Sonntag, 17. Dezember 2017

9. Türchen - SauBär




«Eines Tages kommt ein kleines teuflisches Ding daher, schnappt dich, sabbert dich voll und wird dich erst wieder herausrücken, wenn du keine Kraft mehr hast und dir wünschst hier mit deinen Brüdern und Schwestern im sicheren Heim geblieben zu sein.»

Das war einer der ersten Sätze, an die ich mich erinnern konnte. Allerdings kamen diese kleinen, teuflischen Dinger nie. Ich wurde viel angestarrt. Mal waren es Kinder mit großen Augen, Erwachsene mit kritischen Blicken oder auch mal einer der Verkäufer des Ladens, wenn sie darauf achteten, ob auch alles ordentlich war. Die wenigsten Kinder nahmen mich aus dem Regal. Sie warfen mir nur unschuldige oder bewundernde Blicke zu. Als wäre es etwas Besonderes hier in dieser Reihe zu sitzen. Vielleicht war es das auch. Immerhin teilte ich mir meine Ebene mit ein paar Urgesteinen. Bären, die so alt waren, dass sie wohl nicht mehr verkauft werden würden.
«Dir steht die Welt offen, Junge. Wir haben alles gesehen, was es zu sehen gibt. Unser Platz ist hier und wird auch immer hier bleiben.»
Und eines Tages war dann dieses Mädchen aufgetaucht. Sie schien ziemlich unglücklich. Zuerst hatte sie uns Bären überhaupt nicht beachtet. Mir machte das nichts aus. Ich wusste, dass Mädchen wahrscheinlich lieber in den Nachbarregalen bei den Puppen zu finden waren. Doch dann kehrte sie zurück, blickte sich vorsichtig um und wählte mich. Ausgerechnet mich. Einen Bären über dessen Namen sich die meisten lustig machten.

Und dann diese ereignisreiche Nacht mit RumtreiBär. Nie hätte ich gedacht, dass es noch andere Bären außerhalb des Ladens gab. Obwohl RumtreiBär meinen Artgenossen kein bisschen glich. Zumindest dachte ich das am Anfang. Aber als er dann seinen Bärenblick auspackte ohne zu brüllen, war ich durchaus beeindruckt. Bei ihm waren wir sicher.
«Wo werden wir den Hund finden?», flüsterte Nele fragend.
«Immer der Nase nach», antwortete ich, ohne meinen Mund zu bewegen. Sie schien mich zu verstehen. Ganz ohne Worte. Denn sie lief einfach weiter. Mit den Männern im Schlepptau.
«Wenn ich satt bin, gehe ich wieder nach Hause, ist doch klar. Warum sollte es der Hund also anders machen?», überlegte ich.
«Aber wir wissen doch noch gar nicht, ob er schon einen Nachtisch gefunden hat», kombinierte Nele.
Und da hatte sie auch wieder Recht.
Schweigend liefen wir den See entlang.
«Ich hab’s!», rief Nele.
Die Männer, die uns in einem kleinen Abstand gefolgt waren, blickten uns fragend an.
«Hunde mögen Würste.»
«Ja, und weiter?»
«Der Mann hat eben etwas von Currywurst gesagt.»

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Freitag, 15. Dezember 2017

8. Türchen - Der Förster


Er hasste Winter, Waldspaziergänge und vor allem Weihnachten.
«Und warum bist du dann Förster geworden, wenn du gar nicht gerne draußen bist?», wird er spätestens an dieser Stelle gefragt.
«Weil das halt so ist. Nicht die Natur nervt, sondern die Menschen, die sie für ihre Zwecke missbrauchen.»
Diese Weisheit ließ er los, wenn es um intellektuelles Gehabe ging. Sonst fragte niemand genauer nach, warum es sich hier um einen Widerspruch handelte. Verhasste Waldspaziergänge und der Beruf des Försters. Das konnte ja nur ein Widerspruch sein.
Immer diese Menschen, die genau hinhörten und alles hinterfragen wollten. Mussten sie ihm das Leben denn so schwer machen? Konnten sie nicht einfach leben?
Dieser verdammte Hund hatte eben nochmal rausgemusst. Und wer hatte es ihm erlaubt?
Warum kann ich nicht einmal standhaft bleiben?, überlegte er verzweifelt. Katzen hatten ein Katzenklo. Da wurde es höchste Zeit, dass auch der Hund im eigenen Heim eine Notdurft bekam. Das ersparte viele Probleme. Vor allem im Winter.
Kaum hatten sie die Hütte verlassen, war der Hund auf und davon. Zuerst glaubte er, es ginge nur um ein kurzes, schnelles Geschäft. Doch als das Tier nicht wieder aufgetaucht war, bestätigte sich seine Befürchtung. Der Hund wollte Nachtisch. Und zwar einen feinen, fleischigen.

