Mittwoch, 21. Dezember 2016

Im Jahre von Jesu Geburt Part II



Eine Schafsherde graste auf einer Weide. Mitten in der Nacht. Der Schäfer war mit den Jahren etwas vergesslich geworden. Und da es ein heißer Tag und somit eine schön lauwarme Nacht war, hatten die Schafe auch kein Bedürfnis danach, ihren Stall aufzusuchen.
„Ey, seht ihr den Stern da oben?“
„Freddy, du hast mal wieder zu viel Gras geschnupft“, flötete Helga.
„Halt, ich seh ihn auch!“, meinte ein anderes Tier aus der Herde. Immer mehr Schafe starrten an den Himmel und betrachteten den Stern, der am hellsten leuchtete. Von weit her – oder doch ganz nah? – erklang eine Stimme. Die Schafe blickten sich nicht einmal suchend um, betrachteten einfach nur den Stern, aber lauschten auf jedes Wort:
„In drei Tagen wird ein Kind geboren. Ein Kind, welches treue Gefährten auf dieser Welt braucht. Denn ihm steht kein einfaches Leben bevor. Macht euch auf und heißt es auf dieser Welt willkommen. Folgt dem Stern und er führt euch zu eurem Ziel.“
Die Stimme verstummte. Ein paar Schafe riefen begeistert: „Auf, lasst uns gehen.“ Doch eines übertönte die versammelte Mannschaft: „Lasst uns eine Nacht darüber schlafen. Morgen ist auch noch ein Tag.“
Mäh – er hieß so, weil „Mäh“ das erste Wort war, welches über seine Lippen kam – stand etwas abseits von der Menge. Seine Mutter war vor nicht allzu langer Zeit gestorben. Doch eine Weisheit war ihm im Gedächtnis geblieben: „Laufe nie einer Herde hinterher, die nur an eine Sache glaubt. Überzeuge dich erst selbst davon, wie viel Wahrheit dahintersteckt.“
Mäh war sich nicht sicher, ob es gut war, mit der Herde zu reisen. Was, wenn eine Falle auf sie wartete? Wie zum Beispiel der Schlachter vor dem alle Tiere warnten. Kam die Botschaft vielleicht von ihm? Langsam dämmerte er weg. Die Fragen blieben unbeantwortet.


Foto: A. Mack
Als er am nächsten Tag erwachte, war die Herde verschwunden.
„Freddy?“ Leere kam ihm zur Antwort.
„Helga?“ Auch das altbekannte Schaf antwortete nicht.
Warum hatten sie ihn im Stich gelassen? Ängstlich starrte er an den Himmel und stellte fest, dass auch der Stern erloschen war. Die Sonne hatte seinen Platz eingenommen. „Hilfe“, flüsterte er. Da tauchten drei Vögel wie aus dem Nichts auf. „Mann, sei kein Schaf“, kommandierte der erste.
„Aber ich bin doch ein Schaf“, protestierte Mäh.
„Was er eigentlich sagen will“, begann Vogel Nummer zwei.
„Mach dich auf die Suche nach ihnen. Weit können sie ja noch nicht sein“, vervollständigte der dritte Vogel die Weisheit. „Und besser, du hast drei Vögel an deiner Seite, als nur einen. Denn ein Vogel hat schon viele ins Verderben gestürzt.“ So brach Mäh mit seinen neu gewonnenen Gefährten auf.

In der Nacht von Jesu Geburt Mäh hatte die letzten Tage damit verbracht, nachts zu schlafen. Allerdings hatte er sich so nie vergewissern können, ob der Stern wirklich erloschen war. So stellte er erst am Tage von Jesu Geburt fest, dass es sich wohl um einen Irrtum handelte und das Objekt am Himmel strahlte, wie an jenem Abend. Er raste unbeirrt weiter, die Vögel an seiner Seite. Und so wäre er fast in seine Herde gestolpert.
„Freddy?“
„Anwesend!“, kam es von weiter vorne. 
„Helga?“
„Zu deiner linken. Mäh, schon lange nicht mehr gesehen. Wo warst du?“
Da wusste er, er war wieder zu Hause. 

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