Donnerstag, 24. Dezember 2015

24. Türchen: Ende gut alles gut



Der Tag neigte sich dem Ende zu. Viele Kinderträume waren an diesem Weihnachtstag erfüllt worden. Selbst wenn nicht alle passenden Geschenke unter dem Baum gefunden wurden, waren es dieses Jahr nicht nur weiße, sondern auch harmonische Weihnachten geworden.

Ein Jahr später, nachdem das Gemeindehaus beinahe vollständig abgebrannt war, fand trotz, oder gerade deswegen, der alljährliche Weihnachtsgottesdienst in der Kirche auf dem Gelände statt. Allerdings gab es dieses Jahr eine Planänderung. Der Gottesdienst hatte bereits um 23:00 Uhr begonnen, sodass sich die Besucher pünktlich um 00:00 Uhr auf dem Vorplatz einfinden konnten. Dort sollte, nicht wie von jüngeren Gemeindemitgliedern gefordert, ein Feuerwerk steigen, sondern das Weihnachtsfest mit Musik und einem leuchtenden Baum verabschiedet werden. Aber dazu später mehr.

Während Bernhard und Clara den Nachmittag gemeinsam verbracht hatten, mussten sie feststellen, dass es doch mehr Gemeinsamkeiten zwischen ihnen gab, als die Tatsache, von den jeweiligen Ehepartnern im Stich gelassen worden zu sein. Kurzerhand wurden weihnachtliche Pläne geändert und das Fest gemeinsam in Bernhards Haus, zusammen gefeiert. Immerhin hätte Claras 4-Zimmer Wohnung wohl kaum genügend Platz für einen großen Baum, inklusive lebendiger Kinder und einer griesgrämigen Großmutter geboten, die man wohl kaum ausladen konnte. „Aber eins sage ich dir! Ich habe mir kaum die Feiertage frei genommen, wenn man einmal davon ausgeht, dass ich eigentlich immer frei habe, um untätig hier herumzusitzen. Das hätte ich genauso gut zu Hause machen können. Meinetwegen feiern wir ein gemeinsames Weihnachtsfest. Aber in den Gottesdienst kommt ihr mit. Und zwar alle“, hatte die Alte sich beschwert. Sehr zu Freuden der Kinder, war Bernhard erfolgreich aus einer Verhandlung gekommen. So musste die Familie erst um kurz vor 00:00 Uhr auf dem großen Platz zu finden sein. Schließlich ging es hier um eine Angelegenheit, die das ganze Dorf betraf. Die könne man nicht einfach so ausfallen lassen. Was den Gottesdienst betraf... Das war eben anders.

23:30 Uhr:
„Papa beeil dich! Sonst wird Oma noch richtig sauer“, rief Sandy quer durch das ganze Haus. Sie stand bereits angezogen im Flur, während die anderen – nicht nur – Familienmitglieder, das Haus belagerten. Bernhard lächelte Clara zu. „Die Kleine hat den Laden im Griff.“

„Nee jetzt? Du verlangst allen Ernstes von mir, dass ich mich Nachts in die Eiseskälte bewege?“, fragte Steffen mit gespielter Entrüstung. „Du bewegst dich ja noch nicht mal. Aber damit dir nicht kalt wird, nehmen wir auch ne Decke mit“, stellte Olli fest und zog sich die Schuhe an. „Na toll. Ich meine, ich hab das Theater letztes Jahr noch nicht mal mitbekommen“, murrte Steffen. „Dann wird’s Zeit, dass du deine Wissenslücke auffrischst. Glaub mir: Nach dem Abend bist du vollstens im Bilde“, erklärte Olli und schob seinen Freund nach draußen.

„Mama, was machst du da?“.
„Geh ins Bett, Timmy. Es ist schon spät.“
„Aber ich bin noch gar nicht müde.“
Ich hasste es, wenn sie seufzte und mich so böse anstarrte. „Mami muss jetzt ein paar wichtige Sachen beobachten. Also stör mich nicht und geh mit deinen neuen Spielsachen spielen.“

„Und ich dachte du magst keine Menschen. Willst du wirklich auf den überfüllten Platz gehen?“, fragte Rosie amüsiert. In den letzten Tagen hatte ihr Freund Rupert eine buchstäbliche Verwandlung vollzogen. Auch seine Freundin Nan schien ihm ziemlich gut zu tun. Allerdings redeten sie noch nicht darüber. „Ich habe es Nan versprochen. Sie muss heute ja arbeiten“, strahlte er. „Na dann müssen wir uns aber ran halten. Dann bekommen wir einen guten Platz und du kannst ihr Bilder von dem Weihnachtsbaum zeigen.“

