Freitag, 2. Dezember 2016

Im Jahre 5125

„Lieber Weihnachtsmann, 
in der Familienchronik steht geschrieben, dass das Weihnachtsfest vor vielen Jahren noch um einiges ereignisreicher war, als heutzutage. Früher gab es wohl noch einen richtigen Baum mit glitzernden Kugeln und leuchtenden Kerzen, gutem Essen und tollen Geschenken. Es heißt sogar, dass an diesem Abend das ein oder andere Haus abgefackelt ist. Ach, was wäre ich gerne ein Teil dieser Zeit gewesen.
Unser Weihnachten ist langweilig. Alle Häuser sind mit Hologramm Bäumen ausgestattet. Zu unserer eigenen Sicherheit. Außerdem soll es so weniger Holzverschwendung geben. Oder so ähnlich. Und das Essen... Naja...
Ich hab in der Chronik auch gelesen, dass dir die Kinder früher einen Wunschzettel geschickt haben. Bei uns läuft das eigentlich so ab: Wir schicken unseren Eltern eine Mail mit unseren Wünschen. Einfach, weil es schneller geht. Von Romantik keine Spur. Ich bin zwar kein Kind mehr, wollte dir aber trotzdem gerne mal schreiben.
Ich würde so gerne einmal weiße Weihnachten feiern, So richtig weiße. Nicht mit dem blöden Kunstschnee, der nach Watte schmeckt und gar nicht kalt ist. Aber Mama hat gesagt, dass man den viel leichter aufräumen kann. Sie hat mir auch erzählt, dass die Welt früher an Weihnachten im Schneechaos versunken ist. Wir können uns heute aussuchen, welches Wetter wir wollen. Unsere Nachbarn stehen voll auf Australien und haben ihren Garten in einen Strand umgebaut. Ich mag es lieber kalt und gemütlich, als heiß und klebrig. Aber da bin ich wohl alleine...“


Foto: A. Mack
Ein lauter Ping unterbricht meine Email an den Weihnachtsmann. Ein Icon mit dem Bild meiner besten Freundin taucht vor mir auf. Entnervt nehme ich den Anruf an.
„Sandy, du glaubst nicht, was ich gefunden habe.“ 
Bevor ich zu einer Antwort ansetzen kann, projiziert sie mir das Bild ihrer Stirn-Cam auf den Bildschirm, ohne die sie das Haus schon seit Jahren nicht mehr verlässt. M. ist auf einem belebten Platz, der spärlich beleuchtet ist. Plötzlich taucht ein Scheinwerfer wie aus dem Nichts auf. Ms. Blick geht nach oben und sie erkennt, dass das Licht von einem Stern kommt. Merkwürdig. Sterne sind heutzutage genauso selten, wie echte Natur. 
„Und weißt du, was ich gefunden habe, als ich dem Stern gefolgt bin?“, fragt sie begeistert. 
Das Bild verblasst und sie hält eine Dose in die Kamera. 
„Kekse. Echte Weihnachtskekse.“ 
Ihre Augen leuchten. Und ich kann auch verstehen warum. In unserer Zeit wird nicht mehr gekocht. Das Essen kommt aus der Maschine und wird nicht mehr per Hand zubereitet. Dafür bleibt keine Zeit. Ich kenne den Geschmack von echten Weihnachtskeksen nur aus den Aufzeichnungen der Familienchronik. Den Duft von richtigem Essen nur aus den Videos, die von meinen Vorfahren übermittelt wurden. 
„Und weißt du, mit wem ich diesen Schatz teilen möchte?“, fragt M. begeistert. M., deren Eltern nicht mal genug Zeit hatten, ihr einen vollständigen Namen zu verpassen.
„Mit dir, Sandy. Das kitschigste Weihnachtsgeschenk für meine beste Freundin.“ 
Sie hält die Schachtel ganz nah an die Kamera. Ich strecke meinen Arm aus, die Hand kommt auf ihrer Seite an. Wir öffnen die Dose, greifen uns jeweils einen Keks heraus und beißen herzhaft hinein.

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