Samstag, 24. Dezember 2016

Im Jahre 1929




Das Weihnachtsfest nahte. Und der Sohn würde es außerhalb feiern. Das erste Mal seit all den Jahren. Obwohl er das Elternhaus schon vor einiger Zeit verlassen hatte, war er an Weihnachten nach Hause gekommen. Die Mutti hatte Tränen in den Augen, als der Brief angekommen war. Vati schwieg und dachte nach.
Nach drei Tagen Bedenkzeit verkündete er der Mutti: „Wir werden ihn besuchen.“
Die Mutti blickte ihn ängstlich an: „Er hat doch gesagt, er möchte Weihnachten lieber mit seinen Freunden feiern.“
„Wir müssen ja nicht drei Tage mit ihm verbringen. Wir können ja nur ein paar Stunden bleiben. Nur, weil er nicht kommen möchte, heißt, dass nicht, dass ich ihn nicht besuchen kann. Vati kann. Du wirst es schon sehen.“
Also machte sich Mutti daran, die Sachen für die Reise zu packen. Während sie Wäsche faltete und in Koffern unterbrachte, murmelte sie: „Wir schaffen das.“


Am Weihnachtstage Die Eltern waren in der neuen Heimat ihres Sohnes angekommen. Die Sonne strahlte, das Meer rauschte. Interessiert musterten sie die fremde Umgebung und konnten verstehen, dass ihr Sohn hier bleiben wollte.
Doch nun stellte sich die Frage: Wie sollten sie den Sohn unter all den Menschen finden?
Nach vielen Stunden und einigen Sprachschwierigkeiten hatte man sie vor einem kleinen Dorf abgesetzt. Die Häuser Ansammlung war durch eine Mauer von dem Rest der Stadt abgetrennt.
„Ist das ein Gefängnis?“, fragte die Mutti verunsichert.
„Ach, was! Er will halt seine Ruhe“, antwortete Vati selbstsicher, ging zum Eingangstor und bat um Einlass.
Die Eltern wurden von oben bis unten gemustert und mussten sich dann der Frage stellen: „Wen wünscht ihr zu sprechen?“
„Na, meinen Sohn. Benedict.“ Die Augen des Pförtners wurden groß. Er verschwand und kam erst nach einer gefühlten Ewigkeit zurück.
„Der Herr ist nun bereit. Bitte folgen Sie mir.“
Er führte die Eltern durch das Dorf. Viele Menschen waren unterwegs, wirkten aber keinesfalls in Eile, wie das sonst am Weihnachtstage der Fall war. Vor einer wunderschönen Kapelle kamen sie zum Stehen.
„Hier hält er sich am liebsten auf“, erklärte der Pförtner und öffnete die Eingangstür. Die Eltern stolperten vorsichtig herein. Die Kapelle lag fast im vollständigen Dunkeln und wurde nur von ein paar Kerzen am anderen Ende des Raumes erhellt. Dort stand eine Gestalt. Beide erkannten ihn sofort. Es war Benedict.
„Wer ist da?“, fragte er mit unsicherer Stimme. Der Pförtner hatte mal wieder vergessen nach den Namen der Besucher zu fragen. 
Foto: A. Mack
„Mutti und Vati“, platzte es aus den Eltern heraus. Einen kurzen Moment herrschte Schweigen. Dann ging alles ganz schnell. Benedict rannte förmlich auf seine Eltern zu und fiel ihnen in die Arme. So lange hatte er sie schon nicht mehr gesehen. Als er ihnen verkündete, das Weihnachtsfest nicht mit ihnen feiern zu können, war ihm das keinesfalls leicht gefallen. „Was macht ihr denn hier?“, fragte er, nachdem die ersten Freudentränen getrocknet waren.
„Na, Weihnachten mit dir feiern“, lächelte die Mutti. 
„Mutti wollte zuerst nicht. Aber Vatikan(n).“

Kommentare:

  1. Hallo Namensvetterin :)

    Wow, eine süße Weihnachtsgeschichte! Hast du die selbst geschrieben?

    Ich wünsche dir ein frohes Weihnachtsfest!

    Allerliebste Grüße
    Emma

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hey ho Emma,
      es freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat. Jepp hierbei handelt es sich um das krönende Finale meines zweiten literarischen Adventskalenders. Und wie du sicher bemerkt hast, bin ich die Frau der schrägen Wortwitze :-).

      Ich hoffe, du feierst gerade schön mit deiner Familie und hast ebenfalls ein paar tolle Weihnachtsfeiertage.

      viele Grüße
      Emma

      Löschen
    2. Oh toll, ein Adventaskalender :) Ich habe dieses Jahr auch an einem literatischen Adventskalender teilgenommen, allerdings mit 23 anderen Autorinnen und Autoren. Falls es dich interessiert, kannst du mal auf dem Blog tintenfleck.wordpress.com vorbeischauen :)

      Haha und ja, dein Wortwitz war super :D Ich liebe Spielereien mit Wörtern. Deswegen mochte ich auch immer Heinz Erhardt sehr gerne, kennst du den auch?

