Donnerstag, 10. Dezember 2015

10. Türchen: Merkwürdige Freundschaft



„Ey Rupert! Wo willst du denn hin?“, eigentlich begann ihre Schicht erst in einer Stunde. Aber jetzt wo sich die Journalisten vor dem Krankenhaus platzierten, war sie lieber zu früh als zu spät dran. Sie mochte den Medienrummel im Gegensatz zu ihren Kolleginnen überhaupt nicht. Journalisten hatten es bekanntlich auf das Personal des Krankenhauses abgesehen. Da sie auch noch zu den Krankenschwestern gehörte, entsprach sie also deutlich der gesuchten Zielgruppe.

Der Reinigungsfachmann stand gerade vor seinem Fahrrad und versuchte eine Tüte möglichst stabil am Fahrradkorb zu befestigen. Allerdings gestaltete sich das als deutlich schwierig, da die Tüte um einiges größer war, als der dort angebrachte Korb. Er blickte nicht einmal auf, als sie sich näherte. So war er eben. Seine Schweigsamkeit war sie gewohnt. Normalerweise redete sie genug für beide. „Ich hatte eigentlich gehofft wir hätten mal wieder zusammen Dienst“, versuchte sie ein Gespräch in Gang zu bringen. „Mhm“, murmelte er leise aber keinesfalls abwesend. Sie kannte ihn schon eine halbe Ewigkeit und fühlte sich von seiner Wortlosigkeit nicht vor den Kopf gestoßen, sondern wusste damit umzugehen. „Ich seh schon, du freust dich wahnsinnig mich zu sehen. Wahrscheinlich hast du die ruhigen Nächte regelrecht genossen“, lächelte sie. „Durchaus möglich“, auch er rang sich zu einem Lächeln ab. „Und jetzt lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Was hast du da? Die Läden haben nachts geschlossen und du gehst vor der Arbeit nicht einkaufen“, stellte sie fachmännisch fest. „Ist ein Geschenk. Muss es aufbewahren bis heute Abend“, erklärte er. „Wer macht dir denn schon ein Geschenk?“, entfuhr es ihr. Seinem Blick nach zu urteilen, hatte ihn die Frage wohl nicht so sehr getroffen, wie es bei anderen Mitmenschen der Fall gewesen wäre. Rupert war ziemlich realistisch und wusste, dass er nur wenige Freunde hatte. „Erzähl ich dir wann später. Ist nicht für mich, sondern für den Jungen. Jetzt hilf mir lieber“, es war mehr zu sich selbst gesagt, doch sie wusste, dass es ein Unding war, Rupert nun alleine stehen zu lassen. „Vergiss es. Das hält nie im Leben. Und du willst nicht, dass dich einer der Journalisten über den Haufen fährt, wenn du da vorne raus willst“, sie deutete auf den Haupteingang. Gerade in den letzten Tagen mussten die Mitarbeiter ganz besonders vorsichtig sein, wenn sie den Parkplatz des Krankenhauses befuhren. Gestern war eine ihrer Kolleginnen mit einem randvollen Korb auf dem Gepäckträger von ihrem Fahrrad gefallen, weil sie einem Journalisten ausgewichen war, der auf eine abenteuerliche Schlagzeile wartete und es nicht für nötig befand, der Fahrradfahrerin aus dem Weg zu springen. Die meisten der eingekauften Gegenstände hatten sich über den Parkplatz wortwörtlich ergossen.

„Aber ich kann sie nicht hier lassen. Ich hab kein Schließfach“, seufzte er. „Na dann lass ich sie halt bei mir. Das ist halt der Vorteil, wenn man direkt beim Krankenhaus angestellt ist“, grinste sie. „Ich bin mit meinem Job ganz zufrieden“, konterte er und drückte ihr die Tüte in die Hand. Ohne ihn zu fragen, warf sie einen Blick hinein. „Uii, hat da jemand Geburtstag?“ „Nee, ist sozusagen als Motivation gedacht. Ich muss dann mal, ich hol sie heute Abend bei dir ab“, meinte er, schwang sich auf sein Rad und ließ sie mit der Tüte stehen.

Kommentare:

  1. Hey!
    Ein sehr kurzes Kapitel, das auch eigentlich mehr über Rupert verrät als über die Protagonistin des Kapitels. Ich finde Rupert interessant, deswegen hat es mich nicht so gestört.

    LG :)

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    1. Hey,
      Rupert ist auch einer meiner Lieblingscharaktere. Und Rosie wird noch eine Rolle spielen, keine Sorge :-)
      viele Grüße
      Emma

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  2. Huhu. Ich bin ja mal gespannt, wie Rupert die Flasche wieder los wird...

    "...da die Tüte um einiges größer war, als der dort angebrachte Korb." - Was hat der denn für einen winzigen Fahrradkorb?

    Okay. Also jetzt wirkt er schon etwas seltsam. Wieso ist er so unnett? Ich meine, man kann ja wortkarg sein... Aber so unfreundlich? Naja. Ich mag ihn trotzdem, weil er anständig ist.
    Hab ich schon mal erwähnt, wie sehr ich es mag, wenn Leute anständig sind?

    LG

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    1. Nein, aber das kann man nie oft genug erwähnen :-)
      Es ist schon verrückt, wenn ich meine eigenen Charaktere so toll finde...

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