Samstag, 5. Dezember 2015

5. Türchen: Nicht ganz bei der Sache



„Nimm dir ruhig eine Flasche mit. Die kommt sicher gut an am Silvesterabend“, äffte sie die Alte nach. So nannte Kelly die Frau, deren Vorgarten sie im Winter von dem Schnee befreite. Immerhin wurde sie ordentlich entlohnt. Was sich diese reichen Schnösel nur dabei dachten? Kelly hatte natürlich die Flasche genommen, die am edelsten wirkte. Ihre harte Arbeit sollte wenn überhaupt auch anständig bezahlt werden. Eigentlich hatte sie auf etwas mehr Trinkgeld gehofft, damit sie für den Silvesterabend noch ordentlich einkaufen konnte. Aber das war nun gelaufen. Vielleicht ließen sich ihre Freunde durch den guten Stoff milde stimmen.

Die Alte winkte ihr vom Fenster aus nach. „Na warte, wenn du siehst, welche Flasche dir fehlt, wird dir dein dämliches Grinsen noch vergehen“, lächelte Kelly zurück. Eigentlich mochte sie Menschen. Wenn sie das taten, was sie wollte. Aber das war oft einfacher als gedacht. Schließlich konnte sie nicht einfach frei heraus brüllen: „Mir geht Ihr Geschwafel tierisch auf den Wecker, ich erledige die Arbeit, nehme Ihr Geld und verschwinde.“ Das wäre unhöflich gewesen. Zumindest hatte man versucht ihr das beizubringen. Hin und wieder passierte ihr dann doch mal ein Ausrutscher, für den sie sich natürlich entschuldigte. Es wäre ja auch dämlich genug, sich die eigenen Kunden zu vergraulen.

Nun stand noch der weihnachtliche Besuch bei Timmy vor der Tür. Mit Kindern klappte es schon etwas besser als mit alten Menschen. Die stellten wenigstens nur dumme Fragen. Aber sie sorgten auch für ordentliche Beschäftigung. Bei der Alten galt immer die Gefahr, sich neben sie setzen und ihr zuhören zu müssen. Ein absoluter Albtraum. Ihr Sofa war so bequem und ein Schäferstündchen somit garantiert. Kelly seufzte. Ihre Motivation am ersten Weihnachtsfeiertag einen kleinen nervigen Jungen zu besuchen, war nicht gerade groß. Zum Glück hatte sie heute Morgen noch an das Weihnachtsgeschenk für den kleinen Knirps gedacht. Was wäre das für eine Nachbarschaftshilfe, wenn...? Ach egal.

„KEEEELLLY!“, brüllte der Kleine und rannte ihr begeistert entgegen. „Ich freue mich auch dich zu sehen“, brachte sie mit dem größten Enthusiasmus hervor, der sowohl Kind als auch Mutter überzeugte. „Kelly, haben Sie diesen Unfall gestern mitbekommen?“, fragte Timmys Mutter neugierig. Sie war immer an den neusten Skandalen der Stadt interessiert. Wenn sich das Mädchen um den Jungen kümmerte, ging sie meist nicht nur in die Stadt um Dinge zu erledigen. Sie sorgte dafür, dass sie immer mit der ein oder anderen neuen Geschichte zurückkam. Kelly machte sich manchmal einen Spaß daraus, die ein oder andere falsche Fährte zu legen. „Ja natürlich. Das waren zwei verrückte Teenager, die drauf stehen die Kirche in Brand zu stecken. Wahrscheinlich irgendwelche Linken“, erzählte Kelly begeistert. Sie nahm die leuchtenden Augen ihres Gegenübers wahr und freute sich über diese Reaktion. Die Tatsache, dass die Kirche noch stand und einzig und allein der Gemeinderaum niedergebrannt war, verschwieg sie dabei lieber. Das war ja schließlich alles auf einem Gelände. „Mama, was sind die Linken?“, fragte Timmy neugierig. „Ach, das verstehst du noch nicht“, sie tätschelte ihrem Sohn abwesend den Kopf. „Das sind Menschen, die nur linke Arme und Beine haben“, antwortete Kelly. „Ich habe Ihnen doch schon so oft gesagt, erzählen Sie ihm nicht solche Märchen. Das dürfen die in der Tagesbetreuung dann wieder ausbaden“, lächelte die Frau wohlwollend. Timmy grübelte noch über die Antwort nach, während Kelly die Geschenktüte mit der teuren Weinflasche neben ihren Rucksack im Flur abstellte. „... die Nachbarin von drüben meinte, die beiden hätten überlebt. Stimmt das?“, redete Timmys Mutter aufgeregt weiter. „Soweit ich weiß ja. Sie waren wohl eine Art Paar. Er ist mit leichten Verletzungen davon gekommen, sie befindet sich hingegen auf der Intensivstation.“ Dass das Mädchen früher, um genau zu sein bis gestern Abend zu ihrer Clique gezählt hatte, band sie der Frau wohl lieber nicht auf die Nase. Sonst waren weitere Nachfragen nicht zu vermeiden. „Aber dann können die ja gar nicht laufen und schreiben“, stellte Timmy fest. „Timmy, jetzt hör mir mal zu!“, während Kelly zur erneuten Antwort ansetzte, beugte sie sich zu dem Jungen herunter. Sie kam sich immer so dämlich vor, wenn sie von oben herab mit dem kleinen Mann redete. Mögen hin oder her. „Natürlich haben die nicht nur linke Arme und Beine. Ich wollte nur mal sehen, ob du selber darauf kommst, dass das gar nicht gehen würde“, lächelte sie. Timmy hingegen schien diese komische Art nicht viel auszumachen. „Mama hat gesagt, dass du mein Geschenk dabei hast. Kann ich es haben?“, fragte er. „Timmy!“, kam von seiner Mutter. Danach verabschiedete sie sich, sie wolle sich vor dem großen Ansturm noch etwas hinlegen.

