Freitag, 23. Dezember 2016

Im Jahre 1990

Foto: A. Mack
„Wir als Einkaufszentrum haben es uns zur Aufgabe gemacht, glückliche Kunden in diesen heiligen Hallen zu erfreuen. Und wie macht man Kunden glücklich?“ Der Einkaufszentrumsleiter blickte enthusiastisch auf eine Gruppe Männer, welche mehr oder weniger gespannt seinen Worten lauschte. 
„Man macht sie mit dem Weihnachtsmann bekannt.“ Es herrschte Stille. Kein begeistertes Klatschen. Kein Jubel.
„Okay, da müssen wir wohl noch viel arbeiten. Sie kennen die Spielregeln. Wir teilen Ihnen jetzt Weihnachtsmannkostüme aus und danach geht es los zur Arbeit.“
Lucas verabscheute den Weihnachtsmann. Warum er sich dennoch für diesen Job beworben hatte? Ganz einfach: Er brauchte Geld. Und besser als ein überdimensionales Hasenkostüm oder Sportmaskottchen war das allemal. Ihm wurde ein rot weißer Anzug inklusive Bart und Mütze in die Hand gedrückt. „Jetzt stellen Sie sich in Zweiergruppen zusammen. Gearbeitet wird immer im Team“, verkündete der Leiter und blies in eine obligatorische Tröte. Die Männer waren alle gemischten Alter. Es gab junge, wie Lucas, sowie steinalte, die wahrscheinlich noch am ehesten in die Weihnachtsmannrolle gepasst hätten.
„Hey, hast du schon einen Partner?“, fragte ihn ein freundlich lächelnder Mann. Sein Bart schien viel weißer als diese unbequemen Dinger vom Einkaufszentrum. Und irgendwie schien er es innerhalb von wenigen Minuten Orientierungslosigkeit geschafft haben, sich umzuziehen. Lucas fragte sich, ob der Herr einfach sein eigenes Kostüm mitgebracht hatte. Er schüttelte den Kopf und die vorübergehende Blutsweihnachtsschaft – für Brüderschaft war es definitiv zu früh – war geschlossen. Lucas zog sich um und die Arbeit konnte beginnen. Auf dem Weg zu ihrer ersten Station – sie mussten die Geschenke Säcke abholen – fragte sein Partner: „Was verbindest du mit Weihnachten?“
Was sollte das jetzt?
„Langeweile, freie Tage, Bier und eine Pizza“, antwortete Lucas wahrheitsgemäß. Seit einigen Jahren hatte er sein Elternhaus verlassen und wollte ganz bestimmt nicht an Weihnachten wieder dorthin zurückkehren. Seit damals... Zumal seine Schwester mittlerweile eine eigene Familie hatte und er keine Kinder mochte.
„Das klingt ja nach modernen Ansichten.“ Der Mann blickte nachdenklich drein. Sie gingen schweigend weiter.
An der Station angekommen, erwarteten sie eine Menge brauner Wollsäcke und ein großer Stapel Geschenke.
„Sie haben zwei Minuten Zeit, diese Geschenke in den Beutel zu stopfen. Es darf keines beschädigt werden. Danach machen Sie sich mit dem Sack auf ins Kinderparadies. Dort verteilen Sie die Geschenke“, erklärte eine schlecht gelaunte Frau mit einer Weihnachtsmütze auf dem Kopf.
„Und wo ist unser Schlitten?“, fragte Lucas Partner entgeistert.
„Willst du mich verarschen, alter Mann? Wir sind hier in einem Einkaufszentrum. Die einzig fahrenden Fahrzeuge hier drin sind Putz- und Einkaufswägen. Also, los.“ Gesagt getan. Während Lucas mit seinem Sack und diesen vielen Geschenken zu kämpfen hatte, ging sein Partner scheinbar strukturiert vor. Nächstes Jahr bewerbe ich mich einfach bei Schlag den Star, überlegte Lucas. Schlimmer konnte das ja nicht werden.

