Sonntag, 13. Dezember 2015

13. Türchen: Gescheitert



Ein Jahr später... 

Sie fluchte und schob den Einkaufswagen vor sich her. Das letzte Jahr hatte ihr definitiv kein Glück gebracht. Ihr „Geschäft“ war buchstäblich im Erdboden versunken. Die Händler legten nicht mehr so viel Wert auf qualitativ hochwertigen Alkohol oder anderer Schmuggelware, die nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich war. Sie bewegten sich nicht von ihrem Standpunkt weg, dass sich dieser eben nicht so gut verkaufte. Gern gesehen waren nun Pillen, oder Zeug, das sich wunderbar in Spritzen oder Nasenlöcher füllen ließ. Sie rettete sich immer damit, dass sie sich nicht auf dieses Niveau herablassen wollte. Bei ihr gab es nur gute und edle Ware. Aber sie musste sich eingestehen, dass es auch bei ihr Grenzen gab.

Einzig und allein der Hausmeister war ihr geblieben. Wie war doch gleich sein Name? Franz? Helmut? Irgendetwas davon jedenfalls. „Ey, du bist ja pünktlich“, sie schrak zusammen. „Nicht hier auf dem Parkplatz“, fuhr sie ihn an. „Ist ja schon gut. Hier passiert schon nichts. Oder hast du etwas aus dem Laden mitgehen lassen?“

„Nicht so laut“, zischte sie und blickte sich nervös auf dem leeren Parkplatz um. Sein Grinsen ignorierte sie vollkommen. Ihm war ihr Absturz offenbar nicht aufgefallen. Mittlerweile wusste sie, dass auch er sich mehrere Standbeine aufgebaut hatte. Neben dem Verkauf von „erworbenen“ Gegenständen gehörte Glücksspiel zu seinen neuen Hobbies. Sein Geschäft lief also gut.

„Also, wie kann ich dir helfen?“, fragte er als sie sich von dem kameraüberwachten Gelände entfernt hatten. Ihre Einkäufe waren in einen Rucksack verfrachtet worden. Sie hatte sorgfältig darauf geachtet, dass er ihren Tauschgegenstand noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Es war ihr schon peinlich genug, einen Gegenstand zurückzutauschen. Sie hoffte, dass er sich nicht daran erinnern konnte.

Vor einem Jahr war er so dumm gewesen, ihr eine Weinflasche völlig unter Wert zu verkaufen. Sie hätte nicht gedacht, dass sich so kurz nach Weihnachten doch noch ein Weihnachtsgeschenk finden ließ. Ihr Leitsatz war, dass Dummheit bestraft werden musste. Daher versuchte sie – und dies meist mit Erfolg – ihren Verhandlungspartnern einen viel zu niedrigen aber aus Vertragspartnersicht durchaus realistischen Preis anzudrehen.

Eigentlich hatte sie damit gerechnet, dass sie die Flasche für das Dreifache weiterverkaufen könnte. Doch keiner ihrer vielversprechenden Händler zeigte Interesse an dem guten Stück. Entweder man hielt sie hin, oder man machte ihr gleich klar, dass dieser Tropfen definitiv nicht so viel wert sei, wie die neusten gepanschten Pillen. Also hatte sie die Flasche in die hinteren Regalecken verbannt. Sie dachte, dass irgendwann schon noch der Zeitpunkt kommen und sich der richtige Zeitpunkt finden würde. Doch die Zeit ging ins Land, die Rechnungen häuften sich und ihre Beziehungen gingen zu neige. Nur der Hausmeister blieb, lachte und verhandelte.

„Was ist jetzt? Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit. Meine Schicht beginnt bald und ich muss nochmal zum Casino, wenn du verstehst, was ich meine“, prahlte er. Am liebsten hätte sie ihm eine saftige Ohrfeige verpasst und wortlos stehen gelassen. Doch diesmal war sie auf ihn angewiesen. Wer hätte gedacht, dass sich das Blatt innerhalb eines Jahres wenden konnte?

Sie setzte ihren Rucksack ab, holte die Flasche hervor und hielt sie ihm wortlos entgegen.
„Uuuuhh“, gab er von sich.
Sie grummelte.
„Vor einem Jahr hat mir ein Händler verraten, dass diese Flasche nicht viel wert ist“, begann er.
Verdammt! Er hatte es nicht vergessen.
„Der hat sich eben geirrt“, murmelte sie kleinlaut.
„Wie bitte? Du redest in letzter Zeit so leise. Ist irgendwas?“, er versuchte es wirklich mit allen Mitteln.
„Was bietest du mir dafür?“, fragte sie stattdessen.


