Sonntag, 9. August 2015

Ge(h)dacht - Inklusion: Fluch oder Segen?

Foto: A. Mack
Inklusion ist in aller Munde. Immer wieder gibt es Berichte in den Medien, die von geglückter Inklusion in der Schule oder dem Beruf erzählen. 
Es wird Zeit, uns mit dem Thema Inklusion auseinanderzusetzen. Was ist für Menschen mit Behinderungen wichtig? Worauf können Menschen ohne Behinderung achten? 
Als Beispiel habe ich mir hier das Thema Inklusion in der Schule ausgesucht. Das hängt vor allem damit zusammen, dass ich einige Freunde habe, die eine Zeit lang in einer Regelschule, gemeinsam mit Kindern oder Jugendlichen ohne Behinderung beschult wurden. 
Mir ist es vor allem wichtig, das Thema nicht einseitig zu beleuchten. Neugierig? 

Sehbehinderung / Blindheit - Was ist das? 
Nach dem Gesetz werden Sehbehinderte und Blinde folgendermaßen definiert:

(leichte) Sehbehinderung: Als sehbehindert gilt man, wenn man auf dem besser sehenden Auge selbst mit Hilfsmitteln (Kontaktlinsen / Brille) nicht mehr als 30% sieht.

hochgradige Sehbehinderung: Als hochgradig sehbehindert gilt man, wenn man auf dem besser sehenden Auge mit Hilfsmitteln (Kontaktlinsen / Brille) nicht mehr als 5% sieht.

gesetzlich blind: Man gilt als gesetzlich blind, wenn man auf dem besser sehenden Auge mit Hilfsmitteln (Kontaktlinsen / Brille) nicht mehr als 2% sieht.

(Quelle: BSVSH)

Begriffe im Alltag
Um das ganze Prozedere jetzt noch etwas komplizierter zu machen, möchte ich darauf hinweisen, dass die ein oder andere Definition im Alltag anders gehandhabt wird.
Dort bezeichnen sich Menschen, die laut dem Gesetz eine leichte Sehbehinderung haben, auch schon als "hochgradig sehbehindert", da diese Bereiche oft fließend ineinander übergehen.
Zudem ist es wichtig zu beachten, dass man zwar als gesetzlich blind gelten kann, das aber nicht bedeutet, dass man "gar nichts" sieht. Mehr zu diesem Thema findet ihr in diesem Artikel

Inklusion: Die Grundlagen 
Erstmal muss geklärt werden, was Inklusion eigentlich ist und wie das im Falle eines blinden oder sehbehinderten Schülers funktioniert. 

Was ist Inklusion? 
Der Grundgedanke der Inklusion ist eine wirklich tolle Sache. Ziel ist es, Gruppen, die aus der Norm herausfallen in die Gesellschaft miteinzubeziehen. Im Gegensatz zur Integration geht es aber nicht darum, dass sich Randgruppen in bereits bestehende Systeme integrieren sollen. Ziel der Inklusion ist eine Veränderung in der Gesellschaft. 

Um das auf das Beispiel der Schule zu übertragen: Menschen mit Behinderung sollen also nicht nur in Regelschulklassen gesteckt werden nur um sie dann sich selbst zu überlassen.
Es werden jede Menge unterstützende Maßnahmen geboten, damit Kinder und Jugendliche mit Behinderung ebenfalls in der Schule zurechtkommen. 

Ein Fallbeispiel
Im Falle eines sehbehinderten oder blinden Schülers wäre das: Je nach Bedarf eine Assistenz im Unterricht, die Dinge diktiert, die an die Tafel geschrieben werden oder bei Fächern wie Sport, Mathe, oder Kunst unterstützt. 
Außerdem gibt es einen regelmäßigen Kontakt zu einem Sonderpädagogen, der dem sehbehinderten / blinden Schüler Arbeitstechniken beibringt. Im Falle eines blinden Schülers wäre das beispielsweise die Punktschrift (auch Blindenschrift genannt). Eine Aufgabe des Sonderpädagogen kann auch darin bestehen, gelegentlich Projekte mit den Schulklassen durchzuführen, damit diese Blindheit und Sehbehinderung besser begreifen können. Sonderpädagogen unterstützen zudem bei der Kommunikation mit den Lehrkräften. 

Klingt doch an sich super, oder? Das Schwierige bei solchen Modellen ist, dass es in der Praxis oft anders aussieht. Aus meiner Sicht müssen die folgenden Aspekte gegeben sein, damit Inklusion funktionieren kann. 

