Samstag, 15. August 2015

Agnes

Steckbrief 

Name: Agnes
Autor: Peter Stamm
Verlag: Fischer Verlag
Geeignet für: Menschen, die gerne Klassiker lesen, oder Geschichten mögen, in denen das Wesentliche zwischen den Zeilen passiert
Gelesen oder gehört: gelesen
Bewertung: 2,5 von 5 Punkten

(Bild von Fischer Verlag

Klappentext 

(von Fischer Verlag

"Im überheizten Lesesaal der Public Library in Chicago wechseln sie die ersten Blicke, bei einem Kaffee die ersten Worte. Eines Tages fordert Agnes ihn auf, ein Porträt über sie zu schreiben, sie will wissen, was er von ihr hält. Schnell zeigt sich, dass Bilder und Wirklichkeit sich nicht entsprechen – und dass die Phantasie immer mehr Macht über ihre Liebesbeziehung erhält." 

Meine Meinung 

"Agnes" war eines der Pflichtlektüren für das diesjährige Deutsch Abitur. Nachdem mein Bruder seine Schulzeit erfolgreich hinter sich gebracht hatte, wollte er seine Deutschbücher möglichst schnell loswerden. Einige konnte ich mir erfolgreich unter den Nagel reißen. "Agnes" war eines davon. 

Das Cover ist schlicht gehalten, was mir sehr gut gefällt. Die Frau, welche nur Unterwäsche trägt, ist verschwommen zu sehen und ist mir somit auf den ersten Blick überhaupt nicht aufgefallen. Die Frau wirft bei mir schon einige Fragen auf: Warum trägt sie nur Unterwäsche? Handelt es sich bei "Agnes" um eine Art "Feuchtgebiete" auf hohem Niveau? An sich hat die Frauengestalt nicht viel mit der Geschichte zu tun, da diese definitiv nicht auf der körperlichen Ebene stehen bleibt. 

Inhaltlich habe ich schnell gemerkt, warum es sich hier um eine Sternchenlektüre handelt. Peter Stamm macht uns gleich im ersten Satz klar, dass es hier kein Happy End geben wird. Wir lernen den Protagonisten kennen, dessen Namen den ganzen Roman über irgendwie geheim bleibt. (Oder ich habe ihn gekonnt überlesen :-) ). Schnell wird klar, dass er kein Mann der großen Worte ist. Hier entdeckte ich die erste Parallele zu "Homo Faber". Auch dort ist der Protagonist eher wortkarg und macht viel im Stillen mit sich aus. 

Dadurch das Peter Stamm das Ende gleich im ersten Satz erzählt, war mein Interesse für die Geschichte dennoch geweckt und mich interessierte, was dazu führte, dass die Geschichte auf diese Art ein Ende fand. Spannung war also vorhanden. 
Was die Verstrickung der Handlungsstränge betrifft, bin ich mir aber noch etwas uneinig. 

Zum einen regte mich die Geschichte auf, weil ich das Gefühl hatte, dass beide Protagonisten überhaupt nicht auf einen Nenner kommen. Der Ich-Erzähler steckt in seiner ganz eigenen Welt und bastelt sich seine "Traum Agnes" zusammen, ohne auf die Agnes zu reagieren, mit der er eine Beziehung führt. Agnes scheint unseren Ich-Erzähler besser zu kennen, als er sich selbst. Doch hilft es ihr auch nicht wirklich weiter. 
Ich hätte beide am liebsten angeschrien, oder in einen Raum eingesperrt, damit sie endlich mal über das Unausgesprochene reden. Andererseits war auch gut zu erkennen, wie sich der Roman entwickelt. Was anfangs wortkarg beginnt, wird zunehmend detaillierter. Ich musste aufmerksam lesen, um nichts wichtiges zu verpassen. 

Da sich bei "Agnes" das Wesentliche im Unausgesprochenen präsentiert, stellt der Roman die perfekte Deutschlektüre dar, weil man beinahe jedes Wort umdrehen und vor- und rückwärts interpretieren könnte. (Ich glaube, das sehr viele Schüler diesen Roman verflucht haben). Einerseits überlegte ich mir, dass es mir zu Schulzeiten vielleicht gefallen hätte, andererseits war ich genervt, weil ich den Eindruck hatte, dass es Stamm geradezu darauf anlegte, seinen Roman zu interpretieren. 
Es gibt vergleichsweise tiefgründige Bücher, die einem die Wahl lassen. Wenn man zwischen den Zeilen liest, kann man mehr von der Geschichte erfassen. Falls man keine Lust darauf hat, wird einem trotzdem schöne Literatur geboten. Interpretiert man bei "Agnes" hingegen nicht, muss man sich durchaus fragen, welchen Sinn die Geschichte hat: Und schwupps beginnt man doch darüber nachzudenken. Also hat man keine wirkliche Wahl. 

Peter Stamm hat einen sehr interessanten Schreibstil. Zu Beginn seiner Geschichte sind seine Sätze höchstens eine Zeile lang. Je weiter die Geschichte voran geht, desto detaillierter wird der Schreibstil. Gegen Ende wird unser Protagonist wieder wortkarg. Der Schreibstil spiegelte die Stimmung des Ich-Erzählers sehr gut wieder. 
"Agnes" ließ sich relativ flüssig lesen, was bei mir aber auch daran lag, dass ich nicht gezwungen war, auf jedes Wort zu achten. 

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich von "Agnes" eigentlich etwas enttäuscht bin. Ich hatte mir zum einen etwas mehr Tiefe gewünscht. Mein Eindruck war allerdings, dass man sich die Tiefe schon "herbeiinterpretieren" musste und es ganz davon abhing, aus welcher Perspektive man die Geschichte betrachten wollte. Gerade das Ende wirft einige Fragen auf und lässt mich unzufrieden zurück. 
"Agnes" lässt sich zwar vom Schreibstil her vergleichsweise leicht lesen, jedoch muss der Inhalt gut verdaut werden. Die Lektüre kann ich also nicht jedem empfehlen. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen