Freitag, 11. Dezember 2015

11. Türchen: 3..., 2..., 1..., ?



„Nicht im Ernst? Tropft dieser blöde Hahn schon wieder? Was zum Teufel machen diese Krankenschwestern hier eigentlich?“. Ohne eine Antwort abzuwarten legte er sein Smartphone beiseite und bewegte sich in Richtung der Damenumkleiden. Da es mitten im Schichtdienst war, bestand keine Gefahr, dass sich eine Frau in der Umkleide befand. Das Personal war entweder arbeiten, holte den verlorenen Schlaf nach, oder genoss den freien Tag. Wobei.. Er hätte keine Probleme damit auf Gesellschaft zu treffen...

Er riss die Tür energisch auf, ohne vorher nur einmal anzuklopfen. Das war nun mal seine Art. Und tatsächlich: Die Umkleide war wie ausgestorben. Irgendwo tropfte das zu reparierende Objekt vor sich hin. Er stöhnte. Wie immer war er gänzlich unmotiviert, sich tropfenden, oder verstopften Gegenständen zu widmen. Um ehrlich zu sein: Er hasste seinen Job. Aber was muss, das muss.

Als er schon ahnungslos, wie beinahe immer, unter das Waschbecken gebeugt war, hörte er, wie jemand schnellen Schrittes in die Umkleide gerannt kam. „Immer mit der Ruhe!“, rief er und tauchte unter dem Waschbecken auf. Ihr entfuhr ein Schrei und er fand sich plötzlich Rosie gegenüber wieder. Rosie, die Frau mit der Kurzhaarfrisur, dem Pfeffer im Arsch. Die Frau, mit der jeder befreundet sein wollte. Nur er stand ihr misstrauisch gegenüber. Seiner Meinung nach waren Frauen nur direkt, wenn sie etwas zu verbergen hatten. Ansonsten legten sie mehr Wert darauf, durch die Blume zu kommunizieren. Und sie glaubten gar nicht, wie sehr er Pflanzen hasste. Aber das war ein anderes Thema. „Was zum Henker machen Sie denn hier?“, fuhr sie den Hausmeister an. Ihre Hände hatte sie hinter ihrem Rücken versteckt. Ihr Schließfach war auch so gut wie aufgeschlossen. Allerdings war es nicht ganz geöffnet, sodass er nicht in ihr Chaos blicken konnte. Jeder wusste, dass Rosie ihre Arbeit zwar ordentlich erledigte, sonst aber zur Unordnung neigte.

„Sauber? Nein im Ernst. Der Abflu- äh der Wasserhahn“, er deutete wie zum Beweis auf das Waschbecken. „Ich will das gar nicht so genau wissen“, meinte sie schnell. „Und Sie? Müssen Sie nicht eigentlich Medikamente austeilen?“, entgegnete er. Er würde schon noch herausfinden, was sie zu verbergen hatte. Irgendwann machte auch sie einen Fehler. „Das geht Sie gar nichts an. Kümmern Sie sich um Ihren Job“, sie feuerte ihm den bitterbösen Blick regelrecht entgegen. Und er hatte verstanden. Also wandte er sich wieder ab und kroch zurück unter das Waschbecken. Doch als er die Tür des Spindes quietschen hörte, beschattete er sie mit einem Seitenblick. Sie versuchte eine Tüte in ihrem gnadenlosen Chaos unterzubringen und begann dabei zu fluchen. Insgeheim musste er schmunzeln. Schließlich erzählte man ihm auch immer, dass Ordnung das halbe Leben war und wahrscheinlich irgendwann mal Leben retten würde.

Nach ein paar Sekunden begann sie die Tür zuzuknallen. Doch sie schien sich wohl nicht ordentlich zu schließen, denn Rosie versuchte es gleich mehrmals. Irgendwann begnügte sie sich damit, die Tür leise zu schließen. „Bis dann“, meinte sie mit auffällig zitternder Stimme an den Hausmeister gewandt. Nun aktivierten sich langsam seine Alarmglocken. Sie begannen nicht auffällig puterrot zu leuchten. Nein, es war mehr ein leichtes Flimmern.

