Montag, 21. September 2015

Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um seine große Liebe wiederzufinden

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Argon Verlag 
Steckbrief 

Name: Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um seine große Liebe wiederzufinden (auch als Buch erhältlich)
Autor: Per J. Andersson
Verlag: Argon Verlag
Geeignet für: Menschen, die gerne Geschichten nach einer wahren Begebenheit lesen, oder Roadtrips mögen
Gelesen oder gehört: gehört, als ungekürzte Hörbuch Fassung
Sprecher: Richard Barenberg
Bewertung: 4,5 von 5 Punkten


Klappentext 

(von Argon Verlag

"Diese Geschichte erzählt vom unglaublichen Schicksal des kastenlosen Pradyumma Kumar, genannt Pikay. In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, kennt er nur Extreme: Mal wird der talentierte Portraitzeichner von Indira Gandhi eingeladen, sie zu malen, mal muss er hungern und schläft auf der Straße. Eines Abends taucht neben seiner Staffelei ein blondes Mädchen auf – und eine unglaubliche Liebesgeschichte nimmt ihren Anfang. Als Lotta zurück nach Schweden geht, stehen die Chancen schlecht um die beiden – wäre da nicht ein altes Fahrrad. Damit macht sich Pikay auf den Weg, um die 7.000 km von Asien nach Europa zurückzulegen. Auch zahlreiche Rückschläge können ihn nicht aufhalten, bis er schließlich tatsächlich in Lottas Heimat ankommt, einer völlig anderen Welt … Um das Happy End gleich zu verraten: Heute sind die beiden seit über 35 Jahren verheiratet, haben zwei Kinder und leben auf einem alten Bauernhof in der Nähe von Borås in Schweden."

Meine Meinung 

Dieses Buch begegnete mir einen schönen Tages in meiner Lieblingsbuchhandlung. Der Klappentext machte mich ziemlich neugierig auf die Geschichte. Ich fragte mich: "Handelt es sich hierbei wirklich um eine Biografie?" Immerhin wäre so eine Geschichte ja sicher durch sämtliche Medien gegangen. Aber es war auch gut möglich, dass sie mir einfach entgangen war. Für eine Geschichte mit wahrer Begebenheit sprach allerdings das Foto, welches auf dem Klappentext zu finden ist. Hier sieht man ein glückliches Ehepaar: Eine Frau, welche als Schwedin durchgehen könne und einen breit grinsenden Inder. 
Das Buch bekam also einen Platz auf meiner Wunschliste und ich verfolgte die Geschichte nicht mehr groß. Dann erfuhr ich, dass der Argon Verlag das Hörbuch produzierte. Ohne groß zu überlegen, oder mich darüber zu informieren, wer den Roman denn lese, oder ob es sich hierbei um eine ungekürzte Fassung handelte, fragte ich an, ob es auch Rezensionsexemplare für Blogger gäbe. Glücklicherweise hielt ich das Buch wenige Tage später in den Händen. 

Nun möchte ich erst einmal die Gestaltung des Hörbuches beschreiben. Ich habe selten ein Hörbuch bekommen, dass sich in so einer schönen Aufmachung befand. Im Buchladen fiel mir der Roman besonders wegen seines Covers auf. Das schöne Blau stach mir sofort ins Auge. Bisher habe ich den Eindruck, dass Hörbuch Verpackungen oft schlicht ausfallen. Schließlich geht es ja um die CD und nicht um das Äußere. "Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um seine große Liebe wiederzufinden" befand sich hingegen in einer schönen blauen Pappschachtel. Man konnte den Deckel abnehmen, hatte zwei einzeln verpackte CDs inklusive des berühmt berüchtigten Begleitmaterials zum Hörbuch. Schon allein aufgrund seiner Gestaltung zieht diese Geschichte in mein Bücherregal ein. 

