Sonntag, 7. Dezember 2014

2. Advent 2014


2. Advent 

Dieses Wochenende haben wir die erste Operation Weihnachtsbäckerei gestartet.
Entgegen aller Erwartungen geht es in diesem Post NICHT um Kekse...

Der Baum brennt 

Eine Kurzgeschichte von Emma Zecka (also mir :-) ). 

Verträumt ging ich durch die Straßen. Der kalte Wind wehte mir ins Gesicht und ich lächelte vergnügt vor mich hin. Bald sollte die schöne Zeit des Jahres beginnen. Die Schaufenster waren bereits mit Weihnachtsdekorationen geschmückt und auch der Weihnachtsmarkt hatte heute das erste Mal geöffnet. Die Weihnachtszeit gefiel mir immer am besten. Viele ärgerten sich über den Schwall an Harmonie, der gar nicht mehr wegzudenken war. Pläne für Weihnachtsüberraschungen wurden geschmiedet, Feste geplant und Urlaube gebucht. Ich würde Weihnachten alleine verbringen. Wie jedes Jahr. Seit jenem Fest...

„Habt ihr den Baum schon rein geholt?“, ertönte die Stimme meiner Mutter aus der Küche. Sie stand über etwas Fleischigem gebeugt, dass wohl mit einem Huhn in Verbindung gebracht werden konnte. Mein Bruder und ich rührten uns nicht. Wer sich als erstes bemerkbar machte, erweckte den Schein das Gesagte gehört zu haben und somit reagieren zu müssen. „HALLO?!“. Wir seufzten. Die Interpretation auf Ignoranz einfach mit einer Spur Lautstärke zu reagieren, ging uns allen gehörig auf die Nerven, hatte bisher aber immer funktioniert, weil wir es nicht wagten, die gleiche Aufforderung noch eine Oktave höher in doppelter Lautstärke zu hören. „Wo steht denn der Baum?“, fragte mein Bruder. „Na auf der Terrasse, wie jedes Jahr“, es war nicht einmal eine Antwort, mehr eine Tatsache.
Wir standen auf schlurften zur Terrasse und scannten den vereisten Boden dreimal ab. Schneebedeckte Fliesen, zugefrorener Rasen, kahle Bäume. Kahle Bäume, zugefrorener Rasen, Schneebedeckte Fliesen.
„Siehst du was ich sehe?“, fragte ich.
„Mhmm“, nickte er.


„Ey kanns du nich aufpassen?“, ich schreckte zusammen. Da war ich doch gerade in eine Gruppe junger Leute hineingerannt, gehörte ich doch selbst eigentlich noch zur jüngeren Generation. „Ey?“, fragte ich. „Nix ey, musse du gucke, bevor du hier in Schaufenster glotzt.“ Der Angerempelte wurde murrend von seinen Freunden weitergezogen. Schließlich war Weihnachten. Da diskutierte man nicht über Recht und Unrecht sondern verschenkte Nächstenliebe, oder so ähnlich.


„Wie da ist kein Baum? Wollt ihr mich verarschen?“, meine Mutter kam aus der Küche, in das Wohnzimmer und raus auf die Terrasse gerannt. „KAAAARRRRLLLHEINZ! SAG JETZT BLOSS NICHT DU HAST DEN VERDAMMTEN BAUM“-. 
„Papa ist noch nicht da. Der kauft noch Ge- äh ich meine der ist noch arbeiten“, korrigierte sich mein Bruder. „Gut dann haben wir jetzt genau zwei Möglichkeiten.“ Wir blickten uns mit einer Mischung aus Angst, Widerwillen und Verstörung an. Diesen durchdringenden Blick, der Ausdruck, der sagte: „Wir können alles schaffen, wenn wir es richtig anstellen“, meiner Mutter kannten wir beide. Und wir ahnten nichts Gutes.

„Hey, Sie da! Sie haben Ihren Geldbeutel verloren“, ein netter Mensch streckte mir meinen kleinen Stoffbeutel entgegen. „Oh...“, brachte ich hervor. „Es ist Weihnachtszeit. Da sind mit Sicherheit wieder jede Menge Taschendiebe in der Gegend“, lächelte er. „Ach wirklich...? Da habe ich noch gar nichts bemerkt“, entgegnete ich und merkte gleich, wie dumm meine Aussage eigentlich war. „Na, das müsste schon ein ziemlich dummer Dieb sein, der sich beim Klauen erwischen lässt“, lachte der Mensch und ging weiter.

