Dienstag, 13. Dezember 2016

Im Jahre 5000

Foto: A. Mack
Eine große Menge hatte sich vor dem Lager des Weihnachtsimperiums versammelt. Nachdem der Weihnachtsmann letztes Jahr überraschend gestorben war, hatte die Gemeinde ein großes Geheimnis daraus gemacht, wer ihn beerben sollte. Natürlich gab es nicht den Weihnachtsmann. Immer dann, wenn eine Besetzung starb, wurde ein neuer Mann gekürt. Denn zu beschenkende Kinder gab es trotzdem. Doch es gab auch wilde Spekulationen, dass die Nachfahren des letzten Weihnachtsmannes lieber in die Keks- als in die Geschenkeindustrie gehen wollten. Gerüchte hatten die Runde gemacht, dass es dieses Jahr erstmals kein Geschenke verteilen geben würde. Und genau deswegen war der Platz vor dem Weihnachtsmanngelände rappelvoll. Pünktlich zehn Minuten vor Abflugzeit, jaja Weihnachtsmänner hin oder her auf den Schlitten würde keiner von ihnen verzichten, öffnete sich das große Tor. Die Zuschauer bekamen den ersten Blick auf eine Menge Schlitten und Rentiere frei. „Da ist ja keiner“, maulten die ersten. Meistens hatte der alte Weihnachtsmann schon auf dem Schlitten gesessen und etwas Lustiges in Richtung der Wartenden gerufen. Doch plötzlich tönten laute Glocken über den Platz. Verdattert sahen sich die Schaulustigen um. Von einer Kirche weit und breit keine Spur. Dieses Ablenkungsmanöver wurde genutzt und eine Gestalt nahm auf dem vordersten Schlitten Platz. Nur die Aufmerksamen unter den Zuschauern hatten es bemerkt. Ein Räuspern kam von der inoffiziellen Bühne. Sofort kehrte Ruhe ein.
„Ihr Lieben, es freut mich sehr, dass so viele von euch heute hier erschienen sind.“ De Stimme konnte nicht klar zugeordnet werden. War es ein Mann? Eine Frau? Oder gar ein Kind? Konnte ein Kind diese Verantwortung überhaupt tragen? Verwirrtes Gemurmel ging durch die Menge. „Hey hohoho. Hört mir zu, wenn ich mit euch rede.“ Das waren aber ganz neue Töne.
„Wer bist du? Zeig dich!“, kamen die ersten fordernden Rufe. Immerhin war es kalt. Und das Publikum wurde ungeduldig. Hatte die Elfenpresse etwa zu viel versprochen?
Da stand die Gestalt auf. Den vorderen Reihen wurde sofort bewusst, dass es sich hier um keinen gewöhnlichen Weihnachtsmann Erben handelte. Die Gestalt war größer als die letzten drei Weihnachtsmänner zusammen. Zumindest gefühlt. Und diese waren immerhin über hundert Jahre alt geworden und immer noch aufrecht jedes Jahr auf dem Schlitten gesessen.
„Jetzt pass mal auf, ja?“ Die Gestalt nahm eine Kampfhaltung an. Die Menge versuchte zurückzuweichen, was nur schwer gelang.
„Ich bin die erste...“, und da fiel ihre Kapuze hinab: „Weihnachtsfrau unserer Zeit. Während meine Brüder backen, möchte ich die Welt entdecken, leuchtende Kinderaugen sehen und mich freuen, dass ich dank meiner guten Figur wunderbar durch sämtliche Schornsteine Europas passe. Im Gegensatz zur restlichen Verwandtschaft.“ Würde es am Nordpol Grillen geben, hätte man sie jetzt lautstark zirpen gehört.
„Endlich hat es eine Frau geschafft, diesen Schlitten zu erklimmen. Ihr habt zwei Möglichkeiten: Entweder ihr haltet an alten Traditionen fest und müsst euch gedulden, bis ein williger Weihnachtsmann geboren wird. Denn ich sage euch, meine drei Brüder sind alle glorreiche engagierte Bäcker oder Rentierpfleger. Oder ihr gönnt mir den Spaß. Zumindest dieses Jahr. Und wenn ich es schaffe, keinen Schaden über diese Welt zu bringen, darf ich den Job behalten.“ Sie schnippte mit dem Zeigefinger und eine Leinwand wurde neben der Schlittenmenge heruntergelassen. „Irgendeinen Vorteil muss die Technologie ja haben. Hier könnt ihr meinen Livestream beobachten. Also Rudolphs! Auf geht’s!“ Und die erste Weihnachtsfrau der Geschichte gab ihren Rentieren das Signal zum Abflug.

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