„Jetzt geh schon! Oder willst du doch, das ich mitkomme?“, Gerda war sich schon den ganzen Tag uneinig darüber, was sie mit sich, oder gar dem Jungen anfangen sollte. Alles kam heute zusammen. Zuerst die Weinflasche, die sie nun doch nicht gemeinsam genießen würden, dann dieser verdammte Jahrestag. Sie konnte ihn doch nicht alleine lassen. Andererseits wurde es auch Zeit, dass er sich seinen Ängsten stellte. Wobei... Waren das überhaupt seine Ängste? „Was soll ich denn da? Damit ich die Menschen daran erinner, was vor einem Jahr passiert ist? Ich glaube da hat keiner wirklich Lust drauf“, meinte er und blickte auf den Fernseher. „Jetzt komm schon! Immerhin hast du uns um den Wein gebracht, also bist du mir einen Gefallen schuldig.“

Verdammt! Mit alten Leuten konnte man einfach nicht diskutieren. John hatte keine Lust der Frau zu erklären, dass das etwas ganz anderes war. Stattdessen stand er schmunzelnd auf und zog seine Schuhe an.

23:50 Uhr
„Schneeelller!“, brüllte Moritz.
„Nicht so laut!“, brüllten Sandy und Claras Tochter, deren Namen er schon wieder vergessen hatte. Jedenfalls war ihr beim Abendessen herausgerutscht, dass sie die letzte Flasche weitergeschenkt hatte. Bernhard und Clara mussten daraufhin schmunzeln, was schließlich in ein lautes Lachen ausgebrochen war. Immerhin war sie wieder zu ihnen zurückgekehrt.
„Wie lange hast du eigentlich Urlaub?“, fragte Clara.
„Die ganzen Ferien. Mittlerweile arbeite ich viel von Zuhause aus.“
„Das klingt... sehr gut. Was hältst du davon, wenn wir mit den Kindern in das Skigebiet in der Nähe fahren?“, traute sich Clara zu fragen.

„Meine Herren. Es ist wirklich schweinekalt“, stellte Olli fest. „Frag mich erstmal. Übrigens: Du hast mir noch gar nicht erzählt, wer dich um die Weinflasche betrogen hat“, entgegnete sein Freund. „Ach... sagen wir so: Es war eine kleine erzieherische Notlage, die ich dank weiblicher Unterstützung erfolgreich gemeistert habe“, erklärte er ausweichend. „Wirst du diese weibliche Unterstützung demnächst öfter sehen?“
„Ich lass mich doch nicht dauerhaft übers Ohr hauen. Vergiss es.“
„Das wollte ich hören.“

„Nicht so schnell. Sonst kommen wir ja nie an. Da muss man sich ja wirklich fragen, wer von uns der ältere ist“, kicherte Gerda, die zielstrebig voran schritt. John hielt einen imaginären Sicherheitsabstand ein. In Richtung des Gemeindehauses wurde das Treiben dichter. Gerda hatte das Gefühl, dass viel mehr Menschen als nur die Dorfbewohner gekommen waren. Obwohl sie keinem einzigen Reporter in diesem Jahr über den Weg gelaufen war, konnte man bei der Presse ja nie wissen. Immerhin trugen Kommissare ja auch Tarnkleidung. „Meinst du wir können Tess holen?“, fragte er wie aus dem Nichts. „Nein!“, entgegnete sie bestimmt. Tess war alles andere als stabil. Das wussten sie beide. Außerdem konnte man bei einer Menschenmasse nie wissen. In Mittelalterfilmen verwandelte sich eine Masse auch ganz schnell in einen wütenden Mob.

„Deine Kamera ist wirklich gut. Ich wusste gar nicht, dass du so eine gute Ausrüstung hast“, Rosie musste beinahe brüllen. Der Platz war bereits gut gefüllt und sie hatten sich durch die Menge schieben müssen, um ein gutes Eckchen zu finden.

23:55 Uhr:
„Herzlich willkommen! Es freut mich wirklich, dass sich so viele Menschen an diesem Tag hier versammelt haben. Eigentlich sollte es ein fröhliches Weihnachtsfest sein. Und für viele ist es das sicher auch. Doch wir wollen uns auch daran erinnern, was im vorherigen Jahr in dieser Nacht über uns hereingebrochen ist...“.

