Sonntag, 23. August 2015

Wie bewerbe ich mich für ein Praktikum?

Foto: A. Mack
Aktualisiert am: Sonntag 27.12.2020 

Das Thema Bewerbungen stößt bei vielen Leuten auf Unsicherheiten. Wie fange ich am besten an? Wo liegen meine Stärken bzw. Schwächen? Welche Informationen gehören überhaupt in ein Bewerbungsschreiben? Welche Unterlagen muss ich dazu legen?
Fragen, die erst einmal beantwortet werden müssen. Schließlich möchte man nicht gleich zu Beginn in die ersten Fettnäpfchen treten.

Für Menschen mit Behinderung kommen hier noch ganz andere Fragen dazu: Soll oder muss ich meine Behinderung gleich im Anschreiben erwähnen? Was möchte der zukünftige Arbeitgeber überhaupt wissen?
In meinem Artikel gehe ich auf die wichtigsten Fragen ein und gebe einen groben Überblick über das Thema Bewerbungen. 

Grundlage für meinen Artikel sind die Erfahrungen, die ich bisher im Punkt Bewerbungen für Praktikums- bzw. Arbeitsstellen gesammelt habe. Da sich meine Erfahrungen ausschließlich auf den sozialen Bereich beziehen, gibt es zu Beginn zwei allgemein Hinweise, die ihr unbedingt bei einer Bewerbung beachten solltet: 
  • Lest euch die Stellenausschreibung durch und bezieht euch im Anschreiben auf einige Punkte der Stellenausschreibung. 
  • Schaut euch die Website des Unternehmens an, für das ihr euch bewerbt: Was macht das Unternehmen aus? Was interessiert euch an dem Unternehmen bzw. der Stelle, für die ihr euch bewerbt? 

Welche Unterlagen gehören zu einer Bewerbung? 
Eine Bewerbung enthält folgende Unterlagen:

Deckblatt (optional) 
Für den sozialen Bereich scheint das Deckblatt einer Bewerbung nicht mehr zeitgemäß zu sein. Für andere Berufsgruppen, wie beispielsweise Berufe in der Medienbranche ist das Deckblatt nach wie vor aktuell. 
Auf dem Deckblatt sollen eure Kontaktdaten zu finden sein. Es kann zudem ein Foto von euch enthalten. 

1. Anschreiben 
Das Anschreiben besteht aus mehreren Teilen: 

Einleitungssatz: 
Wer seid ihr? 
Für was bewerbt ihr euch? (einen Praktikumsplatz? Eine Arbeitsstelle? 

Die Motivation: 
Warum bewerbt ihr euch ausgerechnet bei dieser Stelle? (Bezieht euch auf das Stellenangebot oder den Inhalten, die ihr bei eurer Recherche über das Unternehmen herausfinden konntet). 

Arbeitsweise bzw. Stärken: 
Was könnt ihr besonders gut? Was macht eure Arbeitsweise aus? 
Beispiele: Merkfähigkeit, eigenverantwortliches Arbeiten, Abgrenzungsfähigkeit (je nach Arbeitsstelle sehr wichtig!) 

Tipp: Die Behinderung im Anschreiben unterbringen 
Ich versuche meine Behinderung bereits im Anschreiben in einem Nebensatz unterzubringen. Zum einen, damit der Arbeitgeber vorgewarnt ist, wenn zum Lebenslauf gegriffen wird. Zum anderen um zu signalisieren, dass ich offen mit meiner Behinderung umgehe und es für mich keinen Grund gibt, sie zu verstecken. 
Was hier aber besonders wichtig ist: Setzt die eigene Behinderung nicht in einen negativen Zusammenhang, sondern führt die Kompetenzen auf, diei hr durch eure Behinderung erworben habt. (Ja, ich weiß, das klingt auf den ersten Blick sehr dämlich, weil viele von euch zum Großteil die Erfahrung machen, dass die eigene Behinderung einen eben behindert und somit im Alltag einschränkt). 

