Sonntag, 26. Oktober 2014

Neue Kategorie - Studieren mit Sehbehinderung - Zur Person


Aus gegebenem Anlass...

Hey ihr Lieben,
seit ungefähr einem Monat darf auch ich mich - endlich - Studentin nennen. Ich studiere Soziale Arbeit. Deswegen dachte ich, ich starte mal eine Rubrik über mein Studentenleben mit Sehbehinderung.
(Bei Bedarf kann ich auch gerne über die ein oder anderen Studieninhalte berichten...).

Sehbehindert? Was ist das?

Viele denken, dass Sehbehinderngen mit "Blind sein" dem "gar nichts" sehen gleichzusetzen sind. Da ich das selbst nicht bestätigen, aber schlecht erklären kann, dachte ich, ich, Google könnte aushelfen. Auf der Seite des BSV (Blinden- Sehbehindertenverein) Südaben steht geschrieben:

"sehbehindert" wer weniger als 30%,
"wesentlich sehbehindert", wer weniger als 10%,
"hochgradig sehbehindert", wer weniger als 5% und
"Blind", wer weniger als 2% sieht.
(aus: Definition sehbehindert von BSV Südbaden)

Das bedeutet: Selbst wer per Gesetz als "blind" gilt, kann Licht (also Unterschiede zwischen Hell und Dunkel), Farben, oder Umrisse von Dingen oder Personen erkennen.

Zur Person - Was ich sehe (oder auch nicht...)

Wenn wir nach der obigen Definition gehen, müsste ich als "wesentlich sehbehindert" durchgehen. Da kein (mir bisher begegneter) Mensch im Volksmund "wesentlich sehbehindert" sagt, habe ich das Wort mal durch "hochgradig" ersetzt und betitel mich deswegen als "hochgradig sehbehindert". In der Praxis heißt das:

  • ich kann Personen und Gegenstände je nach Tagesform bis auf eine Entfernung von 2 Metern scharf sehen (das aber nur auf dem rechten Auge, links geht gar nichts)

Jetzt fragt ihr euch: "OK wie kommst du von A nach B, schaffst es zu lesen und einen Blog zu führen?".

Deswegen führe ich im folgenden Abschnitt mal ein paar meiner Hilfsmittel auf.

Hilfsmittel


Bildschirmlesegerät (BLG)


(Bild von der Hilfsmittelfirma Baum)


Ihr legt das, was ihr lesen wollt, (Brief, Bücher, Kassenzettel etc.) auf die Platte. Auf dem Bildschirm seht ihr dann den vergrößerten Text. Hinzu kommt, dass mit dem Gerät auch die Helligkeit und der Kontrast bestimmt werden kann. (Ich bevorzuge weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund :-) ).

Bildschirmlesegeräte sind Standgeräte, d.h. man trägt sie nicht ständig von A nach B, sondern hat einen festen Arbeitsplatz.

Lupe für unterwegs



(Bild von Conrad)

Wie eine Lupe funktioniert, brauche ich nicht zu erklären. Wichtig zu wissen: Ich bevorzuge die Exemplare mit Licht. So kann ich nicht nur Texte lesen, sondern sie auch zuverlässig als Taschenlampe benutzen, wenn ich bei Freunden übernachte und keine Lust habe, den Lichtschalter zu suchen.

Und wie funktioniert das mit dem Internet?

ZoomText (Vergrößerungssoftware)
Wer der englischen Sprache mächtig ist, wird "zoom" richtig mit "vergrößern" übersetzt haben. Das Programm ist relativ umfangreich daher hier nur die wichtigsten Optionen, die ich mehr oder weniger regelmäßig nutze:
- Texte vergrößern
- den Kontrast verstellen
- mir Texte vorlesen lassen

Kennzeichen / Bekannte Hilfsmittel

Langstock / Blindenstock



(Bild von proaktivo)

Dieses nette Gerät benutze ich, wenn es draußen dunkel ist. Es ist nicht so, dass ich dann "gar nichts mehr" oder "schwarz" sehe. Ich nehme die Lichter einfach nur heller wahr, als meine Umgebung, werde also von ihnen geblendet. Außerdem kann ich auf mir entgegenkommende Menschen / Fahrzeuge nicht schnell genug reagieren.
Um den Stock zu benutzen, muss er aufgeklappt werden. Wer sich jetzt gefragt hat, warum Blinde / Sehbehinderte mit dem Ding so "vor sich her pendeln" bekommt jetzt gesagt: Die Pendelbewegung macht einen Sinn. Der Stock ist immer vor dem Fuß mit dem voraus gegangen wird. Beispiel: Ich mache einen Schritt mit dem linken Fuß, also ist auch die Stockspitze auf der Seite. So können Hindernisse vorab "erpendelt" werden.

