Dienstag, 22. Dezember 2015

22. Türchen: Hin- und hergerissen



„Warum um alles in der Welt willst du in dieses verdammte Dorf zurückfahren? Ich denk jedenfalls gar nicht dran, ihm frohe Weihnachten zu wünschen.“
„Er ist immer noch dein Vater. Außerdem macht man das halt so. Wir müssen ja auch nicht lange bleiben“, versuchte ich meine Tochter zu überreden. Das letzte Jahr war für keinen von uns wirklich einfach gewesen. Die Scheidung war immer noch nicht durch, aber wir arbeiteten an einer friedlichen Lösung. Zumindest ich... Meine Kinder waren stattdessen auf Kriegsfuß und mieden ihren Vater. Er schien sie aber auch wohl nicht großartig zu vermissen. Immerhin flossen die Unterhaltszahlungen dahin, wo sie sollten. Ach, was redete ich da? Langsam eignete ich mir wohl doch noch die Sprache meiner pubertären Tochter an. „Dann eben nicht!“, rief ich ihr durch die geschlossene Zimmertür entgegen, schlich mich in den kleinen Flur, zog meine Schuhe an und machte mich auf den Weg.

Obwohl meine Ehe wohl offiziell als gescheitert gelten sollte, besuchte ich unser früheres Heimatdorf immer noch gerne. Schließlich hatten wir hier auch schöne Stunden verbracht. Und weder Dorf noch Leute konnten etwas dafür, dass meine Ehe gestorben war. Außerdem wollte ich ein paar Weihnachtsgeschenke verteilen. So wie jedes Jahr.

Im Gegensatz zum letzten Jahr war die Vorweihnachtszeit von Schneestürmen und wahr gewordenen Unwetterwarnungen geprägt worden. Normalerweise fuhr ich nicht gern im Winter mit dem Wagen. Aber was sein musste, musste sein. Als ich in die Straße einbog, in der unser altes Haus stand, wurde mir es doch etwas schwer ums Herz. Ob er dort mit seiner neuen Freundin lebte? Sicher war ich mir nicht. Genau wissen wollte ich es definitiv nicht. Schließlich konnte er machen, was er wollte. Dennoch blieb ich gefühlte fünf Minuten im Auto sitzen, bevor ich mich hinaus in die Eiseskälte wagte. Die Geschenktüte, in der sich eine kleine Schüssel Kartoffelsalat und eine große Tüte Weihnachtsplätzchen befanden, behielt ich fest in der Hand.

Das Haus lag im Dunkeln. War er über die Feiertage weggefahren? Ich seufzte. Was ging es mich an...? Schließlich gehörte ich der Vergangenheit an. Unsere Beziehung war Geschichte und das Einzige, was uns verband waren die gemeinsamen Kinder. Doch nicht mal das schien ihn zu interessieren. Es fiel mir aber schwer, ihn einfach so gehen zu lassen. Mittlerweile trieb mich aber nicht mehr die Sehnsucht zurück vor dieses Haus. Es war mehr Besorgnis. Kam er alleine zurecht? Wie ging es ihm ohne uns? Dachte er auch manchmal an alte Zeiten zurück? Wäre meine Tochter dabei gewesen, hätte sie mich wahrscheinlich wieder mit bösen pubertären Blicken gestraft, die sagten: „Warum rennst du ihm hinterher? Du hast den ersten Schritt gemacht, er interessiert sich nicht die Bohne für dich. Also mach dir ein schönes Leben!“

Vorsichtig öffnete ich das Gartentor. Bei dem quietschenden Geräusch zuckte ich zusammen und blickte mich nach allen Seiten um. Hatte mich jemand gehört? Natürlich ahnte ich, dass sich die Nachbarn über uns unterhalten hatten. Immerhin waren wir letztes Jahr um diese Zeit eine perfekte Familie gewesen. „Reiß dich zusammen! Deine Kinder warten“, rief ich mir ins Gedächtnis und steuerte zielstrebig auf die Haustür zu. Dort wäre ich beinahe gestolpert. Ich klammerte mich an das Geländer und blickte wie erstarrt auf das Bild, das sich dort bot.

Wie konnte sie es wagen?! War es nicht schon genug, dass sie eine Familie zerstört hatte? Musste sie ihm ausgerechnet in diesem Jahr diese bescheuerte Flasche schenken? War es denn immer noch nicht genug? Ich war ein sehr geduldiger Mensch. Niemand hatte mir je vorgeworfen, dass ich ihn unter Druck gesetzt, oder zu viel von ihm verlangt hatte. Doch das Maß war voll. Diese Flasche, die so viel Unglück über unsere Familie gebracht hatte, stand hier seelenruhig herum und wartete geradezu darauf, dass sie genossen wurde. Nein! Das konnte ich nicht zulassen. Ohne zu überlegen, griff ich zu! Diese Frau konnte was erleben!

Kommentare:

  1. Hey!
    Interessant, das Ganze mal aus dieser Sicht zu sehen. Du stellst die Frau gut dar - eben so, wie sie in den ersten Kapiteln auch gewirkt hat. Ein wenig stört mich, dass sie häufig "pubertär" zu ihrer Tochter sagt. Das kann man ruhig mal so miteibauen, damit man den Leser über das Alter der Tochter informiert, aber zu oft benutzt wirkt es etwas steif.
    Noch zwei Kapitel! :D

    LG

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    1. Das heißt deine Fragen zur Trennung sind jetzt beseitigt? :-)
      Oh ja bald beginnt der Final Countdown.
      Wäre ich jetzt so ein Marketingfreak gäbe es heute Abend schon eine kleine Vorschau. Aaaaber: Ich spanne meine Leser gerne auf die Folter! (OK das klingt jetzt blutrünstiger, als es gemeint ist).

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    2. Ich meinte eher, dass so ihre Art gut getroffen wurde, dass sie es allen recht machen will und immer noch zu jedem ins Dorf fährt (trotz Sturm), um Weihnachtsgeschenke vorbeizubringen. Selbst ihrem Mann.
      Dass sie sich getrennt hat, finde ich immer noch komisch :D Also wieso einfach nach 10 Jahren, wo sie doch so harmoniesüchtig ist. Da müsste für mich irgendwas passiert sein als Auslöser :D

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    3. OK gut zu wissen :-)
      Ich denke nach wie vor, dass es nie zu spät ist um aus "alten Mustern" auszubrechen.
      Aber super, dass du ihre Reaktionen in dem Kapitel etwas nachvollziehen konntest.

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  2. Ja, du blutrünstige Person :D

    Also ich finde es schade, dass nichts über das Mädel kam und dass die Flasche wohl auch nie ankommen wird. Aber naja, das ist jetzt halt so.
    Auf der anderen Seite ist es echt toll, dass was anderes kommt als man erwartet.
    Und die Wut der Exfrau auf die Weinfrau finde ich spannend.

    LG

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    1. Na dann bin ich gespannt was du zum 23. Kapitel sagst :D

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