«Hör auf mit deinen Geschichten, du machst den Kindern noch Angst!», rügte ihn seine Schwester. Wenn sie mit den Kindern an Weihnachten zu Besuch kam und er dann von den Jagderlebnissen seines Hundes erzählte, ging es in seinen Berichterstattungen schon ganz schön zur Sache.
Genau das war auch sein Ziel gewesen. Er mochte es nicht, irgendwelche Geschichten zu erzählen. Und deswegen blieb er eben bei der unverblümten Wahrheit. Dass diese nicht unbedingt für Kinderohren geeignet war, interessierte ihn dabei nicht groß.
«Irgendwann müssen sie raus in das Leben. Und spätestens dann werden sie erkennen, dass es eben kein Traumschloss ist», knurrte er verbissen. «Mach doch, was du willst. Das konntest du schon immer gut», seufzte sie dann und machte sich wieder an die Arbeit.
Zum Glück stand der alljährliche Besuch immer am ersten Weihnachtsfeiertag an und so konnte er die Ruhe vor dem Sturm genießen. Wenn er nicht gerade damit beschäftigt war, den entlaufenen, jagenden Hund wieder einzufangen.
Ich werde ganz bestimmt nicht um diesen verdammten See laufen, dachte er sich. Als er an seiner Lieblingsstelle angekommen war, stutzte er. Was war denn hier los?

Ein paar Gestalten tummelten sich am See.
«JA SEID IHR DENN VERRÜCKT GEWORDEN?», brüllte er außer sich und rannte zu der Gruppe.
Eine Frau versank gerade zur Hälfte im Wasser. Ein Junge versuchte sie daran zu hindern, vollends hineinzufallen. Und ein kleines Mädchen drückte einen Bären an sich und blickte ja wie blickte sie denn drein? So genau konnte er das nicht sagen. Immerhin war es nicht besonders hell und er verstand sich auch nicht darin, Blicke von irgendwelchen Menschen zu deuten. Sonst wäre er ja Therapeut und kein Förster geworden, oder? Obwohl er es nicht mochte, im Mittelpunkt irgendeiner Gruppe zu stehen, überlegte er nicht lang. Er rannte zu dem Jungen und mit vereinten Kräften zogen sie die Frau heraus, die schon zur Hälfte baden gegangen war.
Hustend und zitternd stand sie nun vor ihnen. Alle blickten unsicher drein.
«Ist es nicht noch etwas zu kalt zum Baden?», fragte das Mädchen vorsichtig.
Alle nickten zustimmend.
«Was sollte das denn?», fragte der Junge. Seine Stimme zitterte. Aber er brüllte nicht. Endlich mal jemand, der offenbar eine gute Erziehung genossen hatte, dachte der Förster anerkennend. Was man von ihm ja nicht gerade behaupten konnte. Schließlich war er laut brüllend zu der Gruppe hinzugestoßen.
«Ich weiß auch nicht», murmelte die Frau.
Da näherten sich Schritte.
Mehrere Schritte.
Schnelle Schritte.

