Montag, 7. Dezember 2015

7. Türchen: Gute Freunde schenken sich ... Wein



Ich hasste die Freunde meiner Mutter. Die waren alle so wie sie. Aufgebrezelt, laut und schrill. Da fragte ich mich wirklich, wie es Timmy den ganzen Tag mit so einer Mutter aushielt. Bis mir dann wieder auffiel, dass meine ja aus einem ähnlichen Holz gemacht war. Wobei... er war ja rund um die Uhr mit irgendwelchen Kindermädchen versorgt. Während sich die Erwachsenen unterhielten, mixte ich Timmy eine Apfelschorle. Natürlich achtete ich darauf, dass sie mehr Wasser als Apfelsaft enthielt. Sonst würde meine Lüge ja auffallen. Natürlich mischte ich dem Kleinen keinen Alkohol unter. Wenn das raus kam, war ich sonst sowas von geliefert. Timmy war jedenfalls hochzufrieden und schien sich wohl auch ein bisschen berauscht zu fühlen. Jedenfalls schlief er irgendwann selig im übervollen, lauten Wohnzimmer ein. Ich schlich mich mit der Weinflasche aus dem Haus. Schließlich hatte ich noch eine Mission.

Bis zum örtlichen Krankenhaus war es nicht weit. An Weihnachten hatten irgendwelche Idioten ein Feuer an der Kirche entfacht. Meine Mutter hatte beim Frühstück davon berichtet, aber ich war noch zu müde um ihrer schrillen Stimme meine volle Aufmerksamkeit zu schenken. Gedanklich war ich immer noch auf der Piste. Wäre dieser blöde Stein nicht gewesen, hätte Steffen vielleicht nicht die Kontrolle über sein Snowboard verloren. Meiner Mutter hatte ich noch nichts von dem gestrigen Unfall erzählt. Ich mochte es nicht, wenn sie sich Sorgen machte. Dann würde sie mir wieder vorwerfen, dass ich doch einfach wie ganz normale Jungs Fußball spielen sollte. Das wäre ja nicht lebensgefährlich und so weiter.

Eine kleine Schar Journalisten hatte es sich vor dem Krankenhaus gemütlich gemacht. „Ey“, einer marschierte mit seinem Notizblock und einem Becher Kaffee auf mich zu. Ich spielte kurz mit dem Gedanken ihn zu ignorieren und einfach weiterzulaufen. Ich hatte kein Interesse, auf irgendeiner Titelseite zu landen. Zumal ich ja auch nichts wusste. Die Brandstifter gehörten trotz kleinem Kaff definitiv nicht zu meinem Bekanntenkreis. Doch ein Becher Kaffee wäre jetzt auch nicht schlecht. Dieses aufgebrühte Zeug bei alten Leuten mochte ich nicht anrühren. Ich lächelte ihn an und nahm ihm im selben Moment elegant den Kaffeebecher aus der Hand. Er war so verdutzt, dass er überhaupt nichts darauf erwidern, geschweige denn den Kaffeebecher umklammern konnte. Also marschierte ich mit der Weinflasche, die ich in eine Aldi Tüte gepackt hatte, und dem warmen Gefäß auf den Haupteingang der Klinik zu. „Grüß deine Brandstifter Freunde!“, brüllte mir der neugierige Journalist zu und hoffte wahrscheinlich, dass ich ihm den Kaffeebecher wütend ins Gesicht pfeffern und bestätigen würde, dass ich mit diesen Raufbolden nichts zu tun hatte. Doch den Gefallen wollte ich ihm nicht tun. Meine Mission galt Steffen.

„Also ich glaub nicht, dass dein Freund was essen wird“, begrüßte mich eine Schwester, als sie einen Blick auf meine Aldi Tüte geworfen hatte. „Das ist nichts zu essen. Das wird ihn aufmuntern“, lächelte ich vielversprechend. „Na dann... Aber ich hoffe du hast Zeit mitgebracht“, grinste sie zurück.

„Du glaubst nicht was da draußen los ist. Du hast wirkliche Promis auf der Station, hat dir das schon mal einer gesagt? Oder glaubst du, die sind alle wegen dir gekommen?“. Das war eine rhetorische Frage. Mir antwortete nur das Piepen der Geräte. Der gestrige Tag war ein absoluter Albtraum. Steffen hasste Steine und insbesondere Felsen. Das letztere war ihm gestern zum Verhängnis geworden. Seine Eltern waren momentan in einem Schweizer Urlaubsort und schauten sich gerade irgendein Polorennen an. Da wollte ich sie definitiv nicht stören und ihnen von dem spektakulären Sturz ihres Sohnes erzählen. Seine Mutter hätte, wie typisch für reiche Mütter, einen Tobsuchtsschwächeanfall bekommen, sein Vater hätte die Stirn gerunzelt und sich gefragt, welche Versicherung oder welchen Anwalt er zuerst informieren sollte und ob es sich lohnte, dafür alle Zelte in der Schweiz abzubrechen und in unseren nichtsbedeutenden Vorort zurückzukehren.