Während der Geistliche seine Worte sorgfältig wählte, streiften unsere Charaktere ihren ganz eigenen Gedanken nach. Natürlich wusste jeder, was der Herr sagen wollte. Wichtig war nur, dass sie sich an diesem Ort befanden und den Moment gemeinsam entgegentraten.

Johns Blick ging unruhig durch die Menge. Viele der Anwesenden kannte er nicht einmal. Auch sie schienen ihn nicht wirklich wahrzunehmen, was ihn einerseits glücklich machte, aber auch andererseits dafür sorgte, dass er sich noch unsicherer fühlte. Würden die Blicke kommen? Oder hatte man ihm insgeheim verziehen?

„... Und um das schreckliche Unglück nun endlich abschließen zu können und ein Zeichen zu setzen, möchten wir Ihnen das goldene Licht schenken. Es soll Kraft und Trost in den schweren Stunden spenden, aber auch hoffnungsvoll in die Zukunft weisen. Denn wo ein Ende ist, ist auch ein Anfang.“

Und nun ging ein Raunen durch die Menge. Der große Weihnachtsbaum, der erst heute Morgen aufgestellt worden war, begann zu zittern. Es fing unmerklich an und ging in eine schwingende Bewegung über. Langsam begann er zu schimmern. Erst bemerkte es niemand. Doch Rosie deutete aufgeregt auf die untere Lichterkettenreihe. „Hast du es gesehen? Es hat geblinkt!“. Und tatsächlich! Kaum waren die Worte ausgesprochen, erhellten die unteren Reihen. So schnell wie die ersten Kugeln erstrahlten, breitete sich das Licht auf den ganzen Baum aus. Und zum Schluss glänzte die Spitze. Diese war nicht, wie bei typischen Weihnachtsbäumen mit einem Stern ausgestattet. Nein: Hier prangte ein Herz. Dieses Symbol sollte nicht nur, wie bereits bekannt, für das Zeichen der Liebe stehen. Es stand in diesem Jahr auch für Zusammengehörigkeit und Freundschaft.

Während die meisten Blicke immer noch an dem leuchtenden Baum hingen, versteifte sich Johns Körper. Da waren sie: Seine Mutter und sein Bruder. Lange hatte er sie nicht gesehen. Doch nun war es wohl soweit. Die Menschenmenge teilte sich. Er wusste, dass sie ihn gesehen hatten. Wahrscheinlich beobachteten sie ihn schon den ganzen Abend. Vorsichtig warf er einen Seitenblick auf Gerda. „Geh schon!“, ermunterte sie ihn erneut. Und diesmal brauchte er keine weitere Aufforderung.

„Da kriege ich ja fast Pipi in die Augen.“
„Jetzt mach nicht so blöd rum. Die sensible Seite solltest du dir dringend aneignen. Falls du doch noch irgendwann zu einer Freundin kommst“, grinste Olli, nahm beide Griffe in die Hand und schob den Stuhl davon.

„Tja, sowas Schönes sollten sie jedes Jahr hier aufstellen“, meinte Rupert. Rosies Mund war geöffnet. Ihr Blick heftete immer noch an dem Weihnachtsbaum. „Wie wär’s wenn wir uns wieder in unser warmes Heim bewegen? Oder bist du von dem Farbenspiel hypnotisiert worden?“, grinste er. Diese Momente, in denen er gesprächiger war, als seine Freundin, würden sich in nächster Zeit wohl häufen.

„Also dann...“, nun war wohl die Zeit des Abschieds gekommen. Doch es würde kein endgültiger sein, da waren sich beide wohl einig.
„Danke für den schönen Abend. Ich habe seit einem Jahr nicht mehr so gelacht“, schmunzelte Clara.
„Bis morgen. Das Angebot mit dem Skigebiet steht doch noch, oder?“, fragte Bernhard.
„Du hast das Auto“, stellte sie fest.
„Okay, morgen früh um 10 Uhr. Und wehe ihr kommt zu spät.“
„Also bis 11“, grinste sie.

Kommentare:

  1. Boah leeeck! Dein Assi-Blog hat sich grad völlig random aktualisiert. Einfach so! Und ich war grad voll am Schreiben, meines langen Kommentars -.-
    Jetzt muss ich nochmal von vorne anfangen =(

    Also gut. Er ging ungefähr so:
    Achja, jetzt hab ich doch noch mein abschließendes Kapitel bekommen. Das hab ich gestern schon vermutet.

