Dienstag, 15. Dezember 2015

15. Türchen: Verloren geglaubte Freundschaft



Rosies Schicht neigte sich dem Ende zu. Sie nutzte die berühmt berüchtigte Verschnaufpause für einen kleinen Abstecher in die Umkleide. Das Handy war sicher in ihrem – mittlerweile aufgeräumten – Spind verwahrt. Bei dem Gedanken an die erwartende SMS musste sie lächeln. Der morgige Abend würde einen ganz besonderen Sinn haben...
Als sie in die Umkleide stürmte, erstarrte sie. Beinahe wäre sie über eine Flasche gestolpert. Eine Flasche, deren Verschwinden dafür gesorgt hatte, dass Rupert kein Wort mehr mit ihr sprach.

Vor einem Jahr

Rupert: „Ich habe dich um eine einzige Sache gebeten. Und du hast es verkackt.“
Rosie: „Du musst mir glauben! Mein Spind wurde geknackt. Ja, du musst mir nicht erzählen, dass es völlig unrealistisch klingt. Aber die Flasche ist weg.“
Daraufhin hatte ihr Freund nichts mehr gesagt. Doch sein Blick sprach Bände. „Wenn das so ist...“, er wandte sich ab und ließ sie stehen.

Rosie fröstelte es bei dieser Erinnerung. Es war ihr letztes Gespräch mit Rupert. Am nächsten Tag hatte er ihr eine kleine Tüte mit ihren Habseligkeiten, wie unter anderem eine Zahnbürste, einen Schlafanzug und überlebenswichtige Requisiten, überreicht. Wobei das Wort die Zeremonie keinesfalls wiedergab. Rosie war gerade damit beschäftigt gewesen, ihre nächtlichen Protokolle zu schreiben, als Rupert ihr die Tüte förmlich entgegenschleuderte. Rosie wunderte es immer noch, dass die CDs nicht zerstört worden waren, oder sich der Tüteninhalt über den Tisch ergossen hatte.

Die Zeiten, in denen sie bis tief in die Nacht auf seinem Sofa gesessen, gelacht und geweint hatten, waren nun wohl endgültig vorbei.
Ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken. Als sie gerade eine weitere Entschuldigung aussprechen wollte, streifte sie sein eisiger Blick und ihr war sofort klar, dass er keine weiteren Erklärungen hören wollte. Dass er überhaupt nie mehr etwas von ihr wissen wollte. Und so waren sie seither getrennte Wege gegangen. Wäre ihr bewusst gewesen, wie viel ihm an Nan oder dem Jungen lag, hätte sie sich mehr Mühe gegeben die Flasche zu verbergen.

Rosie hatte den Dienstplan nicht mehr freudig nach seinem Namen abgesucht, sondern sorgfältig darauf geachtet, dass man sie in getrennte Schichten einteilte. Doch heute Abend war Rupert auf ihrer Station. Sie musste nicht lange überlegen, was mit der Flasche geschehen sollte.

Rupert war gerade damit beschäftigt, den Flur das dritte Mal zu wischen. Gerade eben war ein Patient auf seinem nächtlichen Streifzug auf die glorreiche Idee gekommen eine Straße aus Kaugummistreifen zu legen, die wahrscheinlich die Hänsel und Gretel Brotkrumentaktik ersetzen sollte. Irgendwie musste er sein Zimmer ja wiederfinden. Dass der ganze Boden klebte, weil zuvor wahrscheinlich jeder einzelne Kaugummistreifen gekaut worden war, störte den offensichtlich verwirrten Menschen wohl kein bisschen. Wobei Rupert mal wieder dazu neigte, zu übertreiben. Wie so oft im letzten Jahr.

Zum Glück war Rosie gerade nach unten verschwunden. Er war ihr sorgfältig aus dem Weg gegangen. Aber er musste sich auch eingestehen, dass er seine Freundin vermisste. Er seufzte. Es war eben nicht so einfach. Sie hatte ihn enttäuscht und damit musste sie leben. Dass sie mindestens genauso litt, wie er, schien hier eher zweitrangig zu sein.