Leider konnte mich der Sprecher, Richard Barenberg, nicht ganz überzeugen. Er liest die Geschichte schlicht. Allerdings ist auch der Schreibstil, auf den ich im Laufe der Rezension weiter eingehen werde, sehr fein gehalten. Hier hätte ich mir gewünscht, dass beide Stilmittel, also die Interpretation des Hörbuch Sprechers und der Schreibstil der Geschichte, mehr ineinander übergehen und sich ergänzen. Barenbergs schlichte Art passt mit Sicherheit wunderbar zu Geschichten, in denen es wirklich zur Sache geht. Hier braucht man keine große Unterhaltung, sondern muss den Inhalt verdauen. Bei Pikays Abenteuer wurde aber viel indirekt erzählt. 

Inhaltlich konnte mich die Geschichte schon nach wenigen Minuten fesseln. Pikays Abenteuer beginnt mit dessen Geburt. Schnell wird dem Leser klar, dass der "Unberührbare" kein einfaches Leben hat. Schon früh packen den Jungen Zweifel: Warum möchte keines der anderen Kinder mit ihm spielen? Was macht ihn so besonders? Kastensystem hin oder her: Die alte Tradition ist aus Indien trotz neuer Gesetze nicht wegzudenken. 

Ich finde es sehr schön, dass wir als Leser Pikay dabei begleiten, wie er erwachsen wird und beginnt die Welt zu verstehen. Wir erleben also, wie er sich entwickelt und zu der Person wird, die er heute ist. Als ich den Titel der Geschichte hörte, bin ich davon ausgegangen, dass der Großteil von Pikays Abenteuer die Reise von Indien nach Schweden sein wird. Allerdings beschäftigt sich die erste Hälfte der Biografie damit, Pikay vorzustellen und ihn zu beschreiben. Gerade seine verträumte, liebenswürdige und manchmal auch naive Art habe ich schnell ins Herz geschlossen. 

Bei Biografien fällt es mir immer schwer einen Spannungsbogen zu "beurteilen". Immerhin bringt jedes Leben spannende Seiten mit sich. Und diese Geschichte muss zusätzlich noch etwas Besonderes haben, sonst wäre sie ja nicht als Buch veröffentlicht worden. Jedoch kann ich bei "Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr...", sagen, dass mich die Biografie sehr gut unterhalten hat. Nachdem ich erleben durfte, wie Pikay aufwuchs und von welchen Situationen er geprägt wurde, ging ich mit ihm auf die lange Reise. Hier wurde es vor allem interessant: Würde Pikay aufgrund seines verträumten Charakters Probleme bekommen? Würde er Schweden jemals erreichen? Und die wichtigste Frage: Würde Lotta warten? 

Als ich wortwörtlich von seinen Begegnungen hörte, konnte ich es kaum glauben. Natürlich war er während seiner Reise von Selbstzweifeln geplagt. Er begegnete aber auch vielen Menschen, die es gut mit ihm meinten und ihn auf seinem Weg unterstützten. Ich wüsste wirklich gern, ob so ein Projekt so viele Jahre später ebenfalls gelingen könnte. 

Den Schreibstil der Geschichte finde ich sehr gelungen. Per Andersson erzählt Pikays Geschichte beinahe so, als hätte er dessen Abenteuer selbst erlebt. Pikays Zerrissenheit und seinen Wunsch, endlich eine Heimat zu finden, in der er leben könne, wurden glaubhaft transportiert. 
Hier begegneten wir auch verschiedenen Arten, die Geschichte zu erzählen. Während Andersson die Tragik mancher Situationen dadurch transportiert, dass er sie ausschließlich beschreibt und nicht bewertet, geht er an anderen Stellen wirklich ans Eingemachte und lässt uns hautnah an Pikays Gefühlsleben teilhaben. 

Zusammenfassend kann ich sagen, dass mir "Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um seine große Liebe wiederzufinden" sehr gut gefallen hat. Diese wunderbare Geschichte kann ich wirklich allen ans Herz legen. 