Kelly ging zu ihrem Rucksack und zog das ordentlich verpackte Präsent heraus. Jungs in Timmys Alter fuhren total auf Spielzeugautos ab, hatte sie sich zumindest von ihrem Freund sagen lassen. Und der musste es ja wissen. Immerhin war er auch mal klein gewesen.

Timmy stürzte sich auf den Wagen und war erstmal beschäftigt. Kelly widmete sich zufrieden ihrem Smartphone. Die erste Annäherungsphase an das neue Spielzeug musste genutzt werden. Schließlich wusste sie aus Erfahrung, dass diese höchstens eine halbe Stunde anhalten würde. Danach galt weitere Beschäftigungstherapie. „Scheiße, und was machen wir jetzt?“, las sie auf ihrem Display. Kelly stöhnte. In ihrer Clique machte man sich Sorgen, dass die Polizei dahinter kommen würde, woher die ganzen Feuerwerkskörper kamen. Obwohl jeder nur zwei Bestellungen getätigt hatte. Von der Menge einmal abgesehen. Aber Naja...

„Jetzt regt euch mal ab. Hätten wir gewusst, wofür die das Zeug brauchen, hätten wir es ihnen dann gekauft? Natürlich nicht. Und genau das werden wir ihnen auch erzählen“, tippte sie genervt, wobei ihr die Autokorrektur eine Menge unnützer Vorschläge machte. „Was hast du denn für Zeug gekauft?“, fragte Timmy, der wie aus dem Nichts neben ihr aufgetaucht war. „Hä? Kannst du lesen oder was?“, fragte sie kurzzeitig irritiert. „Du hast gerade gesagt“- wollte der Junge geduldig wiederholen, wurde von dem Mädchen unterbrochen: „Hab ich das wirklich? Naja tut mir leid“, murmelte sie. „Was ist in der Tüte da?“, fragte er und deutete auf die Geschenktasche der Alten. „Ein Geschenk für Kelly“, lächelte sie zufrieden. „Darf ich es aufmachen?“, fragte er neugierig. Ihr lag das „Nein“ schon auf der Zunge, doch im letzten Moment überlegte sie es sich anders. „Wenn du magst, können wir mal rein schauen, aber ganz vorsichtig“, meinte sie, holte die Tasche und stellte die Flasche behutsam auf den Tisch. „Ist das rote Cola?“, fragte der Kleine neugierig. „Nein, das ist Wein. Und zwar nur für Kelly“, lächelte sie zufrieden. „Darf ich den auch mal probieren?“. Warum musste er immer diese sinnfreien Fragen stellen? „Noch nicht. Aber sobald es soweit ist, werden wir zwei eine Flasche zusammen trinken.“ In diesem Moment piepte ihr Handy. „Tut mir leid, aber da geht es jemandem gar nicht gut, der braucht ganz dringend meine Hilfe“, erklärte sie entschuldigend und wandte sich in dem wesentlichen, entscheidenden Moment von Timmy ab. „Zwei Polizisten sitzen in meinem Wohnzimmer und möchten gerne in dein Zimmer. Ich glaube es ist das Beste wenn du SOFORT nach Hause kommst. Ich habe dir ja gesagt, dass die Sache mit dem Schlüssel albern ist.“ War ja klar. Ihre Mutter verstand keinen Spaß, aber dass sie jetzt auch noch Lügen erfand um ihre Tochter zu den jährlichen Verwandtentreffen zu locken war ja die Spitze auf dem Eisberg. Ein Blick in die WhatsApp Gruppe sagte ihr, dass ihre Freunde aber ebenfalls Besuch von Uniformierten bekommen hatten. „Die wollten uns nicht sagen, von wem sie kommen“ oder „Wollten sie auch an euren PC?“- Nachrichten schwappten ihr nun entgegen. Ein oder zwei Schweißperlen flossen über ihre Stirn. Sie konnte sich noch gut an den besagten Tag erinnern, an dem sie alle betrunken in ihrem Zimmer gelegen und „bomben bauen leicht gemacht“ gegoogelt hatten. Nur so aus Spaß und der Freude... Wer würde ihr das bitte glauben? „SOFORT!“, eine weitere SMS ihrer Mutter. Fordernd sprangen ihr die Buchstaben entgegen. Kelly steckte das Handy in ihre Hosentasche. „Timmy?“, der Junge war auf und davon. Wahrscheinlich wollte er seiner Mutter das neue Spielzeug zeigen. Was sollte schon passieren, wenn sie mal kurz verschwand? Seine Mutter war ja daheim und sie konnte immer noch einen Zettel schreiben, dass ihr etwas dazwischengekommen war. Schnell rannte sie in den Flur, packte ihren Rucksack und verließ das Haus. Zettel wurden völlig überbewertet und wahrscheinlich sowieso nicht gelesen.

