Mittwoch, 23. Dezember 2015

23. Türchen: Unerwarteter Besuch



„Papa! Wann stellst du den Baum auf?“,
„Wann kommt Oma?“
„Moritz, jetzt geh endlich aus meinem Zimmer.“

Waren Kinder nicht etwas Schönes? Ganz besonders am Weihnachtstag. Schnell las ich den Kommentar zu Ende und beschloss mir die restlichen Blogbeiträge heute Abend durchzulesen. Wenn die Kinder irgendwo mit ihren Geschenken beschäftigt im Haus herumtollten, oder zufrieden in ihren Bettchen schliefen. Glücklicherweise gehörte meine Mutter zu der Generation, die für Ordnung sorgte. Also musste ich mir keine Gedanken darüber machen, wie der Abend ablaufen würde. Sie verteilte die Aufgaben und wir alle packten an. Ich war ihr gerade im letzten Jahr wirklich sehr dankbar für die Hilfe. Als meine Frau endlich ausgezogen war, hatte die Arbeit schließlich nicht aufgehört.

Als ich mich auf den Weg hinunter ins Wohnzimmer machte, um mich nun endlich dem Baum widmen zu wollen, klingelte es an der Haustür. Oben hörte ich Sandy stöhnen. Sie ahnte, dass der Baum wohl noch eine Weile warten musste. Ich blieb kurz unschlüssig stehen. Immerhin wusste ich, dass meine Frau uns mit Sicherheit keinen Besuch abstatten würde. Sie war mit ihrem neuen potentiellen Göttergatten irgendwo am Strand und genoss die Hitze. Die Kinder hatte sie das letzte Mal vor drei oder vier Monaten gesehen. Aber auch nur, weil wir zufällig zur gleichen Zeit einen Supermarkt betreten hatten. Sandy und Moritz waren ihr mit bösen Blicken begegnet und straight an ihr vorbei marschiert. Ich warf ihr ein Schulterzucken und ein Hallo entgegen, bevor ich meinen Kindern folgte. Die meisten Freunde waren an diesem Tag selbst mit den Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt. Und meine Mutter...? Die wollte bei dem Wetter abgeholt werden. Das stand definitiv fest.

Wer auch immer vor unserer Haustür darauf wartete, hineingelassen zu werden, war sich seiner Sache ziemlich sicher. Er oder sie klingelte nun Sturm. Ich marschierte gemütlich den Flur entlang. Natürlich: Es war Weihnachten. Jeder wollte bei seiner Familie sein. Doch wenn es wirklich nur darum ging, ein Geschenk oder eine frohe Botschaft zu überbringen, hätte das ja auch früher oder später geschehen müssen. Ich holte noch einmal tief Luft, bevor ich die Haustür öffnete.

Beinahe wäre ich von einer Glasflasche erschlagen worden. „SAGEN SIE IHRER VERDAMMTEN GÖTTERGATTIN, DASS SIE SICH DIE HIER SONSTWOHIN STECKEN KANN.“
Mir blieb erst einmal der Mund offen stehen. Genauso wie der Person, die mir mit schweißnassem Gesicht gegenüberstand. Es war die Frau, der ich bis zum letzten Jahr nur zweimal jährlich begegnet war.

Nachdem meine Ehe zu den Akten gelegt worden war, hatte ich mir keine Gedanken um die Frau gemacht. Meine Kinder hatten mir beteuert, dass die Elternabende nicht mehr so wichtig seien. Da ich mich nicht schulpolitisch engagieren wollte, war ich dort auch nicht mehr aufgetaucht. So hatten wir uns zwangsläufig aus den Augen verloren, was mir aber auch nicht großartig leidtat. Vielleicht war es besser so.

Doch nun stand mir diese Frau gegenüber, die keinesfalls glücklich wirkte. Ihr eben noch wütender Blick wich nun einem schüchternen verlegenen Ausdruck. Ihre Augen, die mich gerade noch wütend angefunkelt hatten, fanden den Boden vor mir nun wohl sehr interessant. „Meine Frau, äh ich meine sie ist nicht da. Wir leben seit etwa einem Jahr getrennt“, brachte ich schließlich hervor. Allerdings trug diese Aussage nur dazu bei, dass unsere peinliche Pause in die Verlängerung ging. Nun war es an ihr den rettenden Ausgleich zu machen. „Oh...“, ich zuckte zusammen, als das gemurmelte Wort bei mir ankam. „Dann war ... das hier ... also umsonst?“, fragte sie verunsichert. Was bitte sollte ich darauf antworten? Das wir zwei verlassene Menschen waren? Die nun irgendwie die Kinder über die Runden bringen mussten? Wahrscheinlich war das bei mir einfacher, als bei ihr. Immerhin hatte ich einen Job... „Dann gehe ich mal lieber. Es ist ja Weihnachten“, sie drehte sich um und war schon die drei Treppenstufen vor unserem Haus hinuntergelaufen, als ich ihr, wahrscheinlich etwas zu laut, hinterherrief: „Naja... wir haben ja noch die hier!“, demonstrativ hielt ich die Flasche in die Höhe. Sie blickte mich an und ich konnte erkennen, dass sie noch nicht ganz wusste, wie sie diese Information einordnen konnte. Wir hatten uns unabhängig voneinander insgeheim geschworen, dieser Flasche nie großartige Beachtung zu schenken, geschweige denn sie irgendwann einmal genießen zu können. Unschlüssig verharrte sie auf der Stelle. „Also was ist...? Ich finde, es ist an der Zeit, dass wir endlich von dem guten Stück kosten dürfen“, versuchte ich das Eis zu brechen.