Er wartete bis sich die Schritte entfernten. Dann richtete er sich auf und näherte sich Rosies Spind. Die Tür war tatsächlich nicht geschlossen. Ein Zipfel der Tüte hatte es verhindert. „Frauen und Technik“, grinste er zufrieden. In wenigen Sekunden hatte er den Spind geöffnet, den alle, warum auch immer, Schließfach nannten. (Er hatte schon oft versucht die Unterschiede zwischen Schließfach und Spind zu erläutern, war aber aufgrund regelmäßiger Ahnungslosigkeit und damit verbundenen Irritationen daran gescheitert. Er wusste ja schließlich, wie man beides ohne Schlüssel öffnen konnte).

Wie erwartet blickte er in buchstäbliches Chaos. Zerknüllte Kleidung, leere Plastikflaschen und zwei gefüllte Stofftaschen, deren Inhalt er lieber nicht so genau mustern wollte, waren in den Spind gequetscht. Mitten drin war eine Plastiktüte. Allerdings stand diese keinesfalls stabil. Er griff vorsichtig danach und warf einen neugierigen Blick hinein. Sofort hellte sich sein Blick auf. „Rosie, Rosie!“, murmelte er zufrieden. Egal, was diese Frau zu verbergen hatte, sie war dafür verantwortlich, dass er am Ende des Tages ein frisches Trinkgeld kassieren würde. So war es eben, wenn man jemanden kannte, der jemanden kannte, der jemanden kannte...

Kommentare:

  1. Hey!
    Wieder eine interessante Figur. Ich nehme mal an, Rosie ist die Protagonistin des letzten Kapitels? Mir gefällt es, wenn du die Leute im nächsten Kapitel unter einem anderen Blickwinkel vorstellst.
    Ein wenig hat mich gestört: "Rosie, die Frau mit der Kurzhaarfrisur, dem Pfeffer im Arsch. Die Frau, mit der jeder befreundet sein wollte. "
    Kennt er die ganzen Schwestern bzw. eben Rosie so gut? Ansonsten wäre das ja quasi eine Information, die der jetzige Erzähler des Kapitels gar nicht kennt und dann wäre die Erzählform "falsch". Außerdem finde ich Rosie komisch ... oder eher unpassend beschrieben, wenn sie erst so zickig wird und danach eine zittrige Stimme hat. Das passt für mich nicht ganz zusammen (und ich verstehe nicht, wieso jeder mit ihr befreundet sein will :D).

    LG

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Warum jeder mit ihr befreundet sein will? Weil sie relativ schlagfertig und ziemlich gesprächig ist :-).
      Und jepp du hast Recht. Das mit der Erzählperspektive sollte ich nochmal überdenken.

      Löschen
  2. Woooow! Das war schon das letzte Kapitel, das ich heute lesen kann o.O
    Okay, dann geht es mal los:

    "Ansonsten legten sie mehr Wert darauf, durch die Blume zu kommunizieren. Und sie glaubten gar nicht, wie sehr er Pflanzen hasste. " Das ist der Hammer =D
    Voll der Gute Satz für den Satz der Woche ;)

    Und was ist los? Heute gar keine Ich-Perspektive?


    Soso... Die haben ja ein tolles Arbeitsklima. Wirklich o.O
    Und ansonsten... Was? Warum ist Rosie auf einmal so eine Bitch? Aber mit Rupert versteht sie sich. Ist klar =D

    Oh Mann! Und jetzt kann ich natürlich nicht weiterlesen...

    Ich bin gespannt auf Sonntag, denn da
    *Spoiler-Alert*
    ... tritt die Flasche ja wieder den Rückweg an, oder?
    *Spoiler-Ende*

    Als dann =) (Meine Mutter liest übrigens gerade "Silber". Sie hat vorhin den ersten Band zuende gelesen =D

    LG

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wie kannst du es wagen meine neugierige Leserschaft zu spoilern??? :D
      Ich freue mich auch schon auf Sonntag.
      Und was die Sache mit der Erzählperspektive betrifft: Ich dachte ich experimentiere mal ein bisschen rum, bzw. eigentlich habe ich überhaupt nicht groß darüber nachgedacht...

      viele Grüße und das aktuelle Kapitel wird noch verlinkt. Aber erstmal ESSEN :-)

      Löschen