Freitag, 4. Dezember 2015

4. Türchen: DIe Entschuldigung



Es war kalt wie jedes Jahr. Früher hatten wir Weihnachten noch in den Bergen gefeiert. Als Hansi noch lebte. Obwohl er immer zu Hause geblieben war. Im Hotel mochte man halt keine Vögel, da ließ sich eben nichts machen. Jetzt, wo die Kinder aus dem Haus waren, war es still geworden. Einen Ersatz für Hansi anschaffen? Wozu? Bis vor ein paar Jahren hatte ich ja noch Jürgen. Doch der war mittlerweile auch unter der Erde... So war das nun mal mit der Liebe. Man konnte es sich eben nicht aussuchen... Ach ich schweife ab.

Heutzutage war es nicht nur modern, Weihnachten in irgendwelchen Urlaubsregionen zu verbringen. Mittlerweile musste in den Weihnachtsferien sportlich auch richtig etwas geboten werden. Skifahren wurde völlig überbewertet und durch so genanntes snowboarden ersetzt. Als ob man da sportlich aktiver sein sollte. Die Jugend heutzutage.

Vor einigen Jahren hatte ich einen netten Nachbarsjungen kennen gelernt. Er hatte irgendeinen feinen englischen Namen gehabt. An seinen Bruder Jake konnte ich mich noch genau erinnern. So ein putziges Kerlchen... Er hingegen hatte mich misstrauisch beobachtet. Wahrscheinlich war seine Erfahrung mit alten Leuten nicht gerade positiv gewesen. Obwohl ich zu dieser Zeit wohl eher einen... naja noch nicht ganz „omalichen“ Eindruck gemacht haben musste, falls es das Wort überhaupt gab. Aber Jürgen hatte schließlich zu den Sprachwissenschaftlern gehört. Mein Interesse galt Kindern und Tieren. Eine komische aber doch liebenswerte Mischung.

„Na, wer seid denn ihr?“, hatte ich die Jungen gefragt. Heutzutage wäre ihr Verhalten als „herumlungern“ bezeichnet worden. Jungen in ihrem Alter standen nur vor einem Einkaufsladen herum, um sich die Fußballsticker zu ergattern. Also zückte ich meinen Geldbeutel. Doch da hatte mir der ältere der beiden schon ein: „Wir brauchen keine Almosen“, entgegengeschleudert. „Wo denkst du denn hin? Ich verteil doch kein Geld an Kinder. Wenn ihr Taschengeld braucht, könnt ihr ja arbeiten gehen“, feuerte ich spfprt zurück, bereute meine Wortwahl aber zugleich, da mich nun der Jüngere der beiden fragend musterte. „Was wollen Sie?“, fragte der Ältere. „Oh entschuldigt. Ich dachte ihr sucht die hier“, meinte ich freundlich und hielt ihnen die Fußballsticker hin. Ehe ich es mich versah hatte der Jüngere der beiden die Bilder an sich genommen. Nun schien zumindest er glücklich und zufrieden zu sein. „Ich bin John“, der Ältere streckte mir seine Hand hin. Ich schüttelte sie. Dann stellte er mir seinen Bruder Jake vor.

Nach dieser Begegnung war John ein gern gesehener Gast in unserem Haus. Er redete nicht viel, half mir aber oft im Garten. Schnell hatte ich begriffen, dass er keine Fragen mochte. Also hakte ich nicht nach, warum er bis spät abends bei mir bleiben durfte und sich nicht zu Hause abmelden musste. Auch er hatte ein reges Interesse an Hansi gezeigt. „Ist das ein Papagei?“, fragte er. „Nein, wo denkst du hin? Der würde ja gar nicht mehr aufhören zu reden. Es ist ein Wellensittich mit einem besonderen Hang zu... bunten Farben“, erklärte ich sachlich. „Na, vielleicht ist es eine Mischform und die Hoffnung ist noch nicht ganz verloren. Vielleicht fängt er ja irgendwann an zu sprechen.“

John verbrachte fortan viele Tage damit, dem Wellensittich Wörter beizubringen. Irgendwann ging er dann zu Sätzen über, weil er davon ausging, dass dem Vogel die einfachen Wörter wohl zu dämlich waren und er sich deswegen strikt weigerte, sie nachzusprechen.

Als John älter wurde, wurden seine Besuche weniger. Wir sahen uns gelegentlich beim Einkaufen, doch ich war klug genug, ihn nicht anzusprechen, wenn seine Freunde dabei waren. Wie käme das denn? „Du John, ist die alte Frau da deine Oma?“. Man musste den Jungen nicht unnötig in Verlegenheit bringen. Doch wenn niemand hinsah, warf er mir immer einen vielsagenden Blick, oder ein freundliches Lächeln zu. Ich wusste, dass er wusste... Moment! Mein Mann tadelte mich schon immer, ich solle nicht abschweifen. Also lassen wir das.