Dennoch: Positive Eigenschaften könnten beispielsweise eine hohe Frustrationstoleranz, Empathie für bestimmte Adressat*innengruppen im sozialen Bereich, oder eine Fähigkeit im organisatorischen Bereich sein. 

2. Lebenslauf 
Der Lebenslauf ist euer persönlicher Steckbrief. Wichtig ist, dass ihr ihn übersichtlich gliedert. Außerdem sollen auf dem Lebenslauf eure Kontaktdaten angegeben sein. Ihr könnt außerdem ein Foto hinzufügen. 
Mein Lebenslauf ist beispielsweise folgendermaßen gegliedert: 

Persönliche Daten 
  • Name, 
  • Anschrift, 
  • Telefonnummer, 
  • Emailadresse, 
  • Geburtsdatum 
  • Geburtsort 
  • (optional) Staatsangehörigkeit (ich habe einen seltenen Vornamen und versuche durch diese Angabe, Missverständnisse zu vermeiden). 
  • Familienstand 
Berufstätigkeit (falls vorhanden) 
Ihr arbeitet euch von vorne nach hinten. Das heißt, ihr fangt mit der aktuellsten Angabe an. Wenn ihr bisher keine Berufserfahrung habt, lasst ihr diesen Punkt einfach weg. 
Beispiel:
11/2020 bis heute       Pädagogische*r Mitarbeiter*in in Beratungsstelle XY 
                                   Beratung und Alltagsbegleitung der Ratsuchenden                     

Der erste Punkt enthält eure berufliche Qualifikation und die Einrichtung in der ihr arbeitet. Der zweite Punkt listet die Aufgabenbereiche auf. 

Studium, Schule 
Auch hier gilt: Ihr fangt mit dem aktuellen Abschluss an und arbeitet euch zu vergangenem vor.
Beispiel:
2013 bis voraussichtlich Jahr XY - Hochschulstudium an Hochschule Z, Studiengang X (Gesamtnote, Note der Bachelorarbeit, falls vorhanden) 
2001 - 2010 Abitur an Gymnasium Z

Praktika 
Wenn ihr noch nicht viele Praktika gemacht habt, listet hier am besten alles auf. Wenn ihr schon an der ein oder anderen Stelle wart, führt nur die Stellen auf, die ihr für wichtig erachtet. Hier geht ihr genauso vor, wie bei beim vorherigen Punkt. Ihr listet nicht nur die Stellen auf, sondern führt auch die Aufgaben auf, die ihr während des Praktikums übernommen habt. 
Beispiel: Ich habe während meiner Schulzeit ein zweiwöchiges Praktikum im Jugendhaus gemacht. Hier bin ich hauptsächlich mitgelaufen und habe keine eigenen Angebote durchgeführt. Da ich nicht vorhabe, wieder im Jugendhaus zu arbeiten und da dieses Praktikum nichts über meien Qualifikation aussagt, liste ich es inzwischen nicht mehr im Lebenslauf auf. 

Ehrenamtliche Tätigkeiten 
Dieser Punkt ist besonders spannend. Hier listet ihr nämlich nicht nur die klassischen ehrenamtlichen Tätigkeiten auf, wie z.B. Mitarbeit in Verein XY oder der Nachbarschaftshilfe, sondern könnt auch eure Hobbys unterbringen. In meinem Lebenslauf finden sich hier beispielsweise die Organisation des Bücherstammtisches oder des Online Buchclubs, da ich durch die beiden Projekte bestimmte Qualifikationen erworben habe, wie z.B. das Organisieren und Durchführen von Veranstaltungen, auch wenn sie nur im kleinen Rahmen stattfinden, oder Kontaktaufnahme zu relevanten Stellen. 