«Ist irgendetwas passiert?»
Eine Frau und ein Herr, der mit einer erstaunlich dicken Winterjacke und einer Schürze bekleidet war, kamen vor ihnen zum Stehen. An dieser Stelle hätte sich der Förster verabschieden können. Es waren genug Menschen da, die die Situation unter Kontrolle hatten. Oder zumindest dabei unterstützen konnten, Herr oder Frau der Lage zu werden. Oder so ähnlich. Da konnte er sich doch wieder seinem Hund widmen, oder?
«Sie sind ja völlig durchnässt», stellte die junge Frau schnell fest.
Gar nicht mal so dumm. Gut kombiniert. Darauf wäre ich absolut nicht gekommen, dachte der Förster und rollte mit den Augen.
«Wir brauchen irgendetwas, damit Sie warm bleiben. Sonst holen Sie sich noch eine Erkältung und das an Weihnachten», meinte der Mann besorgt. «Also, ich muss dann mal wieder.»
Er wusste auch nicht so genau, warum er zu einer Verabschiedung ansetzte. Schließlich beachtete ihn im Moment überhaupt niemand. Doch es wäre ihm auch unhöflich vorgekommen, einfach so zu verschwinden. Es waren doch so viele Menschen anwesend. Und er hatte immerhin auch Manieren.
«Kommen Sie von hier?», fragte die Frau.
«Nun ja, ich wohne etwa zehn Minuten entfernt. Ich könnte schnell nach Hause laufen und eine Decke holen.»
Was war denn heute los mit ihm? Er wollte seinen Hund einsammeln und dann wieder in seine eigenen vier Wände verschwinden. Bevor morgen der Wirbelsturm ins Haus blies.
«Das wäre eine sehr gute Idee. Und bis dahin kommt ihr alle mit zu mir nach oben. Ich nehme an, auf den Schrecken könnten wir erst einmal eine Currywurst vertragen», erklärte der Mann. Er deutete in die Richtung aus der die beiden gekommen waren. Und da erkannte der Förster, dass dort ein Wagen stand. Ein Imbisswagen.
«Ich beeile mich. Ich muss aber noch meinen Hund abholen», murmelte er kleinlaut.
«Wo ist denn Ihr Hund?», fragte das Mädchen mit dem Bären in der Hand.
«Er ist auf der Jagd. Er hat Hunger», antwortete der Förster.
«Haben Sie ihm denn nichts zu essen gegeben?», fragte das Mädchen weiter.
Neugieriges Ding, dachte er. Aber es steckte etwas Unschuldiges darin. Einen Tonfall, den er schon lange nicht mehr gehört hatte.
«Doch, doch. Aber er möchte Nachtisch.»
«Dann helfen wir Ihnen beim Suchen, oder SauBär?»
Sie blickte den Bären in ihrer Hand an.
«Ich denke nicht, dass es so eine gute Idee...», wollte der Junge gerade ansetzen.

«Kommt ihr?», fragte das Mädchen und marschierte zielsicher los. Der Förster und der protestierende Junge hatten keine Wahl. Sie mussten ihr folgen. 

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Mittwoch, 13. Dezember 2017

7. Türchen - Der Freund

Ich wusste, dass er nicht kommen würde. Er sagte immer, dass es nichts für ihn war, aber meistens gab er dann doch klein bei. Doch als ich bis nach dem Hauptgang vergeblich auf ihn gewartet hatte, war mir klar, dass ich diesmal vergeblich wartete.
Wo zum Teufel steckte er? Ich hatte ihn schon seit Stunden nicht mehr gesehen. Das letzte Mal hatte er ein kleines Mädchen mit einem Plüschtier im Schlepptau gehabt.
«Woow, bist du Vater geworden?», fragte ich grinsend als wir uns begegnet waren.
«Halt die...»
Doch er hatte mitten im Fluch abgebrochen und stattdessen geflüstert: «Wir müssen sie nach Hause bringen.»
«Wir?», entgegnete ich fragend.
Das war mit einer der Gründe, warum ich nicht mehr zu Hause lebte. Ich war nicht der Typ, der auf Kinder aufpasste. Das konnte ich einfach nicht. Ich wusste es, meine Eltern wussten es und trotzdem verlangten sie von mir auf meine drei kleinen Geschwister aufzupassen. Okay, gut, das war nicht das einzige Problem. Aber das ist auch nicht Teil dieser Geschichte. «Du hast gute Ideen», meinte er halbherzig.
«Verarsch mich nicht. Liefere sie einfach da ab, wo du sie her hast. Da wird sie schon wieder abgeholt werden. Und wir beide wissen, dass ich ganz bestimmt nicht der Typ mit den guten Ideen bin.»
«Es war ein Spielzeugladen», antwortete er.
«Na, prima. Dann hat sie ja Unterhaltung bis ihre Eltern wieder auftauchen.»
Warum fühlte er sich für die Probleme der ganzen Welt verantwortlich? Er sollte Politik machen. Dann könnte er vielleicht mal etwas ändern.
«Bist du heute Abend dabei?», fragte ich.
«Bei der Feier? Da kann ich mit ihr nicht auftauchen. Die machen sie fertig», erklärte er bestimmt.
Ganz zu schweigen davon, dass ein kleines Mädchen unter den Erwachsenen auffallen würde. Im Nu hätte sich das Problem gelöst, weil ein Mitarbeiter kommen und fragen würde, wer sie war.
«Dann setz sie wieder aus. Sie findet schon nach Hause», redete ich leicht dahin. Ihm musste doch klar sein, dass mein Plan gar nicht so schlecht war.
«Du spinnst, ja! Sie ist acht verdammt! Du weißt genau, welche Gestalten hier so rum hängen», zischte er.
«Jetzt hört doch endlich auf euch zu streiten», entgegnete das Mädchen. Erstaunt blickten wir sie an. Sie hatte während unseres Gespräches die Menschen beobachtet. Und ich bildete mir ein, dass sie dem Bären ein paar vielsagende Blicke zugeworfen hatte. War sie wirklich acht Jahre alt?
«Ich bin dafür, wir suchen uns jetzt etwas zu essen. Er-» sie schüttelte den Bären in ihrer Hand «hat auch Hunger und meinte, dass es hier in der Nähe einen guten Laden gibt.»
«Weiß dein Kumpel auch, dass ohne Moos nichts los ist?», entfuhr es mir. «Es ist Winter. Da gibt’s kein Moos, sondern nur Schnee», antwortete sie ernst. Dann stand sie auf.
«Kommt ihr?», fragte sie.
Er blickte mich fragend an.
«Nicht dein Ernst? Du lässt dich von einer Achtjährigen herumkommandieren?», fragte ich.
«Du hast doch auch Hunger.»
«Das war nicht die Frage und das weißt du genau.»
«Ach, auf einmal so scharfsinnig?»
Okay, ich ahnte es. Er war kurz vor einer Explosion. Das passierte selten. Aber wenn es soweit war, wollte ich besser nicht in seiner Nähe sein.
«Du weißt, wo du mich findest. Heute ist Weihnachten, du kannst sie sicher irgendwo abliefern.»
Dann hatte ich die beiden stehen lassen.