Aspekte der Inklusion 
Es gibt folgende Aspekte, die ich in diesem Abschnitt im Einzelnen erläutern werde. 
  • Früher Beginn mit der Inklusion 
  • Assistenzkräfte in der Schule 
  • stabiles soziales Umfeld 
  • Bereitstellung barrierefreier Materialien 
Was ich mir unter den einzelnen Punkten im Konkreten vorstelle, erzähle ich euch jetzt: 

1. Früher Beginn mit der Inklusion
Wer Kinder kennt, erahnt vielleicht, was ich mit dieser Überschrift meine. Kinder sind direkt. Sie fragen das, was sie interessiert und lassen sich nicht durch äußere Gegebenheiten verunsichern. Natürlich können Kinder auch grausam sein, keine Frage. Ich denke aber, wenn Kinder mit und ohne Behinderung miteinander aufwachsen spielt die Behinderung irgendwann keine Rolle mehr, weil sie ein Teil des Alltags wird.
Meist sind es die Erwachsenen, die Probleme damit haben, Kindern mit Behinderungen offen zu begegnen. Das kann viele verschiedene Gründe haben, die ich hier nicht näher beleuchten werde, weil das den Rahmen des Artikels sprengen würde. 

2. Assistenz in der Schule
Hier sind meine Erwartungen vermutlich viel zu hoch gegriffen. Assistenzkräfte sind oft jährlich wechselnde FSJler, die den Schüler im Unterricht unterstützen. Allerdings ist gerade die Assistenzkraft ein wichtiges Puzzlestück um den Schüler in seiner Selbstständigkeit zu fördern und auch dafür zu sorgen, dass der Schüler nicht sozial isoliert wird. 
Jedoch ist der Schulalltag oft stressig. Raumwechsel stehen an, es muss schnell gehen. Es bleibt also nicht immer die Zeit, Dinge mit einem Schüler zu trainieren. Zudem ist auch die Frage, ob jährlich wechselnde Personen Zeit und Lust haben sich darauf einzulassen.

Beispiel: Eine vollblinde Freundin von mir, wurde mehrere Jahre inklusiv beschult. Sie hatte wöchentliche Kontakte mit dem für sie zuständigen Sonderpädagogen, der ihr u.a. den Umgang mit dem PC und den damit verbundenen Hilfsmitteln, wie beispielsweise iner Sprachausgabe beibrachte. Außerdem brachte er ihr Punktschrift (Blindenschrift) bei. 
In der Schule wurde sie von einer Assistenzkraft begleitet, die für sie den Laptop aufbaute, anmachte, oder ihn trug, wenn ein Wechsel in einen anderen Raum notwendig war. 
Ab der 9. Klasse wechselte die Freundin auf ein Gymnasium für Blinde und Sehbehinderte und musste nun erst einmal lernen, wie man einen Laptop aufklappte, oder ihn anschaltete, um damit arbeiten zu können. 

3. Stabiles soziales Umfeld 
Wir alle kennen diesen Punkt aus unserer eigenen Schulzeit. Jeder sucht sich Menschen, die einen interessieren. Es werden Grüppchen gebildet, die sich aber genauso schnell wieder auflösen können. Oft wird der erste Kontakt über Mimik oder Gestik hergestellt. Man winkt sich zu, blickt sich an und schwupps sind Gesprächspartner gefunden.

Bei sehbehinderten oder blinden Schülern geht es schon los, dass sie weder Blickkontakt aufnehmen, noch Gestiken erkennen können. Also müssen beide Personen gezielt aufeinander zu gehen und ein Gespräch beginnen, was oft gar nicht so einfach ist, wie gedacht. Die Aspekte, die bei Menschen, die normal sehen, oft nonverbal ablaufen, bleiben oft unausgesprochen im Raum stehen.
Gerade die Pubertät macht solche Sachen auch oft nochmal eine Nummer komplizierter. Hier gibt es nicht nur Unsicherheiten in der Kommunikation, sondern auch erste Vorstellungen, wie Freundschaften zu sein haben, oder wer zu einer Gruppe dazugehören darf.
Nicht zu vergessen werden Hobbys entdeckt, bei denen es möglicherweise schwierig sein kann, Blinde und Sehbehinderte miteinzubeziehen. 

Beispiel 1: Die oben beschriebene Freundin wurde in ihrer Stufe eher misstrauisch beäugt. Eine Zeit lang gehörte sie zu einem Grüppchen, welches sich aber sehr schnell auflöste, weil es "uncool", war mit "der Blinden" befreundet zu sein. 

Beispiel 2: Eine Bekannte von mir, ebenfalls blind und sehr kommunikativ besuchte ebenfalls eine Regelschule. Hier bekam sie den Klatsch und Tratsch ihrer Stufe zwar immer mit, gehörte aber nie zu einer Gruppe. Freunde fand sie erst durch ein Hobby, das sie außerhalb der Schule auslebte. 

4. Bereitstellung barrierefreier Materialien 
Im Gegensatz zu Schülern ohne Behinderung, können sehbehinderte und blinde Schüler mit normalen Kopien von Texten oft nicht viel anfangen. Blinde Schüler können sie schlicht und ergreifend nicht lesen und brauchen diese entweder in Punktschrift, oder - in der heute gängigen Form - digital auf dem PC, um sie sich vorlesen zu lassen. 
Sehbehinderte Schüler hingegen sind auf Großkopien der Texte angewiesen. 
Allerdings wissen wir auch, wie viel Lehrer in einer Regelschule zu tun haben. Da braucht es nicht nur Verständnis, sondern oft auch zusätzliche Motivation, um den Mehraufwand zu bewältigen.