Kommentare:

Evy hat gesagt…

Ich mag diese Superhero-Geschichten nicht :-) Ist mir meistens... zu hübsch :-)

Emma hat gesagt…

Bei "Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um seine große LIebe wiederzufinden" (ich finde diesen Titel schon übertrieben lang :D ) habe ich mich stellenweise auch gefragt, ob das wirklich eine "wahre" Geschichte ist, weil sie hier und da von ziemlich genialen Zufällen bestimmt wird. Bei meinen Recherchen bin ich dann auf zwei Zeitungsartikel gestoßen und konnte es kaum glauben.
Aber ich glaube, ich weiß, was du mit solchen Geschichten meinst :-).

monerl hat gesagt…

Liebe Emma,

jetzt musste ich mal nach dieser Rezension bei dir suchen und bin fündig geworden. Ich freue mich sehr, dass dir das Buch, auch wenn du mehr einen Roadtrip erwartet hast, trotzdem so gut gefallen hat! Ich habe auch recherchiert und es hat sich tatsächlich so ereignet. Das finde ich genial. Vermutlich hat Pikay sehr viel gutes Karma angesammelt, dass das Schicksal ihm jederzeit gut gewogen war! :-) Ich habe ihn bei Facebook abonniert und freue mich sehr zu erfahren, dass die Familie immer noch glücklich ist und Pikay&Lotta ebenso noch sehr präsent in den Medien sind. Eine wirklich tolle Lebensgeschichte über ein ungewöhnliches Paar, dessen Liebe wirklich alle Hürden überwindet.

Ich denke, so eine Reise wäre heute nicht mehr möglich. Die erste Grenze wäre unüberwindbar. Die Menschen sind so negativ und unbeugsam geworden, sodass selbst so eine schöne Geschichte, die Herzen nicht mehr erweichen würde. Wenn ich sehe, was gerade auf der Welt so passiert, auch in Deutschland, hätten die beiden heute nie zueinander gefunden. Der Hippie-Trail war damals was ganz besonderes. Wer würde heute noch einen Tramper mitnehmen?

Ganz liebe Grüße und einen guten Start ins neue Jahr wünscht
das monerl

Emma hat gesagt…

Liebe monerl,

es freut mich, dass du die Rezension gefunden hast. Das ist ja echt cool, dass du Pikay bei Facebook abonniert hast. Ich finde es auch sehr schön, dass es sich bei den beiden wirklich um eine "Liebe des Lebens" handelt.

Ja, ich denke auch, dass eines der Probleme darin besteht, Länder zu durchqueren. Andererseits sind auch die Unterschiede zwischen den Kulturen ein großes Thema, das viele glaube ich einfach nicht so "wichtig" nehmen bzw. vermuten, dass es nicht so "gravierend" ist.

So wurde beispielsweise in einer Vorlesung bei mir im Studium im Rahmen meiner Migrations- und MEnschenrechtsvorlesung eine Diskussion zum Thema "Ratgeber für Flüchtlinge" geführt. Vor einer Weile hatte irgendein bayrisches Dorf eine Art "Knigge für Flüchtlinge" veröffentlicht. Schnell wurde der Unmut über die Knigge deutlich, da man ja eine Gruppe diskriminiere. Und ich war irgendwie weit und breit die Einzige, die ein paar Punkte durchaus sinnvoll fand. Und das nicht, weil ich die Menschen für "dumm" halte, sondern weil ich glaube, dass manche Sachen verwirrend sein könnten, wenn man in eine andere Kultur kommt. Man kommt dann nicht darauf nachzufragen, weil man ja glaubt, zu wissen, wie der Laden läuft und erst nach und nach merkt, dass es hier wohl anders ist. (OK, ich schweife ab :-) ).

Und das Schöne ist: Nachdem Lotta und Pikay endlich etwas wie Routine genießen konnten, zeigt es, dass sie eine tiefere Beziehung haben und ihnen nicht die Unterschiede ihrer Kultur "im Weg" stehen.

viele Grüße und ich wünsche dir ebenfalls ein gutes Ankommen in 2018!

Emma