Und nun saß ich hier auf dieser verdammt kalten Parkbank am See. Ich könnte noch gut etwas zu Essen vertragen. Aber dorthin zurückgehen war keine Option. Bis ich es in die Innenstadt geschafft hatte, war der Laden wahrscheinlich sowieso dicht und die ganzen Leute wieder sich selbst überlassen. So war das nun mal. Früher war ich mit meinen Eltern oft hier her an den See gekommen. Warum ich mir heute ausgerechnet diesen Ort zum Frieren ausgesucht hatte? Keine Ahnung, es war wohl mehr Zufall. Ich hatte eine Runde «Warten bis der Kontrolleur kommt!» gespielt und es war eben eine ziemlich lange Runde geworden.
Irgendwo näherte sich ein Auto.
Wahrscheinlich noch so ein einsamer Mensch, der keine Freunde hat, dachte ich. Oder irgendjemand, der noch mit dem Hund raus muss.
Schritte näherten sich. Schnelle Schritte.
Hektisch blickte ich mich um.
Die Mafia? Nicht an Weihnachten.
Die Schritte kamen immer näher.
Links von der Parkbank auf der ich saß, führte ein Weg in Richtung des Sees. Die Frau, die sich genähert hatte, beachtete mich nicht und lief einfach weiter nach unten. Von ihr ging also keine Gefahr aus. War der See eigentlich zugefroren? So kalt, wie es war, mit Sicherheit.
Ich hing meinen Gedanken nach, als sich wieder Schritte näherten.
«Hallo?»
Das Rufen und die Schritte näherten sich.
«He, Kumpel was machst du denn hier?», fragte ich, als er auf meiner Höhe angekommen war.
Der Kerl war nur etwas größer als ich. Als er bei meinen Worten zusammenzuckte, konnte ich mir das Grinsen kaum verkneifen. Tja, er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass hier noch jemand zu finden war. «Das Gleiche könnte ich dich fragen.»
Da war ein leichtes Zittern in der Stimme. Sowas hörte ich genau. Entspannung machte sich breit. Wenn es drauf ankam, würde ich mit ihm schon fertig werden.
«Hast du eine»- wollte er gerade fragen.
«HE, WAS MACHEN SIE DA?»
Ich zuckte zusammen und sah, dass es ihm nicht anders erging. Der Ruf hatte mich echt kalt erwischt. Das klang nicht wirklich gut. So als wäre etwas echt Schlimmes im Gang. Schnell blickte ich mich um und sah aus der Ferne zwei Gestalten.
«Das kommt von da unten», erklärte ich. Instinktiv wollte ich gerade losrennen, als mich der Typ zurückhielt. Was sollte das denn, bitteschön? Als er dann auch noch damit begann, mir zu erklären, dass wir ja nicht wissen, was uns da unten erwartete, flammte wieder diese Unsicherheit in mir auf. Vielleicht hatte er Recht. Ich war eben nicht der Held. Noch nie! Warum sollte ich mich also diesmal schon wieder in eine Geschichte einmischen? Andererseits hatte der Schrei wirklich ängstlich geklungen. So als könnten diejenigen, die dort unten waren, wirklich Unterstützung gebrauchen. Und immerhin waren wir schon mal zu zweit. Falls mein Gegenüber überhaupt mitkommen würde, wenn ich doch noch losrannte. Während er de ängstliche Seite übernahm, versuchte ich Oberhand zu gewinnen und mich nicht von seiner Unsicherheit anstecken zu lassen. Langsam aber sicher funktionierte es ganz gut. Im Grunde war es wie ein Spiel. Immer das Gegenteil von dem sagen, was er behauptete. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Bis sich mein Gegenüber entschied, war das Abenteuer da unten schon längst gelaufen. Und alle Welt forderte von mir, endlich einen Plan zu machen. Und genau das wollte ich nun auch tun: «Ist mir egal, was du machst. Ich schau mir jetzt mal an, was da unten los ist», traf ich die wohl wichtigste Entscheidung meines Lebens.