Ich nahm mir einen Stuhl und ließ mich darauf sinken. „So wie’s aussieht, willst du wohl etwas länger schlafen“, stellte ich fest. „Ich hoffe, du pennst nicht die ganzen Ferien.“ Dieses Piepen machte mich noch wahnsinnig. „Ich hab dir was zu trinken mitgebracht“, ich holte die Flasche hervor, weil mir nichts Besseres einfiel. „Weißt du noch, als wir den Weinkeller von deinem Alten geplündert haben? Glaub mir, das ist besser als alles, was dein Alter da je gebunkert hat.“ Keine Reaktion. Doch wenn man genau hinhörte, glaubte ich, dass das Piepen etwas variierte. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob das als Reaktion durchgehen konnte. „Hätte ich dir vor den Ferien erzählt, dass du bald einen Turban trägst, wärst du ausgerastet. Wahrscheinlich wäre ich von dir höchstpersönlich gesteinigt worden.“ Normalerweise wäre es jetzt Steffens Aufgabe gewesen zu lachen und irgendeinen idiotischen Spruch zu erwidern. Doch der Schlauch, der aus seinem Mund ragte, hinderte ihn erfolgreich daran. Immer diese Mediziner...

Ich stand auf, ging in Richtung Fenster und warf einen Blick hinaus. Einen Vorteil hatte Steffens Privatpatienten Status. Obwohl oder gerade weil er auf der Intensivstation lag, war ihm ein Einzelzimmer zugeteilt worden. Von hier oben konnte ich direkt auf den Klinikvorplatz schauen. Nun hatte sich auch eine Art Wohnwagen genähert, der wahrscheinlich zu einem Fernsehteam gehörte. „Ey, wenn du nicht bald aufwachst, schaffst du es nicht ins Fernsehen. Du kennst doch die Medien. Eine gute Story hält höchstens für ne Woche“, murmelte ich. Nachdem ich den geschäftigen Arbeitern dort unten eine Zeit lang zugesehen hatte, wandte ich mich wieder ab und packte meine Sachen zusammen. „Ich seh schon. Du hast mir heute auch nicht viel zu erzählen. Naja... du hast ja meine Nummer. Die Flasche hier“- ich deutete auf den Wein, der auf seinem Nachttisch stand – „lass ich dir da, damit du weißt, was dich erwartet, wenn du aufwachst. Glaub mir, ich bin der erste, der diese Flasche hier mit dir öffnen wird! Indianer Ehrenwort. Du weißt schon... Ach ich hasse Abschiede. Bis morgen“, sagte ich, wandte mich ab und suchte schnellstmöglich das Weite.

Kommentare:

  1. Hey!
    Ich glaube, solche Charaktere stehen dir ganz gut :D Ich find das hier sehr passend und flüssig geschrieben. Und mittlerweile ist die Idee der weitergereichten Flasche richtig spannend!

    LG

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hey,
      jetzt bin ich aber beruhigt, dass der Adventskalender dich so langsam packt :-).
      Die nächsten Türchen gefallen mir auch richtig gut und so langsam nimmt die Geschichte auch an Fahrt auf...
      viele Grüße
      Emma

      Löschen
  2. So, es geht weiter... Was Olli wohl mit der Flasche treibt..?

    1) "Da fragte ich mich wirklich, wie es Timmy den ganzen Tag mit so einer Mutter aushielt. Bis mir dann wieder auffiel, dass meine ja aus einem ähnlichen Holz gemacht war. " - Geil =D
    Das erinnert mich an diese eine Szene aus "Silber 3":
    *Spoiler-Alert*
    Als sie Florence und Pandora als Secrecy enttarnen sagt Liv: "Oh nein, die arme Persephone! Die eigene Schwester! Es muss doch schrecklich sein mit so einer Person unter einem Dach zu leben!" Und dann fällt ihr auf, dass es ihr ja im Grunde genauso geht und sie schaut Florence böse an :D Das ist so gut ^^
    *Spoiler Ende*

    2) Autsch. Der arme Steffen.
    Mehr sage ich jetzt nicht dazu.
    Aber wie alt sind die? Wenn die noch nicht berechtigt sind Alkohol zu trinken verschwindet der sicherlich bald von da...

    LG

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Auch hier willkommen zurück :-)
      Silber ist schon genial.
      Und mir ist gestern in meinem Zimmer aufgefallen, dass der letzte Band vom Cover her ordentlich glänzt.

      Um ehrlich zu sein: Keine Ahnung wie alt sie sind. In meiner Vorstellung waren sie so 17-18? :-)

      Löschen