Besondere Kenntnisse: 
Hier zählt ihr Fremdsprachen, oder PC Kenntnisse auf.
Beispiel:
Englisch (gut), türkisch (sehr gut), Microsoft Word (gut), Microsoft Excel (Grundlagen)

Besondere Interessen 
Habt ihr irgendein Hobby, das ihr bei den ehrenamtlichen Tätigkeiten nicht unterbringen könnt, aber dennoch erwähnen wollt? Dann ist hier genau der richtige Platz, um es aufzuzählen. 
Falls ihr euch jetzt verzweifelt fragt, was ihr noch nennen sollt: Ich habe an dieser Stelle auch nur zwei Punkte aufgelistet. 

Schwerbehinderung (falls vorhanden) 
Ihr seid dazu verpflichtet, euren Arbeitgeber über eure Schwerbehinderung zu informieren. Hier reichen lediglich ein paar Sätze wie z.B. ob es sich dabei um einen unbefristeten Schwerbehindertenausweis handelt und wie hoch der Grad der Behinderung (GdB) ist. Ich habe zudem erwähnt, dass ich als gesetzlich blind gelte, weil diese Information für potentielle Arbeitgeber sehr wichtig ist. 

Ort, Datum, Unterschrift 
Kennzeichnung von jedem Lebenslauf.

3. Zeugnisse 
(ACHTUNG: Es werden nicht immer alle Zeugnisse verlangt!)
Zeugnis des letzten Schulabschlusses z.B. Realschule / Abiturzeugnis, Zeugnisse bzw. Beurteilungen bisheriger Praktika, Nachweise über ein absolviertes FSJ / BFD, oder eine ehrenamtliche Tätigkeit. 

Für das Bewerbungsgespräch 
Hier muss zwischen dem Vorstellungsgespräch im Rahmen eines Praktikums und dem Vorstellungsgespräch für eine Arbeitsstelle unterschieden werden: 

Was ich eingangs immer erwähne ist, dass ich keinen Blickkontakt aufnehmen und Mimik und Gestik nicht erkennen kann. Ich gelte zwar als gesetzlich blind, verfüge aber noch über einen Sehrest. Wenn ich also erwähne, dass ich blind bin, haben die meisten Leute das Klischee "blind = sieht schwarz" im Kopf und sind dann womöglich irritiert, wenn ich beispielsweise meinen Stuhl selbst finde, aber nicht auf ein freundliches Lächeln reagieren kann. 

Praktikumsplatz 
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es hilfreich ist, die eigene Behinderung im Vorstellungsgespräch anzusprechen, falls das von den Gesprächspartner*innen nicht getan wird. Im Rahmen eines Vorstellungsgespräches hatte ich den Eindruck, dass sich meine Gegenüber nicht trauen, das Thema von sich aus anzusprechen. Als ich dann gefragt habe, ob es noch irgendwelche Fragen bezüglich meiner Behinderung gibt, gab es auch tatsächlich ein paar Rückfragen und die Stimmung wurde entspannter. 

Arbeitsstelle 
Bezüglich der eigenen Behinderung habe ich hier die Erfahrung gemacht, dass im Vorstellungsgespräch meist aktiv nachgefragt wird. Vor allem im Bezug darauf, welche Unterstützung ich benötige. Fragt euch also: 
  • Wie könnt ihr die in der Stellenbeschreibung aufgelisteten Anforderungen erfüllen? (z.B. mithilfe einer Arbeitsassistenz? bestimmter Hilfsmittel?) 
Schaut euch, wenn ihr euch auf das Gespräch vorbereitet, die einzelnen Anforderungen an, die in der Stellenbeschreibung aufgelistet werden. 
Bedenkt hier, dass Leute, die noch nie mit Blinden und Sehbehinderten zu tun hatten, unter Umständen nicht wissen, wie wir beispielsweise einen Computer selbstständig bedienen können. Erklärt das nicht anhand von Fachbegriffen, sondern möglichst anschaulich. Sagt also, um bei der Computer-Frage zu bleiben, nicht: "Mithilfe von JAWS und meiner Braillezeile" sondern beispielsweise "Mithilfe einer Sprachausgabe, die mir die Bildschirminhalte vorliest und einer Zeile, die mir Ausschnitte des Bildschirms in Blindenschrift übersetzt." 