Als beide jeweils einen mehr oder weniger gut geschlossenen Sack auf dem Rücken hatten, gingen sie schnellen Schrittes voran.
„Wir nehmen das hier“, Lucas Partner zeigte in Richtung der Fahrstühle. Lucas Rücken tat weh. Er war sehr angetan von dieser wunderbaren Idee.
Im Aufzug angelangt, suchten sie nach dem Kinderparadies. Der Knopf war gedrückt, die kurze Fahrt begann.
„Was war dein schönstes Erlebnis mit dem Weihnachtsmann?“, musste sich Lucas einer erneuten Frage stellen. Was sollte das? War er ein Spion, der seinen Partner mürbe machen sollte? Lucas schwieg und dachte nach.


Vor vielen, vielen Jahren
Klein Lucas: „Wann kommt denn endlich der Weihnachtsmann?“ Seine Augen leuchteten. Der Baum war geschmückt, das Essen verspeist. Das Warten war wie jedes Jahr eine zähe Angelegenheit.
„Er muss gleich da sein“, antwortete seine Mutter nervös. Schon seit einer Stunde blickte sie neugierig aus dem Fenster. Dabei war es doch kein Geheimnis, dass der Mann durch den Schornstein kam. Da veränderte sich das Gesicht der Mutter. Es hellte sich nicht etwa auf, sondern wurde finster.
„Was ist los? Hat er Knecht Ruprecht vorbeigeschickt?“, fragte Lucas aufgeregt. Dabei war er doch ganz brav gewesen.
„Der kommt doch nur an Nikolaus“, kommentierte seine kleine, neunmalkluge Schwester,
Es klingelte an der Haustür. Die drei Bewohner rannten sofort in den Flur. Die Mutter, um das Schlimmste zu verhindern, die Kinder, in der Hoffnung, dass es endlich die Bescherung geben würde.
„Geht ins Wohnzimmer“, kommandierte die Mutter, bevor sie die Haustür öffnete. Natürlich gehorchten die Kinder nicht.
„Hau, Hau, Hau.“ Ein Rumpeln ertönte und ein Sack wurde vor der Mutter abgeworfen. Der Weihnachtsmann stützte sich mit einem Arm am Geländer ab. Bevor die Mutter etwas sagen konnte, rannten die Kinder an die Haustür.
„Na, endlich“, riefen sie begeistert aus.
Der Weihnachtsmann blickte sie finster an, griff sich in den Bart, riss ihn ab und ließ ihn auf den Boden fallen. Ein Moment des Grauens. Es kam kein Blut zum Vorschein. Dennoch war das Entsetzen spürbar. Lucas Schwester hatte als Erste die Sprache wiedergefunden: „Du bist gar nicht der Weihnachtsmann. Du bist Onkel Olaf.“