Rosie schloss gerade die Tür zum Stationszimmer auf und stellte die Flasche auf den frei geräumten Tisch. Sie würde nun ihre letzte Runde beginnen und war sich sehr sicher, dass Rupert der einzige war, der diesen Raum eines Blickes würdigte. Er erledigte seine Arbeit seit je her gewissenhaft.

Nachdem der Boden wieder gesäubert war, warf er einen Blick auf die Tür des Stationszimmers. Eigentlich hätte er wütend aufknurren sollen, doch er musste schmunzeln. Rosie hatte ihre Unordnung innerhalb des letzten Jahres zwar unter Kontrolle bekommen, allerdings gab es immer noch kleinere Pannen. Die Tür stand speerangelweit offen und das Licht war eingeschaltet. Rupert stellte sein Werkzeug ab und ging in Richtung der Tür. Sein Blick blieb auf dem Schreibtisch hängen und seine Augen wurden groß.
„Du hältst mich wahrscheinlich für verrückt, aber die Flasche stand in der Umkleide. Vor meinem Spind“, Rosie war lautlos hinter ihn getreten und flüsterte die Worte beinahe. Langsam, wie in Zeitlupe, wandte er sich um. Ihm war klar, dass es genau die Flasche war. das Getränk, das ihm Rosie vor einem Jahr genommen hatte. „Rupert, ich vermisse dich“, sie wischte sich mit der Hand übers Gesicht. Er blickte zwischen ihr und der Flasche hin und her. „Jetzt sag doch auch mal was“, flehte sie. Er holte tief Luft. Doch die ersten Laute, die aus seinem Mund gestolpert kamen, waren ein Räuspern, gefolgt von einem beinahe fröhlichen Aufschrei. Dann löste er seinen Blick von der Flasche, trat auf Rosie zu und machte das, was er schon viel früher hätte tun sollen: Er nahm seine Freundin in den Arm und murmelte: „Danke, danke für alles!“.

Kommentare:

  1. Pffft, das find ich doof.
    Rupert hat bei mir voll verschissen. Was für ein blöder Arsch! Also wirklich!
    Mir fällt dazu gar nichts mehr ein. ich meine - wie alt ist er?
    Bäh!

    Mal sehen, ob da noch was an Erklärung kommt.

    LG

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    1. ^Warum blöder Arsch?
      Sie sind doch jetzt wieder Freunde?
      Rupert ist halt etwas eigenartig. Und glaub mir, ich kenne ne Menge Leute, die sich nicht altersentsprechend verhalten :-) (Mich ab und an sogar eingeschlossen). :-)

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    2. Wie er sie einfach so abschießt? So wie du die Freundschaft später beschreibst ist das doch krank.
      Er vertraut ihr ja gar nicht.

      RUPERT STINKT!

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    3. Ohje ich sehe es schon kommen, dass wir über die Psyche meiner Charaktere diskutieren.
      Ich stelle jetzt einfach mal die These in den (virtuellen) Raum, das man manche Handlungen eben nicht immer nachvollziehen kann. Und Rupert war halt tief verletzt. Er ist kein Typ der großen Worte.
      Das ist lustig, dafür, dass ich überhaupt keine konkrete Ausarbeitung zu meinen Charakteren habe, hab ich das Gefühl einige echt gut verstanden zu haben :-)

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  2. Hey! Also ich muss sagen, es hat mich schon überrascht, dass die zwei was hatten/haben :D Das wirkt zwar in dem Teil jetzt sehr passend, aber aus dem letzten Rosie- oder Rupert-Kapitel hätte ich das nicht geschlossen :D

    LG

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    1. Arrgh! Sie hatten doch gar nichts miteinander...
      *wirft theatralisch die Hände zum Himmel* :-)

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    2. Ich bin verwirrt :D

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    3. Rupert und Rosie hatten nichts miteinander und werden auch nichts miteinander haben. Darüber hab ich schon mit emion diskutiert :-).

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