Wichtig sind auch Informationen zum Thema Arbeitsassistenz oder Hilfsmittel: Muss sich der Arbeitgeber darum kümmern, dass ihr ausgerüstet seid? Oder könnt ihr das selbst organisieren? 
Wenn ihr euch in diesen Bereichen nicht auskennt, informiert euch bei einer Beratungsstelle für Menschen mit Behinderungen. Diese findet meist in Vereinen oder in den Beratungstellen der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung. Auf dieser Seite könnt ihr die EUTB in eurer Nähe finden. (Falls keine vorhanden ist: Die meisten Beratungsstellen beraten auch per Mail oder telefonisch). 

In diesem Sinne... 
hoffe ich das euch der Artikel etwas weiterhilft. Wenn ihr mögt, teilt gerne eure Erfahrungen zum Thema Bewerbung oder Vorstellungsgespräche in den Kommentaren. 

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Zu meiner Person und der Sache mit der Sehbehinderung: Ich bin von Geburt an auf dem linken Auge blind und auf dem rechten Auge hochgradig sehbehindert. Seit 2017 beträgt mein Sehrest 2%, was bedeutet, dass ich nach dem Gesetz als blind gelte. In der Praxis heißt dass: Ich...

  • Habe Mühe mich in unbekannten oder schlecht beleuchteten Räumen zu orientieren
  • Erkenne mir bekannte Personen nicht im Vorbeigehen 
  • Laufe mit einem Blindenlangstock (von mir als Elderstab betitelt) pendelnd durch die Weltgeschichte 
  • Kann keinen Blickkontakt aufnehmen und mit der Mimik meines Gegenübers nichts anfangen 
  • Kann Personen, die in unmittelbarer Nähe (linker, rechter Sitznachbar je nach Entfernung auch mein Gegenüber) erkennen, alle was darüber hinaus geht aber nicht
In dieser Rubrik bereits erschienen:  
Was muss ich für Prüfungen beachten? 

4 Kommentare:

  1. Hi Emma,

    ich finde das super, dass du das Thema so locker angehst. Selbst für Leute ohne Behinderung ist das ja alles ganz schrecklich und aufregend und so, aber wie man eine solche Behinderung da noch "nett verpackt" ist ja noch mal viel schlimmer.

    Ich hoffe, dass du einigen Leuten damit helfen konntest :)

    Christina

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    1. Hey,
      vielen Dank für deinen Kommentar.
      Ich denke das oft die Motivation fehlt, sich dem Thema zu stellen und viele Menschen das Thema gerne so lange aufschieben, wie es eben geht :-).
      Ich hoffe auch, dass der ein oder andere Tipp in der Praxis weiterhilft.

      viele Grüße
      Emma

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  2. Oh eine "Kollegin" Hehe, bei mir steht nach dem SoSe16 das Praktikum an :D aber wir haben "nur" 50 Tage.

    Bewerben ist bei mir immer so ne Sache. Aber ich hab beim ersten praktikum gar keine geschrieben. Ich habe die Einrichtungen angerufen oder bin gleich hin und habe gefrage. Hier scheint es im bereich Sozialer Arbeit echt kein problem zu sein. Aktuell könnte ich in so vielen bereichen ein praktikum machen. Mal sehen wohin es mich verschlägt :D

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    1. Hey,
      eine aus meinem Semester hat ihren Praktikumsplatz auch ohne herkömmliche Bewerbung bekommen. Sie hat auch angerufen, hospitiert und die haben sie genommen.
      Letztendlich führen viele Wege nach Rom :-). Hauptsache das Praktikum macht Spaß.
      viele Grüße und vielen Dank für deinen Kommentar.
      Emma

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Den Textbaustein habe ich von Pergamentfalter übernommen.