Kommentare:

  1. Wie wär es mal mit Charakteren, die ich mag?

    Also die hier ist nicht nur unsympathisch, sondern hat auch echt eklige Angewohnheiten...
    Sex mit Gerda? Wieso tust du mir sowas an =D

    "Ihr Sofa war so bequem und ein Schäferstündchen somit garantiert."
    Schäferstündchen = Rendezvous mit Geschlechtsverkehr

    Ansonsten... ich muss sagen, dass ich echt nicht daran interessiert war, ob die beiden überleben oder nicht.
    Aber mit dem armen Timmy hat die Kelly ja jetzt mal echt scheiße gebaut!
    Polizei hin oder her, aber bei der Mutter vorbeischauen, geht auch in so einem moment!
    Sie kann doch nicht einfach das Wohl des Kindes gefährden. Und wenn sie nicht da ist, dann ist sie eben nicht da. Sie arbeitet, da hat die Polizei halt Pech und soll später wieder kommen!

    Und dann war da noch ein Fehler:
    Das waren zwei verrückte Teenager, die drauf stehen die Kirche in Brand zu stecken. Wahrscheinlich irgendwelche Linken.

    Das klingt einfach komisch.

    LG

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Falls es dich beruhigt: Kelly mag ich auch nicht wirklich. Sie ist einfach egoistisch.
      Und naja ... ich kann nichts dafür, wenn irgendwie zweideutig gedacht wird. Ich hab damit eher eine "alte Leute erzählen einschläfernde Geschichten" Assoziation gehabt, was wiederum gegen Kelly spricht, weil sie sich rein gar nicht auf andere Leute einlassen kann.
      Und es besteht Hoffnung, dass in den nächsten Türchen - konkreter kann ich leider nicht werden - 1-2 Charaktere dabei sind, die dir liegen :-)

      viele Grüße

      Löschen
    2. Das ist nicht zweideutig, das ist eindeutig mit dem Schäferstündchen. Weil dieses Wort eben tatsächlich für Sex steht.
      Ich rate dir wirklich, es zu ändern.

      Löschen
  2. Hey!
    Ich finde, du hast Kelly ganz gut getroffen, auch wenn sie so ein "unbeliebter" Charakter ist :D Den Namen "Kelly" verbinde ich allerdings schon mit einer Figur aus der Serie "The Office", deswegen war das erst gewöhnungsbedürftig ;).
    Ich finde an dem Satz, den meine Vorrednerin genannt hat, nichts falsch oder komisch - ich mag sogar, wie sie subtil so ein Gerücht hineinstreut :D

    LG

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Also ich finde es langsam echt lustig, wie verschieden die Meinungen meiner Kommentatoren (kann man das so sagen?) sind :-).
      Ich finde das bei Geschichten echt schwierig, Namen zu finden mit denen man noch nichts "verbindet".
      Cool, dass dir das Türchen gefallen hat.
      viele Grüße und vielen Dank für deine Rückmeldung
      Emma

      Löschen