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Montag, 11. Dezember 2017

6, Türchen - Die Assistentin

«Hey, wo willst du hin? Gleich gibt’s die Überraschung?», zwinkerte ihr Betty verschwörerisch zu. Dabei wussten beide, dass es wahrscheinlich irgendein nichtssagendes Geschenk der Firma sein würde. Wie jedes Jahr. «Ich will mir mal kurz die Beine vertreten. Das Essen schaukelt noch so vor sich hin», lächelte sie.
«Aber geh nicht zu weit weg. Du hast ja gesehen, hier ist echt derbe tote Hose», meinte Betty und wandte sich nach der Verabschiedung wieder ihrem äußerst charmanten Gegenüber zu. So schnell würde ihr dann wohl doch nicht langweilig werden.

Maria verließ den großen Saal, der voller Menschen war. Alle hatten sie etwas mit der Firma zu tun. Angestellte, Geschäftspartner oder ehemalige, zufriedene Kunden. Und alle hatten sie eines gemeinsam: Sie wollten Weihnachten nicht alleine oder mit ihrer Familie verbringen.
Vor dem Gebäude hatten sich vereinzelt ein paar Raucher versammelt. In ihren Kreisen rauchte man nicht gemeinsam. Man nutzte die Zigarette als kurze Auszeit um für sich zu sein. Denn in ihrem Beruf war es wichtig, Kontakte pflegen zu können. Schweigsamkeit bei Tisch oder einer Konferenz würde nicht funktionieren und wurde auch von ihrem Chef nicht gern gesehen.
«Wir brauchen Kunden. Und wie bekommen wir die?», begann er dann immer mit seiner rhetorischen Frage.
Die Neulinge im Team blickten sich unsicher um und wussten nicht so recht, welches Wissen aus ihrem Bachelorstudiengang nun gefragt war. Oder spielte er sogar auf die ersten Inhalte des letzten Blockwochenendes des Masters an?
«Wir kehren zum Ursprung zurück. Kunden brauchen Leute, denen sie vertrauen können. Die nett zu ihnen sind und wissen, was sie wollen. Und an dieser Stelle schlagen wir zu: Wir geben ihnen das Gefühl zu Hause zu sein. Herr ihres Projektes zu sein. Was sie ja im Grunde auch sind.» Sobald er an dieser Stelle des Monologes angekommen war, gab es unter den Neulingen wieder ratlose, verunsicherte Blicke. War er nicht etwas verrückt? Oder wich er einfach nur gerne vom Thema ab? Konnte er sich das in seiner Position überhaupt leisten?