      Liebste Grüße
      Emma

      Löschen
    3. Hallo Emma,
      den Adventskalender werde ich mir auf jeden Fall mal anschauen. Der Vorteil bei so einem Projekt ist, dass man dann nur eine Geschichte schreiben darf und nicht so weit im voraus planen muss, einen ganzen Kalender alleine zu meistern. Letztes Jahr war ich da deutlich früher dran. Dieses Jahr stand ich etwas unter Zeitdruck :-).

      Heinz Erhardt kenne ich. Als ich klein war, hatten meine Eltern eine Kassette von einer Liveaufnahme im Auto. Da waren auch ein paar richtig gute Wortwitze dabei. (Ich sollte mal herausfinden, ob und wo die Kassette bei uns noch herumfährt :-) ).

      viele Grüße

      Löschen
  2. Hallo,
    schöne Geschichte. Und das mit der Wortspielerei. Hat diese Geschichte eigentlich auch einen tieferen Sinn. ich habe es so verstanden, das man mit Liebe alles erreichen kann und immer von der Familie oder Freunden umgeben ist.
    Ganz liebe Grüße
    Anja vom kleinen Bücherzimmer

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Anja,
      es freut mich sehr, dass dir die Geschichte gefällt. Dieses Jahr ist der Kurzgeschichten Adventskalender an meinen Lesern wohl etwas vorbei gegangen, obwohl die Geschichten bis auf eine im Vergleich bewusst viel kürzer gehalten waren.

      Vordergründig war bei der Geschichte eigentlich die Wortspielerei. Wichtig war mir vor allem, die Kirche als solches nicht "durch den Dreck" zu ziehen, weil ich es schön finde, wenn Menschen an Gott glauben, egal ob sie jetzt Kirchgänger sind, oder nicht.

      Deine Interpretation finde ich aber auch sehr spannend und auch treffend. Am Anfang könnte man ja meinen, dass "der Sohn" Weihnachten absichtlich nicht bei der Familie feiern möchte.
      Ich habe ein paar Leute in meinem Bekanntenkreis bei denen sich das "typische" Familienbild geändert hat. Ihnen sind beispielsweise die Freunde wichtiger als die Familie. Von daher finde ich es schön, dass du die "Liebe" hervorhebst, denn ich denke, dass Freunde auch viel "auffangen" können. (Oje diese Kommentar Antwort nimmt gerade eine schräge Richtung an... Ich glaube, ich hör jetzt lieber auf :-) ).

      viele Grüße und vielen Dank fürs vorbeischauen.
      Emma

      Löschen
  3. Hallo Emma,
    nein, ich finde es toll, das Du so ausführlich erklärst. Ich finde gar keine schräge Richtung in dem Kommentar - im Gegenteil.
    Den Satz finde ich so passend: "wenn Menschen an Gott glauben, egal ob sie jetzt Kirchgänger sind, oder nicht."
    Ich gestehe, ich glaube nicht an die Kirche, aber an Gott. Denn Gott ist überall und beschränkt sich nicht nur aujf die Kirche!
    Jedenfalls macht es mir sehr viel Spaß, mit Dir zu unterhalten und ich denke, wir werden bestimmt noch so ein paar Runden plaudern. Gerne per Email :-)
    manne.anja@gmail.com
    Ganz liebe Grüße
    Anja vom kleinen Bücherzimmer

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Anja,
      super, genau das meine ich! Ich glaube auch an Gott, finde es aber schade, wie manche Sachen in der Kirche transportiert werden.
      Ich setze mich mal die nächsten Tage hin (frühestens morgen allerspätestens kommendes Wochenende) und werde dir mal eine Mail schreiben (und natürlich deinen Blog abonnieren).

      viele Grüße
      Emma

      Löschen
  4. Hallo Emma,

    ich bin durch Ankas Aktion auf deiner Seite gelandet und habe mir direkt die Geschichte durchgelesen. Und ich musste lächeln. Obwohl es nur eine kleine Story ist, finde ich sie berührend und herzerwärmend. Toll!

    LG
    Denise

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Denise,
      es freut mich, dass dir die Geschichte und der vergleichsweise banale Wortwitz gefällt :-). Ich wurde zu der Idee inspiriert und fand sie so lustig, dass sie einfach einen Platz im Adventskalender haben musste.

      viele Grüße und vielleicht schreiben wir ja nochmal im Rahmen von Ankas Aktion :-)

      Emma

      Löschen