Wir hatten ein Geheimnis. Es bestand darin, dass nur wir beide wussten, wer wir waren und welche Nachmittage uns miteinander verbanden. Ob er eine schöne Kindheit hatte, konnte und wollte ich auch nicht beurteilen. Aber ich wusste, dass wir schöne Stunden miteinander teilten. Stunden, in denen er geduldig vor dem Vogelkäfig saß und aus einem Wellensittich einen Papageien machen wollte, in denen er Pläne schmiedete, was in meinem Garten angebaut werden konnten und Momente, in denen er glaubte, einen geheimen Schatz in meinem Vorgarten gefunden zu haben. Kurzum: Obwohl Jake der jüngere der beiden war, hatte ich den Eindruck, dass John bei mir Kind sein durfte. Das war wohl der wesentliche Teil unseres Geheimnisses.

Als ich ihn an diesem Abend sah, wie er die Tüte vor meiner Haustür abstellte, konnte ich nicht ahnen, dass ich ihn vielleicht nie wieder sehen würde und er an diesem Abend den zweiten Teil unseres Geheimnisses auf eine bestimmte Weise wieder gut machen wollte. Ich dachte, er hätte es eilig. Schließlich war ein großer Rucksack auf seinen Rücken geschnallt. Wahrscheinlich wollte er Weihnachten das erste Mal mit einem Mädchen verbringen. Seine Eltern mussten wirklich großzügig sein, dass sie das in dem Alter schon durchgehen ließen. Obwohl.. Mittlerweile zählte John auch zu den Erwachsenen dieser Welt.

Nachdem er und das Mädchen sich sicher und lachend entfernt hatten, schloss ich die Haustür auf und sah mir die Tüte genauer an. Einmal als John wieder Stunden damit verbrachte, dem Vogel den Satz: „Ich behalte dich im Auge!“, beizubringen, setzte ich mich mit einem Glas Wein zu ihm. „Was ist das?“, fragte er misstrauisch. „Och... das hat früher mal dem Jürgen gehört.“ Wenn er mich zu Hause besuchte, lag Jürgen meistens faul auf seinem Liegestuhl und schnarchte vor sich hin. Für John also kein Mensch, der ihm großartig in Erinnerung blieb. „Schütte das weg!“, fuhr er mich an. Das einzige Mal, dass ich den sonst so lieben Jungen wirklich ernst erlebte. Er fixierte mich mit einem durchdringenden Blick. „Aber was hast du denn“- wollte ich erwidern, wurde aber von ihm unterbrochen: „Das steht bei uns daheim zur Genüge rum, das brauch ich nicht auch noch hier. Das Zeug macht dumm, sagt meine Mutter.“ In diesem Moment begann ich ihn etwas mehr zu verstehen.

Eine Woche später erwischte ich ihn dabei, wie er sich über die Weinvorräte in meinem Keller her machte und alle in den Abfluss in der Küche kippte. Da wurde ich nun das erste Mal etwas stinkig. Schließlich hatte das ein halbes Vermögen gekostet. Ich ließ dem Kerlchen ja wirklich viel durchgehen, aber das war zu viel. „Was machst du da?“, fragte ich mit einem scharfen Unterton. Er fuhr herum und blickte mich ängstlich an. „Ich...“- begann er. „Ich verlange ja nicht von dir das Zeug zu trinken. Aber ich erwarte, dass du mich machen lässt, was ich will. Ich bin alt genug und schreibe dir ja auch nicht vor, was du zu tun und zu lassen hast.“

Das war einer seiner letzten Besuche. Eine Woche später kam er nur kurz vorbei, um sich für sein Verhalten zu entschuldigen. Er meinte, er würde bei Gelegenheit für den Schaden aufkommen, aufgrund finanzieller Möglichkeiten müsse ich mich aber noch ein bisschen gedulden. Die unausgesprochene Bitte seinen Eltern nichts von diesem Vergehen zu berichten, lag im Raum. Ich hatte keine Sekunde darüber nachgedacht wegen den paar Flaschen einen Radau zu veranstalten. Natürlich waren sie nicht gerade billig gewesen, aber die Reaktion des Jungen hatte mir gezeigt, dass es wohl den ein oder anderen wunden Punkt in seinem Leben gab und ich nicht wissen wollte, was seine Mutter wohl sagen würde, wenn plötzlich eine alte Frau vor ihrer Tür stünde und Schadensersatz forderte.