Maria wusste es. Er konnte es nicht. Und genau deswegen gab es sie. Die Frau, die dafür sorgte, dass der Laden nicht im Chaos versank. Sie kannte den Terminkalender ihres Chefs auswendig, denn sie hatte ihn erfolgreich geplant. Sie wusste über die Vorlieben der wichtigsten Geschäftspartner Bescheid und schaffte es so, immer angemessen auf diese zu reagieren. Bei den freundlichen und glücklichen Geschäftspartnern war es oft nur eine kleine Aufmerksamkeit. Eine Schachtel Pralinen aus der Gegend zum Beispiel.
«Oh, woher wussten Sie denn, dass ich schon immer mal so eine Schachtel haben wollte?»
«Haben Sie zufällig wieder an diese kleinen Schokolädchen ... Ah, ja Sie sind perfekt.»
Die Geschäftspartner, die hoch hinaus gekommen waren und sich schon lange auf ihr Geschäft verstanden, waren da etwas anspruchsvoller. Es begann hier schon bei einem Zimmer im besten Hotel und endete damit, dass man nach dem Geschäftstermin nicht seiner Wege ging, sondern sich nach der Arbeit mit dem Gast traf. Schließlich kannte er in dieser Gegend niemanden. Und es machte daher keinen guten Eindruck, wenn man ihm sich selbst überließ. Und dann waren da noch die Launen ihres Chefs. Maria hatte nämlich sehr schnell feststellen müssen, dass sich dieser nicht immer an seine eigene Maxime hielt. Freundlichkeit gehörte für ihn nicht zur Tagesordnung.

«Hey, wo wollen Sie hin?»
Ein Sicherheitsbeamter war ihr hinterher gelaufen, als sie das Gelände verlassen und in Richtung des Sees gelaufen war.
«Ich bin gleich wieder zurück. Nur eine kleine Runde», entgegnete sie.
Er nickte und sie zog von dannen.
Die Gegend in der das Bürgerhaus stand, war wirklich schön. Maria hatte während ihres Fulltime Jobs nicht viel Zeit für Spaziergänge. Und so genoss sie es, ein bisschen in der Natur unterwegs zu sein. Früher hatte sie die Weihnachtsfeiern der Firma, die meistens direkt auf den 24.12 fielen, geliebt. Man traf Kollegen, die man unter dem Jahr kaum zu Gesicht bekam. Es war meist eine gute Stimmung und die Veranstaltung war zahlreich besucht.
Doch in den letzten Monaten war ihre Vorfreude auf die alljährliche Feier gewichen. Frustration hatte sich breit gemacht. Wollte sie wirklich jedes Weihnachten mit ihren Kollegen verbringen? Betty zum Beispiel konnte sie ganz gut leiden. Dennoch war Weihnachten das Fest der Liebe. Der Tag, den man eigentlich mit seiner Familie genoss. Schuldbewusst registrierte Maria, dass sie heute völlig vergessen hatte, ihrer Schwester und den Kindern ein frohes Fest zu wünschen.

Eine Zeit lang hatte Maria das Weihnachtsfest verflucht. Wer brauchte das schon? Es reichte doch am ersten oder zweiten Weihnachtsfeiertag kurz bei der Familie vorbeizuschauen. So machten es die Kollegen doch auch. Je mehr Zeit sie aber in oder vor allem mit der Firma verbrachte, desto leerer fühlte sie sich. Wer war sie überhaupt? Die nette Frau, die alles im Griff hatte? Warum fragte sie niemand, wie man ihr eine Freude machen könnte?
Sie hatte den See zur Hälfte umrundet, als ihr ein einsamer Wagen auffiel. Es war nicht einfach ein Auto, das jemand mitten in der Gegend vergessen hatte. Verwundert stellte sie fest, dass es sich um einen Imbisswagen handeln musste.
Der kann doch nicht ernsthaft davon ausgehen, hier überhaupt etwas zu verkaufen, schoss es ihr durch den Kopf.
Doch dann fragte sie sich, warum der Besitzer hier war. Hatte er denn keine Familie? Vorsichtig näherte sie sich dem Wagen. Die Luke war nach oben geklappt und es wirkte so, als wäre der Wagen einsatzbereit. Ein Mann drehte ihr den Rücken zu. Er hatte sie offenbar nicht gehört. Sie wollte sich gerade räuspern doch ein lautes Rufen, nein ein Schrei, kam ihr zuvor.

