem Buch hat ihm auch geschrieben und der Weihnachtsmann hat ihm geantwortet», schlug sie ihrer Mutter vor.
«Na, das hättest du mal früher sagen sollen. Wir sind viel zu spät dran. Der Brief ist nie im Leben rechtzeitig bei deinem äh ich meine dem Weihnachtsmann. Da ist es besser, wir gehen in die Stadt und du suchst dir was aus.»
Sie traute sich nicht zu fragen, wie der Weihnachtsmann dann erfahren sollte, was sie sich denn ausgesucht hatte, wenn es zu spät war, ihm Bescheid zu geben. Aber sie beschloss, dass es besser war, ihrer Mutter zu vertrauen. Immerhin war Weihnachten bereits morgen. Und es hatte immer funktioniert. Immer!

Den Laden, den die beiden ansteuerten, leuchtete schon von weitem. «Kinderparadies» prangte auf den bunten, blinkenden Buchstaben über der Eingangstür. Als sie eintraten, wurden sie von warmer Luft, Plätzchenduft und lauten Kinderrufen umhüllt. Sekunden später folgte das Geschrei und genervte Rufen der Eltern.
«Na los, lass dich von ihnen nicht ablenken», erklärte ihre Mutter aufmunternd und schob sie in Richtung der Regale, die voller Spielsachen waren.

Hier sammelten sich die verschiedensten Spielsachen. Eine Regalreihe war voller Kuscheltiere. Bären, Elche, Schafe. Sie war zu alt für solche Begleiter, entschied sie und ging eine Regalreihe weiter. Dort erwarteten sie Puppen aller Art. Große, kleine, in Prinzessinnenkleider oder im Cowboy Kostüm. Alle ein Strahlen im Gesicht.
Maria-Luisa hatte immer eine Puppe dabei. Niemand durfte mit ihr spielen, weil die Puppe nicht dreckig werden sollte. Maria-Luisa überlegte es sich aber ganz schnell anders, wenn ihr ein Handel vorgeschlagen wurde. Manchmal trug jemand ihre Schultasche. Andere Mädchen erledigten ihre Hausaufgaben. Alle wollten so eine Puppe haben. Nur sie nicht. Maria-Luisa war gemein. Und diese Puppen erinnerten sie daran.
Schnell schlich sie in Regal weiter.

«Hast du schon was gefunden?», fragte ihre Mutter, die wie aus dem Nichts neben ihr aufgetaucht war.
Doch bevor sie eine Antwort geben konnte, hörte sie das altbekannte Singen «Ring, ring, ring, ring, Banaphone».
«Oh Gott, hast du etwa wieder mit meinem Handy...»
Doch den Satz brachte sie nicht zu Ende, weil sie damit beschäftigt war, ihre Handtasche nach dem klingelnden Telefon abzusuchen. Als es schließlich gefunden war, rief sie: «Ich hab dir doch gesagt, dass wir in die Stadt gehen und ein Geschenk suchen. Nein, ich habe heute wirklich keine Zeit.»
Sie warf ihrer Tochter einen entschuldigenden Blick zu und verschwand in eine einigermaßen ruhige Ecke, in der sie das Gespräch fortsetzen konnte.
Das Mädchen durchstreifte den Laden und fand keinen Gefallen an den Spielsachen. Noch vor einem Jahr hatte sie sich nicht entscheiden können. Ihre Mutter musste sie mehrmals daran erinnern, dass der Weihnachtsmann nur einen Wunsch erfüllen konnte. Wenn denn alle Kinder so viele Dinge haben wollten, wäre er nur damit beschäftigt, Geschenke auszuliefern. Dem Mädchen war nicht so recht klar, was so schlecht an der Vorstellung sein sollte.
Doch heute war nichts Tolles dabei.
«Mama, können wir in einen anderen Laden?»