Beispiel: Eine Freundin, deren Sehbehinderung durch Kontaktlinsen ausgeglichen werden kann, nach dem Gesetz also nicht als sehbehindert gilt, war während ihrer Schulzeit dennoch auf Großkopien angewiesen. Hier gab es für sie zwei Probleme: 
1. Sie musste die Lehrer immer wieder daran erinnern, dass sie Großkopien benötigte. Oft kam es vor, dass sie, nachdem die Blätter ausgeteilt wurden, erstmal damit beauftragt wurde, ins Sekretariat zu gehen, um sich die Materialien selbst zu kopieren. 
2. Sie musste immer wieder daran erinnern, dass sie eben in einigen Punkten Unterstützung benötigt, obwohl sie sich in der Schule sicher bewegt und man ihr auf den ersten Blick eben nicht ansieht, dass sie eine Behinderung hat. 

Positive Beispiele 
Wer nach dem obigen Text jetzt betroffen zu Boden blickt und glaubt, dass Inklusion ja nur zum Scheitern verurteilt sein kann, sollte sich den folgenden Abschnitt unbedingt anschauen, um noch eine zweite Perspektive auf das Thema zu bekommen: 

Als mir klar wurde, dass ich einen Bericht über dieses Thema schreiben möchte, dachte ich mir, dass er ziemlich einseitig wird, wenn ich nur die ganzen Negativbeispiele aufzähle, die mir zu Ohren gekommen sind. Deswegen habe ich in einer Facebook Gruppe eine Diskussion über das Thema angezettelt und um Erfahrungsberichte gebeten. Die aufgeführten Beispiele orientieren sich wieder an der obigen Struktur: 

1. Früher Beginn mit der Inklusion 
Hier schilderte eine Betroffene, dass sie das Glück hatte gleich von Beginn an in einer Regelschule gelandet zu sein. Am Anfang habe es zwar viele Fragen zu ihre Blindheit gegeben, aber irgendwann war das Thema eben ausdiskutiert und es war klar, welche Sachen sie machen konnte und wo sie Unterstützung bräuchte.

2. Assistenz in der Schule
Ebenfalls wurde sie im Unterricht von einer Assistenzkraft begleitet. Diese zog sich in den Pausen aber zurück und musste sie zum Schluss in den meisten Unterrichtsfächern auch nicht mehr begleiten, da dort Sitznachbarn während eines Tafelanschriebes leise den vorne stehenden Text mit murmelten, sodass sie ihn mitschreiben konnte.

3. Stabiles soziales Umfeld
Die oben beschriebene Betroffene gehörte immer zu irgendeiner Gruppe dazu. Während der Pubertät änderten sich die Cliquen, jedoch war es nie so, dass sie zu den Außenseitern ihrer Stufe gehörte.

4. Bereitstellung barrierefreier Materialien 
Auch hier hatte sie großes Glück, war sich aber darüber klar, das dies maßgeblich an der Motivation ihrer Lehrer lag. Ihr war bewusst, dass es viele blinde und sehbehinderte Schüler gab, die sich meist selbst um ihre Materialien kümmern mussten. 

Unter dem Post in der Gruppe meldeten sich auch viele Betroffene, die erzählten, dass es ihnen in ihrer Schulzeit nicht gut ging. Allerdings berichten diese, dass sie nun gestärkt aus dieser Zeit hervorgehen und sich nun um ihre Sachen kümmern können.

Fazit 
Ihr seht: Es müssen bei diesem Thema beide Seiten beachtet werden. Es bringt nichts, wenn der sehbehinderte / blinde Schüler alle Materialien zur Verfügung gestellt bekommt, motivierte Lehrer hat, aber trotzdem der Außenseiter des Jahrganges ist.
Umgekehrt kann das soziale Netz zwar gut sein, die Unterstützung seitens der Lehrer aber gering. Wenn Schüler mit Behinderung also eine Förderschule besuchen, heißt das nicht immer, dass sie weniger leisten können, als Regelschüler. 

Ich denke aber auch, dass Inklusion unter den gegebenen Umständen nicht funktionieren kann, weil es zum einen an Personal, der technischen Ausstattung und hier und da dem sozialen Miteinander fehlt.

Zusammenfassend stelle ich für mich fest: Es ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderung die Wahl haben: Wenn sie eine Regelschule besuchen wollen, sollen Möglichkeiten geschaffen werden, damit der Schulbesuch gelingen kann. 
Wenn sie dann aber merken, dass es aus welchen Gründen auch immer, nicht funktioniert, sollte eine Wechsel auf eine Förderschule möglich sein. Das ista ber nicht gegeben, wenn alle Förderschulen aufgelöst werden. 

Interessant wäre es auch, wenn sich die Förderschülen für Schüler ohne Behinderung öffnen. Möglicherweise gibt es Kinder und Jugendliche, die sich vielleicht darüber freuen in einer kleineren Klasse eine bessere Förderung zu bekommen. 

Und Du?
Wie stehst Du zu diesem Thema?
Geht es Dir schon auf die Nerven?
Oder hast Du selbst Erfahrungen mit Inklusion gemacht?

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