„Na, da scheint es ja viele zu geben“, kommentierte Lucas Partner. Der Aufzug schien sein Ziel nicht erreichen zu wollen.
„Jetzt hör auf mit deinem Opa Geschwätz“, knurrte Lucas.
„Ich hab dich nicht verstanden“, antwortete der Herr immer noch freundlich. Da hielt es Lucas nicht mehr aus und stürzte sich auf seinen Partner.
„Nimm ... endlich ... diesen ... verdammten BART AB“, brüllte er und versuchte dem Mann das Stück aus dem Gesicht zu reißen. Doch es gelang ihm nicht. Der Bart saß wirklich gut.
„Au, es reicht“, sein Partner riss sich los, der Aufzug kam vor dem Kinderparadies zum Stehen. Eine Horde Kinder hopste bereits aufgeregt herum. Die Türen öffneten sich.
„Ho, ho, ho“, begrüßte Lucas Projektpartner die kreischenden Wesen. Nach diesen Begrüßungsworten legte sich Stille über das Grüppchen. Und der Weihnachtszauber begann. Dieser Mann erfüllte seinen Job perfekt. Kein Kind turnte herum, begann zu nörgeln, oder verließ ihn, weil es sich wieder seinem Spielzeug zuwenden wollte. Obwohl Lucas diesen Mann vor ein paar Minuten verflucht hatte, konnte er bewundernd anerkennen, dass er sich viel besser für diesen Job eignete, als er selbst.
Nachdem die Geschenke verteilt waren, gingen sie wieder zurück zum Aufzug.
„Tut mir leid, Mann“, meinte Lucas kleinlaut.
„Keine Ursache. In deinem Alter vergisst man halt, dass es den Weihnachtsmann wirklich gibt“, lächelte der Herr zufrieden.
„Ja, ja ist gut jetzt. Der Job ist erledigt, wir haben Feierabend. Du kannst deine Rolle jetzt ablegen“, meinte Lucas und musste sich zusammennehmen, dass seine Stimmung nicht wieder kippte.
„Rolle?“ Der Mann blickte ihn verständnislos an.
„Ich zeig dir was“, fügte er hinzu und schleifte Lucas wieder in den Aufzug. Nachdem er ein paar Knöpfe gedrückt hatte, landeten sie auf dem Dach. Der Mann marschierte gezielt in eine Ecke. Und tatsächlich. Da stand ein kleiner Schlitten, der von einem Miniaturrentier gezogen wurde.
„Krass“, kommentierte Lucas. Er hatte sich aber schnell wieder gefangen.
„Und jetzt soll ich beeindruckt sein, oder was?“, fragte er.
„Lucas, hör mir jetzt zu. Es gibt einen Menschen, der sich in diesem Moment fragt, wie er seine Kinder an Weihnachten erfreuen könnte. Damit ihnen nicht, dasselbe passiert, wie euch damals.“
Der Mann verstummte, setzte sich auf den Schlitten, kramte in seiner Tasche und drückte Lucas einen Umschlag in die Hand.
„Ich weiß, du hättest mich heute am liebsten verflucht. Aber es gibt jemanden, der dich braucht.“
Mit diesen Worten trieb er sein Rentier an und der Schlitten setzte sich in Bewegung. Kurz fragte sich Lucas, ob er zu wenig geschlafen und zu viel gefeiert hatte. Aber der Schlitten flog wahrhaftig in die Luft.

Ein paar Tage später „Wann kommt denn endlich der Weihnachtsmann?“ Sie verstand es schon immer, gute Geschichten zu erzählen. Doch heute war der traurige Tag, an dem sie ihren Kindern erklären musste, dass es den Mann nicht gab. Das Einzige, was sie dabei tröstete war der Gedanke, dass ihre Kinder es nicht auf die grausame Art erfahren mussten, wie sie und ihr Bruder. Noch bevor sie zu einer Antwort ansetzen konnte, klingelte es an der Haustür.
„Endlich!“ Die Kinder waren so viel schneller.
„Ha, äh, ho, ho“, kam es räuspernd von dem Mann an der Tür. Er sah genauso aus, wie der Weihnachtsmann. Aber er hatte keinen Sack bei sich.
„Wo sind unsere Geschenke?“ Tränen stiegen in die Kinderaugen. Er konnte sie ja nicht einfach vergessen haben. Oder?
„Na, die hat eure Mutter schon nach drinnen gebracht. Nicht, dass sie noch frieren.“ Da blickte die Mutter den frisch gebackenen Weihnachtsmann in die Augen. Und sie erkannte ihn sofort. Ein Strahlen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Weihnachten war gerettet.

Kommentare:

  1. Hallo Emma,
    also ich muss mir ehrlich mal die Zeit nehmen und all Deine Geschichten in Ruhe lesen. Toll!!
    Ganz liebe Grüße
    Anja vom kleinen Bücherzimmer

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    1. Hallo Anja,
      das freut mich, dass sie dir gefallen :-).
      Die Kurz - oder wahrscheinlich eher Langgeschichten vom letzten Jahr enthalten ein paar peinliche Fehler, die ich aber dennoch nicht nachträglich korrigieren wollte. Die Geschichten von diesem Jahr sind wahrscheinlich schneller "nachzulesen" da sie ja doch recht knapp sind.

      Es freut mich sehr, dass du hier ein bisschen Zeit verbracht und offenbar gerne gestöbert hast.
      viele Grüße
      Emma

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