„Ganz ehrlich mir gefällt die Idee nicht“, flüsterte mein Bruder. 
„Das hättest du sagen sollen, bevor sie uns den Plan erklärt hat“, zischte ich. „Ja wie denn? Sie hat geredet und uns die Kostüme förmlich übergezogen.“
Doch nun wurde die Tür aufgerissen.
„Fröhliche Weihnachten“, lächelten wir in unseren eben herbei improvisierten Weihnachtsmann Kostümen. Die Tür flog uns beinahe wieder entgegen, wenn mein Bruder nicht so geistesgegenwärtig gewesen und den stechenden Schmerz eines eingequetschten Fußes auf sich genommen und diesen zwischen die Tür geschoben hätte. „Was?“, fuhr uns ein älterer Rentner an. Wir sahen unsere Nachbarn so gut wie nie. Wozu auch? Sie waren berentet und verließen das Haus wenn überhaupt morgens, während wir den Vormittag in der Schule verbrachten. Wir waren uns beide einig, dass unser Plan wahrscheinlich nicht gerade zu einer freundschaftlich nachbarschaftlichen Beziehung beitragen würde. „Sie haben gewonnen!“, lächelte mein Bruder.
„Was zum Teufel...? HELGA DA SIND WIEDER IRGENDWELCHE KNILCHE...“, zwei Sekunden später tauchte Helga in er Tür auf. Sie schien ungefähr genauso alt wie der Rentner zu sein, war aber eindeutig weihnachtlicher gestimmt. „Aaaah! Das ist ja sehr schön, dass Sie es noch geschafft haben.“ Unser Lächeln gefror. Was dachte diese Frau...?



„Heey was machst du denn hier?“, ich schrak zusammen. Diese Stimme kannte ich. Sie kam mir verdächtig vertraut vor. „Dich hab ich das letzte Mal vor vier Jahren gesehen. Wir waren in einer Klasse. Nach den Weihnachtsferien bist du einfach nicht mehr aufgetaucht“, sagte es und fiel mir um den Hals. „Ehehe...“, lächelte ich gequält. „Wie geht es dir? Was macht dein Bruder jetzt eigentlich? Ihr feiert Weihnachten doch sicher zusammen, oder? Ihr wart ja früher schon ein Herz und eine Seele“. „Wie immer“, antwortete ich knapp. Mir wurde bewusst welch dehnbaren Antwort das war. „Hast du damals diese komische Rentner Geschichte mitbekommen? Das war schon ziemlich gruselig...“.

Wir konnten nichts dagegen unternehmen. Während unsere Mutter im Garten des Ehepaares auf ihren Einsatz wartete, wurden wir an den Tisch unserer Nachbarn verfrachtet. Der Tisch war bereits gedeckt und mit einem Kerzenleuchter ausgeschmückt. „Ich hab’s dir doch gesagt, dass sie rechtzeitig kommen“, meinte Helga erfreut an ihren Ehegatten gewandt. Er murrte irgendetwas zustimmendes, schien uns aber nicht weiter zu beachten. „Hattet ihr eine gute Fahrt? Habt ihr Hunger?“.
„Nun ja eigentlich sind wir gekommen, um...“, wollte mein Bruder gerade ansetzen, als mein Blick am gesuchten Objekt hängen blieb und ich erfreut ausrief: „Uii Sie haben aber einen schönen Baum.“
Das Zielobjekt war auf dem Wohnzimmertisch platziert. Eigentlich hatten wir letztes Jahr ein größeres Exemplar gehabt. Dieses Stück wurde ich aber selbst nach Hause tragen können, wenn es sein musste. Also genau das Richtige für dieses Jahr.
Langsam stand ich auf und bewegte mich zu dem Weihnachtsbaum. „Ja der ist schön gell? Das war der letzte den wir im Baumarkt kriegen konnten“, lächelte Helga stolz.
„Dann wären Sie doch sicher so gnädig und würden uns einen Zweig für die Feiertage spenden?“, fragte ich. Aus den Augenwinkeln sah ich die angstgeweiteten Augen meines Bruders. Ich folgte seinem Blick und nahm den Herrn des Hauses wahr, der mit einem Fleischermesser auf uns zukam.

„Das hätte ich wirklich nicht gedacht. Gerade an Weihnachten. Die beiden sind nochmal mit dem Schrecken davon gekommen. Wusstest du das sie ihr Haus verkauft haben?“. Nun lächelte ich nicht mehr sondern blickte finster drein. Und ob ich das wusste. Schließlich hatte ich am Täter-Opfer Ausgleich teilgenommen.

