Sonntag, 8. Oktober 2017

Vier Tipps für ein erfolgreiches Studium mit Behinderung Tipp 3: Umgang mit der eigenen Behinderung

Hallo in die Runde,

heute kommen wir also zum vorletzten Tipp in dieser kleinen Reihe. Falls ihr gerade zufällig über diese Artikel stolpert und euch fragt, was es damit auf sich hat: Ich, selbst Studentin mit Sehbehinderung und kurz vor Ende des Studiums, möchte anderen Studierenden mit Behinderungen Anregungen an die Hand geben, die den Studienalltag hoffentlich etwas leichter gestalten zu können.

Im ersten Beitrag ging es um das Thema räumliche Orientierung auf dem Hochschul- bzw. Uni Gelände. Im zweiten Teil gibt es etwas zum Thema Organisation im Studium zu lesen. So erzähle ich beispielsweise, welche Möglichkeiten es gibt an barrierefrei Fachliteratur zu kommen.

Die Tipps sind nicht in Stein gemeißelt. Es kann sein, dass sie dem ein oder anderen von euch helfen. Es kann aber genauso gut vorkommen, dass ihr überhaupt nichts mit meinem Geschreibsel anfangen könnt.

Egal, wie ihr über die Reihe oder den hier vorliegenden Beitrag denkt: Haut mir alles in die Kommentare.

Am Ende des Beitrages findet ihr zudem eine weitere Übersicht, welche Artikel in der Rubrik Leben mit Sehbehinderung bereits erschienen sind.



3. Überleg dir, wie du mit deiner Behinderung im Studium umgehst 

Je nachdem, welche Behinderung ihr habt, werdet ihr mir spätestens jetzt wahrscheinlich den Vogel zeigen und brüllen: Ich stell mich doch nicht an den Pranger, ich bin doch nicht blöd! 
Ihr müsst ja auch nicht jeder wildfremden Person eure Lebensgeschichte erzählen. Dennoch ist es wichtig, dass zumindest einige Personen über eure Krankheitsgeschichte Bescheid wissen oder zumindest die Basics eurer Behinderung bekannt sind.

Nicht sichtbare Behinderungen oder Erkrankungen 
Hier fallen mir zu allererst die psychischen Erkrankungen ein. Es sind natürlich auch alle anderen Erkrankungen gemeint, die man auch nicht auf den ersten Blick ansieht, die aber wiederum dafür sorgen, dass ihr nicht regelmäßig an Lehrveranstaltungen teilnehmen könnt oder länger braucht, um Leistungsnachweise zu erbringen.
Wenn ihr hier nicht offen mit eurer Erkrankung umgehen möchtet, kann ich das absolut verstehen. Dennoch denke ich, dass ihr euch das Studentenleben erleichtern könnt, indem ihr einen Antrag auf Nachteilsausgleich beim Prüfungsamt stellt. Hier könnt ihr beispielsweise beantragen, dass ihr für Prüfungen oder Hausarbeiten mehr Zeit bekommt. So wissen zumindest die Leute Bescheid, die euch benoten müssen. Wie ihr so einen Nachteilsausgleich beantragen könnt und was es dabei zu beachten gibt, erkläre ich HIER.

Zudem ist jede Hochschule oder Universität mit einem Behindertenbeauftragen besetzt. Eine Aufgabe des Behindertenbeauftragen ist es, Studierende mit Behinderung beim Studium zu unterstützen bzw. zu beraten. Ihr könnt euch also auch gerne mit den Mitarbeitern in Verbindung setzen.

Sichtbare Behinderungen 
Auch wenn ich damit einen Shitstorm auslöse: Einige Sehbehinderungen sind sichtbar. Ihr bekommt die irritierenden Blicke vielleicht nicht mit, weil ihr sie nicht seht, aber eurem Umfeld wird schnell auffallen, dass da etwas nicht stimmt. Ich persönlich bin sogar froh, dass man mir meine Behinderung ansieht, weil ich so gar nicht au die Idee kommen würde, irgendetwas zu verheimlichen. Nun kommen wir zu meinen Ideen:

Dinge benennen 
Ich bin gerade in der Anfangszeit dazu übergegangen, bei Vorstellungsrunden meine Sehbehinderung anzusprechen und zu erklären, wie viel ich sehe. Und zwar nicht nur in Prozentzahlen, sondern auch, wie sich das in der Praxis äußert. Zudem habe ich dann erwähnt, was die Leute tun können, wenn sie mit mir ins Gespräch kommen wollen. (Mich gezielt ansprechen zum Beispiel und das idealerweise mit meinem Namen :). Allerdings habe ich das nur gemacht, wenn es im Seminar Vorstellungsrunden gab.
Bei einigen Studierenden war das der Türöffner. Ich hab gemerkt, dass sie keine Probleme im Umgang mit mir haben. Andere haben sich nach der Fragerunde wieder verabschiedet und ich hab sie buchstäblich nicht mehr gesehen. Damit müsst ihr natürlich auch rechnen. Dennoch finde ich es sehr wichtig, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Und natürlich ist mir klar, dass es alles andere als einfach ist. Ich habe mich oft gefragt, ob ich das Behinderungsprogramm schon wieder abspulen soll oder nicht.

In Vorlesungen bin ich zu Beginn meist zum Dozenten gegangen und habe gefragt, ob es möglich ist die Vorlesungsfolien vorab zur Verfügung stellen zu können, damit ich in der Lehrveranstaltung auch mitlesen kann. Hier braucht ihr sehr viel Geduld und gute Argumente, da die meisten Dozenten zwar Verständnis zeigen, es aber regelmäßig vergessen oder klarstellen, dass sie sich gerne die Ich-ändere-in-letzter-Minute-einen-Inhalt-Option offen halten möchten. (Wer noch ein Thema für eine Forschungsarbeit suchen sollte: Mich würde brennend interessieren, welche Dozenten am Frühstückstisch nochmal ihre Vorlesungsfolien durchgehen :-) ).

In letzteren Fällen hatte ich dann oft Glück und die Dozenten haben ihre Materialien dann am selben Tag oder zeitnah zur Verfügung gestellt, sodass ich gezielt nacharbeiten konnte.

Sätze wie "Ich will nicht auf meine Behinderung reduziert werden",
Inhaltlich stimme ich euch hier vollkommen zu. Ihr seid mehr als nur der Mensch mit Behinderung. Allerdings kann dieser Satz je nachdem auf welche Leute man trifft, auch ein Kommunikationskiller sein. Stellt euch vor, dass die meisten aus eurem Semester noch nie etwas mit einem Menschen mit Behinderung zu tun hatten. Viele sind unsicher und wissen nicht, wie sie mit euch umgehen sollen oder haben eine Hand voll Fragen, möchten aber auch nicht hochkant ins Fettnäpfchen springen. Ich will nicht auf meine Behinderung reduziert werden, könnte auch übersetzt heißen: Sprich mich nicht darauf an. Damit habt ihr wahrscheinlich eure Ruhe vor den vielleicht lästigen immer wiederkehrenden Fragen. Die Unsicherheiten eures Gegenübers bleiben aber bestehen.

Stellt euch darauf ein, dass 
... es eine Menge Leute geben wird, die sich nicht trauen werden, offen auf euch zuzugehen, weil sie absolut noch nie etwas mit einem Menschen mit Behinderung zu tun hatten.
... gefühlt alle euch kennen, ihr aber nur wenige :-)
... am Anfang sehr viele Fragen zu eurer Behinderung kommen werden: Einige verabschieden sich nach der Fragerunde und waren nie wieder gesehen. Für Andere ist die Fragerunde zum Einstieg der Türöffner für einen zuverlässigen Kontakt.
... ein offener Umgang mit eurer Behinderung euch oft das Leben erleichtern kann: Sagt was ihr braucht, dann weiß euer Umfeld Bescheid.


Eure Erfahrungen 

An dieser Stelle interessiert mich brennend, welche Erfahrungen ihr im Studium oder in der Ausbildung gemacht habt.
Oder an die Leser, die keine Behinderung haben: Was würde euch im Umgang mit Menschen mit Behinderung helfen? Wo sind eure Unsicherheiten?

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In dieser Rubrik bereits erschienen:  

Bewerben für die Ausbildung / das Studium - HIER KLICKEN
Wo und wie beantrage ich Hilfsmittel - HIER KLICKEN
Wie bewerbe ich mich für ein Praktikum? - HIER KLICKEN
Wie beschaffe ich mir Fachliteratur? - HIER KLICKEN
Was muss ich für Prüfungen beachten? - HIER KLICKEN
Umgang mit der Sehbehinderung eigene Erfahrungen - HIER KLICKEN
Wie arbeite ich mit einer Gesetzessammlung? HIER KLICKEN
Wichtige Tastaturbefehle (Shortcuts) im Überblick HIER KLICKEN
Blind heißt nicht gleich nichts sehen - HIER KLICKEN
Vier Tipps für ein erfolgreiches Studium mit Behinderung: Tipp 1: Orientierung ist alles HIER KLICKEN 
Vier Tipps für ein erfolgreiches Studium mit Behinderung: Tipp 2: Organisation ist alles HIER KLICKEN 

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