Blindenabzeichen (dient einzig und allein zur Kennzeichnung)



(Bild von handicap-aid)

Wer seine Führerscheinprüfung bereits bestanden hat, sollte / dürfte dieses Abzeichen schon mal gesehen haben. Damit sollen sich eigentlich sehbehinderte / blinde Menschen kennzeichen. Warum das Ganze? Unfälle und Aggressionen können vermieden werden, Teilnehmer im Straßenverkehr wisseN: "Vorsicht ist geboten!".
Glücklicherweise brauche ich den Langstock tagsüber nicht, weswegen ich mich mit diesem Abzeichen kennzeichne. 90% meiner Freunde ist dieses Ding aber peinlich oder unangenehm, weil es a) auffällt b) an die NS Zeit erinnert.
Mir ist es auch nicht immer leicht gefallen, damit herumzulaufen. Gerade, weil es eben auffällt. Allerdings denke ich mir, dass ich mich über rücksichtloses Verhalten auf "freier Straße" nicht beschweren brauche, wenn kein Mensch riechen kann, dass ich ihn erst kurz vor knapp wahrnehme.
Daher falle ich lieber positiv als durch negatives Übersehen / Anrempeln auf.

Und wozu jetzt das Ganze?

Wird das jetzt wieder eine Schicksalskategorie a la Castingshow, in der darüber berichtet wird, wie schwer ich es im Leben habe?
Ganz einfache Antwort: Nö!
In dieser Reihe möchte ich:

- Betroffenen Tipps, Tricks und eigene Erfahrungen im Studentenleben mitteilen, wie beispielsweise:
Wie schreibe ich einen Härtefallantrag?
Was ist ein Nachteilsausgleich?
Wie gehe ich am besten mit meiner Behinderung um?

- Interessierte auf das Thema Sehbehinderng aufmerksam machen.
Manche Menschen begegnen Behinderten ihr ganzes Leben lang nicht. Andere werden in der Schule / Uni oder spätestens im Beruf damit konfrontiert. Typische Fragen wie:

Darf man darüber reden, oder verletzt es denjenigen?
Was darf ich fragen?

stehen an der Tagesordnung. Hier möchte ich auch versuchen Mut zu machen, nicht nur die Behinderung, sondern auch "den Menschen dahinter" kennen zu lernen.

Liiiiiiinks - oder rechts?
Zu guter letzt möchte ich euch noch auf zwei Links aufmerksam machen.

Eulenzauber - Erfahrungen in der Ausbildung
Meine ehemalige Klassenkameradin ist mittlerweile auch erfolgreich unter die Bloggerinnen gegangen. Sie liest und schreibt nicht nur fleißig, sondern berichtet auch, wie es ihr mit der gerade begonnenen Erzieherausbildung ergeht und wie sie hier mit ihrer Sehbehinderng zurecht kommt.
Wer also schon immer einmal wissen wollte, was Erzieher so lernen, sollte unbedingt mal vorbeischauen.

Caglas Leben mit Glaukom
Cagla, die im Gegensatz zu Eule (siehe oben) und mir auf ein Pseudonym verzichtet, gilt als gesetzlich blind, verfügt über einen kleinen Sehrest und macht als angehende Sozialarbeiterin Mannheim unsicher.
Sie interessiert sich ebenfalls für Kinder mit Behinderungen und versucht hier ein Netzwerk für Eltern betroffener Kinder aufzubauen. Sie berichtet nicht nur über das Studium, sondern teilt auch interessante Zeitungsartikel oder Diskussionen mit ihren Lesern.

In diesem Sinne...

Der Monster Beitrag kommt zum Ende.
Habt ihr Fragen oder Ideen?
Dann eröffnet die Diskussion, schreibt einen Kommentar oder schickt mir ne Mail. Ich werde versuchen baldmöglichst drauf zu antworten.
viele Grüße
eure (müde) Emma

Kommentare:

  1. Hi, erstmal ein ganz großes Lob das ist ein super Blog ich habe mich nicht gelangweilt sondern es war sehr interessant. Gerne würde ich als betroffener mehr über zoomtext erfahren ich habe eine gesichtsfeld Einschränkung 5 grad sehrest oder auch bekannt als tunelblick

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    1. Hey,
      das freut mich, dass dir die Seite gefällt und du mit der Übersicht einigermaßen zurecht kommst. (Ich hab mir sagen lassen, dass Seiten von Blogger mit Jaws also der Sprachausgabe wohl schwierig zu bedienen sind).
      Was möchtest du denn über ZoomText erfahren?
      Ich denk ich werd in dieser Kategorie hier regelmäßige Beiträge schreiben, allerdings kann es gut sein, dass 4-6 Wochen zwischen dne Beiträgen liegen, weil ich die Hochschul Sachen möglichst nicht vernachlässigen sollte :-).
      viele Grüße
      Emma

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  2. Hey :)

    Ich finde diesen Blogeintrag sehr interessant und ich bin auf weitere sehr gespannt

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    1. Hey,
      das freut mich das dir der Beitrag gefällt.
      Also 2-3 Ideen für kommende Beiträge habe ic noch.
      Einer der Beiträge braucht aber etwas Recherchearbeit, weswegen der noch auf sich warten lassen wird.
      Ich hoffe ich schaff es nächste Woche einen weiteren Beitrag zu planen.
      viele Grüße
      Emma

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