„Ich schneid euch“- doch weiter kam der Typ nicht, weil mein Bruder gerade dabei war, ihm das Messer aus der Hand zu schlagen. Dumm nur, dass er die Magengrube unseres spontanen Gastgebers traf und dieser unfreiwilligerweise beschloss das Messer zu schleudern. Und zwar in Richtung seiner wehrten Gattin. Ich warf mich dazwischen, fing das spitze Ding mit einer Hand und zog mir dabei eine kleine Schnittwunde zu. Helga hatte schützend beide Arme über den Kopf gelegt und war in Deckung gegangen. „Undankbares Pack!“, fluchte der Rentner, dessen Namen wir immer noch nicht kannten. Mit einem Knall und einer Flut aus Scherben zerbarst die die Wohnzimmertüre und meine Mutter stand im Raum. „SCHNAPPT EUCH DEN BAUM!“, brüllte sie uns zu. Das musste man uns nicht zweimal sagen. Ich dachte immer, unsere Familie wäre verrückt. Aber das man gleich mit einem Fleischermesser auf uns losgehen würde... Mein Bruder und ich mähten das Ding in einem Sprung um. Wir hörten Helga schreien, hatten uns aber schnell wieder gefangen. Den Baum umklammerten wir mit festen Händen. Er diente uns als eine Art Schwert. In magischen Büchern würde man vielleicht auch von Zauberstab sprechen.

Während meine Mutter einen Seitenblick in Richtung Abendessen warf, hatte sich Messer-Rentner kurzerhand den Kerzenleuchter geschnappt. Die Kerzen wackelten bedrohlich. „Na, wartet! Ihr werdet dieses Haus ohne Baum verlassen, dafür werde ich“- er sprang uns in den Weg doch mein Bruder und ich marschierten kontinuierlich weiter. Immer weiter und weiter und weiter... ohne zu bedenken, dass trockene Nadeln, oder noch besser Gummi Nadeln sehr empfindlich auf ... „FEEEEUUUUERRR DER BAUM BRENNT“, brüllte meine Mutter. „Haaans dem Baum fallen die Haare aus“, presste Helga hervor. Wir hatten nur noch eine Wahl. Der Baum musste weg. Wir blickten uns an und begannen zu zählen: „Eins... zwei... drei...“, das brennende Exemplar wurde in das zerstörte Wohnzimmer geworfen und wir suchten das Weite, ohne darauf zu achten, ob oder wen wir verwundet hatten.


„Naja das Wohnzimmer war total niedergebrannt. Es ist beinahe ein Wunder, dass keiner der beiden verletzt wurde. Habt ihr wirklich nichts davon mitbekommen? Ich meine, ihr habt nur zwei Häuser weiter gewohnt“, ich schüttelte den Kopf in der Hoffnung sie würde endlich von mir ablassen und sich um zu erledigende Einkäufe kümmern. „Naja ist ja auch egal. Ich muss dann mal wieder“, lächelte es und ging davon. Ich marschierte weiter. Zielstrebig in Richtung des Marktplatzes. Der Weihnachtsbaum war heute Morgen angestellt worden. Doch die Lichter leuchteten erst am Abend.

Natürlich hatten Hans und Helga keine Mühe uns wieder zu erkennen. Beide waren doch noch nicht alt und vergesslich. Zudem war Hans überhaupt kein Rentner, sondern hatte bis dato als Postbote gearbeitet. Helga hatte erst vor ein paar Tagen das Buchungsformular für die Sternsinger eingereicht. Dort war in einem Nebensatz auch etwas von singenden Weihnachtsmännern erwähnt worden. Allerdings hatte sie das Formular nicht bis zum Ende gelesen. Dort wurde nämlich ein Gewinnspiel angekündigt. Derjenige, der die Fehlinformation des Buchungsformulars erkannte, sollte mit einem neuen wunderschönen Baum nach Wahl beschenkt werden. Nur zu dumm, dass Helga mit zwei musikalischen Darbietungen gerechnet hatte. Hans beteuerte, dass er uns mit dem angeblichen Fleischermesser, dass sich bei genauerem Hinschauen als großes Kuchenmesser herausstellte, nur ein paar Äste des Baumes abtrennen wollte, damit er und seine Frau endlich besinnlich das Fest genießen konnten. Von irgendwelchen singenden Kindern, oder gar Jugendlichen hatte er nie viel gehalten.

Es hatten sich schon einige Schaulustige auf dem Marktplatz versammelt. Wären die unangenehmen Zwischenfälle nicht gewesen, hätte auch ich mir einen Platz an der vordersten Front sichern können. So suchte ich Schutz in einer dunklen Ecke etwas entfernt vom Geschehen.
„Drei... zwei... eins... LOOS“, brüllte die Menge. Die Lichter erstrahlten und der Stern auf der Spitze des Baumes begann sich, wie jedes Jahr, zu drehen.

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Ihr seid gefragt 

Wie hat euch die Kurzgeschichte gefallen?
Was war euer peinlichstes Weihnachtserlebnis?

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