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Samstag, 9. Dezember 2017

5. Türchen - Der Taxifahrer



«Du bist verrückt! Du kannst doch nicht an Weihnachten in deinem Taxi sitzen und durch die verdammte Gegend fahren!»
Oh, doch das konnte er. Schließlich feierte er kein Weihnachten. Also keine Kinder, die den ganzen Abend auf ihn warteten, keine Schwiegereltern, die ihm strafende Blicke zuwarfen, wenn er doch endlich zu Hause aufkreuzte. Alles Probleme, die er nicht hatte. Und das war auch gut so. 

Nun kurvte er am Weihnachtsabend durch eine verlassene, ruhige Gegend. Eigentlich hatte er damit gerechnet, irgendwelche Partylöwen von Club zu Club fahren zu dürfen. Doch die Singles, die Weihnachten trotzten, hatten wohl ein anderes Taxiunternehmen beauftragt. Und so hatte er die Fahrgäste des heutigen Abends an einer Hand abzählen können. Angefangen bei einer älteren Dame, die gerade aus dem Urlaub gekommen war und Weihnachten gerne in den eigenen vier Wänden verbrachte, bis hin zu einer stummen Frau, die unbedingt in dieser verlassenen Gegend abgesetzt werden wollte.

Wäre es ein anderer Stadtteil gewesen, hätte er den Wunsch der Frau boykottiert. Doch heute am Weihnachtsabend würde mit Sicherheit kein Verbrechen passieren. Nicht in dieser Gegend. Außerdem wusste die Frau sicher, was sie tat, als sie ihn bat, sie an dem Waldparkplatz herauszulassen.
Nachdem sie die Rechnung bezahlt und sich verabschiedet hatte, legte er eine kleine Pause ein. Erst einmal musste er sich neu sortieren. Sein Auto war das einzige Fahrzeug, welches den Parkplatz schmückte. Die Frau war bereits gegangen. Ihre Schritte hatten sich eilig entfernt, gefolgt von seinem unsicheren Blick, ob er wirklich das Richtige tat.

«Sie müssen nicht auf mich warten. Es wird sich nicht lohnen», hatte sie entgegnet, bevor sie die Tür öffnete.
«Aber wie kommen Sie dann nach Hause?», fragte er verwundert.
«Da findet sich sicher ein Weg. Vielleicht werde ich ja abgeholt, wer weiß.»
Bei dieser Vermutung hatte sich ein Lächeln auf ihr Gesicht geschlichen. Obwohl das Licht das Innere des Taxis nur spärlich beleuchtete, glaubte er es gesehen zu haben. Und er hatte ein Gespür für magische Momente. Auch wenn ihm das niemand so recht glaubte.

Die Frau hatte bezahlt, sich für die Fahrt bedankt und war gegangen.
Er atmete tief durch.
«Okay, Junge. Wenn du heute noch was einnehmen willst, solltest du langsam zurückfahren.»
Seine Freunde machten sich schon über ihn lustig, weil es häufiger vorkam, dass er halblaute Selbstgespräche führte.
Das Display des Navigationsgerätes hatte sich in den Stand-by Modus geschaltet. Als er auf das Gerät drückte, wurde der Bildschirm kurz hell, nur um sich dann gleich wieder zu verabschieden. Das brachte ihn noch nicht aus der Fassung. Seine Kollegen hatten schon häufig über die billigen Geräte der Firma gelästert.
«Nie macht es, was ich will», hatten sie gejammert.
Er glaubte, es sei bisher eine glückliche Fügung des Schicksals gewesen, dass ihm die Technik hold geblieben war.

Als er noch mal auf das Gerät tippte, wurde der Bildschirm in ein blaues Licht getaucht: No signal, please call a little bit later.
Was sollte denn der Spruch? Hatte ihm einer seiner Kollegen einen Streich gespielt? Er erinnerte sich dunkel daran, dass irgendein Informatik Student unter ihnen war.
Sofort drückte er mehrfach auf den Bildschirm. Nichts tat sich. Zum Teufel mit dem Touchscreen!, sagte er sich diesmal sogar in Gedanken. Auch als er die Knöpfe ausprobierte, tat sich nichts. 
Er zückte sein Handy. Da musste ein Anruf bei der Zentrale her. Beschämt stellte er fest, dass er ohne das Navigationsgerät den Weg nicht zurück in das Stadtzentrum finden würde. Seine Freunde hatten ihn für verrückt erklärt, als er von der Großstadt träumte.
«Du hast einen Orientierungssinn wie ein Blinder mit dem Langstock. Das kann nicht gut gehen.»
«Hey, die müssen doch auch irgendwie überleben, oder? Also werde ich das schon schaffen. Immerhin habe ich zwei Augen und ein Auto», entgegnete er stolz.
Und dann das höhnische Lachen der älteren Kollegen.
«Tja, und was machst du, wenn die Technik ausfällt, he? Orientierung muss man haben. Nicht nur auf der Straße, sondern im Leben. Und das lernt man nicht innerhalb von vier Wochen und einer App.»