Als ich den Inhalt der Tüte auf meinem Wohnzimmertisch abstellte, staunte ich also nicht schlecht. Der Wein war so viel wert, wie die 20 Flaschen, die der Junge an diesem Nachmittag in meinem Spülbecken und in Hansis Trinkgefäß vernichtet hatte. Der Vogel war danach der einzige Betrunkene unter uns. Er zwitscherte so herrlich, da wäre ihm mit Sicherheit auch der ein oder andere Satz herausgerutscht.

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass John sich nach all den Jahren noch an diese Geschichte erinnerte. Viel war seither geschehen. Seine Schulzeit ging dem Ende zu, Einkäufe erledigte er jetzt in größeren Städten. Doch ich ahnte, dass er mich trotz allem nicht vergessen hatte. Genauso wenig wie ich ihn.

Nun was soll ich sagen? Als ich den großen Knall hörte, wusste ich noch nichts von dem Ausmaß der Katastrophe. Später würde ich denken, dass alles halb so schlimm war und wir die Geschichte auch noch irgendwie hinbekommen sollten. Doch in diesem Moment lächelte ich in mich hinein und dachte mir, dass jemand das Weihnachtsfest wohl mit einem ordentlichen Feuerwerk beendete. Warum auch nicht? Warum sollte man sich damit bis Silvester gedulden?

Kommentare:

  1. Die Flasche hat ja gar nicht die Person gewechselt o.O

    Und warum macht der den Vogel betrunken, Himmel o.O

    ... Ansonsten finde ich, die Gerda klingt etwas zu jung und John als Junge schon zu alt.

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    1. Doch doch. Die Flasche ist von John zu Gerda gewechselt.
      Ich finde Gerda hat Stil :D
      Aber vielen Dank für deine Rückmeldung.

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  2. Hey!
    Ich kann meiner Vorrednerin in dem Punkt zustimmen, dass die Frau zu jung klingt. Ich denke, sie sollte ein wenig wie die fröhliche Omi rüberkommen, aber dieser wortwörtliche, "lebensnahe" Erzählstil wirkt eher wie die Mitschrift eines Gesprächs statt einer geschriebenen Geschichte (und ich finde, beim Schreiben dürfen die Leute ruhig etwas dramatischer und geplanter erzählen und die richtigen Worte finden statt Füllwörter zu benutzen ;D). Außerdem hast du häufig "eine Woche später" als Zeitintervall, das liest sich nicht ganz so schön.
    Ich weiß nicht so recht wie alt John da in den einzelnen Abschnitten sein soll. Dass er so etwas sagt wie "Das liegt bei uns schon zur genüge herum" finde ich zu seiner verschwiegenen Art etwas zu direkt, das könnte man subtiler verpacken (vor allem weil ich durch die Absätze davor dachte, er sei da schon so alt wie in der letzten Kurzgeschichte, aber im vorletzten Absatz sind es auf einmal "all die Jahre" später? Und zu dem älteren John passt der Satz irgendwie nicht. Und wenn er dann doch so krass reagiert, wieso freut er sich so sehr über die Flasche als er sie von dem Mädchen im zweiten Kapitel geschenkt bekommt? Ist das gespielt gewesen?).
    Das Ende ist dir dann wieder gelungen, das war ein schöner abschließender Absatz :)

    LG

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    1. Was meinst du mit Füllwörter?
      Das bringt mich jetzt zum Nachdenken :-).
      Ja, ich glaube das Kapitel ist etwas chaotisch geworden.
      viele Grüße

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  3. "Füllwörter" ist wohl der falsche Begriff. Ich meinte eher diese Floskeln, die das ganze ein wenig hölzern wirken lassen, die benutzt die vor allem in den ersten drei Abschnitten.

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    1. OK dann schaue ich mir das auf jeden Fall nochmal an :-)

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  4. ...es gibt auch junggebliebene Alte... Ich denke, dass Kategorisierungen nach dem Motto: Wenn die Figur alt ist, dann muss sie so oder so sein, nichts als Vereinfachungen für den Leser sind. Es ist viel schwieriger sich
    auf das einzulassen was ist. Nicht jeder Alte kling alt, nicht jeder junge Mensch klingt jung. Warum an der Oberfläche, dem Formalen kleben bleiben, wenn darunter eine Atmosphäre beschrieben wird, die es zu entdecken lohnt?

    Ich mag das Feine dieser Geschichte. Das aufmerksame und zarte Vorgehen der "Alten" :)), die Feinabstimmung der Beiden, das Unausgesprochene, das doch so verbindet! Für mich ist das sehr
    glaubwürdig vermittelt!

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    1. Hey,
      willkommen zurück :-)
      Super, dass du mit der Stimmung der Geschichte etwas anfangen konntest. Ich dneke mir aber auch, dass ich Gerdas "Vergangenheitssprünge" hier und da hätte besser hervorheben können.

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