Einige Stunden später

Im Krankenhaus war nicht viel los. Niemand hatte sie beachtet, als sie in die Eingangshalle geschlichen war. Ihn würde sie hier heute Abend nicht finden. Aber er hatte ihr genaue Anweisungen gegeben, was es zu tun gab. Und ihr blieb nichts anderes übrig als diese zu erfüllen. Die Rechnung würde er erst in ein paar Stunden bezahlen. So lange war sie in Besitz der Flasche und konnte nur darauf vertrauen, dass er sie nicht betrog.

Sie hätte nicht gedacht, dass sie drei Stunden damit verschwendete, die Abflüsse der Duschen zu reinigen und das Waschbecken zu säubern. Eigentlich sollte man meinen, in einem Krankenhaus stünde Hygiene an oberster Stelle. Nachdem sie mehr als einen Blick in die Umkleiden geworfen hatte, überlegte sie sich zweimal, ob sie sich hier jemals einliefern lassen wollte.

„Na, bist du fertig?!“, sie zuckte zusammen und hätte beinahe den gut gefüllten Eimer voll warmen Wasser umgestoßen.
„Du Horst!“, knurrte sie.
„Ja, ich bin Horst. Ist dir mein Name bei der Arbeit also wieder eingefallen. Das ist wirklich schön. Immerhin bin ich dein treuster Lieferant, falls du das schon bemerkt hast“, ihm schien seine Rolle wirklich zu gefallen. „Also bleibt es jetzt bei dem Deal?“, fragte sie, legte ihr Werkzeug beiseite und streifte sich die Handschuhe ab. „Selbstverständlich. Dank dir habe ich jetzt eine freie Nacht. Die können wir gerne bei der Flasche“- sie ließ ihn nicht aussprechen, knallte die Flasche auf den Boden und fuhr ihn an: „Mit dir teile ich gar nichts. Du hörst von mir.“

„Den Rest schicke ich dir dann nach?“, das waren die letzten Worte, die sie in dieser Nacht von ihm hören sollte. Wäre sie nur fünf Minuten länger geblieben, hätte sie mitbekommen, wie nur ein einziger Anruf dafür sorgen konnte, dass der Hausmeister völlig aus dem Gleichgewicht kam. Aber da sie es eilig hatte, den Ort ihrer Niederlage schnellstmöglich zu verlassen, bekam sie nicht mit, wie die eben verlorene Flasche noch an diesem Abend erneut den Besitzer wechselte.

Kommentare:

  1. Hey!
    Erstmal: Coole Idee mit dem Zeitsprung. Und ich mag auch den Wechsel der Rollen der beiden Charaktere von dem letzten zu diesem Kapitel! Ich habe mich nur gefragt, was für Leute Pillen statt Wein kaufen? Ich habe das immer als zwei verschiedene Dealerschaften eingeordnet (vor allem teurer Wein :D). Also ich frage mich da eher, was sie für komische Kunden hat.
    Formal ist mir noch aufgefallen:

    1) „Ey, du bist ja pünktlich“, sie schrak zusammen.
    2) „Na, bist du fertig?!“, sie zuckte zusammen und ...
    3) „Den Rest schicke ich dir dann nach?“, das waren die letzten Worte, die sie ...

    Da müsstest du aus dem Begleitsatz einen eigenständigen machen, da er ja die Reaktion der Frau zeigt, aber nicht die des Mannes, der aber die wörtlichen Reden sagt.
    Ich hoffe, du weißt, was ich meine :D

    LG

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    1. OK bis gerade eben bin ich davon ausgegangen, ich wüsste wer sich hinter diesem "Anonym" verbirgt. Nun bin ich wirklich irritiert und frage mich, ob an dir nicht ein Germanistik Student verloren gegangen ist. Ich meine: Krass, dass dir solche Sachen mittten in der Nacht auffallen!! :-)
      Und jepp ich weiß was du meinst.
      viele Grüße
      Emma

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  2. Awwwwwww, ein Jahr später finde ich super =D

    (Wei du vielleicht bemerkst, schreibe ich das hier parallel zum Lesen ;) )

    "Gern gesehen waren nun Pillen, oder Zeug, das sich wunderbar in Spritzen oder Nasenlöcher füllen ließ."
    - Ein schöner Satz!




    Okay, jetzt hab ich doch vergessen mitzuschreiben =D
    Spannende Sache.
    Und meine Güte – Es ist ja schon nach 00:00 Uhr ;)
    Da muss ich ja nicht lange warten.

    LG

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    1. Du bist toll.
      Ich würde dir jetzt gerne ein Facebook Herz oder einen Facebook Daumen schicken, aber das sieht auf meinem Blog Hintergrund sicher nicht so toll aus.
      Deswegen hoffe ich, dass du dir das imaginär vorstellen kannst oder so ähnlich :-)

      viele Grüße
      Emma

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