Dienstag, 19. August 2014

Arbeit und Struktur

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Argon Verlag
Steckbrief

Name: Arbeit und Struktur (auch als Buch erhältlich)
Autor: Wolfgang Herrndorf
Verlag: Argon Verlag
Geeignet für: Menschen, die sich für den Autor, oder für Biografien interessieren
Gelesen oder gehört: gehört, in gekürzter Fassung
Sprecher: August Diehl
Bewertung: nicht vorhanden (siehe "Meine Meinung")


Beschreibung der Verlagsseite

Quelle: Argon Verlag

»Dann Telefonat mit einem mir unbekannten, älteren Mann in Westdeutschland. Noch am Tag der Histologie war Holm abends auf einer Party mit dem Journalisten T. ins Gespräch gekommen, dessen Vater ebenfalls ein Glioblastom hat und noch immer lebt, zehn Jahre nach der OP. Wenn ich wolle, könne er mir die Nummer besorgen.
Es ist vor allem dieses Gespräch mit einem Unbekannten, das mich aufrichtet. Ich erfahre: T. hat als einer der ersten in Deutschland Temodal bekommen. Und es ist schon dreizehn Jahre her. Seitdem kein Rezidiv. Seine Ärzte rieten nach der OP, sich noch ein schönes Jahr zu machen, vielleicht eine Reise zu unternehmen, irgendwas, was er schon immer habe machen wollen, und mit niemandem zu sprechen. Er fing sofort wieder an zu arbeiten. Informierte alle Leute, dass ihm jetzt die Haare ausgingen, sich sonst aber nichts ändere und alles weiterliefe wie bisher, keine Rücksicht, bitte. Er ist Richter.
Und wenn mein Entschluss, was ich machen wollte, nicht schon vorher festgestanden hätte, dann hätte er nach diesem Telefonat festgestanden: Arbeit. Arbeit und Struktur.«


Meine Meinung 

Wem Wolfgang Herrndorfs zweiter Roman "tschick" nichts sagt, der konnte sich dem Hype gut entziehen, oder war in dieser Zeit auch nicht mehr schulpflichtig. Nachdem ich diesen Roman im Deutschunterricht kennen gelernt hatte, auf Umwegen zu "Sand" gelang und schließlich von Wolfgang Herrndorfs Selbstmord erfuhr, war mein Interesse für den Autor geweckt: Wer war der Mensch hinter den Büchern? Was ging in ihm vor? Wie erlebte er seine Krankheit?
Außerdem erhoffte ich mir auch die ein oder andere Information zur Entstehung seiner Romane zu bekommen.
Da "Arbeit und Struktur" ohne den Hirntumor wahrscheinlich nicht entstanden wäre, fände ich es ziemlich dreist dieses Buch nach den typischen Kriterien zu bewerten. Daher beschränke ich mich ausschließlich auf den "Eigene Meinung" Teil, indem ich darauf eingehe, wie es mir mit der Lektüre ging bzw. wie ich sie erlebt habe.

Schon nach den ersten Minuten war klar, dass Herrndorf einen sehr hohen literarischen Anspruch hat. Er schreibt nicht "eben mal was", nur damit es geschrieben ist, sondern tüftelt jahrelang an seinen Werken. An seinen Blogeinträgen merkt man, dass er auch einen gewissen Tiefgang voraussetzt. Als die Diagnose feststand, wurde "Sand", an dessen Manuskript er gerade arbeitete, beiseite gelegt und "tschick" aus der Schublade geholt...

Ich finde es sehr interessant, wie offen Herrndorf über sein Leben, seine Ängste und Träume berichtet. Die Angst zum Schluss aller Kommunikation beraubt zu sein, nicht mehr die passenden Worte zu finden, um sich mitteilen zu können, schärft den Entschluss selbst bestimmen zu wollen, wann er sterben werde.

Schön zu lesen finde ich, dass er mit der Diagnose nicht allein gelassen wurde. Er hatte einen guten Freundes- und Bekanntenkreis um sich geschart, die sich so leicht nicht vertreiben ließen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass in Ausnahmesituationen, oft nur wenige Freunde übrig bleiben, da es nicht einfach ist, zu sehen, wie ein Mensch, den man mag, zunehmend abbaut.

Die Lektüre hat mich sehr bewegt. In "Arbeit und Struktur" hatte ich das Gefühl den Autor ein Stück weit besser kennen und verstehen gelernt zu haben. Natürlich führt die Diagnose, verbunden mit ihren Symptomen durch den Roman, jedoch legt Herrndorf auch sein Gefühlsleben offen, erzählt von Selbstzweifeln und lässt den Leser an seiner Biografie, wichtigen Ereignissen in der Kindheit oder alltägliche Glücksmomente teilhaben.

Außerdem hat mich der Roman zum Nachdenken angeregt. Wie würde ich reagieren, wenn ich todkrank wäre? Würde ich alle Möglichkeiten ergreifen, um zu überleben, oder meine letzten Monate so schön, wie möglich gestalten?

Ungerecht vom Schicksal verteilt finde ich, dass er seinen Durchbruch erst erleben darf, als er sich mit anderen Dingen auseinandersetzen muss. Für Herrndorf beginnt neben der Freude am Schreiben auch der Wettlauf gegen die Zeit und die Frage, wie viele Bücher er noch schreiben kann, bevor es "vorbei ist".

Zu guter letzt kann ich sagen, dass mich Herrndorf und die Kommentare seiner Freunde auf seinen Erstling "In Plüschgewittern" neugierig gemacht haben, welches bei nächster Gelegenheit den Weg in mein Bücherregal finden wird.

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