    Allerdings – hat das Kapitel niemand gegengelesen? Da sind mir noch drei, vier echt verstörende Fehler aufgefallen.
    Das nächste Mal nehm ich das wieder selbst in die Hand ;)

    Jetzt zum Inhaltlichen:

    Clara, Bernhard und Familien:
    Hm, die Lösung ist im Grunde ganz nett. Aber ich finde die zusammengelegte Weihnacht unrealistisch. Sonia und ich wären Amok gelaufen, wenn jemand von uns verlangt hätte woanders Weihnachten zu feiern. (Aber gut, die wohnen ja nicht mehr in ihrem früheren Zuhause und haben da wo sie wohnen noch nie gefeiert… Aber trotzdem)
    Hier hätte ich mir mehr Andeutungen und weniger Infos gewünscht.

    John & Gerda:
    Die beiden zusammen sind so toll! Der Wahnsinn. Ich hoffe John bleibt bei ihr.
    Und dann das Wiedersehen mit der Family. Was machen die überhaupt da? Seltsam.

    Olli, Steffen & Kelly:
    Die Jungs sind so cool! Ich mag sie <3
    Was Olli sagt, ist auch der Hammer =D Er hat mit Kelly nichts verloren, die ist zu egoistisch und doof.

    Timmy:
    Das Opferkind. Von dem kam ja nicht viel, außer dass sich für ihn nichts geändert hat. Was bei ihm (außer der kindlichen Art) fehlt, ist die Tatsache, dass Kinder ihre Eltern meistens (!) auch dann lieb haben, wenn sie so doof sind wie die von Timmy. Aber sie hat ja nur wenig Zeit, ich würde da eher vermuten, dass der Junge nach ihrer Aufmerksamkeit giert anstatt sich nur zu ärgern. Also Timmy ist echt so der Schwachpunkt der Story.

    Nan, Rosie & Rupert:
    Ich kann Rupert noch immer nicht leiden, auch wenn er jetzt auf einmal vergeben und redselig ist. Pah! Der ist voll unten durch. Ich seh es schon kommen: Wenn Nan sich einmal einen Fehltritt erlaubt, schießt er sie ab und spielt den beleidigten -.-
    Pfah!
    Aber Rosie und Nan mag ich.

    Über Horst und die andere kam ja nichts mehr. Schade.

    LG

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    1. Hey,
      oje das nervige Aktualisieren während des Kommentarschreibens kenne ich nur zu gut. Noch schlimmer ist es, wenn du vorab vergessen hast, dich bei Google anzumelden, dein Kommentar dann fertig getippt ist und du das nachholen möchtest. Dann ist das gute Stück nämlich auch weg.

      Oooooh doch ich hatte 3 Testleser. Einer davon ist sogar Germanistik Student. Aber zu der "Testleser"- Verteidigung muss ich sagen, dass ich hier und da noch ABsätze rein geschrieben habe und jetzt nicht genau weiß, ob das hier auch der Fall ist.

      Jepp ich seh's auch so, dass Timmy der Schwachpunkt der Geschichte ist. Das wird nächstes Mal hoffentlich besser. Gerade bei seinen Kapiteln war ich mir auch am "unsichersten".

      Es freut mich übrigens, dass dir der Großteil meiner Charaktere gefällt. Und jetzt komm: Wir beide kennen komplizierte Menschen. Mit ihnen braucht man halt ... Geduld? Ich mag Rupert.

      viele Grüße und frohe Weihnachten!
      Emma

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  2. Hey!
    Ein schön kitschiges Ende passend zu Weihnachten ;) Das zusammengelegte Weihnachtsfest oder auch John und Gerda mögen vielleicht etwas kitschig erscheinen, aber ich finde, dass man das in einer Weihnachtsgeschichte auch ruhig sein darf! Der kurze Ausschnitt zu Timmy hat mir gefallen, auch wenn ich zustimme, dass er etwas schwach geschrieben ist. Aber was man so passiv über seine Mutter erfährt, ist echt gut gemacht!
    Ich verstehe immer noch nicht, in welchen Beziehungen Rupert, Nan und Rosie zueinanderstehen und irgendwie sind die Charaktere (zusammen mit Horst) in meiner Erinnerung etwas verschwommen.
    Ein schönes Ende des Adventskalenders. Danke für deine Mühe und fröhliche Weihnachten! :)

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    1. Hey,
      ich wünsche dir auch Frohe Weihnachten!
      Jaja Rosie, Rupert und Nan :-). Es ist so etwas wie eine freundschaftliche Beziehung. Zitat einer meiner Betaleserinnen: "Manchmal muss man sich seinen Teil denken. Das ist bei Büchern doch auch so." :-)

      viele Grüße und vielleicht bis nächstes Jahr!
      Emma

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