Fünf Minuten später saßen wir in unserer Küche. In der Spüle stapelte sich das Geschirr, das noch vom Frühstück übrig war. Während ich in unseren Schränken nach den guten Weingläsern suchte, setzte ich eine imaginäre Notiz auf, die beinhaltete, dass das Geschirr unbedingt entsorgt werden musste, bevor meine Mutter diese heiligen Hallen betrat.

„Schön haben Sie es hier“, meinte sie und setzte ein unsicheres Lächeln auf. Im Wohnzimmer standen die Kisten mit den Weihnachtssachen herum, die noch aufgestellt werden wollten. „Naja... so sieht es halt aus, wenn man alleinerziehender Vater ist. Mehr schlecht als recht, aber die Kinder sind zufrieden“, erklärte ich und hielt ihr eines der Gläser hin. „Kinder können auch ziemlich anstrengend sein. Warten Sie mal bis die Pubertät ausbricht.“

Nach wenigen Minuten hielt ich den Korkenzieher in den Händen. Die Frau, die ich vor einem Jahr noch bemitleidet hatte, hielt mir die Flasche entgegen. „Ich bin übrigens Clara.“

Ich öffnete das gute Stück und ein kleiner Spritzer der kostbaren Flüssigkeit ergoss sich auf dem Küchenboden. „Bernhard. Frohe Weihnachten“, meinte ich, nahm ihr das Glas aus der Hand und füllte es mit der rot leuchtenden Flüssigkeit.

Kommentare:

  1. Ach wie schön :)
    Der Anfang gefällt mir gut. Hast du da zufällig noch mehr bei Klemens geklaut? :D

    Und dann:
    "...ein kleiner Spritzer der kostbaren Flüssigkeit ergoss sich..."
    Das passt nicht. Ein kleiner Spritzer kann nicht irgendwo landen und sich nicht ergießen. Das geht nur bei mehr Flüssigkeit.

    LG

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    1. Geklaut? Wo denkst du denn hin? Weihnachten ist das Fest der Liebe :-)
      Und jepp jetzt wo du das mit dem Satz so schreibst, stimme ich dir zu. Das passt wirklich nicht zusammen.
      Morgen: Fiiiinale!!!

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  2. Hallo Emma :)

    erstmal danke für deinen Kommentar gestern zur Aktion LESEND UND BLUBBERND DURCH DIE WEIHNACHTSZEIT. Du bist ein Blog, den ich für den 2. Tag besuche. Das mache ich heute erst, da ich gestern Weihnachtsfeier hatte. :)

    Deine Kurzgeschichten finde ich übrigens echt cool. Das ist mal eine ganz andere Art, einen Adventskalender zu basteln.

    Ich wünsch dir ein tolles Weihnachtsfest.

    Liebe Grüße
    Martin
    buchwellenreiter.blogspot.de

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    1. Hallo Martin,
      das freut mich total, dass du auch beim Adventskalender mitliest. Ich habe das Gefühl, dass gerade in den letzten Tagen eher wenig gelesen wird, weil die Vorbereitungen für Weihnachten auf Hochtouren laufen.
      Ab dem 25.12 gibt's dann auch meinen Post zur Aktion. Den bereite ich momentan schon fleißig vor, sodass es dann einiges zum nachlesen gibt.
      viele Grüße
      Emma

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  3. Hey! Schön, dass die Flasche wieder zurück zum Besitzer kam. Ich mochte die Reise der Flasche! :D

    LG

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    1. Super :-)
      Aber im letzten Türchen wird das alles nochmal etwas abgerundet.
      Irgendwann nach 3/4 der Geschichte habe ich Panik geschoben, weil ich dachte, dass es mit den Geschichten nicht auf geht. Ich bin froh, dass das Problem gelöst wurde.
      viele Grüße und frohe Weihnachten!
      Emma

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