Sie blickte in die Ecke, in der ihre Mutter gerade noch gestanden hatte. Doch sie war leer. Suchend blickte sie sich um. Doch ihre Mutter war nirgends zu sehen. Normalerweise war ihre Mutter kaum zu überhören, wenn sie telefonierte. Doch auch ihre Stimme konnte sie weit und breit nicht hören. Sie musste sich eingestehen, dass ihre Mutter verschwunden war.
Sie kann mich doch nicht einfach vergessen haben?, dachte das Mädchen ängstlich. Die Fahrt zu dem Laden hatte mit dem Auto eine halbe Stunde gedauert. Das Mädchen war nicht oft alleine unterwegs. Sie würde den Weg nach Hause nicht finden.
Sie kommt sicher gleich wieder, dachte sie und ging wieder zu der Regalreihe mit den Kuscheltieren.
Sie waren alle so weich. So ein Bär wäre doch eine Idee. Vielleicht würde er sich nachts in einen echten Bären verwandeln und sie dann vor den bösen Geistern oder gemeinen Kindern in der Schule beschützen.
Die Bären trugen alle eine Schürzte auf der Namen geschrieben standen: BeschützBär, SauBär, StoiBär, AngeBär, BromBär,... Wie sollte sie sich da nur entscheiden?
«Nimm mich, Mihihich! Bitte!», brummte einer der Bären leise.
Doch es war kein wirkliches Brummen. Es klang leise, hoch und unsicher. Als wüsste der Bär nicht wirklich, ob es eine gute Idee war, sich zu Wort zu melden. Aber dennoch war der Wunsch da, ein neues Zuhause zu bekommen. Sie blickte in die Richtung aus der der Ruf gekommen war. Ein Bär, dessen Schürze verknittert war, strahlte sie an.
«Ich bin SauBär», kam es aus seinem Mund. 
«Du siehst aber gar nicht so aus», kicherte das Mädchen.
Es war schon lange her, dass ein Tier mit ihr gesprochen hatte. Schnell blickte sie sich um. Niemand hörte ihnen zu. Der Laden war voll lärmender Menschen.
«Komm, lass uns draußen warten», meinte das Mädchen, nahm SauBär aus dem Regal und schlich sich mit ihm in Richtung Tür.

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Kommentare:

Anja Bauer hat gesagt…

Guen morgen,
wieder eine schöne Geschichte. SauBär erinnert mich ein wenig an DM und die Marke davon :-)
Ganz liebe Grüße
Anja vom kleinen Bücherzimmer

Emma hat gesagt…

Guten Mogen Anja,

genau von der Marke habe ich mich inspirieren lassen. Für ein Festival habe ich ala ein Duschgel im Mini Format gebraucht und ich fand den Wortwitz ziemlich witzig, weil ich irgendwie noch nie auf die Idee gekommen bin SauBär mit Bären zu assoziieren. Als ich für die Geschichte dann etwas herum gegoogelt habe, um noch andere Wortspiele zu finden, hab ich teilweise ziemlich lange Listen mit Bären Wortspielen entdeckt.

Es freut mich, dass dir auch das zweite Türchen gefallen hat.

viele Grüße

Emma

emion hat gesagt…

Dieses Kind ist ein seeeeeeehr seltsamer Charakter. Sie wirkt ziemlich zurückgeblieben.
Und dann klaut sie einfach den Bären!?
Und sie redet mit (Stoff-) Tieren!?
Bzw. diese reden mit ihr? Waaaaas ist hier los? O.o
Aber wo ist die Mutter? Bin wiedermal neugierig.
Und wieso hat hier keiner einen Namen?

Emma hat gesagt…

Ich glaube, mir sind keine Namen eingefallen.
Und hey, wir hatten auch ziemlich lange Fantasie Tiere. Da lässt sich jetzt darüber streiten, was jetzt besser ist :-)

Isona hat gesagt…

Da muss ich emion zustimmen.
Sehr seltsam das Ganze.

Das Kind kommt mir auch etwas dumm vor. Aber kein Wunder, bei der Mutter. Wie alt soll die sein?

Emma hat gesagt…

Das Kind ist um die acht Jahre alt. Und wie alt die Mutter ist? Eine verdammt gute Frage. Ich habe keine Ahnung :-)