Und genauso lange arbeitete er in diesem verdammten Taxiunternehmen. Dabei wollte er ja eigentlich studieren.
Was tun?, fragte er sich.
Bei der Zentrale anrufen? Nur um sich das Gelächter der Kollegen anzuhören? Wahrscheinlich würden sie ihn quer durch die Stadt jagen. Sie brauchten an Weihnachten ja auch etwas Unterhaltung. Und er wollte sie ihnen ganz bestimmt nicht bieten.
Es blieb nur eine Möglichkeit: Er musste die Frau wiederfinden. Und je länger er wartete, desto weiter hatte sie sich von dem Auto entfernt. 

Es war totenstill, als er den Weg entlang lief. Ängstlich stellte er fest, dass er nicht einmal ihren Namen kannte. Er wusste also nicht, ob oder was er überhaupt rufen sollte.
«Hallo?», fragte er leise in die Stille hinein.
Nichts tat sich.
Sein Rufen wurde lauter.
Der Weg war nur spärlich von Straßenlaternen beleuchtet. Er war überrascht, dass diese Gegend überhaupt mit Laternen ausgestattet war. Aber wenn es hier sogar einen Parkplatz gab, musste die Gegend wohl bekannt sein.
Wo war sie nur hin? So weit konnte sie doch nicht gekommen sein.
Da hörte er ein Knacken. Er fuhr zusammen und blickte in die Richtung aus der das Geräusch gekommen war.
«He, Kumpel was machst du denn hier?»
Ein Junge, kaum älter als sechzehn Jahre war vor ihm aufgetaucht.
«Das Gleiche könnte ich dich fragen», gab er mutig zurück.
Der Junge wirkte dünn und alles andere als kräftig.
Den bekomme ich im Notfall auch alleine überwältigt, dachte er sich.
«Hast du eine»-
«HE, WAS MACHEN SIE DA?»

Beide Männer fuhren zusammen. Sie wussten, dass der Ruf nicht ihnen gegolten hatte.
«Das kommt von da unten», erklärte der Junge und zeigte in Richtung des Sees.
Er wollte gerade los rennen, wurde aber von dem Taxifahrer zurückgehalten. «Moment mal! Wir haben keine Ahnung, was uns da unten erwartet», überlegte er unsicher.
«Wenn wir hier warten und nichts tun, werden wir es auch nicht herausfinden», meinte der Junge genervt, machte aber keine Anstalten mehr, davonrennen zu wollen. Er verharrte auf der Stelle. So als würde ihn etwas blockieren.
Der Taxifahrer blickte in Richtung des Sees. Er lag noch gute fünf Minuten entfernt. Was sollte er tun? Konnte er überhaupt helfen?
«Was ist, wenn sie Hilfe brauchen?», fragte der Junge nach einer gefühlten Ewigkeit.
«Was soll denn schon passiert sein? Es ist Weihnachten. Da will niemand etwas Böses», sprach sich der Taxifahrer Mut zu.
«Hast du den Ruf nicht gehört? Das klang schon ... na ja ich weiß nicht ... ängstlich?», meinte der Junge.
Was war so falsch daran, unten nach dem Rechten zu sehen? Sie waren immerhin zu zweit. Und er hatte ein Auto.
«Ist mir egal, was du machst. Ich schau mir jetzt mal an, was da unten los ist.»
Der Junge hatte sich bei seinen Worten beinahe verhaspelt. So als wolle er sich noch einmal Mut zusprechen, bevor er sich ins Abenteuer stürzte. Und der Taxifahrer? Er blieb kurz stehen und wartete. Aber worauf denn? Auf die Sicherheit? Die Orientierung? Der Gedanke, der ihm schon sagte, wie die Situation zu meistern war?
«Ich habe keine Lust mehr zu warten», murmelte er und rannte dem Jungen nach.

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