Dienstag, 8. Dezember 2015

8. Türchen: Nans Patient



Ihre Schicht war fast zu Ende. Obwohl die meisten Patienten auf der Intensivstation schliefen, somit also nicht, wie in anderen Stationen den ganzen Tag damit beschäftigt waren, auf die Klingel einzuschlagen und nach der Gesellschaft einer Schwester zu verlangen, hatte es der Tag in sich gehabt.

Die Presse hielt die Mitarbeiter des Krankenhauses ziemlich auf Trab. Es wurde beinahe kein Besucher mehr ohne einen bestimmten Wisch auf die Station gelassen. Diese Dokumente mussten natürlich auch erst abgesegnet und sorgfältig kontrolliert werden. Nicht, dass sich irgendwelche Journalisten fiktive Patienten ausdachten, die es zu besuchen galt.

Nan schloss das Stationszimmer ab und ging in die Richtung von Steffens Zimmer. Dieser Junge tat ihr ganz besonders leid. Wenn man seinem Freund Glauben schenken durfte, wollten beide eigentlich nur einen Nachmittag im Schnee verbringen. Nun lag der Junge erstmal im künstlichen Koma oder so ähnlich. Seine Akte war von ihr noch nicht genau unter die Lupe genommen worden. Auch seine Eltern hatte sie noch nicht zu Gesicht bekommen. Sein einziger Besucher war Olli. Nan öffnete die Tür und trat ein. Die Geräte surrten und piepten im Takt, wie nicht anders zu erwarten. Ihr Blick blieb auf dem Nachttisch kleben. Sie musste schmunzeln. Das hatte sein Freund also in der Tüte transportiert. Eine schicke Flasche. „Na, da kann es jemand wohl kaum erwarten, bis Sie wieder aufwachen“, kommentierte Nan und näherte sich dem Nachttisch. Vorsichtig nahm sie die Flasche in beide Hände. Zum Geburtstag wurde einem von der Station schon mal eine Flasche Wein geschenkt. Dieser wirkte im Vergleich aber wirklich edel und nicht gerade günstig. Woher Olli das Getränk wohl hatte? Sicher nicht von Aldi, das stand fest. Steffen war Privatpatient. Aber gehörte auch Olli zu den wohlhabenden Menschen des Dorfes?

Nan stellte die Flasche leise auf dem Nachttisch ab und ging in Richtung Fenster. Normalerweise hatte sie immer ein freundliches Wort für die Patienten übrig. Doch nach einem langen Arbeitstag war sie müde und nicht gerade redselig. Bevor sie ihre Schicht beendete, warf sie immer einen Blick in die Zimmer der Patienten, die sie besonders bewegten. Und Steffen gehörte definitiv dazu, dass musste sie sich wohl oder übel eingestehen. Die grellen Laternen des Krankenhausparkplatzes blendeten sie selbst beinahe von hier oben aus. Glücklicherweise waren die Journalisten für heute abgezogen. In der für morgen angesetzten Pressekonferenz sollte über den Gesundheitszustand der mutmaßlichen Amokläufer aufgeklärt werden. Obwohl Nan das Wort „Amokläufer“ nicht mochte, fehlte ihr ein anderes Wort, um das Feuer und die damit verbundene Tat zu beschreiben.

Nan hoffte, dass die neugierige Meute dann endlich abzog und sie die Klinik wie gewohnt wieder durch den Haupteingang betreten und nach Dienstschluss wieder verlassen konnte.
„Sie müssen sich wirklich ran halten, wenn Sie die Flasche bald genießen wollen“, murmelte Nan. Doch da fiel ihr ein, dass irgendein Weinkenner mal erwähnt hatte, dass ein richtig gutes Stück erstmal ein paar Jahre gelagert werden musste. Nan seufzte. Sie hoffte, dass der Patient keine Jahre brauchen würde, um wieder zu sich zu kommen.

Als der Pieper in ihrer Brusttasche losging, zuckte sie zusammen. Das war die Nachtschicht. Wenn sie schon wieder dabei erwischt wurde, wie sie planlos in irgendwelchen Patientenzimmern aus dem Fenster starrte, würde das keinen guten Eindruck machen. Nan war schon an der Tür angekommen, als ihr Blick wieder an der Weinflasche hängen blieb. Die Station war nicht gerade sicher. Immer wieder verschwanden kleine Gegenstände. Mittlerweile wurde sogar Schokolade geklaut, die von den Angehörigen für ihre Lieben mitgebracht worden war. Als ob es nicht schon genug war, wehrlosen Patienten Geld zu entwenden. Nun hatte es offenbar auch jemand auf die kleinen Dinge abgesehen. „Ich werde die Flasche für Sie aufbewahren. Ich will nicht, dass sie nachher in die falschen Hände kommt. Ihr Freund hat sicher ein halbes Vermögen dafür ausgegeben“, erklärte Nan mit fester Stimme und griff zu. Der Schlüssel zu ihrem Schließfach war schon gezückt. Dort würde die Flasche auf die Freunde warten.

Kommentare:

  1. Bin ja mal gespannt, wie die Weinflasche aus dem Schließfach entweicht! Tja, die Krankenschwestern die immer alles im Blick haben, ausser sich selbst! Ich mag Deine Geschichte. Das Umfeld ist so beschrieben, dass nichts stört, die Gedankengänge der Protagonisten sehr gut nachvollziehbar und...ganz wichtig...die Spannung steigt!!

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    1. OH ja und das Tolle ist, ich bin die Einzige, die weiß, wie es weitergeht :D
      Super, dass dir das Kapitel gefallen hat. Gerade das vorherige und dieses Türchen sind im Vergleich sehr ruhige Kapitel.
      viele Grüße und bis vielleicht morgen :-)
      Emma

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  2. Hey!
    Ich finde die Geschichte sehr schön geschrieben, der Charakter liest sich gut. Ich habe mich in der letzten Geschichte und hier auch wieder gefragt, wie alt Olli und sein Freund sind? Denn wenn er über seine Eltern versichert ist, glaube ich, dass die schon verständigt werden..? :D
    Ansonsten aber sehr schön. Freue mich darauf, wie es weitergeht.

    LG

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    1. Jaja... Was die Sache mit der Versicherung betrifft... Dazu hatte ich dieses Semester sogar ein paar relevante Vorlesungen :-)

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  3. Heya,

    Ja, also ich muss auch sagen, dass ich das Kapitel echt cute finde. Ich mag diese ominöse Nan, auch wenn du sie im Gegensatz zu den vielen weiteren Charakteren nicht so ausführlich eingeführt hast. Über sie weiß man gar nichts, da waren die anderen alle viel... tiefsinniger beschrieben.

    Ich bin gespannt wie es weitergeht. Immerhin ist es ganz schön schwer aus irgendeinem Schließfach zu verschwinden.

    LG

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    1. Ohje da bin ich echt auf deinen nächsten Kommentar gespannt... :-)
      Aber super, dass auch dich das Kapitel überzeugen konnte.

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